Layla Zoe – Songs From The Road – CD-/DVD-Review

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Review: Jörg Schneider

Bereits 2013 hatte ich das Vergnügen die als kanadische Janis Joplin bezeichnete Layla Zoe das erste Mal im Schwarzen Adler in Rheinberg live zu sehen. Was für ein Erlebnis, diesem Energiebündel auf der Bühne beizuwohnen! Danach hatte ich mir unbedingt vorgenommen, auch die nächsten Konzerte nicht zu verpassen. Aber, wie das Leben so spielt, immer kamen irgendwelche anderen Dinge dazwischen. Um so mehr hab dich mich deshalb gefreut, als Daniel mich fragte, ob ich nicht eine Rezension zu ihrem neuen Album „Songs From The Road“ schreiben wolle.

Natürlich hab ich sofort zugesagt, nicht zuletzt auch, weil das Werk im Doppelpack daher kommt. Neben der Live-CD mit einer 10 Stücke umfassenden 2017’er Aufnahme aus dem Hirsch Club in Nürnberg gehört nämlich eine entsprechende DVD mit dazu, der erste offizielle Live-Mitschnitt überhaupt.

Das Konzert bietet eine bunte Folge von Songs aus ihren letzten Veröffentlichungen. Opener ist das rockige und etwas basslastige „Backstage Queen“ gefolgt von „Run Away“, und dem wehmütigen „A Good Man“, einem im Gegensatz zu den ersten beiden Stücken eher getrageneren Blues-Song. Das sich anschließende „Sweet Angel“ ist eine schöne, melodiöse, aber auch nachdenkliche Ballade an Laylas 2010 verstorbene beste Freundin Marsha. Alle vier Titel stammen von ihrer 2016’er CD „Breaking Free“.

Mit „Pull Yourself Together“ vom 2011’er Album „Sleep Little Girl“ geht’s dann wieder richtig rockig mit furiosen Gittarreneinlagen von Jan Laacks weiter. „Work Horse“ (nur auf der DVD) wiederum ist ein grooviges und souliges 10-Minuten-Stück mit feinen und beeindruckenden, aneinander gereihten Soli aller Bandmitglieder. Auf beiden Silberlingen gibt es dann wieder eine Adaption der gefühlvollen Jimi Hendrix Ballade „Why Do We Hurt The Ones We Love“ zu hören bzw. zu sehen.

Aber der mit Abstand beste Track des Konzertes ist nach Ansicht des Rezensenten sicherlich das kraftvolle 13-minütige R & B-Stück „Never Met A Man Like You“ von „The Lily“, bei dem Jan Laacks wieder einmal seine Klasse als Gitarrist mit einem überwiegend langsamen, aber grandiosen Solo unter Beweis stellt, umgarnt von einer gefühlvoll singenden und das Publikum mit einbeziehenden Layla Zoe. Großartig!

Mit dem Slowblues „Highway Of Tears“ gibt die Protagonistin dann noch ein gesellschaftskritisches Statement ab. Nach eigener Aussage ist es ein Lied über die Verbrechen ihres Landes an den getöteten und verschleppten kanadischen Ureinwohnerinnen, worüber zu sprechen ihr allerdings schwer fällt. Den Abschluss der CD bildet dann das bekannte Jimi Hendrix-Stück „The Wind Cries Mary“, während die DVD mit dem Janis Joplin-Klassiker „Me And Bobby McGee“ endet, diesmal allerdings von Layla Zoe mit ihrer grandiosen Stimme A capella vorgetragen, das ist Gänsehaut-Feeling pur!

„Songs From The Road“ ist insgesamt eine überzeugende Live-Schau. Da sind zum Einen Layla Zoes eindringliche, teils Whisky-geschwängerte, raue, aber gefühlvolle Alt-Stimme und ihre ungeheure Bühnenpräsenz, die sich zwar auf der CD schon erahnen läßt, so richtig aber erst auf der DVD greifbar wird. Und zum Anderen ist da natürlich auch ihre musikalisch hervorragende Band, allen voran der brillante Gitarrist Jan Laacks, der zusammen mit Layla Zoe ein wunderbar eingespieltes Team bildet.

Line-up:
Layla Zoe (lead vocals)
Jan Laacks (electric guitar, vocals)
Christoph Hübner (bass, vocals)
Claus Schulte (drums)

Ruf Records (2017)
Stil: Blues Rock

DVD:
01. Backstage Queen
02. Run Away
03. A Good Man
04. Sweet Angel
05. Pull Yourself Together
06. Work Horse
07. Why Do We Hurt The Ones We Love
08. Why You So Afraid
09. Never Met A Man Like You
10. Highway Of Tears
11. Me And Bobby McGee

CD:
01. Backstage Queen
02. Run Away
03. A Good Man
04. Sweet Angel
05. Pull Yourself Together
06. Why Do We Hurt The Ones We Love
07. Why You So Afraid
08. Never Met A Man Like You
09. Highway Of Tears
10. The Wind Cries Mary

Layla Zoe
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Ruf Records

Kenny Wayne Shepherd Band – Lay It On Down – CD-Review

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Review: Michael Segets

Kenny Wayne Shepherd kündigte im Vorfeld der Veröffentlichung seines achten Studioalbums an, neue Wege beschreiten zu wollen. Der mehrfach ausgezeichnete Blues Rock-Gitarrist widmet sich daher weniger dem Blues, sondern mehr dem Rock. Die ersten Gitarrenriffs von „Baby Got Gone“ lösen dieses Versprechen bereits ein. Der Opener erinnert in einigen Momenten an die Eagles und das Gitarrenspiel von Joe Walsh.

„Diamonds & Gold“ und „Nothing But The Night“ sind zwei eingängige Midtempo-Nummern mit unaufgeregten Gitarrensoli. In beiden fügen sich mehrstimmige Gesangparts gelungen in die Kompositionen ein.

Mit „Lay It On Down“ präsentiert Kenny Wayne Shepherd eine gefühlvolle Ballade, die in einer akustischen Version den Abschluss der Scheibe bildet, wobei die im Wesentlichen um das Schlagzeug reduzierte Interpretation für mich noch etwas die Nase vorn hat. Das countryfizierte „Hard Lesson Learned“ ist ein weiteres langsames Stück. Die wimmernde Gitarre unterstützt die getragene Atmosphäre ohne allzu sehr in den Schmalz abzugleiten. „Louisiana Rain“ hält diese Grenze nicht so eindeutig.

Auf der Scheibe finden sich noch vier rockige Titel. „She´s $$$“ zeigt, dass Kenny Wayne Shepherd seine Wurzeln im Blues Rock hat. „Down For Love“ stellt neben dem Anfangs- und dem Titelstück ein Highlight des Albums dar. Hier weist der Sound Ecken und Kanten auf und wirkt nicht ganz so geschliffen wie bei den meisten anderen Songs. Mit diesem und dem „How Low Can You Go“ verdeutlicht die Band, dass sie auch Southern Rock im Repertoire hat. „Ride Of Your Life“ setzt erneut einen kraftvollen Akzent, bei dem Kenny Wayne Shepherd ein weiteres Mal beweist, dass er sein Instrument beherrscht.

Die virtuosen Gitarrensoli von Kenny Wayne Shepherd sind insgesamt zwar ausgedehnt, aber nicht ausufernd. Die Songlänge bewegt sich daher in der Regel zwischen drei und fünf Minuten. Unterstützt wird Shepherd auf seiner CD von seinem langjährigen Leadsänger Noah Hunt, Keyboarder Jim McGorman, Bassist Kevin McCormick und Drummer Chris Layton, der seine Sporen bereits bei Stevie Ray Vaughn & Double Trouble verdiente. Produziert hat Marshal Altman (u. a. Amy Grant, Marc Broussard, Frankie Ballard).

In der Gesamtschau legt die Band ein durchgängig gut hörbares Album mit rockigem Grundton vor. Obwohl die einzelnen Songs durchaus gelungen und gekonnt gespielt sind, fehlt ihnen im Moment teilweise noch so etwas wie ein spezifischer Charakter. Vielleicht gewinnt das Album aber noch bei weiteren Durchläufen. Die Chance hat es verdient, da bei einzelnen Stücken durchaus ein Funke überspringt.

Provogue (Mascot Label Group) (2017)
Stil: Blues Rock

01. Baby Got Gone
02. Diamonds & Gold
03. Nothing But The Night
04. Lay It On Down
05. She’s $$$
06. Hard Lesson Learned
07. Down For Love
08. How Low Can You Go
09. Louisiana Rain
10. Ride Of Your Life
11. Lay It On Down (acoustic)

Kenny Wayne Shepherd
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Nick Moss Band – 13.07.2017, Krefeld, Kulturrampe – Konzertbericht

Moss-Haupt

Mit Nick Moss hatte sich ein echtes Schwergewicht der heute noch praktizierenden Vertreter des Chicago Blues in der Krefelder Kulturrampe angesagt.

Rampen-Chef Pille Peerlings sinnierte bei der Einleitung, bzw. Ansage, wie man wohl das Durchschnittsalter des Blues-Publikums in Zukunft senken könnte, und bot vermutlich den meist akademisch behafteten Anhängern und Philosophen des Genres, abendfüllenden Diskussionsstoff bezüglich dieser schier unlösbar erscheinenden Fragestellung. Denn in der Tat dominierte wieder mal die Ü-50 Generation im Saale. Schöner  Spruch eines Zuschauers daraufhin übrigens: „Pille du bist hier der Jüngste im Raum!“

Dem im wahrsten Sinne des Wortes mit wuchtigen Körpermaßen ausgestatteten Protagonisten, diesmal komplett auf einer Telecaster agierend, und seinen Mitstreitern Dennis Gruenling, Taylor Streiff, Nick Fane und Patrick Seals (Moss betitelte den backenbärtigen Drummer bei der Vorstellung der Band als Baby-Duane Allman) wohnten um die 100 Besucher an diesem Donnerstag Abend bei (also fast voll) und boten diesem äußerst stimmungsvollen Gig einen würdigen Rahmen.

Ja, ich muss tatsächlich schon überlegen, wann ich überhaupt mal, solch eine rasende Meute in der kleinen Kult-Location erlebt habe (auch wieder dabei, eine schon früher bei diversen Gigs zur Kenntnis genommene, ekstatisch vor der Bühne tanzende blonde Dame, die erneut voll in der Mossschen Musik aufging).

Das Instrumental zu Konzertbeginn um 20:45 Uhr diente zunächst mal der Abmischung des richtigen Sounds. Moss war mit der Einstellung seiner Gitarrentöne überhaupt nicht zufrieden und gestikulierte in Richtung Mischpult. Nach kurzen Instruktionen nach Ende des Openers war dann alles takko und die Band spielte sich mit „Someday“ quasi in den Gig ‚hinein‘.

Der Song hatte eigentlich auch schon wegweisende Wirkung auf die folgenden Tracks, meist durch Ricks Gesang, klimpernde Piano-, Harp- und quirlige intensive E-Gitarrensoli auf einem retrobehafteten swingendem Blues-Rhythmus-Teppich, in Szene gesetzt.

Vieles erinnerte mich, was meinen kleinen Horizont dieser recht Harp-lastigen Musikspielart angeht (ich hoffe, die Experten verzeihen mir hier ggfs. eine eventuelle zu einfache oder gar falsche Analyse), an Acts wie Muddy Waters, Paul Butterfield, Nick Gravenites oder ganz dezent auch an die J. Geils Band.

Mit dem herrlich schrill aussehenden Dennis Gruenling (Sonnenbrille, Schlangenleder-Sakko, schwarz lackierte Fingernägel, samt einer Unzahl von Ringen an den Greifern) wurde dieses Instrument natürlich per se dann zum echten Gesamtfarbtupfer. Der durfte dann auch bei zwei Stücken mal seine Gesangskünste als Fronter zum Besten geben.

Songs wie „Get Your Hand Out Of My Pockets“, das leicht Bakersfield-umwehte „Rockin‘ The Blues“, der überragende Schwofer „Woman You Must Be Crazy“ (mit ein wenig „Statesboro Blues“-Flair) und „Pretty Girls Everywhere“ (erste Zugabe) blieben bei mir im Gehör hängen. Zum krönenden Abschluss erzeugten dann Nick (am Schlagzeug sitzend, seichten Beckenrhythmus mit dem Fuß vorgebend, singend und E-Gitarre spielend) und Dennis an der Harp, im Duo bei der  zweiten (vehement) eingeforderten Zugabe, noch ein wenig Delta-Blues-Atmosphäre.

Somit lautet das knappe Fazit des launigen und umjubelten Abends in Abwandlung eines bekannten Sprichworts: Mit Nick Moss echt was los in der Krefelder Kulturrampe! Wer übrigens das Quintett in unseren Sphären nochmal sehen möchte, sollte dazu am morgigen Samstag (15.07.) die Gelegenheit im Kölner Yard Club nutzen.

Line-up:
Nick Moss (lead vocals, electric guitar)
Dennis Gruenling (harp, lead vocals)
Taylor Streiff (keys)
Nick Fane (bass)
Patrick Seals (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Nick Moss Band
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Kulturrampe Krefeld

Joe Bonamassa – Live At Carnegie Hall – An Acoustic Evening – CD-/DVD-Review

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Es scheint so ein bisschen, als ob Joe Bonamassa hier in Sounds Of South in der Sparte ‚DVD des Jahres‘ den Spitzenplatz im Dauerabonnement belegen möchte. Auch in diesem Jahr bringt er mit seinem opulenten Doppel-CD-/Doppel-DVD-Werk „Live At Carnegie Hall – An Acoustic Evening“ ein absolut fantastisches Paket auf den Markt, an dem man als Musikgenießer nicht vorbei kommt.

Wie schon bei seinen Auftritten im beeindruckenden Greek Theatre in Los Angeles, ist man auch hier vom visuellen als auch klangtechnischen Erlebnis im historischen Manhattener Konzerthaus zutiefst beeindruckt, das wie gewohnt vom Team Kevin Shirley und Roy Wiseman nahezu mit Perfektion in Szene gesetzt wurde.

Der gute Smokin‘ Joe präsentiert diesmal ein schönen Reigen ausgewählter Stücke im akustischen Gewand. Auf der mit viel Liebe zum Detail angerichteten Bühne, begleiten ihn mit Leuten wie Keyboard-Legende Reese Wynans am Pianoflügel, Drummer Anton Fig und den Backgroundsängerinnen Juanita Tippins (mit wunderschönem ozeanischen Blumengeflecht im Haar), Mahalia Barnes (dezent Geisha-mäßig), bereits bekannte Gesichter.

Frisches und alternatives Blut wurde mit dem erfahrenen Perkussionisten Hossam Ramzy (Peter Gabriel), dem im Stile eines indischen Maharadschas bekleideten Sänger Gary Pinto, dem Multi-Instrumentalisten von den Hooters, Eric Bazilian (Dobro, Banjo, Flöte, Mandolinen, Saxofon) und dem nicht nur orientalischen Blickfang am Cello und der Erhu, Tina Guo aus Shanghai (mittlerweile aber in Los Angeles ansässig), ins Bandgefüge integriert.

Mit dem energiegeladenen Opener „This Train“, dem grandios atmosphärisch und folkig dargebotenen „Drive“, dem souligen „The Valley Runs Low“ und später „Livin‘ Easy“ (Bazilian mit starker Saxofon-Einlage) beinhaltet der Gig gleich vier Nummern seines letzten Studioalbum „Blues For Desperation“, die auch im akustischen Gewand überaus zu gefallen wissen. Natürlich wird auch der Backkatalog des Protagonisten reichhaltig verarbeitet.

Großartig sind das stampfende „Dust Bowl“, das wunderbare „Driving Towards The Daylight“ (Bazilian mit Banjo-, Wynans mit Pianofills, herrliche Harmoniegesänge), das countryeske „Black Lung Heartache“ mit einem wild slidenden Bonamassa oder auch das rhythmische „Get Back My Tomorrow“ (Publikum klatscht mit, Pinto mit Gesangseinlagen).

Ein Höhepunkt von vielen ist sicher auch das bluesig-gospelige „How Can A Poor Man Stand Such Times And Live?“, bei dem auch Tippins und Barnes ihre Solo-Parts bekommen und eines seiner Paradestücke „Song Of Yesterday“ in einer über neun-minütigen, packenden Fassung.

Center-Stück dieses Live-Werkes ist jedoch „Woke Up Dreaming“, das in den Bonus-Features nochmals in einer weiteren Version vom 2. Spielabend präsent ist. Das Stück brachte Joe, laut dem Bonus-Interview auf der zweiten DVD, bei dem auch alle anderen Musiker reichhaltig zu Worte kommen, an den Rande seiner technischen Fingerfertigkeiten. Und in der Tat liefert er sich hier mit der wüst am Cello schreddernden Tina Guo ein atemberaubendes Spielduell.

Die Klassiker „Hummingbird“ (Leon Russell, Joe Cocker, B.B. King) und „The Rose“ (Bette Middler) beenden ein zutiefst beeindruckendes Konzert. Komplettiert wird dieses tolle Doppel-CD-/DVD-Package durch eine starke Bildergalerie von Christie Goodman.

Nach „Live At The Greek Theatre“ liefert Joe Bonamassa mit „Live At Carnegie Hall – An Acoustic Evening“ einen weiteren audio-visuellen Hochgenuss ab, der in allen Belangen überzeugt und mitnimmt. Da heißt es einfach nur gemütlich ab aufs Sofa und sich von diesen großartigen Musikern akustisch-bluesig und auch ein wenig orientalisch in herrlichem Ambiente berauschen zu lassen!

Mascot Label Group (2017)
Stil: Acoustic Blues Rock & More

DVD1:
01. Cold Streets (Intro)
02. This Train
03. Drive
04. The Valley Runs Low
05. Dust Bowl
06. Driving Towards The Daylight
07. Black Lung Heartache
08. Blue And Evil
09. Livin‘ Easy
10. Get Back My Tomorrow
11. Mountain Time
12. How Can A Poor Man Stand Such Times And Live?
13. Song Of Yesterday
14. Woke Up Dreaming
15. Hummingbird
16. The Rose
17. Cold Streets (Credits)

DVD2:
01. Behind The Scenes
02. Woke Up Dreaming (Second Night)
03. Photo Gallery

Joe Bonamassa
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Blues Alive Festival, 13.05.2017, Bürgerhaus Stollwerck, Köln – Festivalbericht

Auch wenn unser Fokus ja bekanntlich in anderen Genres angesiedelt ist, mache ich keinen Hehl daraus, dass ich, besonders live, gut gemachten und gespielten Blues Rock, ebenfalls ganz gerne höre. Die Premiere des Blues Alive Festivals im Kölner Bürgerhaus Stollwerck bot sich mit dem hochwertigen Line-up, bestehend aus Layla Zoe (die ich allerdings in letzter Zeit schon fast inflationär gesehen habe) sowie den Herren Danny Bryant und Blues Rock-Legende Walter Trout, besonders an, zumal ich die beiden letztgenannten Musiker bisher noch nicht auf der Bühne erlebt habe.

Der ganz schön korpulente Danny Bryant betrat pünktlich um 20:00 Uhr mit seinen beiden Mitmusikern Alex Phillips und Dave Raeburn die für ihn vorbereitete Bühne. Er stieg mit einem Instrumental in den Gig ein und sorgte für exakt 45 Minuten mit seinen diversen verzerrten und knarzenden E-Gitarren für einen unterhaltsamen Auftakt des Abends.

Haften geblieben sind dabei das atmosphärische „Slow Suicide“, das mit einer Les Paul performte (tolles Solo), dezent southern-umgarnte „Take Me Higher“ sowie die furios gecoverte Version von „All Along The Watchtower“ als Schlusspunkt.

Line-up:
Danny Bryant (lead vocals, electric guitar)
Alex Phillips (bass)
Dave Raeburn (drums)

Layla Zoe glich, von der Besetzung und Setlist her, ihrem Auftritt vor geraumer Zeit im Schwarzen Adler, im Rahmen der Double Trouble-Geschichte, zusammen mit Jane Lee Hooker. Die rothaarige kanadische Blues-Röhre beeindruckte wie gewohnt mit toller Charakter-Stimme und ihrer, aufs Publikum eingehenden und emotionalen Art (kommunizierte viel, tanzte mit den Leuten, strich einem Fotografen mit der  Hand durch den wohl gepflegten Drei-Tage-Bart).

Höhepunkte hier waren die emotional berührenden Songs „Sweet Angel“ (gewidmet ihrer, an einem  Aneurysma verstorbenen Freundin Marsha) und „Highway Of Tears“ (über getötete, vermisste und verschleppte kanadische Ureinwohnerinnen), sowie das starke „Workinghorse“ (mit Talkbox-Einlage des furios aufspielenden und scheinbar immer besser werdenden Gitarristen Jan Laacks). Eine kurzweilige, ebenfalls wie im Fluge vergangene  Stunde, mit ansprechendem Diven-Blues Rock dieser Zeit.

Line-up:
Layla Zoe (lead vocals)
Jan Laacks (electric guitar, vocals)
Christoph Hübner (bass, vocals)
Claus Schulte (drums)

Walter Trout, dem die verbundenen Qualen und Erlebnisse  im Zuge seiner Lebertransplantation 2014 deutlich im Gesicht eingemeißelt waren, brachte zunächst seine Finger mit einem quirligen Intro zum Opener „Help Me“ auf Betriebstemperatur. In der Folgezeit wurde er bei seinem etwas über zwei Stunden währenden, hochdynamischen Auftritt, seinem Status als Headliner des Abends, voll und ganz gerecht.

Angesichts des Erlebten (60 Kilo abgenommen, 8 Monate ans Bett gefesselt, musste Laufen und Sprechen wieder lernen, geschweige, sich das Gitarrenspiel wieder beizubringen), glich es schon einem Geschenk (für alle Beteiligten), ihn hier wieder mitreißend singen zu hören, als auch seine unzähligen filigranen E-Gitarren-Soli bestaunen zu können.

Selbstredend, dass während seines Gigs, das aus seiner Sicht düstere, depresssive und z. T. morbide Werk „Battle Scars“ mit Tracks wie u. a. „Almost Gone“, „Haunted By The Night“, „Playin‘ Hideawy“ und „Please Take Me Home“ (seiner Frau gewidmet, die ihm durch diese schwere Zeit geholfen hat), in dem all diese wenig erfreulichen Umstände reflektiert werden, im Blickpunkt des Geschehens stand.

Laune machte neben der Standard-Formation mit Sammy Avila (ließ seine Hammond ordentlich gurgeln), dem tierisch Gas gebenden Drummer Michael Leasure und dem Benjamin, Adam Ditt am Bass (wirkte, vermutlich aufgrund der Schwergewichte um sich herum, etwas schüchtern, zupfte aber sehr solide) vor allem auch die Einbindung der Gäste wie Sohnemann Jon, der auch bewies, dass er die musikalischen Gene des Vaters intus hat (wirbelte ebenfalls schon gehörig auf seiner hellblau-weißen Strat, dazu mit gutem Kurz-Lead Vocals-Einsatz), Sänger Andrew Elt (überwiegend Harmoniegesänge, einmal kurz als Fronter) und dem beim furiosen „The Blues Came Callin'“-Jam dazu stoßenden und erneut glanzvoll aufgelegten Danny Bryant.

Das grandios dargebotene „Going Down“ mit munterem ‚Bäumchen- Wechsel-Dich‘-Intermezzo am Frontmikro (stark hier auch Sammy Avila) zum Abschluss des Hauptteils, plus zwei Zugaben (eine Ballade, ein launiger Boogie) sorgten für ein maximales Maß an finaler Freude im sehr gut besuchten Stollwerck. Verdienter Applaus für Stehauf-Männchen Walter Trout und seine starke Begleittruppe!

Line-up:
Walter Trout (lead vocals, electric guitar)
Adam Ditt (bass)
Michael Leasure (drums, vocals)
Jon Trout (electric guitar, vocals)
Sammy Avila (keys, vocals)
Andrew Elt (vocals, acoustic guitar)
Danny Bryant (electric guitar – jam)

Fazit: Dieses Blues Alive Festival im Kölner Bürgerhaus Stollwerck war ein toller und kurzweiliger Abend. Hervorragend durchorganisiert von der ersten bis zur letzten Minute mit drei vorzüglichen Bands, die sich allesamt in ihren ansprechenden Leistungen nichts schenkten. Schön dabei zu erleben, dass Walter Trout nach überstandener Lebertransplantation in seinem ‚2. Leben‘, musikalisch wie mental, wieder voll auf dem Damm zu sein scheint. Insgesamt eine Veranstaltung auf absolut hohem Niveau, die gerne in dieser Form im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden darf.

P.S. Vielen Dank an Fotokünstler Albrecht Schmidt, der für den am Knie verletzten Jörg Schneider spontan eingesprungen ist und somit Premiere in diesem Magazin feiert.

Bilder: Albrecht Schmidt
Bericht: Daniel Daus

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Rock-Times Production
Ruf Records
Bürgerhaus Stollwerck Köln

Dudley Taft – 22.04.2017, Blue Notez, Dortmund – Konzertbilder

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Der Ur-Groß-Neffe des 27. Amerikanischen Präsidenten spielte, an seinem zweiten Abend der Europatour, mit seinen Mitstreitern (Kasey Williams am Bass und Darin Watkins am Schlagzeug) ein zweigeteiltes Set, das keine Wünsche offen ließ. Neben einem Querschnitt aus seinen letzten drei Alben präsentierte er solche Klassiker wie: „Leland Mississippi Blues“ (Johnny Winter), „When The Levee Breaks“ (Led Zeppelin), If Heartaches Were Nickels“ (Warren Haynes, Joe Bonamassa), „Backdoor Man“ (Willie Dixon) und „Oh Well“ (Fleetwood Mac). Die Musik, eine Mischung aus Rock-, Blues-, Blues Rock- sowie Grunge-Einflüssen, von einigen als Seattle Blues bezeichnet, kam jedenfalls beim Publikum richtig gut an.
CD Tipp: „Live in Europe“

Bilder: Peter Schepers

Dudley Taft
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Blue Notez Dortmund

Watermelon Slim – Golden Boy – CD-Review

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Was für ein Leben, was für ein Gesicht! Bill Homans alias Watermelon Slim hat in seinem Leben schon wirklich viel erlebt. Oder sollte man aufgrund seines zerfurchten Charakterantlitzes besser sagen ‚durchgemacht‘? Er ist Vietnam-Veteran, war Arbeiter (aus dieser Zeit stammt sein Spitzname ‚Watermelon Slim‘, als er auf einer Wassermelonenfarm arbeitete), Trucker und Sozialaktivist, bevor er sich vor rund 15 Jahren dazu entschloss, hauptberuflich der Musik zu widmen, nachdem er seine Vietnam-Erfahrungen bereits 1973 in seinem ersten Album „Merry Airbrakes“ verarbeitet hatte.

So ganz nebenbei hat er es in seinem abwechslungsreichen Leben auch noch geschafft, einen Bachelor-Abschluss in Journalistik, sowie einen Masters-Diplom in Geschichte zu erlangen und er ist Mitglied von Mensa International, einem Verein für hochbegabte Leute. Da wundert es nicht, dass er sich das Gitarrespielen selbst beibrachte, während er in Vietnam verwundet im Lazarett lag.

Unterstützt von neun Musikern und einem fünfköpfigen Chor, hat Bill Homans für sein neues Album „Golden Boy“ zehn Stücke aufgenommen, von denen sieben Songs aus seiner eigenen Feder stammen. Alle Tracks der CD lassen sich stilistisch aber nicht so recht in eine einzige Schublade packen. Es ist eher ein Konglomerat verschiedenster Bluesspielarten, aber immer mit durchaus politischen und zeitkritischen Texten versehen. Leider sind diese oftmals nicht gut zu verstehen, was wohl dem, für europäische Ohren, nuscheligen Gesang von Watermelon Slim geschuldet ist.

Hinzukommt, dass seine Bassstimme zwar sehr interessant und authentisch klingt, aber in ihrer Modulation doch eher begrenzt ist. So führt er im, in der CD beiliegenden Booklet im Line-up hinter seinem Namen bezeichnenderweise auch nicht ‚vocals‘, sondern ‚voice‘ an… Glücklicherweise stehen die Lyrics aber ebenfalls zum Nachlesen in dem Heftchen. Gewidmet hat er die CD den ‚Vietnam Veterans Against The War‘ und der kanadischen Nation, mit der ihn viele freundschaftliche Beziehungen verbinden.

Gleich mit dem ersten Stück der CD „Pick Up My Guidon“, welches sich am ehesten dem Chicago-Blues zurechnen lässt und nach meinem Geschmack wohl der beste Titel auf dem Silberling ist, geht es kraftvoll los. Der in den Refrains Zuversicht ausstrahlende Song handelt ganz allgemein davon, sich von Schicksalsschlägen nicht unter kriegen zu lassen.

In dem etwas düsteren „WBCN“ singt Homans, von Marschtrommeln begleitet, mit seiner Grabesstimme gegen Nazis an. Auch der Coversong „Barrett’s Privateers“, im Original von Folksänger Stan Rogers gesungen, wirkt wegen seines reinen A-Capella-Sprechgesanges wie ein Drillsong der US Army. Einen musikalischen Kontrast dazu bieten die Tracks „You’re Going To Need Somebody“ und „Northern Blues“, zwei wunderbare Finger-Picking-Delta-Blues-Songs und „Mean Streets“, einem weiteren harten Blues-Stück, in dem es um die Situation von Obdachlosen geht.

Indianische Einflüsse hingegen finden sich in „Wolf Cry“. So klingt Watermelon Slim wohl, wenn er auf Kriegspfad geht. „Cabbagetown“, geschrieben von Scott Nolan, dem Produzenten dieses Albums, ist, genau wie „Winners Of Us All“, bei dem es um die Opfer des amerikanischen Traums geht, ein schöner melodiöser Slow-Blues, ‚Cabbagetown‘ allerdings mit dezenten irischen Folkeinflüssen. Zum guten Schluss singt er dann noch in ‚Dark Genius‘ über die Verdienste von JFK und Sadat.

Wie gesagt, die Tracks gehören schon alle irgendwie ins Bluesgenre, sind innerhalb dieses Spektrums teilweise aber recht unterschiedlich angelegt. Die alles zusammenhaltende Klammer ist dabei Watermelon Slims sonore, aber schnell monoton wirkende, vom Leben geprägte Stimme.

Review: Jörg Schneider

Dixie Frog Records (2017)
Stil: Blues Rock

01. Pick Up My Guidon
02. You Are Going To Need Somebody On Your Bond
03. WBCN
04. Wolf Cry
05. Barrett’s Privateers
06. Mean Streets
07. Northern Blues
08. Cabbagetown
09. Winners Of Us All
10. Dark Genius

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Josh Hoyer & Soul Colossal – 31.03.2017, Zentrum Altenberg, Oberhausen – Konzertbericht

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Es wird eigentlich höchste Zeit, dass diese Webseite, ein erträgliches Einkommen abwirft. Wo bleibt endlich mal ein Millionen-schwerer Investor? So kann man jedenfalls als berufstätiger Mensch einfach nicht alles an aktuell guter Musik anschauen, geschweige denn besprechen, was hier so durch die Lande schwirrt. Deshalb hatten Gernot und ich uns den Gig von Josh Hoyer & Soul Colossal zwei Tage zuvor in Krefeld erspart.

Kurz vor unserer Anreise zum Delta Saints-Gig im Oberhausener Zentrum Altenberg checkte ich routinemäßig noch mal die Einlasszeit und zu meiner großen Überraschung, war o. a. Act aus Lincoln, Nebraska scheinbar recht kurzfristig mit auf die musikalische Menükarte des Abends gesetzt worden. Manchmal wird man somit, auch durchaus zu seinem Glück gezwungen.

Denn das tolle Quintett um seinen engagiert auftrumpfenden Leader, wusste auf ganzer Linie zu überzeugen, ja ich lehne mich mal aus dem Fenster, war sogar letztendlich der heimliche Gewinner diese Doppel-Events.

Die Burschen ließen von Anfang an keinen Zweifel, dass sie die wenigen Zuschauer (das Zentrum Altenberg war leider nicht mal zur Hälfte gefüllt), auf eine launige und energiegeladene Reise mit Stax-, Motown-, Muscle Shoals-, New Orleans-, Blues-, Soul-, Funk- und Rock-Hörenswürdigkeiten mitnehmen wollten. Und es gelang ihnen bestens!

Obwohl ich nicht ein Stück der Band bis dato kannte, blieben mir Tracks wie u. a. „Time For Love“ (mit kurz integriertem „Miss You“), „Knockout“ (Wah Wah in Kushners Solo), der Schwofer „Nobody’s Fault But Mine“, „Illusion“, der Otis Clay-Schunkler „Trying To Live My Life Without You“ bis zum finalen „Natural“ (wo so richtig vor der Bühne getanzt und gegroovt wurde) in äußerst angenehmer Erinnerung.

Mein Favorit des Abends war allerdings das herrliche „Just Call Me“, in dem Benjamin Kushner ein herrlich intensives Southern Rock-Gitarren-Solo auf seiner Telecaster abließ. Überragend fand ich auch den schmächtigen Schlagzeuger Larell Ware, der zum Teil mit sehr variablem und überaus kraftvollem Drumming, eine ungemeine Dynamik in die Stücke hineinbrachte.

Fazit: Josh Hoyer & Soul Colossal wussten mit ihrer herzerfrischenden, kommunikativen und launigen Spielweise absolut zu gefallen. Die Band werden wir sicherlich nicht zum letzten Mal aufgesucht haben. Tolle Leistung des gesamten Musiker-Kollektivs!

Line-up:
Josh Hoyer (Lead vocals, keys, percussion)
Mike Dee (sax)
James Fleege (bass)
Benjamin Kushner (guitar)
Larell Ware (drums)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

Josh Hoyer & Soul Colossal
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Teenage Head Music
Zentrum Altenberg Oberhausen

Eric Bibb – Migration Blues – CD-Review

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Review: Jörg Schneider

Das erste, was an der neuen CD von Eric Bibb auffällt, ist das edel wirkende und fotografisch hochwertig in s/w gestaltete und mit leichter Sepiatonung gedruckte Hochglanz-Cover. Dazu gesellt sich ein feines Booklet in ebensolcher Qualität mit einleitenden Worten von Eric Bibb und seinen Mitstreitern J.J. Milteau, einem französischen Bluessänger und Mundharmonikaspieler, sowie Michael Jerome Browne, dreimaliger Gewinner des Canadian Folk Music Award.

Die obligatorischen Songtexte sind im Booklet natürlich auch fast alle nachzulesen. Bis auf die Songtexte ist alles in englischer, deutscher und französischer Sprache verfasst. Allein sich dieses schön produzierte Booklets anzuschauen, macht schon sehr viel Freude, zumal zu jedem Songtexte auch noch ein paar Gedanken und Hintergrundinfos gegeben werden. Dies alles ist sehr schön gemacht und stimmt bestens auf die eigentliche CD ein.

Eric Bibb, der heute überwiegend in Europa lebt, wurde in seiner Jugend durch die Blues- und Folkmusik geprägt und hat im Laufe seiner Karriere u. a. schon mit so großen Musikern wie Ray Charles, John Mayall, Bonnie Raitt, Charlie Musselwhite und Taj Mahal zusammengearbeitet. Auf seinem neuen Werk nimmt er sich eines aktuell die Menschen bewegenden Themas an. Wie der Titel „Migration Blues“ schon vermuten lässt, liegen ihm die Flüchtlinge und die diesen Menschenströmen zugrunde liegenden Fluchtursachen am Herzen. Zitat Eric Bibb: „Mit diesem Album möchte ich uns alle ermutigen, unseren Verstand und unsere Herzen weit zu öffnen für die andauernde Notlage von Flüchtlingen überall. Wie die Geschichte zeigt, stammen wir alle von Menschen ab, die irgendwann einmal weiterziehen mussten.“

So handeln seine Songs vom einfachen Leben im Delta („Diego’s Blues“) und von Flucht und Vertreibung („Delta Getaway“, „Four Years, No Rain“, ein Song, von dem Bibb selbst sagt, dass er alles auf den Punkt bringt), angefangen in den 20’er Jahren des letzten Jahrhunderts, als aus wirtschaftlicher Not heraus, Menschen aus den armen Südstaaten, auf der Suche nach einem lebenswerteren Dasein, in den reicheren Norden der USA auswanderten, bis hin zu den Bootsflüchtlingen heutzutage („Prayin‘ For Shore“ mit Big Daddy Wilson als Gastsänger im Hintergrund).

Das Album umfasst insgesamt 15 Tracks, drei davon sind, für das Album recht fröhliche, reine Instrumentalstücke: „Migration Blues“ ist ein Mundharmonika untermaltes Duett aus einer 12-seitigen Resonatorgitarre, gespielt von Bibb und einer 12-seitigen Slidegitarre, gespielt von Browne. Ein schönes Mundharmonika-betontes (JJ Milteau)  Cajun-Traditional ist „La Vie, C’est Comme Un Oignon“, zusätzlich instrumentiert mit Fiddel und Cajun-Triangel, die von Michael Jerome Browne betätigt werden. Auf „Postcard From Booker“ brilliert Eric Bibb allein auf einer Booker-Gitarre. Die übrigen Songs des Albums sind größtenteils eher melancholisch und stimmen nachdenklich, vermitteln mitunter aber auch ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht („Brotherly Love“ & „Mornin’ Train“, ein Spiritual mit Ulrika Bibb als zweite Stimme) auf eine bessere Zukunft bis nach dem Tod.

Musikalisch gibt es auf der CD puren Delta-Blues mit sehr deutlichen Folk- bzw. Countryeinflüssen zu hören, alle Stücke größtenteils im Fingerpicking-Stil. Der gesamte Silberling ist daher auch sehr zurückhaltend und feinfühlig mit Akustik-Saiteninstrumenten arrangiert, wodurch Bibb’s Stimme und seine Fingerpicking-Technik sehr prägnant zur Geltung kommen und teilweise an Taj Mahal („We Had To Move“) erinnern. Außerdem verzichtet Bibb bei den Arrangements, von zwei Ausnahmen abgesehen („Delta Getaway“ & „With A Dolla‘ In My Pocket“), auf ein Schlagzeug. Dafür spielen Bibb und Browne abwechselnd 12-seitige Gitarren, Tenorgitarre, Baritongitarre, Resonatorgitarre, Slidegitarre, Banjo und Mandoline, während Milteau fast jeden der Songs auf seiner Mundharmonika begleitet.

Es ist sicherlich kein Album mit viel Gute-Laune-Musik, dafür aber mit sehr feinem Gitarrenspiel. Man muss sich in Ruhe auf die Musik einlassen. Also macht man es sich am besten zu Hause im Sessel bequem, setzt die Kopfhörer auf, vertieft sich in die Songtexte und fühlt jede einzelne Vibration der von Eric Bibb und Michael Jérôme Browne gezupften bzw. geschlagenen Saiten sowie die Schwingungen der einfühlsam von JJ Milteau gespielten Mundharmonika. Liebhaber des Delta-Blues sollten die Scheibe auf jeden Fall in der Sammlung haben.

Line-Up:
Eric Bibb (vocals, guitar, banjo)
Michael Jérôme Browne (guitar, fiddle, mandoline, cajun triangle)
JJ Milteau (harmonica)
Olle Lindner (drums on „Delta Getaway“ & „With a Dolla‘ In My Pocket“)
Bis Daddy Wilson (background vocals on „Prayin‘ For Shore“)
Ulrika Bibb (background vocals on „Mornin‘ Train“)

Dixiefrog Records (2017)
Stil: Delta Blues

01. Refugee Moan
02. Delta Getaway
03. Diego’s Blues
04. Prayin‘ For Shore
05. Migration Blues
06. Four Years, No Rain
07. We Had To Move
08. Masters Of War
09. Brotherly Love
10. La Vie C’estcomme Un Oignon
11. With A Dolla‘ In My Pocket
12. This Land Is Your Land
13. Postcard From Booker
14. Blacktop
15. Mornin‘ Train

Eric Bibb
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Michael Jerome Browne
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J.J. Milteau
H’ART Musik-Vertrieb GmbH

Samantha Fish – Chills & Fever – CD-Review

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Mit ihrem neuen Werk „Chills & Fever“ legt die 28-jährige Bluessängerin aus Kansas-City, deren Liebe eigentlich dem einfachen und rauen Rock ’n‘ Roll gehört, ein R&B-Album vor, mit dem sie ihre musikalische Vielfältigkeit unter Beweis stellt.

Es ist ein Album, welches so ganz anders ist als z. B. ihr Erstlingswerk „Runaway“ aus dem Jahre 2012, für das sie immerhin in Memphis den Blues Music Award für das „Best New Artist Debüt“ bekam. Während „Runaway“ und die beiden Nachfolgealben „Black Wind Howlin“ und „Wild Heart“ rockig-bluesig waren, ist „Chills & Fever“ ganz offenkundig eine Hommage an den Soul und Rhythm & Blues vergangener Zeiten. Es ist eine energiegeladene Scheibe mit tollen Bläserarrangements, aber auch Einflüssen aus dem Blues.

Eingespielt hat Samantha Fish das Album in der Musikmetropole Detroit, in der auch das legendäre Soul-Label „Motown Records“ beheimatend war, zusammen mit Producer Bobby Harlow und tatkräftiger Unterstützung von Mitgliedern der Garage-Rocker „Detroit Cobras“, einer Band, die ihre Anhänger in der Punk- und Blues-Szene des Mittleren Westens der Staaten hat. Außerdem zeichnen sich Mark Levon (Trompete) und Travis Blotzky (Saxophon) für die Bläsereinlagen verantwortlich.

Alle 14 Songs des Album sind mehr oder weniger bekannte Blues- und Soul-Klassiker aus der Feder so bekannter Legenden wie z. B. Jackie DeShannon, Jerry Ragavoy, Bert Berns und Allen Toussaint. Sanantha Fish hat die Stücke neu arrangiert und bietet sie herzergreifend frisch dar. Die Nummern zünden mal flott mit souligen Bläsern („He Did It“, „Somebody’s Always Trying“), dann wieder funky und rhythmisch („It’s Your Voodoo Working“) oder fröhlich mitreißend („I’ll Come Running Over“) und mit schönen Tempowechseln („Little Baby“), bis hin zu mehr R ’n‘ B lastigen Tracks wie z. B. „Crow Jane“.

Samantha Fishs Stimme, angesiedelt zwischen Mezzosopran und Alt, kommt immer klar und sauber rüber, stilistisch vielfach erinnernd an Amy Winehouse: etwas lasziv wie auf dem saxophonakzentuierten Titelsong „Chills & Fever“, relaxed bei den beiden, an Barsongs anmutenden Stücken „Hello Stranger“ und „You’ll Never Change“ oder schmachtend bei dem etwas düsteren „Either Way I Lose“. Dass Samantha Fishs musikalische Wurzeln aber im Rock & Roll und damit auch im Blues liegen, wird spätestens dann deutlich, wenn in den Songs immer wieder ihre bluesgeladene Leadgitarre aufblitzt und sich mit wohlarrangierten Bläsersätzen abwechselt, die mal treibend und mal untermalend die Charakteristik der Songs bestimmen.

Und natürlich gibt es auch schöne Blues-angehauchte Stücke auf der Scheibe. Die Titel „Never Gonna Cry“, „Nearer To You“ und „Hurt’s All Gone“ stehen dafür. Insgesamt ist es eine Gute-Laune-CD mit vielen schwungvollen und tanzbaren Songs (u. a. „You Can’t Go“) von der Smantha Fish selbst sagt, dass sie im Studio einen Mordsspaß bei der Aufnahme der CD hatte und sich dabei so authentisch wie nie zuvor gefühlt habe. Und dieses Feeling kommt auf dem Album wunderbar rüber, nicht zuletzt auch wegen der, an den Rhythm & Blues der 60’er und 70’er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnernden Bläser und der kantigen Intensität der Lieder.

Für Fans dieses Genres ist die Scheibe definitiv ein Muss und sollte in keiner Musiksammlung fehlen, für alle anderen gilt: Hört euch die Scheibe zumindest mal an, es lohnt sich absolut!

Line-Up:
Samantha Fish (Vocals, lead Guitar)
Joe Mazzola (Rhythm Guitar)
Steve Navara (Bass Guitar)
Kenny Tudrick (Drums)
Bob Mervak (Electric piano)
Marc Levron (Trumpet)
Travis Blotzky (Saxophone)

Review: Jörg Schneider

Ruf Records (2017)
Stil: Blues Rock & More

01. He Did It
02. Chills & Fever
03. Hello Stranger
04. It’s Your Voodoo Working
05. Hurt’s All Gone
06. You Can’t Go
07. Either Way I Lose
08. Never Gonna Cry
09. Little Baby
10. Nearer To You
11. You’ll Never Change
12. Crow Jane
13. Somebody’s Always Trying
14. I’ll Come Running Over

Samantha Fish
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Ruf Records