Eric Bibb – Migration Blues – CD-Review

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Das erste, was an der neuen CD von Eric Bibb auffällt, ist das edel wirkende und fotografisch hochwertig in s/w gestaltete und mit leichter Sepiatonung gedruckte Hochglanz-Cover. Dazu gesellt sich ein feines Booklet in ebensolcher Qualität mit einleitenden Worten von Eric Bibb und seinen Mitstreitern J.J. Milteau, einem französischen Bluessänger und Mundharmonikaspieler, sowie Michael Jerome Browne, dreimaliger Gewinner des Canadian Folk Music Award.

Die obligatorischen Songtexte sind im Booklet natürlich auch fast alle nachzulesen. Bis auf die Songtexte ist alles in englischer, deutscher und französischer Sprache verfasst. Allein sich dieses schön produzierte Booklets anzuschauen, macht schon sehr viel Freude, zumal zu jedem Songtexte auch noch ein paar Gedanken und Hintergrundinfos gegeben werden. Dies alles ist sehr schön gemacht und stimmt bestens auf die eigentliche CD ein.

Eric Bibb, der heute überwiegend in Europa lebt, wurde in seiner Jugend durch die Blues- und Folkmusik geprägt und hat im Laufe seiner Karriere u. a. schon mit so großen Musikern wie Ray Charles, John Mayall, Bonnie Raitt, Charlie Musselwhite und Taj Mahal zusammengearbeitet. Auf seinem neuen Werk nimmt er sich eines aktuell die Menschen bewegenden Themas an. Wie der Titel „Migration Blues“ schon vermuten lässt, liegen ihm die Flüchtlinge und die diesen Menschenströmen zugrunde liegenden Fluchtursachen am Herzen. Zitat Eric Bibb: „Mit diesem Album möchte ich uns alle ermutigen, unseren Verstand und unsere Herzen weit zu öffnen für die andauernde Notlage von Flüchtlingen überall. Wie die Geschichte zeigt, stammen wir alle von Menschen ab, die irgendwann einmal weiterziehen mussten.“

So handeln seine Songs vom einfachen Leben im Delta („Diego’s Blues“) und von Flucht und Vertreibung („Delta Getaway“, „Four Years, No Rain“, ein Song, von dem Bibb selbst sagt, dass er alles auf den Punkt bringt), angefangen in den 20’er Jahren des letzten Jahrhunderts, als aus wirtschaftlicher Not heraus, Menschen aus den armen Südstaaten, auf der Suche nach einem lebenswerteren Dasein, in den reicheren Norden der USA auswanderten, bis hin zu den Bootsflüchtlingen heutzutage („Prayin‘ For Shore“ mit Big Daddy Wilson als Gastsänger im Hintergrund).

Das Album umfasst insgesamt 15 Tracks, drei davon sind, für das Album recht fröhliche, reine Instrumentalstücke: „Migration Blues“ ist ein Mundharmonika untermaltes Duett aus einer 12-seitigen Resonatorgitarre, gespielt von Bibb und einer 12-seitigen Slidegitarre, gespielt von Browne. Ein schönes Mundharmonika-betontes (JJ Milteau)  Cajun-Traditional ist „La Vie, C’est Comme Un Oignon“, zusätzlich instrumentiert mit Fiddel und Cajun-Triangel, die von Michael Jerome Browne betätigt werden. Auf „Postcard From Booker“ brilliert Eric Bibb allein auf einer Booker-Gitarre. Die übrigen Songs des Albums sind größtenteils eher melancholisch und stimmen nachdenklich, vermitteln mitunter aber auch ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht („Brotherly Love“ & „Mornin’ Train“, ein Spiritual mit Ulrika Bibb als zweite Stimme) auf eine bessere Zukunft bis nach dem Tod.

Musikalisch gibt es auf der CD puren Delta-Blues mit sehr deutlichen Folk- bzw. Countryeinflüssen zu hören, alle Stücke größtenteils im Fingerpicking-Stil. Der gesamte Silberling ist daher auch sehr zurückhaltend und feinfühlig mit Akustik-Saiteninstrumenten arrangiert, wodurch Bibb’s Stimme und seine Fingerpicking-Technik sehr prägnant zur Geltung kommen und teilweise an Taj Mahal („We Had To Move“) erinnern. Außerdem verzichtet Bibb bei den Arrangements, von zwei Ausnahmen abgesehen („Delta Getaway“ & „With A Dolla‘ In My Pocket“), auf ein Schlagzeug. Dafür spielen Bibb und Browne abwechselnd 12-seitige Gitarren, Tenorgitarre, Baritongitarre, Resonatorgitarre, Slidegitarre, Banjo und Mandoline, während Milteau fast jeden der Songs auf seiner Mundharmonika begleitet.

Es ist sicherlich kein Album mit viel Gute-Laune-Musik, dafür aber mit sehr feinem Gitarrenspiel. Man muss sich in Ruhe auf die Musik einlassen. Also macht man es sich am besten zu Hause im Sessel bequem, setzt die Kopfhörer auf, vertieft sich in die Songtexte und fühlt jede einzelne Vibration der von Eric Bibb und Michael Jérôme Browne gezupften bzw. geschlagenen Saiten sowie die Schwingungen der einfühlsam von JJ Milteau gespielten Mundharmonika. Liebhaber des Delta-Blues sollten die Scheibe auf jeden Fall in der Sammlung haben.

Line-Up:
Eric Bibb (vocals, guitar, banjo)
Michael Jérôme Browne (guitar, fiddle, mandoline, cajun triangle)
JJ Milteau (harmonica)
Olle Lindner (drums on „Delta Getaway“ & „With a Dolla‘ In My Pocket“)
Bis Daddy Wilson (background vocals on „Prayin‘ For Shore“)
Ulrika Bibb (background vocals on „Mornin‘ Train“)

Review: Jörg Schneider

Dixiefrog Records (2017)
Stil: Delta Blues

01. Refugee Moan
02. Delta Getaway
03. Diego’s Blues
04. Prayin‘ For Shore
05. Migration Blues
06. Four Years, No Rain
07. We Had To Move
08. Masters Of War
09. Brotherly Love
10. La Vie C’estcomme Un Oignon
11. With A Dolla‘ In My Pocket
12. This Land Is Your Land
13. Postcard From Booker
14. Blacktop
15. Mornin‘ Train

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J.J. Milteau
H’ART Musik-Vertrieb GmbH

Davy Knowles – Three Miles From Avalon – CD-Review

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Der von der Isle of Man stammende, aber mittlerweile in Chicago lebende Davy Knowles hat mir, ob in Verbindung mit Back Door Slam oder, wie jetzt seit geraumer Zeit, komplett auf eigenen Füßen, schon immer richtig gut gefallen.

Sein exorbitant starkes, übrigens sich größtenteils selbst beigebrachtes Gitarrenspiel, seine Gabe, instrumentell anspruchsvolle und doch eingängige Songs, manchmal auch mit dezentem Southern-Touch, zu schreiben, und vor allem sein starker Gesang (in der Blues-/Blues Rock-Szene ja eher rar), konnten mich schon immer begeistern. Leider hatte ich bis dato nie die Gelegenheit, mal ein Review zu verfassen.

Bei seinem neuen, brandaktuellen Werk „Three Miles From Avalon“, habe ich die Gelegenheit, dann mal am Schopfe gepackt und um ein Rezensionsexemplar gebeten. Schon wenige Stunden später hatte mich der Protagonist, vorbildlicher Weise zu meiner großen Freude, eigens mit Files und den entsprechenden Credits versorgt.

Sein neues Album (übrigens sehr gelungenes, Linolschnitt-artiges Coverbild von Dan Georgopoulos) ist in guter, alter LP-Manier konzipiert. Jeweils eine A- und B-Seite mit vier Stücken, also insgesamt acht neue Tracks. Produziert, als ein echtes Klangerlebnis, hat Davy in Zusammenarbeit mit Anthony Gravino, der auch noch im Background singt und Percussionarbeit mitleistete.

Der erst 29-jährige tritt mit dem satten Opener „Ain’t Much Of Nothin’“ direkt vehement aufs Gaspedal. Hört sich an, als wenn er Acts wie Bad Company (Davy mit Paul Rodgers-Timbre in der Stimme), Rory Gallagher und Whitesnake zu einer Session um sich versammelt hätte. Tolles Stück!

Das herrlich rhythmisch groovende „What You’re Made Of“ erhält durch die starken Backgroundvocals des Chicagoer Damen Trios ‚The Oh Yeahs‘ einen gewissen Southern-Esprit. Als weitere Musiker sind übrigens noch Bryan Doherty (bass guitar, vocals), Michael Caskey (drums), Meghann Wilkinson (additional Percussion) und Andrew Toombs (Wurlitzer, hammond organ) mit vertreten.

Gerade letztgenannter Andrew Toombs, weiß mit seinem filigranen Tastenspiel neben Knowles die auffälligsten Akzente zu setzen, wie auch beim nachfolgenden wunderschönen Slow Blues „Falling Apart“ (herrlich das grandiose Finale mit raunzender Orgel und übergelegtem quirligen E-Gitarrenspiel). Der Slide-bestückte Stampfer „Never Gonna Be The Same“ beendet eine furiose A-Seite.

“Gov’t Row” mit zwei starken E-Soli wie auch das Southern-gospelige „Oxford, Ms“ (A-capella Intro mit Handclaps, unterschwelliger Delta Blues-Touch), das atmosphärische und von leichter Melancholie umwehte Titelstück „Three Miles From Avalon“ sind dann die starken Vorboten für das absolute Highlight und abschließende Finale: “What In The World“, eine Willie Dixon-Nummer, ein regelrechter ‚Mörder-Slow Blues‘.

Das Stück erinnert mich in seiner Art an verwandte Songs wie Claptons „Double Trouble“, „Old Love“ oder „Same Old Blues“ und auch andere Klassiker wie „Thrill Is Gone“ oder „Blue Jean Blues“. 12 Minuten vom Feinsten mit ausgiebigen Killer-Soli von Toombs und Davy. Jedes weitere Lied hätte danach nur verlieren können, somit die richtige Entscheidung, das Werk hier und jetzt zu beenden und den überwältigten Zuhörer in seiner Ehrfurcht zu belassen.

Davy Knowles „Three Miles From Avalon“ bietet modernen Blues Rock in nahezuer Perfektion. Die knapp vierzig Minuten vergehen wie im Fluge. Der gebürtige Brite hat auch ein Southern Rock-Magazin wie unseres, voll in seinen Bann gezogen. Großes Kino! Demnach ein absoluter Pflichtkauf für Rockmusik-Liebhaber aller Coleurs! Ach ja lieber Davy, wann dürfen wir dich denn eigentlich mal in Deutschland auf den einschlägigen Bühnen des Genres begrüßen?

WYAN (2016)
Stil: Blues Rock

01. Ain’t Much Of Nothin‘
02. What You’re Made Of
03. Falling Apart
04. Never Gonna Be The Same
05. Gov’t Row
06. Oxford, Ms
07. Three Miles From Avalon
08. What In The World

Davy Knowles
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The Delta Saints – A Bird Called Angola – EP-Review

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Ich hatte mir, als ich das Bild der fünf jungen Burschen von den Delta Saints gesehen habe und noch deren Ursprungsort Nashville zur Kenntnis genommen hatte, unter ihrer Musik, ehrlich gesagt, etwas ganz anderes vorgestellt. Ich war davon ausgegangen, dass irgendein findiger Scout, Produzent oder Labelinhaber aus Music City die Idee gehabt hatte, den Delta-Blues mittels einer frischen, unverbrauchten, dynamischen Band für die jüngere Generation zu öffnen, bzw. dadurch ein wenig massenkompatibler zu gestalten.

Eine etwas peppigere musikalische Aufmachung, vielleicht mit eingebauten Harmoniegesängen, mehr E-Gitarren, Keyboards, weiblichen Backs, ähnlich wie man das angestaubte, traditionelle Country-Genre damals in das wesentlich abwechslungsreichere New Country-Gefilde überführt hatte oder so. Passionierten Bluesern wird es allein bei diesem Gedanken vermutlich schon eiskalt den Rücken runter laufen.

Aber ich kann diese Klientel beruhigen, nichts von dem ist bei den Delta Saints, bestehend aus Ben Ringel – lead vocals / guitar, Dylan Fitch – lead guitar, David Supica – bass, Ben Azzi – drums und Greg Hommert – harp, passiert. Die gehen auf ihrer neuen EP „A Bird Called Angola“ an das Grundschema des Delta-Blues‘ zwar mit jugendlichem Elan heran, verzichten dabei aber auf jeden kommerziellen Hintergedanken.

Ganz im Gegenteil, durch das Einfließenlassen diverser Retroelemente wie psychedelische Rockanleihen à la Led Zeppelin/Doors & Co., wird die gebotene Kost sogar eher noch schwerer verdaulich. Ben Ringels aggressiver Gesang, Greg Hommerts Delta-Blues-typische Quäk-Harp und eine voluminöse, kräftige Rhythmusabteilung geben hier den durchgehend recht harsch geführten Ton an.

Blues-Freunden, die sich ja traditionell gerne an Dingen der Vergangenheit festklammern, dürfte von daher besonders diese o.a. Kombination viel Freude bereiten. Jene, da bin ich mir relativ sicher, werden sich diesen Flattermann namens Angola mit großem Genuss einverleiben.

Über die Delta Saints-Website kann man unter dem Button ‚Records‘ auf die Songs von „A Bird Called Angola“ und auch auf die der Vorgänger-EP mittels bandcamp.com in voller Länge zugreifen und sich so eine solide Grundlage für die Kaufentscheidung schaffen.

Eigenproduktion (2011)
Stil: (Delta) Blues Rock

01. Bird Called Angola
02. Good In White
03. Company Of Thieves
04. Callin‘ Me Home
05. Swamp Groove
06. Voodoo Walk

The Delta Saints
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Teenage Head Music