Steve Earle & The Dukes – J. T. – CD-Review

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Review: Michael Segets

Wirft man am Anfang des Jahres einen Blick zurück in das vergangene, dann brachte dieses gravierende Veränderungen und selbstverständlich Erscheinendes wurde plötzlich infrage gestellt. Steve Earle hatte mit dem Tod seines Sohnes Justin Townes Earle zusätzlich einen schweren persönlichen Verlust zu beklagen. Seine Trauer verarbeitet er auf dem Album „J. T.“. Das Werk erscheint digital am vierten Januar, dem Tag an dem Justin Townes 39 Jahre alt geworden wäre. Im März werden die CD und LP herauskommen.

Im Andenken an seinen Sohn, der im August vermutlich an einer Drogen-Überdosis verstarb, covert Steve Earle zehn Stücke, die die musikalische Karriere von Justin Townes abbilden. Ergänzt wird diese Auswahl durch die Eigenkomposition „Last Words“.

Den Auftakt macht „I Don’t Care“, das im Original von Justin Townes Debüt-EP „Yuma“ stammt. Auf das flotte Folkstück mit feiner Fidel folgt „Ain’t Glad I’m Leaving“ vom ersten Longplayer „The Good Life“ (2007). Diesem entnommen sind ebenfalls das stimmungsvolle, mit sanften E-Gitarren-Tupfern versehene „Far Away In Another Town“ und die besonders starke Uptempo-Nummer „Lone Pine Hill“.

Aus der frühen musikalischen Schaffenszeit seines Sohnes greift Steve Earle noch „Turn Out My Lights“ und „They Killed John Henry“ heraus. Mit dem letztgenannten Titel zeigte Justin Townes, dass er sowohl musikalisch als auch thematisch in der Singer/Songwriter-Tradition steht. Die Legende um John Henry durchzieht die amerikanische Musikgeschichte bis heute (Charly Crockett, Colter Wall) und auch Steve Earle selbst hat diese auf seiner vorangegangenen CD „Ghost Of West Virginia“ bearbeitet. Eine musikalische Nähe zwischen Vater und Sohn ist also nicht zu leugnen.

2010 feierte Justin Townes mit „Harlem River Blues” seinen größten Erfolg, der im darauffolgenden Jahr als bester Song des Jahres mit einem Americana Music Award ausgezeichnet wurde. Der Titel fand quasi selbstverständlich seinen Weg in die Auswahl von Steve Earle. Eleanor Whitmore steuert hier und auf anderen Stücken den Harmonie- und Backgroundgesang bei.

Steve Earle kann sich bei der Performance auf die Qualität seiner Dukes verlassen – egal, ob die Stücke Elemente von Gospel, Country oder Blues einbauen. Mit seiner rauen, markanten Stimme interpretiert Steve die Songs seines Sohnes auf die ihm eigene Weise. Der nölige Gesang in Kombination mit eingängigen Melodie zündet, wie beispielsweise bei „Maria“.

Neben diesem Song entstand der Boogie „Champagne Corolla“ und das bluesige „The Saint Of Lost Causes” in der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts. Das Titelstück des achten und letzten Albums aus 2019 zählt zu meinen Favoriten unter den Kompositionen von Justin Townes. Lyrisch stellt es sicherlich einen Höhepunkt in seinem Werk dar. Sein Vater liefert eine intensive Interpretation ab, erreicht aber nicht ganz die atmosphärische Dichte des Originals.

Steve Earle sagt, dass er alle Platten für sich gemacht habe, dabei wirken seine Songs über ihn hinaus. Auch wenn er politische Aussagen macht, scheint in ihnen ein tiefes Verständnis und eine Sensibilität für seine Figuren durch. Bei seinen Werken, die er ihm wichtigen Menschen gewidmet hat, seinen Mentoren Towens Van Zandt („Townes“) sowie Guy Clark („Guy“ ) und nun seinem Sohn Justin Townes, kommt die Wertschätzung, die er ihnen und ihrem Werk entgegenbringt, zum Ausdruck.

Anders als auf den beiden vorherigen Cover-Alben ergänzt Steve Earle „J. T.“ um eine Eigenkomposition, in der er „Last Words“ an seinen Sohn richtet. Die Erinnerung an das letzte Telefongespräch durchzieht den Text. In ihm wird deutlich, dass die Beziehung von Vater und Sohn trotz aller Konflikte von einer engen Bindung und Liebe getragen wurde.

In seiner unverkennbaren Art transformiert Steve Earle die Songs seines Sohnes auf behutsame Art, sodass er sie sich zu eigen macht und dennoch ein tiefer Respekt vor Justin Townes‘ Werk in jeder Note durchscheint. Die Auswahl der Stücke zeigt die Bandbreite und verdeutlicht die Qualität von Justin Townes‘ Kompositionen. „J. T.” ist ein persönlicher und bewegender Rückblick Steve Earles auf den Menschen und Musiker Justin Townes Earle – auf ein Leben, das zu früh endete.

Alle Künstlertantiemen fließen an Etta St. James Earle, der dreijährigen Tochter von Justin Townes.

New West Records/Pias-Rough Trade (2020)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. I Don’t Care
02. Ain’t Glad I’m Leaving
03. Maria
04. Far Away In Another Town
05. They Killed John Henry
06. Turn Out My Lights
07. Lone Pine Hill
08. Champagne Corolla
09. The Saint Of Lost Causes
10. Harlem River Blues
11. Last Words

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New West Records
Pias – Rough Trade
Oktober Promotion

Arlo McKinley – Die Midwestern – CD-Review

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Review: Michael Segets

Zwar schaut Arlo McKinley mit seiner Band The Lonesome Sound und zusammen mit Umphey McGee bereits auf einzelne Veröffentlichungen zurück, mit seinem Solo-Debüt „Die Midwestern” kann er aber als eine der großen Neuentdeckungen des Jahres gefeiert werden.

Während die älteren Videos, die man im Netz von dem vierzigjährigen Singer/Songwriter findet, meist stripped down Songs mit ausschließlich akustischer Gitarrenbegleitung zeigen, hat er auf dem Album einige Musiker im Rücken, die den sowieso schon guten Stücken zusätzliche Kraft mitgeben. Zusammen mit dem Produzenten Matt Ross-Spang (The Allman Betts Band, Charley Crockett, Calexico) rekrutierte McKinley die Band in Memphis, wo das Werk auch aufgenommen wurde.

Die zehn Eigenkompositionen entstanden in den letzten fünfzehn Jahren. Als Jody Prine seinem Vater John „Bag Of Bills“ vorspielte, überzeugte der Titel den im April verstorbenen Grandseigneur des Country, sodass die beiden McKinley für ihr Label Oh Boy Records unter Vertrag nahmen. Die Folkversion des Videos offenbart die Qualität von McKinley als Songwriter, verdeutlicht im Vergleich aber zugleich den Gewinn, die die Bandversion des Albums erzielt.

McKinley legt viel Ausdruck in seinen Gesang, wobei er sich nicht scheut, seine Stimme mal ohne Begleitung zur Geltung zu bringen, wie beim Einstieg zu „Walking Shoes“. Sehr stark gesungen ist auch der Opener „We Were Alright“, der zugleich ein Anspieltipp ist. Als weiteres Highlight zählt das runde „Suicidal Saturday Night”, dessen String-Arrangements an Springsteens „Western Stars“ erinnern.

Auf dem Werk finden sich keine Uptempo-Nummern, aber der Klang ist tendenziell roots-rockig. Der bereits vorab ausgekoppelte Titeltrack „Die Midwestern“ stellt dafür ein gutes Beispiel dar. Neben sanften Beiträgen wie „Once Again” oder „Whatever You Want” lässt McKinley auch gerne kräftigere elektrische Gitarren erklingen („Gone For Good“). Er gewinnt so dem Americana unterschiedliche Facetten ab. Schließlich unternimmt McKinley mit „She’s Always Around“ noch einen Ausflug in Country-Gefilde.

McKinley stand schon mit John Moreland, Ian Noe, Colter Wall, Jason Isbell und Justin Townes Earle auf der Bühne, wobei er den Vergleich mit diesen Songwritern nicht zu scheuen braucht. Der in Cincinnati ansässige McKinley hat sich in Ohio ohnehin bereits einen beachtlichen Ruf erspielt. Mit „Die Midwestern“ hätte er es verdient, auch überregional erfolgreich zu sein. Arlo McKinley beeindruckt mit dem bislang abwechslungsreichsten und kraftvollsten Americana-Album 2020.

Oh Boy Records – Thirty Tigers/Membran (2020)
Stil: Americana

Tracks:
01. We Were Alright
02. Die Midwestern
03. She’s Always Around
04. Bag Of Pills
05. The Hurtin’s Done
06. Suicidal Saturday Night
07. Once Again
08. Whatever You Want
09. Gone For Good
10. Walking Shoes

Arlo McKinley
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Lukas Nelson & Promise Of The Real  – Turn Off The News (Build A Garden) – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die alten Country-Legenden geben allmählich den Staffelstab weiter an die nächste Generation. Zu denken wäre da an Waylon und Shooter Jennings, Steve und Justin Townes Earle oder Willie und Lukas Nelson. Die Söhne führen zwar einerseits die Traditionslinien ihrer Väter fort, schlagen aber andererseits ihre eigenen musikalischen Wege ein, sind mittlerweile selbst schon im Musikgeschäft etabliert und haben sich bereits einige Reputation erarbeitet.

Lukas Nelson konnte durch seine Mitwirkung an dem Film „A Star Is Born“ sowie dem dazugehörigen Soundtrack zuletzt einen großen Erfolg verbuchen. Nach der Zusammenarbeit mit Lady Gaga und Bradley Cooper bringt Lukas Nelson mit seiner Band Promise Of The Real nun ein neues Studioalbum „Turn Off The News (Build A Garden)” an den Start, auf dem einige bekannte Gäste mitwirken, so Shooter Jennings, Sheryl Crow, Kesha, Lucius und Neil Young.

Vor allem mit Neil Young arbeiten Lukas Nelson & Promise Of The Real eng zusammen. Sie begleiten das kanadische Rockurgestein auf seinen Touren und spielten mit ihm neben einem Live-Album auch zwei Longplayer im Studio ein. Die enge Verbundenheit zu Young äußert sich zudem im Namen der Band, der einer Textzeile aus dessen Song „Walk On“ entliehen ist.

Lukas Nelson wählt mit der Single „Bad Case” einen rockigen Einstieg in die CD, an den das Titelstück anschließt. „Turn Off The News (Build A Garden)” hat – wie viele seiner Songs – einen einprägsamen Refrain. In manchen Passagen ist es etwas opulent, sodass mir die alternative akustische Version, die sich als Bonus auf dem Silberling findet, noch mehr zusagt. Bei ihr wird umso deutlicher, dass Lukas Nelson ein talentierter Songschreiber ist.

Im Mittelteil des Longplayers finden sich mit „Civilized Hell“, dem ruhigen „Simple Life“ und dem sommerlichen „Lotta Fun“ einige gelungene, sorgfältig arrangierte Titel. Wenn Nelson „Save A Little Heartache” trällert oder den Gesang bei „Mystery“ in die Länge zieht, geht der Gestaltungsdrang allerdings mit ihm durch. Dabei sind auch in diesen Songs gute Ansätze vorhanden, beispielsweise die Gitarrenlicks seines Vaters Willie. Bei „Where Does Love Go” ist zu hören, dass sich Lukas Nelson an der Musik von Roy Orbison orientiert. Er fängt deren leicht schwülstige Atmosphäre treffend ein.

Beim Durchhören des Albums treten bei den im Midtempo gehaltenen Tracks leichte Ermüdungserscheinungen ein. Die Tendenz hier und da einige musikalische Schlenker einzubauen, die zwar technisch gekonnt, letztlich aber austauschbar sind, spülen die Titel manchmal etwas weich. Bestes Beispiel dafür ist „Stars Made Of You”, das – wäre es auf Deutsch gesungen – einen Platz in der Schlagerparade haben könnte.

Gegen Ende der CD landet Nelson allerdings noch einige Treffer. Vor allem der Rocker im Southern-Style „Something Real“ ragt hervor. Aber auch das sich zu einem furiose Finale steigernde „Out In LA“ sowie der Bonus-Track „Consider It Heaven“ wissen zu überzeugen.

Lukas Nelson hätte bei der Produktion von „Turn Off The News (Build A Garden)“ mehr auf die Kraft seines Songwritings vertrauen können. Das Arrangement einiger Stücke nimmt ihnen etwas von der Wirkung, die möglich gewesen wäre. Manche Titel sind in ein ziemlich gefälliges Gewand gekleidet und ragen damit nicht aus dem Mainstream heraus. Die reduzierten Balladen erscheinen weniger glatt und deuten das Potential der Band an, die dort größeres Profil zeigt. Im oberen Tempobereich, wenn Lukas Nelson & Promise Of The Real die Zügel loslassen, liefert die Band feinen Rock ab.

Fantasy Records/Universal Music (2019)
Stil: New Country/Rock

Tracks:
01. Bad Case
02. Turn Off The News (Build A Garden)
03. Where Does Love Go
04. Save A Little Heartache
05. Lotta Fun
06. Civilized Hell
07. Mystery
08. Simple Life
09. Out In LA
10. Something Real
11. Stars Made Of You
12. Turn Off The News (Build A Garden) (Accoustic) (Bonus Track)
13. Consider It Heaven (Bonus Track)

Lukas Nelson
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Fantasy Records
Oktober Promotion

Justin Townes Earle – The Saint Of Lost Causes – CD-Review

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Review: Michael Segets

Mit 37 Jahren längst den Kinderschuhen entwachsen, ist es wohl das Schicksal von Justin Townes Earle immer wieder mit seinem Vater Steve Earle verglichen zu werden. Dies soll hier nicht geschehen, denn die beiden gehen musikalisch schon längst getrennte Wege – auch wenn sie derzeit auf dem gleichen Label veröffentlichen.

Auf seinem neunten Studioalbum „The Saint Of Lost Causes” bleibt Justin Townes Earle seiner favorisierten Musik treu. Bei der einen Hälfte der Songs schlägt das Pendel stärker in Richtung Blues aus, bei der anderen bedient sich Earle der klassischen Zutaten des Americana. Genau auf der Grenze liegt der Titelsong, der den Longplayer eröffnet.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Titel, auf denen sich Earle dem Blues zuwendet: Dezent aber fein instrumentalisiert erzählt „Appalachian Nightmare” von einem Verlierer, der auf die schiefe Bahn gerät. Damit greift Earle ebenso wie bei dem flotten „Ain’t Got No Money“ auf ein gängiges Thema des Genres zurück. Sein eindrucksvolles Storytelling rückt dadurch in den Vordergrund, dass er die instrumentale Begleitung auf den Punkt bringt und keine unnötigen Effekte einbaut.

Gleiches gilt für „Don’t Drink The Water”. Das Stück variiert allerdings das Tempo, indem es in seinem Verlauf mit scheppernden Schlagzeug, Bluesgitarre und Mundharmonika-Sprengseln Fahrt aufnimmt. Auf das Schlagzeug verzichtet Earle bei „Say Baby”. Hier gibt eine akustische Gitarre den Rhythmus vor.

Einen langsamen Boogie mit etwas Swing performt Earle mit „Pacific Northwestern Blues“. einen schnelleren – ganz im Stil der guten alten Zeiten des Rock ’n Roll – unter Einsatz eines Backgroundchors im Refrain mit „Flint City Shake It“. Bei seinen bluesinfiltrierten Stücken bewegt sich Earle überwiegend im oberen Tempobereich des Genres.

Die Americana-Titel des Albums sind tendenziell langsamer. „Mornings In Memphis” und „Frightened By The Sound” erinnern an Jackson Browne, „ Over Alemada” an American Aquarium. Besonders die beiden letztgenannten Songs sind starke Vertreter der Musikrichtung. Während der Slide bei den Titeln die typische Atmosphäre erzeugt, ist er mir auf „Talking To Myself“ etwas zu aufdringlich.

Die Gleichförmigkeit von „Ahi Esta Mi Nina“ lenkt die Aufmerksamkeit wiederum auf die Lyrics, die bis auf den titelgebenden Vers auf Englisch gesungen sind. Wie bei den anderen Songs lohnt sich ein genaues Hinhören auf die poetischen Zeilen. Obwohl sich nur wenige Songs direkt im Ohr festsetzen, entwickeln sie Tiefe und Intensität, wenn man das Album mehrfach durchlaufen lässt.

Im Americana-Bereich sind in diesem Jahr bereits einige interessante Veröffentlichungen erschienen, denkt man beispielsweise an die neuen CDs von Ryan Bingham, Hayes Carll, Son Volt oder Josh Ritter. Justin Townes Earles „The Saint Of Lost Causes” setzt diese Reihe fort, unterscheidet sich von diesen durch die deutlichere Akzentsetzung auf den Blues. Sowohl unter den bluesorientierten als auch unter den Americana-Titeln finden sich einige Nuggets, die es zu entdecken gilt. Die volle Wirkung erzielen die Songs, wenn man sich die Muße nimmt, den Texten zu folgen.

Pias/New West Records (Rough Trade) (2019)
Stil: Americana, Blues

Tracks:
01. The Saint Of Lost Causes
02. Ain’t Got No Money
03. Mornings In Memphis
04. Don’t Drink The Water
05. Frightened By The Sound
06. Flint City Shake It
07. Over Alemada
08. Pacific Northwestern Blues
09. Appalachian Nightmare
10. Say Baby
11. Ahi Esta Mi Nina
12. Talking To Myself

Justin Townes Earle
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Oktober Promotion