Dustin Lynch – Killed The Cowboy – CD-Review

Der einst von Justin Moores Manager entdeckte Dustin Lynch hat seit seinem Einstieg in die New Country-Szene mit seinem nach sich selbst betitelten Nr.1-Album , bis zum heutigen Tage eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Alle vier Nachfolger landeten unter den Top-10, beziehungsweise Top-5 in den Billboard Country-Charts, lediglich das letzte „Blue In The Sky“ musste sich mit Platz 9 begnügen, obwohl es mit „Thinking ‚Bout You“ wohl Dustins bis dato größten Singleerfolg hervorbrachte.

Der beim arrivierten Broken Bow Records-Label (beherbergen u. a.  auch Jason Aldean, Lainey Wilson, Parmalee, Chase Rice) unter Vertrag stehende Künstler bringt jetzt mit „Killed The Cowboy“ seinen 6. Longplayer auf den Markt. Bei knapp der Hälfte der Tracks war er diesmal als Mitsongschreiber beteiligt, ihm zur Seite standen viele Namen, die man in Nashville immer wieder in den Credits wiederfindet und auch Zach Crowell als involvierter Produzent und Songwriter ist natürlich eine Hausnummer.

Auch auf dem neuen Werk präsentiert sich der Protagonist, wie ich ihn seit Beginn an kenne: Ausdrucksstarke Stimme, gut ins Ohr gehende, knackige, zum Teil auch launige  New Countrytracks (u. a. „Honky Tonk Heartbreaker„, „If I Stop Drinkin’, „Breakin’ Up Down“, das herrlich 90er-umwehte „Trouble With This Truck“), ein paar pathetisch performte Midtempotracks und Powerballaden (u. a. „George Strait Jr.“, „Lone Star“, „Long Way Home“), wobei hier die Übergänge zum Teil als fließend charakterisiert werden können.

Mit dem Opener und Titelsong „Killed The Cowboy“ zugleich offeriert Lynch direkt, wie heute eine Modern Day Cowboy Ballade zu klingen hat. Starker Auftakt. Auch das folgende „Honky Tonk Heartbreaker“ mit seinem partytauglichen Text („… Do you like tequila?, She said that’s my middle name…“, Refrain: „I think she might be a honky tonk heartbreaker, she’s gonna hurt somebody up in this bar, I think she might be a honky tonk heartbreaker, lucky for me, I got a honky tonk heart!“), und besonders das tolle „Chevrolet“, bei dem die ebenfalls beim Label angebundenen Jelly Roll gesanglich mit von der Partie sind, sowie die erwähnten „Trouble With This Truck“ (herrlich shufflige Retro E-Rhythmus-Gitarre und Solo), und die ruhigeren „Lone Star“ und „Long Way Home“ gegen Ende, wissen bei mir persönlich zu gefallen.

Es gibt natürlich auch ein paar Soundspielereien (Loops und Voice-Effekte), auf die in Nashville aktuell scheinbar immer noch nicht verzichtet werden kann, aber als wirklich störend kann man das wirklich nicht bezeichnen. Insgesamt lässt Grand Ole Opry-Mitglied Dustin Lynch mit „Killed The Cowboy“ diesmal sehr akzentuiert seine Muskeln spielen, sendet aber die klare Botschaft aus, dass sein Platz in der Riege der bekannten Mitstreiter seiner Art wie Jason Aldean, Brantley Gilbert, Justin Moore & Co. weiterhin nicht anfechtbar ist.

Broken Bow Records (2023)
Stil: New Country

01. Killed The Cowboy
02. Honky Tonk Heartbreaker
03. George Strait Jr.
04. Chevrolet (feat. Jelly Roll)
05. If I Stop Drinkin’
06. Only Girl In This Town
07. Breakin’ Up Down
08. Trouble With This Truck
09. Blue Lights
10. Lone Star
11. Listen To The Radio
12. Long Way Home

Dustin Lynch
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Lime Tree Music

Dan + Shay – Bigger Houses – CD-Review

New Country-Duos haben eigentlich immer klasse Karten in Nashville, sofern Sie sich als substantiell und nachhaltig erweisen, als auch mit guter Strategie unterwegs sind. Montgomery Gentry, Brooks & Dunn oder Big & Rich aus eher schon vergangener Zeit, Florida Georgia Line, die Brothers Osborne, Maddie & Tae und eben auch Dan + Shay dienen als Vorzeigebeispiele aus jüngeren Tagen.

Dan Smyers und Shay Mooney machen nunmehr seit zehn Jahren als Duo zusammen Musik und haben in der Zeit mehr als 11 Milliarden Streams, insgesamt 49 Platin- und Gold-Zertifizierungen allein in den USA aufzuweisen und mehrere internationale #1-Singles sowie Auszeichnungen en masse angehäuft.

Im kommenden Frühjahr werden sie dann sogar als Coaches in der 25. Staffel der Emmy-ausgezeichneten Sendung „The Voice“ in den Staaten mitwirken. Als erstes Coaching-Duo in der Geschichte der Sendung werden sie neben Reba McEntire, John Legend und Chance the Rapper zu sehen sein.

Nun bringen sie mit „Bigger Houses“ ihren 5. Longplayer auf den Markt. Auch dieser lässt in Sachen Hitpotential keine Wünsche offen, jeder Song der insgesamt 12 vertretenen Tracks ist tatsächlich ein weiterer Hitkandidat! Klar, dass bei Ihnen die Kernkompetenz in den Lead- und Harmoniegesangskünsten liegt, ich habe allerdings selten ein Werk zu Ohren bekommen, wo Country- und Pop-Elemente so exzellent verschmelzen, ohne auch nur den geringsten Vorwurf der Berechenbarkeit aufkommen zu lassen.

Das ist in erster Line auch ein Verdienst der Nashville-Studio-Musiker, die eine wunderbar leichtverträgliche Musikkost mit fluffigen Melodien und Refrains avisieren und die countrytypischen Instrumente wie Fiddle Steel, HT-Piano, Bariton-E-Gitarren Dobro oder Mandoline absolut fein dosiert mit einfließen lassen.

Am Ende bekommt man ein Konglomerat, das dezent in Eagles-/Midland-Arealen („Heartbreak On The Map“, „Neon Cowgirls“, „Bigger Houses“) wildert, aber überwiegend den einstigen Glanz der Rascal Flatts ganz stark wieder aufleben lässt.

Auch wenn das reine Coverbild was Anderes suggeriert, Dan + Shay lieben es scheinbar gerne ‚big‘. „Bigger Houses“ wir in diesem Jahr einer der ganz großen Abräumer werden. Absolut hochwertiger Countrypop, der einfach gute Laune macht. Mit das beste Album in ihrer bisherigen Karriere.

Warner Music (2023)
Stil: New Country

01. Breakin‘ Up With A Broken Heart
02. Save Me The Trouble
03. Heartbreak On The Map
04. Always Gonna Be
05. For The Both Of Us
06. Then Again
07. Heaven + Back
08. What Took You So Long
09. Missing Someone
10. We Should Get Married
11. Neon Cowgirls
12. Bigger Houses

Dan + Shay
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Oktober Promotion

Joshua Ray Walker – What Is It Even? – CD-Review

Wenn man auf dem Coverbild dieses androgyn anmutende Schwergewicht sieht und ihn dann beim Opener seines neuen Albus „What It is Even?“ voller Inbrunst und Herzschmerz „I’m Crying cuz I love you!“, Mark und Bein erschütternd, jauchzen hört, bevor dann die Instrumente einsetzen, ahnt man sofort, dass man es nicht mit einem alltäglichen Review zu tun bekommt.

Nach drei eigenständigen Werken, hat sich der 1991 in Dallas, Texas, geborene Joshua Ray Walker, der vom US-amerikanischen Rolling Stone zum „faszinierendsten jungen Songwriter der Country-Musik“ bezeichnet worden ist, entschieden, ein komplettes Cover-Werk mit Songs seiner weiblichen Lieblingsinterpreten zu veröffentlichen. Die Idee kam auf der Terrasse der Mercury Lounge in Tulsa, Oklahoma, als er und sein Drummer Trey Pendergrass darüber sinnierten, wie wohl Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ in einer Version der Blues Brothers umgesetzt worden wäre.

Und so hat er sich an elf, mir mehr oder weniger bekannte Tracks, weiblicher Protagonisten aus der Pop- und Countryszene herangewagt und dies, um es vorweg zu nehmen,  mit einem überaus gelungenen Ergebnis, da hier der Anspruch omnipräsent erscheint, jedem Song ein wirklich neues ‚Gesicht‘ zu geben.

Es macht regelrecht Spaß, die Originale mit der Walker-Version zu vergleichen. Auch  wenn der wahrlich gute Auftaktsong dem Rap-Touch des Lizzo-Originals in seiner blues-souligen Variante, trotzdem nicht ganz das Wasser reichen kann, überzeugt schon das nachfolgende „Linger“ (The Cranberries) mit einer Midland-mäßigen Countryschnulze, herrlich ist hier besonders die Flöten-/Stil-Kombination im Soloteil. In die gleiche Richtung gehen dann Sachen wie Chers „Believe“, LeAnn Rimes‚ „Blue“ und die zum Original stark abweichende Fassung von „Goodbye Horses“ (Q Lazarus).

Traurige Aktualität bekommt natürlich, angesichts des Todes von Sinéad O’Connors vor ein paar Tagen, „Nothing Compares 2 U“, das recht poppig belassen wurde. Kommen wir zu den markantesten und gelungensten Liedern. Grandios wie aus der „Cheap Thrills“-Dancefloor-Nummer Sias hier ein zünftiger Tex-Mex-Western-Schunkler gezaubert wurde. Dolly Partons Heuler „Joshua“ wurde in ein swampiges Country-Stück mit Cash-Note modifiziert.

Um den R&B-Schmuse-Song „Halo“ in eine derartig zünftige Bluegrass-Uptempo-Nummer zu verwandeln, gehört schon viel Kreativität und musikalische Klasse, da wird der guten Beyoncé, falls sie den Song mal zu Gehör bekommen sollte, vermutlich direkt die Schminke aus ihrem hübschen Gesicht fallen. Das abschließende pianogetränkte „Samson“ (Regina Spektor) bekommt durch den männlichen Gesang eine dezente Elton John-Note.

Ach ja, und dann wäre ja noch das eingangs beschriebene „I Wanna Dance With Somebody“ von Whitney Houston. Es hat tatsächlich den souligen Uptempo-Drive der Blues Brothers und ein bisschen Steel-Gitarre  wurde auch noch inkludiert, und ist somit eine ebenso spaßige Angelegenheit, die das lohnenswerte Gesamtwerk „“What It is Even?“ endgültig abrundet.

Ab dem 11. August begibt sich Joshua Ray Walker auf seine erste Headline-Tour durch Europa und Großbritannien, die ihn in unseren Sphären auch ins Blue Shell nach Köln führen wird.

Anbei Tourdaten:

11. August – Kristiansand, Norwegen – Vaktbua
13. August – Oslo, Norwegen – Cosmopolite Scene
14. August – Trondheim, Norwegen – Trykkeriet
15. August – Bergen, Norwegen – Ole Bull
17. August – Stavanger, Norwegen – Tou Scene
18. August – Bodø, Norwegen – Parkenfestivalen
20. August – Stockholm, Schweden – Rootsy Live Stockholm
22. August – Göteborg, Schweden – Pustervik
23. August – Malmö, Schweden – Folk å Rock
25-26.August – Kopenhagen, Dänemark – Tønder
27.August – Lutterworth, UK – The Long Road
28. August – Hamburg, Deutschland – Nachtwache
30. August – Nijmegen, Die Niederlande – Merleyn
31. August – Amsterdam, Die Niederlande – Het Zonnehuis
02. September – London, UK – Oslo Hackney
03. September – Newcastle, UK – The Cluny 2
04. September – Glasgow, UK – The Hug and Pint
05. September – Manchester, UK – The Deaf Institute
06. September – Brighton, UK – The Prince Albert
08. September – Köln, Deutschland – Blue Shell
09. September – Enschede, Die Niederlande – Tuckerville
10. September – Berlin, Deutschland – PRIVATCLUB

Soundly Music (2023)
Stil: New Country & More

01. Cuz I Love You
02. Linger
03. I Wanna Dance With Somebody
04. Believe
05. Cheap Thrills
06. Blue
07. Goodbye Horses
08. Nothing Compares 2 U
09. Joshua
10. Halo
11. Samson

Joshua Ray Walker
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Lime Tree Music

Lori McKenna – 1988 – CD-Review

Nachdem Lori McKenna auf ihrem letzten Album „The Balladeer“ eher die typische Singer-/Songwriter-Klientel bedient hatte, nimmt sie drei Jahre später mit ihrem neuen Werk „1988“ wieder mehr Kurs in Americana-/roots-rockigere Gefilde. Das Album hat sie nach dem Jahr benannt, in dem sie mit ihrem Mann Gene das Ehebündnis geschlossen hat. Beide sind heute noch verheiratet und haben fünf Kinder.

Ja, beim Titel „1988“ denkt man natürlich automatisch daran, wie das Jahr damals persönlich für einen selbst gelaufen ist und ich muss schon etwas innerlich recherchieren, bis man es wieder halbwegs einordnen kann. 5 Jahre nach meinem Abitur im Jahr 1983, trafen wir uns alle erstmalig wieder zu einer gemeinsamen Feier (ich fristete zu dieser Zeit  noch dem Junggesellendasein), eine Tradition die wir von da an alle 5 Jahre bis zum heuteigen Tag fortführen, im kommenden November sind es dann 40 Jahre, unfassbar…

Sportlich hatte ich mit zwei erfolgreichen Tischtennis-Bundesliga-Saisons (83/84 und 86/87) bereits den Zenit meiner Karriere überschritten, auch wenn es mir drei Jahre später 1990 noch gelang, in der 2. Bundesliga eine komplette ungeschlagene Halbserie mit 17 siegreichen Spielen in Folge hinzulegen, was von keinem Spieler mehr in den zehn folgenden Jahren bis zu meinem Ausscheiden aus dem höherklassigen Ballsport wiederholt werden konnte.

Beruflich befand ich mich nach Wehrdienst in der Sportfördergruppe in Köln, Ausbildung zum Industriekaufmann in Paderborn noch in der Findungsphase, bis ich 1991 dann im Medienbusiness gelandet bin, dem ich bis zum heutigen Tage noch verbandelt bin.

Musikalisch fördert meine LP-/CD-Sammlung nicht viel  im Jahr 1988 Herausragendes zu Tage, der Southern Rock wurde mit dem Einzug von Synthesizer-Klängen zum Teil übel kommerzialisiert (u. a. 38 Special „Rock’N’Roll Stragedy“,  Outlaws „Soldiers Of Fortune“), so würde ich hier das Debüt von Melissa Etheridge, „Long Cold Winter“ von Cinderella und die wohl eher unbekanntere Scheibe „Memory In The Making“ von einem John Kilzer als Highlights in der Retrospektive hervorheben.

2005 hatte ich dann mal das Vergnügen, die Grammy-dekorierte Protagonistin beim Blue Highways Festival (u. a. mit Interpreten wie Bernie Leadon, Jim Lauderdale, Son Volt, Kelly Willis und Chuck Prophet) im kleinen Saal der Vredenburg in Utrecht live erleben zu dürfen.

Schon damals konnte man ihr Potential als brillante Songwriterin erahnen, was nicht zuletzt durch unzählige Credits für Stars der New Country-Szene wie u. a. Faith Hill, Sara Evans, Tim McGraw, Keith Urban, Little Big Town, Carrie Underwood, Taylor Swift und sogar auch für Lady Gaga in vermutlich finanzielle Unabhängigkeit mündete.

So kann sich Lori im Rahmen ihrer eigenen Musikveröffentlichungen ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit gönnen, diesmal also, wie anfangs erwähnt, etwas roots-rockiger im Ambiente. So dominieren Gesang, Akustik- und typisch gespielte E-Gitarren samt Bass- und Drum-Rhythmus-Grundlage das Geschehen, ganz dezent klingen auch mal Organtöne durch.

Die Texte mit den eingängigen Refrains sind gewohnt intelligent und überwiegend autobiografisch angefärbt, die Musik hat was von den Chicks (auch der Stimmähnlichkeit zu Natalie Maines geschuldet – „The Old Woman In Me“, „Happy Children“), Sheryl Crow (u. a. „Killing Me“), einem weiblichen Will Hoge („Days Are A Honey“, „The Town In Your Heart“), Miranda Lambert („1988“) oder auch viel unterschwelliges Tracy Chapman-Flair („Growing Up“, „Wonder Drug“, „Letting People Down“) und weiß bis zum ultimativen Abschluss, dem schmerzhaften „The Tunnel“ durchgehend zu begeistern.

“I like doing solo shows, but I really like it when we’re all together, That’s another reason why this record sounds the way it does. I really wanted it to sound like a band, because it’s so fun to play live that way“, so McKenna zu ihrem neuen, von Dave Cobb produzierten und mit eingespielten neuen Werk „1988“.  Die Zielvorgabe ist aus meiner Sicht perfekt umgesetzt! Mit das stärkste Album ihrer Karriere!

CN Records-Thirty Tigers/Membran (2023)
Stil: Americana

Tracks:
01. The Old Woman In Me
02. Happy Children
03. Killing Me (feat. Hillary Lindsey)
04. Days Are A Honey
05. 1988
06. Growing Up
07. Wonder Drug
08. The Town In Your Heart
09. Letting People Down
10. The Tunnel

Lori McKenna
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Bailey Zimmerman – Religiously – CD-Review

Ich glaube bei jedem interessierten Musikhörer, natürlich auch bei mir, ist es ein natürlicher Reflex, beim Auftauchen des Namen Zimmerman, spontan an Bob Dylan zu denken. Um direkt die Antwort in diesem Fall hier zu geben, bei Bailey Zimmerman handelt es es sich nicht um einen Nachfahren des berühmten Singer/Songwriters, sondern um den Sohn einer Autoverkäuferfamilie aus Louisville, einer Kleinstadt in Illinois.

Baileys Werdegang verlief über einen Job in einer Metzgerei („da habe ich gelernt, Rehe zu häuten“), auf dem Bau einer Gaspipeline und das in die Wiege gelegte Veredeln von Pickup-Fahrzeugen. Also nix mit Vitamin-B-geförderter Karriere, Musik wurde nur mal so nebenbei gemacht. Die befreundete Trucker-Gemeinde (für die er oft auftrat) gab dann den entscheidenden Anstoß für seine Karriere.

Ein ins Netz gestellter Song, geschrieben mit seinem Freund Gavin Lucas, ging mithilfe dieser Trucker-Fans viral, und seitdem überschlugen sich die Ereignisse. Major-Vertrag mit Warner Music, die Debüt-EP „Leave The Light On“ samt erfolgreicher Singles war in den USA 2022  das meist gestreamte Country-Debüt aller Zeiten und genreübergreifend das am häufigsten gestreamte Debüt des Jahres.

Amazon Music erkor ihn im Jahr 2022 zum “Artist to Watch” , YouTube dekorierte ihn 2022 zum “Trending Artist on the Rise” und Billboard zeichnete  ihn mit dem “Country Rookie of the Month” aus. Jetzt gibt es folgerichtig das Debütalbum „Religiously“ mit satten 16 Songs.

Beim Blick in die Credits fällt sofort auf, dass sowohl beim Songwriting (Bailey hat die meisten Stücke mit geschrieben) als auch bei der musikalischen Umsetzung (überragend hier der omnipräsente Tim Galloway – acoustic guitar all tracks;, banjo tracks 1–4, 6, 8, 12, 13, 15, 16; bouzouki  tracks 1, 2, 10, 11, 14, 15; electric guitar tracks 1–5, 9–11, 13, 15, 16; mandolin tracks 3, 10, 14, 15); slide guitar track 3, dobro track 13, bass guitar track 16) viele Namen auftauchen, die man bis dato bei Alben der Nashville-Zunft eher selten wahrgenommen hat, was der Sache allerdings überhaupt keinen Abbruch tut.

Ganz im Gegenteil hier spürt man an allen Ecken und Enden, dass man das bisherige Nashville-Etablissement ordentlich aufmischen möchte. Zimmerman brilliert von Beginn an beim emotional gesungenen Titellied mit seiner ausdrucksstarken rauchigen Stimme, die von Produzent Austin Shawn (wieder so eine eher unbekannte Person) herrlich transparent und klar in Szene gesetzten Instrumente sind eine Wonne für’s Gehör.

Spätestens beim folgenden, mit epischer Note versehenen „Warzone“ (erinnert an Skynyrds „The Last Rebel“) hat man den Protagonisten schon ins Herz geschlossen. „Fix’n To Break“ klingt so, als wenn Bryan Adams ins New Country-Milieu gewechselt wäre. Und so gibt sich ein Track nach dem anderen bis zum finalen Ohrwurm „Is This Really Over?“ die Klinke in die Hand, und man fragt sich nach knapp 53 kurzweiligen Minuten, ob tatsächlich schon Schluss ist.

Am Ende kann man den momentanen Hype um den Youngster absolut nachvollziehen. Eine weitere Auszeichnung, nämlich der des ‚Sounds Of South-Newcomer des Jahres 2023‘, dürfte ihm so gut wie sicher sein. Bailey Zimmerman liefert mit „Religiously“ eine deutliche Kampfanasage an die derzeit dominierenden Kollegen wie Morgan Wallen, Luke Combs, Brantley Gilbert, Jason Aldean & Co. Auch, wenn man es sicher nicht vergleichen kann,  zumindest vom Erfolg her, hat er das damalige Debüt des großen Bob Dylan erstmal klar in die Tasche gesteckt…

Elektra Nashville / Warner (2023)
Stil: New Country

Tracks:
01. Religiously
02. Warzone
03. Fix’n To Break
04. Forget About You
05. Chase Her
06. FallIin Love
07. You Don’t Want That Smoke
08. Found Your Love
09. Rock Aand A Hard Place
10. Other Side Of Lettin‘ Go
11. Pain Won’t Last
12. Where It Ends
13. God’s Gonna Cut You Down
14. Fadeaway
15. Get To Gettin‘ Gone
16. Is This Really Over?

Bailey Zimmerman
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Oktober Promotion

Kip Moore – Support: Jillian Jacqueline – 14.05.2023, Kantine, Köln – Konzertbericht

Sound Of Nashville-Time in der Kölner Kantine. Sonnyboy Kip Moore hatte sich mit Band zum ersten Mal in seiner Karriere in der Domstadt angesagt und auch noch die Künstlerkollegin Jillian Jacqueline als Support mitgebracht.

Die Kantine war an diesem Sonntag-Abend rappelvoll und, was sofort auffiel, sehr schön mit jüngeren und älteren Menschen durchmischt, die aktuelle New Countrymusik scheint, im Gegensatz zu vielen anderen Musikrichtungen, generationenübergreifende Wirkung zu entfalten.

Pünktlich um 19:00 Uhr betrat dann die von Kenny Rodgers entdeckte Jillian Jacqueline die Bühne, die schon mit vielen klangvollen Namen wie u. a. Billy Dean, Susy Boguss, Vince Gill, Keith Urban oder Richard Marx zusammengearbeitet hat.

Ihr reizender Charme und auch die mittlerweile gesammelte Routine half ihr, die Aufgabe, ganz allein, nur mit der Akustikgitarre behangen, in einer guten halben Stunde, die Leute auf den Protagonisten einzustimmen, problemlos zu bewältigen.

Mit toller Stimme, humorvollen Ansagen (u a. über ihre Ehe) und klarem Gitarrensound, hatte sie mit älteren Stücken wie  „Hate Me“, „Sugar And Salt“, „God Bless This Mess“ und „Better With A Broken Heart“, „Bandwagon“ und „Hurt Somebody“ (alle drei vom aktuellen Longplayer „Honestly“) schnell die Audienz auf ihre Seite gezogen und  reichhaltigen Applaus für sich eingeheimst.

Eine halbe Stunde später ging es dann mit  Kip Moore und seiner Band nach einem stimmungs- und lichtintensiven Einspieler direkt mit dem Titelstück des neuen Albums „Damn Love“ sehr poppig los. Mit „Bittersweet Company“ wurde dann der Bogen aber sofort zu einem bunten Mix aus Heartland Rock (Bruce Springsteen, Bryan Adams & Co. ließen zum Teil grüßen), knackigem und balladeskem New Country als auch zum Southern Rock gespannt.

Kip und seinem spielfreudigen Ensemble merkte man richtig an, dass sie an diesem Abend ordentlich Lust hatten, hier einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. So gab er sich äußerst kommunikativ zwischen den Tracks, sang sich förmlich die Seele aus dem Leib und wusste auch mit wechselndem Gitarrenspiel (elektrisch und akustisch) zu überzeugen.

Dabei ließ er auch seinen Mitspielern immer wieder Raum, um sich mit dem einen oder anderen Solo zu ‚zeigen‘. Gut gefiel mir die sich schön aufbauende Setliste, die erheblich dazu beitrug, dass sich die Stimmung überaus dynamisch auflud.

Songs wie „Plead the Fifth“, „Reckless (Still Growin‘ Up)“, „Beer Money“ und „Red White Blue Jean American Dream“ bildeten eine erste Zwischen-Hochphase., die mit dem mir besonders zuträglichen southern-countryesken „Kinda Bar“ (mit schönem Slide“) weitergeführt wurde.

Spätestens ab „Heart’s Desire“, dem Moore-Paradestück „Somethin‘ ‚Bout A Truck“, dem im Schlussteil ungemein wuchtigen „Come and Get It“ (Hammer-Instrumentalausklang!), sowie der New Country-Hymne „Last Shot“, war es eine einzige Party, bei der es kein Halten mehr gab. „Micky’s Bar“ rahmte das neue Album  „Damn Love“ als Abschluss des Hauptteils melancholisch ein.

Bei der ersten Zugabe „Silver & Gold“ ging es noch mal flott ab, die episch anmutende Southern Rock-Ballade „The Guitar Slinger“ (mein Lieblingsstück des Gigs) bildete dann den krönenden Abschluss. eines insgesamt begeisternden Konzerts, bei dem vielleicht nur der zu viel laute Drumsound (erschlug teilweise die Transparenz der E-Gitarren) etwas besser eingestellt hätte werden können.

Ansonsten hinterließ Kip Moore mit seiner Truppe eine glänzende Visitenkarte, bei dem die Ankündigung, auf jeden Fall wieder nach Köln zurückzukehren, mit viel Wohlwollen aufgenommen wurde. Es dürfte dann von der Location her in größere Gefilde gehen. Insgesamt ein toller Sonntag-Abend!

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Kip Moore
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Jillian Jacqueline
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Semmel Concerts Entertainment GmbH
Kantine, Köln

Luke Combs – Gettin‘ Old – CD-Review

Es gibt eigentlich nur zwei Künstler, die in Nashville in den letzten Jahren die Country-Alben-Charts nach Belieben beherrschen. Einer davon ist der aus Charlotte, North Carolina stammende Luke Combs, der knapp neun Monate nach „Growin‘ Up“ mit „Gettin‘ Old“ quasi Teil 2 eines ursprünglich zusammen geplanten Doppel-Albums am Start hat.

Combs ist mit all seinen bis vier dato erschienen Werken (das erste „This One’s for You“ stammt aus 2017!) aktuell immer noch unter den Top-15 platziert, das momentane „Gettin‘ Old“ kratzt nach drei Nr.1-Longplayern in Folge mit Platz 2 ganz kräftig an der Pole-Position. Der Bursche trifft einfach den (New) Country-Nerv der Zeit.

Die Erfolgsrezeptur ist dabei seit Beginn eigentlich recht ähnlich. Eine unbändige Kreativität beim Songwriting (er schreibt fast so gut wie alle Lieder mit), die dann halt in immens viele Stücke mit leicht merkbaren und mitsingbaren (Alltags-) Texten mündet. Dazu eine Top-Einspielung und Produktion durch die bekannten Musiker-Größen in diesem Metier, wohlfühlig veredelt mit seiner warm-rauchigen Raspelstimme, die zu den Songs einfach hervorragend passt.

Der Opener „Growin‘ Up And Gettin‘ Old„, (eine melancholische Midtempoballade mit emotionalem Refrain und tollen E-Gitarren) stellt quasi das Verbindungsglied zwischen beiden Werken dar und bildet wie so oft die Richtschnur für die folgenden siebzehn Tracks.

Als nicht ganz so glücklich empfinde ich bisherige Single-Auswahl, auch wenn das Fiddle-dominierte (Paul Franklin) „Love You Anyway“ sicherlich ein schönes Lied ist, gibt es aus meiner Sicht hier mit „See Me Now“, „Take You With Me“ oder „Tattoo On A Sunburn“ deutlich vielversprechendere Tracks. Auch beim zweiten Versuch mit dem Cover von Tracy Chapmans „Megastück „Fast Car“ gelingt Luke zwar eine absolut starke Nummer, die die Ausstrahlung des 80er-Hits der US-Singer/Songwriterin aber dennoch nicht erreichen kann.

Die Southern Rock-Freunde in unserem Magazin werden mit dem coolen swampig-shuffligen „A Song Was Born“ und dem zünftigen, Charlie Daniels-umwehten „Fox In The Henhouse“ (tolle Orgel-/E-Gitarren-Kombination als Solo) belohnt. Ansonsten geben sich in der Regel balladeske Midtempotracks und etwas temporeichere Nummern bis zum abschließenden Piano-untermalten „the Part“, meist im Wechsel, die Klinke in die Hand.

„Gettin‘ Old“ ist alles andere als ein Synonym für Altersmüdigkeit zu sehen, der gerade mal 33-jährige Luke Combs wird  zweifellos auch die nächsten Jahre im New Country-Geschäft ordentlich aufmischen. Er bleibt sich treu: Pures New Country-Vergnügen ohne jeden Anflug von etwaigen Pop-Attitüden. Einen weiteren großen Clou kann er auch bei uns landen: Am 6. Oktober wird er nämlich im Rahmen seiner World Tour 2023 in der Barclays Arena in Hamburg auftreten. Wenn er die voll kriegt, wäre das der Hammer!

River House / Columbia (Sony) (2023)
Stil: New Country

01. Growin‘ Up And Gettin‘ Old
02. Hannah Ford Road
03. Back 40 Back
04. You Found Yours
05. The Beer, The Band, And The Barstool
06. Still
07. See Me Now
08. Joe
09. A Song Was Born
10. My Song Will Never Die
11. Where The Wild Things Are
12. Love You Anyway
13. Take You With Me
14. Fast Car
15. Tattoo On A Sunburn
16. 5 Leaf Clover
17. Fox In The Henhouse
18. The Part

Luke Combs
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Sony Music

The Cumberland River Project – A Smell Of Gravy – CD-Review

Das Cumberland River Project ist wieder so eine kleine Geschichte, wie man sie meist nur im Rahmen eines solchen Magazins erleben kann. Beim Blackberry SmokeKonzert in Köln stand ich neben zwei Alt-Hieppies, die sich wunderten und mich dann schließlich fragten, warum ich mir denn während des Gigs fortwährend Notizen machen würde.

Ich erklärte ihnen, dass diese dazu dienen würden, zeitnah einen Konzertbericht abzuliefern, der dann im Rahmen des SoS erscheinen würde. Ich drückte ihnen dann eine Visitenkarte in die Hand. Fast zeitgleich drehte sich ein Mann, der etwas vor mir stand, zu mir um, und sagte, dass er unser Gespräch mitbekommen hätte. Er selbst sei Songwriter, Musiker und Produzent im Country-Bereich und bat dann auch um meine Visitenkarte.

Schon am nächsten Tag bekam ich eine Email von einem Frank Renfordt, der sich und sein Projekt dann etwas umfangreicher vorstellte, einen weiteren Tag später hatte ich die aktuelle, mittlerweile zweite CD des Cumberland River Projects im Briefkasten.

Gut finde ich besonders die von Anfang an sehr professionelle Herangehensweise. Zum einen ist dieses Projekt sehr offen ausgelegt, das sieht man schon an den vielen involvierten Musikern und auch sehr unterschiedlichen Leadsängerinnen und -sängern, wobei Frank Renfordt, als Songwriter, Sänger, Musiker und Produzent natürlich hier die Fäden zieht, die weit bis nach Nashville reichen.

Und um den Hauch des Mysteriösen zu verbreiten, werden hier bei den Tracks „Missing Girl“ (ist da etwa Dierks Bentley am Mikro?), „Those Moments“ und  dem textlich und musikalisch sehr gelungenen „Mount Everest“, die Leadsänger nicht benannt. Konnte Frank hier etwa richtige Nashville-Stars gewinnen können, die sich halt zum Schutze weiterer Anfragen dieser Art, nicht preisgeben wollten?

Stark zu Gegen ist hier auch wieder Dave Demay, der bereits das Debütwerk des Cumberland River Project produziert hatte und jetzt auch wieder diverse Tracks gesanglich und auch soundtechnisch in Music City mit begleitet hat. Auch die grafisch und fotographisch schön umgesetzte Covergestaltung weiß zu gefallen. Anders als bei vielen Werken aus Deutschland, die mir zur Rezension geschickt wurden, weht hier wirklich von Beginn an amerikanisches Flair durch das Gesamtwerk, auch die Texte klingen nicht, wie so oft aus hiesigen Gegenden, nach Schulenglisch. Man merkt sofort, warum Renfordts lyrische Kreationen auch schon in den Staaten im American Songwriter Magazine prämiert worden sind.

Und so startet sein Zweitwerk direkt mit drei sehr schönen eingängigen New Country-Nummern, von denen mir das mit 90er Flair umgarnte, von Matt Dame, der gesanglich so ein wenig Travis Tritt-Esprit verbreitet, angeführte „She Drives Her Own Truck“ besonders gefällt. Für mich die beste Vokalleistung auf dem Werk.

Nach einer mehr traditionellen Phase, die auch folkige Anleihen beinhaltet  u. a. mit dem ein wenig an den großen Kenny Rogers-Hit „Lucille“ erinnernden „Joanne“ und der Gesangs- und Fiddle-Performance der talentierten Jessie Morgan bei „Back You Up“, schlägt mein Herz beim flockigen, in Richtung der früheren Diamond Rio, Restless Heart, Boy Howdy & Co. gehenden „You Can’t Make Someone Love You“ (gesungen von The Voice Of Germany-Teilnehmer Michael Anthony Austin) und dem mit schönen Dire Straits-mäßigen E-Fills verzierten „Mount Everest“ wieder höher. Klasse finde ich hier die Message, dass man nicht gleich den höchsten Berg der Welt besteigen muss, wenn man sich im Leben irgendwelche Ziele setzt.

Die Schlussphase läutet dann das mit blechernen Dobroeinlagen bestückte „Aunt Marian“ (hat was von Hands On The Wheel) ein, die dann wieder sehr country-folkig bis zum abschließenden „Brighter Day“ verläuft. Bei beiden Tracks  beweist Frank Renfordt, dass er sich auch am Mikro hinter den anderen Protagonisten nicht zu verstecken braucht. Auffällig ist hier auch das mit schrullig-knochigem Sprechgesang von Eric Trend (Marke Charlie Daniels) versehene „Red River Girl“.

Mit „Smell Of Gravy“ ist Mastermind Frank Renfordt und seinem Cumberland River Project eine kurzweilige und abwechslungsreiche Scheibe gelungen, die diesmal besonders auf die traditionell und eher auf die Anfangsphase des New Country fokussierte Klientel abzielt. Alles bewegt sich hier in jeder Hinsicht auf absoluter Augenhöhe mit vergleichbarem Stoff, den man so aus Nashville kennt. Für den besonderen Geschmack der Soße sorgen die vielen unterschiedlichen Sängerinnen und Sänger, die er für das Projekt gewinnen konnte.

Dass Renfordt durchaus auch vom Southern Rock was weg hat, kann man beim bis dato nur digital produzierten Song „Down At Chicamauga Creek“ (feat. Adam Cunningham) hier begutachten. Ich hätte persönlich nichts dagegen, wenn das potentielle Drittwerk des Cumberland River Projects vielleicht mal in diese Richtung gehen würde. 

Eigenproduktion (2022)
Stil: (New) Country

01. A Little Love (feat. Brittany Black)
02. Missing Girl
03. She Drives Her Own Truck (feat. Matt Dame)
04. Those Moments
05. Joanne (feat. Dave Demay)
06. House In A Row (feat. Misko)
07. Back You Up (feat. Jessie Morgan)
08. You Can’t Make Someone Love You (feat. Michael Antony Austin)
09. Mount Everest
10. Aunt Marian
11. Your Fanciest Rintone (feat. Dave Demay)
12. Red River Girl (feat. Eric Trend)
13. Blown Away (feat. Dave Demay)
14. Brighter Day

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Elle King – Come Get Your Wife – CD-Review

Kommen wir mal wieder zu den bisherigen musikalischen Versäumnissen in meinem Leben. Die in Ohio aufgewachsene Elle King, Tochter von Comedian Rob Schneider und des ehemaligen Modells London King, ist wieder so ein Fall. Sie ist seit 2015 im Business unterwegs und har bereits zwei Alben veröffentlicht, die unbemerkt an mir vorüber gegangen sind.

Ich bin auf ihren Namen erstmals bewusst im Rahmen des bald erscheinenden Stones-New Country-Samplers (kein April-Scherz!) gestoßen, der uns bereits zur Besprechung vorliegt (der geschätzte Kollege Segets wird hier demnächst seine Eindrücke dazu schildern), wo sie eine sehr gelungene Version von „Tumbling Dice“ mit beisteuert.

Daraufhin habe ich mir noch ihr gerade, seit kurzem auf dem Markt befindliches Album „Come Get Your Wife“ mit freundlicher Unterstützung von Sony Music zur Besprechung besorgt. Und es hat sich zweifellos gelohnt. Schon mit den ersten lässigen Banjo-Introtönen des hier insgesamt auch überragend agierenden Todd Lombardo und ihrer grandiosen Stimme, die man zunächst eher im Indie-Pop verorten würde, bahnt sich beim Opener „Ohio“ ein ganz besonderes Gebräu an, das auch im weiteren Verlauf durchgehend zu begeistern weiß.

Elle hat neben einigen klug ausgesuchten Fremdkompositionen den überwiegenden Teil der Tracks mit einigen Co-Writern selbst komponiert, dazu hat sie, abgesehen von einem Lied, auch die Produktion zusammen mit Star-Producer Ross Coppermann übernommen. Apropos Ross Copperman: Ich hoffe, ich tue ihm nicht unrecht, gefühlt bringe ich ihn immer mit sehr modernen Produktionen, oft mit den heute üblichen technischen Spielereien in Sachen Keyboards, Loops etc., in Verbindung, um auch eine gewisse Pop-Kompatibilität zu gewährleisten.

Keine Ahnung, ob Elle direkt ein Veto eingelegt hat, aber hier wurde eine knackige, organische (New) Countryplatte mit vielen Facetten erschaffen, die mit allen klassischen Countryinstrumenten von den bekannten Nashville-Studio-Könnern eingespielt wurde, trotzdem aber auch ungemein modern und kräftig wirkt.

Für das eher kommerzielle Moment gibt es mit Miranda Lambert („Drunk (And I Don’t Wanna Go Home„) und Dierks Bentley (beim launigen Barsong „Worth a Shot„) zwei prominente Duett-Partner, die dann auch als Singles vorab erschienen sind. Ziemlich melodisch geht es in der ersten Hälfte auch noch beim grandiosen, mit herrlichem Gospelflair umgarnten Southern Christian Rock-Song „Try Jesus“ (könnte auch von Third Day sein) und dem flockigen „Lucky“ zu, hier sei aber auch noch das rotzig-frech gesungene, slide-trächtige Southern-Redneck-Country-Stück „Before You Meet Me“ zu erwähnen.

Mit „Tulsa“ wendet sich das Blatt zu deutlich traditioneller konzipierten Klängen, wobei immer wieder das Banjo oder auch Steel (Dan Dugmore) involviert sind. „Crawlin‘ Mood“ sowie das textlich zwiespältige „Bonafide“ schlagen in die gleiche Kerbe – traditionell, aber absolut knackig und ohne Staub von gestern.

Das treibende „Blacked Out“ (mit klasse E-Solo) wird sicherlich die Southern-Freunde begeistern und das folgende „Out Younder“ überzeugt mit seinem coolen Country Rock-Groove. Und wie es dann auf einer durch und durch begeisternden Scheibe eben so ist, gibt es am Ende mit „Love Go By“ noch eine gospelige Killer-Country-Soul-Nummer, die mich entfernt an „Wrecking Ball“ von Eric Church erinnert.

Wenn Rob McNelly am Anfang nur in die E-Saiten greift und sich Elle zunächst mit ihrer eigenwilligen Stimme darüberlegt, ist Gänsehaut garantiert. Sobald dann  auch noch die restlichen Instrumente und die Gospel-Harmoniegesänge einsetzen, ist man zum Ausklang vollends geflasht. Ein Hammersong!

Mein Tipp zu Elle Kings „Come Get Your Wife“ kann von daher nur ohne jedes ‚Wenn und Aber‘ lauten: „Kommt Leute, schnappt euch dieses megastarke Album!“

RCA Nashville / Sony (2023)
Stil: New Country

01. Ohio
02. Before You Meet Me
03. Try Jesus
04. Drunk (And I Don’t Wanna Go Home) feat. Miranda Lambert
05. Lucky
06. Worth a Shot feat. Dierks Bentley
07. Tulsa
08. Crawlin‘ Mood
09. Bonafide
10. Blacked Out
11. Out Yonder
12. Love Go By

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Sony Music

Chase Rice – I Hate Cowboys & All Dogs Go To Hell – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Legende nach sollen Cliff Barnes And The Fear Of Winning aufgrund des Songs „No One’s Got An Asshole Like A Cowboy“ als Vortruppe von Willie Nelson der Bühne verwiesen worden sein. Nun dürfte auch der Titel des neuen Albums von Chase Rice „I Hate Cowboys & All Dogs Go To Hell“ nicht zu unmittelbarem Beifall großer Teile der Country-Gemeinde führen. Allerdings hat Rice einen anderen Status im Musikbusiness als die ehemalige Independent-Combo. Millionenfache Albumverkäufe und milliardenfache Streams lassen die Vermutung zu, dass er auf eine breite Fanbasis zählen kann, die vieles mitmacht. Wenn der gutaussehende Ex-Footballer von der Bühne gezerrt werden sollte, dürfte das wohl andere Gründe haben.

Die Provokation, die der Albumtitel nahelegt, relativiert sich, wenn man die Lyrics der beiden dazugehörigen Songs wahrnimmt. Mit den verhassten Cowboys sind die oberflächlichen Typen gemeint, die in der Konkurrenz bei der Partnersuche die Nase vorn haben. Der Text dürfte also auch für eine Vielzahl von Country-Anhängern Identifikationspotential besitzen. Mit den Hunden, die zur Hölle fahren, sind eher nicht die Tiere gemeint. Rice nimmt bei „Bench Seat“ sogar die Perspektive eines Hundes ein, was literarisch interessant ist. In dem dazugehörigen Video outet sich Rice zudem als Hundeliebhaber. Den Hintergrund des Songs bildet wohl die Geschichte eines Freundes, der durch seinen Hund vom Selbstmord abgehalten wurde.

Rice hält letztlich die traditionellen Werte hoch. Zu diesen zählt die Familie. So widmet er „Sorry Momma“ seiner Mutter, die drei Söhne nach dem frühen Tod ihres Mannes großzog. Das Cover ziert ein Foto seines verstorbenen Vaters. In einem Kommentar gibt Rice an, dass „I Hate Cowboys & All Dogs Go To Hell“ bislang sein persönlichstes Album sei.

Die meisten Songs schlagen ein gemäßigtes Tempo an, sind eingängig und glatt arrangiert. Rice hat eine angenehme Stimme, der man gerne zuhört. Vor allem der poppig angehauchte, mainstreamtaugliche Opener „Walk That Easy“ könnte die Liste seiner Hits fortführen. Die Orientierung am klassischen Country steht nicht im Zentrum seiner Kompositionen. Am deutlichsten tritt sie bei „If I Were Rock & Roll“ zutage.

„Goodnight Nancy“, das Rice zusammen mit Boy Named Banjo spielt, nimmt in seinem Verlauf ordentlich an Fahrt auf. Ebenso semi-akustisch gehalten ist „I Walk Alone“. Das Stück mündet in einem explosiven Finale. Gemeinsam mit der Read Southall Band performt Rice „Oklahoma“. Der hymnische Track weist eine längere, gitarrengetriebene Instrumentalpassage auf, die einzige auf dem Longplayer. Zusammen mit der Gute-Laune-Nummer „Bad Day To Be A Cold Beer“ gehören die drei Songs zu den Highlights, da der Sound bei diesen erdiger erscheint als bei den anderen.

Der Top-Track des Albums ist „Way Down Yonder“. Am Anfang mutet er zirzensisch an, versprüht dann aber mit kräftigem Rhythmus und gelungener Gitarrenbegleitung Energie. Hier zeigt Rice, der lange Zeit unschlüssig war, ob das Stück einen Platz auf der CD erhält, mal ein paar rauere Ecken und Kanten, von denen ich mir mehr gewünscht hätte. Der Mut, den Rice bei der Wahl des Albumnamens beweist, hätte den Songarrangements nicht geschadet. Dennoch weist „I Hate Cowboys & All Dogs Go To Hell“ in die richtige Richtung.

„I Hate Cowboys & All Dogs Go To Hell“ ist nicht ganz so polarisierend, wie der Titel vermuten lässt. Gut hörbare, radiotaugliche und sorgsam produzierte Songs, mit denen Chase Rice auf Sicherheit spielt, dominieren das Album. Daneben blitzt in manchen Texten und bei einigen Tracks das Potential von ihm als Songwriter und Musiker auf. Insgesamt gelingt Rice ein sauberer Touchdown ohne sich allzu weit von dem bewährten Play Book zu entfernen.

Broken Bow Records – BMG (2023)
Stil: New Country

Tracks:
01. Walk That Easy
02. All Dogs Go To Hell
03. Way Down Yonder
04. Key West & Colorado
05. Bench Seat
06. Life Part Of Livin’
07. Bad Day To Be A Cold Beer
08. Oklahoma (feat. Read Southall Band)
09. I Walk Alone
10. Sorry Momma
11. If I Were Rock & Roll
12. Goodnight Nancy (feat. Boy Named Banjo)
13. I Hate Cowboys

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