Kelsey Waldon – White Noise/White Lines – CD-Review

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Review: Michael Segets

Kelsey Waldon ist mir das erste Mal als Duettpartnerin von JP Harris bei „If I Were A Carpenter“ aufgefallen. Die in Nashville lebende Dame aus Kentucky zog auch die Aufmerksamkeit von John Prine auf sich. Im letzten Jahr begleitete sie ihn auf seiner Tour und spielte mit ihm zwei Songs unter dem Titel „The Kentucky Sessions“ ein. Prine adelte sie schließlich damit, dass er Waldon für sein Label Oh Boy Records unter Vertrag nahm.

„White Noise/White Lines“ ist ihr drittes Studioalbum, auf ihm hat Waldon alle Stücke selbst geschrieben. Gesangstechnisch leistet Waldon hervorragende Arbeit. Vor allem auf „My Epithaph“ zeigt sich ihr Gesang sehr variabel und wechselt zwischen edgy und Passagen, in die Waldon eine gewisse Tiefe bringt. Die Ballade ist Schluss- und zugleich Höhepunkt der CD.

Aber auch der Einstieg mit „Anyhow“ kann sich hören lassen. Der ersten Single gibt Waldon eine rockige Note, bei der dennoch viel Twang durch ihren nasalen Gesang mitschwingt. Sehr gelungen sind ebenfalls die beiden erdigen Folk-Country-Nummern „Lived And Let Go“ und „Black Patch“. Erstere ist mit akustischer Gitarre eher sparsam instrumentalisiert. Mit Geige, Slide und eingängiger Hookline der E-Gitarre schafft Waldon mit dem zweiten Song einen richtig schönen, runden Schunkler.

Eine starke E-Gitarre zeichnet ebenfalls das Titelstück „White Noise, White Lines“ aus. Das experimentelle Ende mit indianischen Trommeln und Gesängen schmälert allerdings das Vergnügen ein Wenig. Durch das Tracksplitting besser gelöst sind die beiden Sprech- beziehungsweise Banjo-Intermezzi „Kentucky (Interlude)“ und „Run (Interlude)“, die gegebenenfalls übersprungen werden können.

Die Country-Songs „Kentucky“ und „Run Away“ folgen bekannten Mustern und bleiben nicht so richtig im Gedächtnis, obwohl sie nicht schlecht gemacht sind. Gleiches gilt für das flotter angelegte „Very Old Barton”. Mit auffälligem Basslauf und trocken treibendem Schlagzeug hat „Sunday’s Children“ da ein anderes Songwriting-Kaliber.

Kelsey Waldon reiht sich mit „White Noise, White Lines“ in die Riege der neuen Generation von Country-affinen Ladies – wie den zuletzt bei SoS besprochenen Eileen Jewel, Leslie Stevens oder The Highwomen – ein. Tendenziell eher traditionsverbundene Titel stehen dabei neben Songs, mit denen sie ihre Eigenständigkeit beweist. Auch als Sängerin hat Waldon Potential, dass sie bei vor allem bei den Balladen ausspielt.

Oh Boy Records/Thirty Tigers (2019)
Stil: Country

Tracks:
01. Anyhow
02. White Noise, White Lines
03. Kentucky (Interlude)
04. Kentucky
05. Lived And Let Go
06. Black Patch
07. Run (Interlude)
08. Run Away
09. Sunday’s Children
10. Very Old Barton
11. My Epitaph

Kelsey Waldon
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Ian Noe – Between The Country – CD-Review

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Review: Michael Segets

Auf Ian Noes Facebook-Seite findet sich eine akustische Version von Bruce Springsteens „Born In The USA“, bei der er den Song gelungen und eigenständig interpretiert. Nicht nur deshalb habe ich den jungen Singer/Songwriter aus Beattyville, einem kleinen Dorf in Kentucky, direkt ins Herz geschlossen. Der gewichtigere Grund dafür liegt in der herausragenden Outlaw-Ballade „Letter To Madeline“, die mich beim ersten Hören gepackt hat und mich seitdem nicht mehr loslässt. Tragischer Text, stimmige Gitarrenbegleitung und der Background-Gesang von Savannah Conley, der an den richtigen Stellen einsetzt, machen den Song zu einem intensiven Erlebnis.

Auch bei den anderen Stücken auf „Between The Country“ glänzt Noe mit poetischen Texten, die er mit eingängigen Melodien versieht. Mit wenigen Mitteln erzeugen sie viel Atmosphäre. Die Wurzeln in der Storyteller-Tradition amerikanischer Folk-Singer scheinen auf der CD deutlich durch. Noes Songs erinnern bei den Videos seiner Solo-Performances an die frühen von Bob Dylan.

Mit Band eingespielt treten die Bezüge zwar etwas in den Hintergrund, sie sind aber auf „Barbara’s Song“, „If Today Doesn’t Do Me In“ oder dem Titeltrack „Between The Country“ immer noch hörbar. Vor allem bei dem letztgenannten Stück zahlt sich der Einsatz der Band aus, da sie dem Refrain eine besondere Dynamik verleiht.

Die Qualität des Songwritings hätte sicherlich auch ermöglicht, ein akustisches Folk-Album aufzunehmen. Die Entscheidung, dies nicht zu tun, sondern die Möglichkeiten einer breiteren Instrumentierung zu nutzen, war gut. So gewinnt „Loving You“ durch die Klavierbegleitung von Adam Gardner, der auch den Bass beisteuert, sowie die Percussion des Schlagzeugers Chris Powell. Auf „Junk Town“ singt Savannah Conley nochmals stimmungsvolle Harmonien. Dave Cobb unterstützt Noe zudem mit akustischer und elektrischer Gitarre.

Mit Cobb holte sich Noe einen renommierten Produzenten ins Boot, der bereits mit Jason Isbell, Shooter Jennings, Chris Stapleton, Colter Wall und Whiskey Myers zusammenarbeitete. Die Songs des Longplayers wurde auf den Punkt in Szene gesetzt, sodass sie sich auf die Kraft der Kompositionen konzentrieren.

Der Hall, mit dem Stimme und Gitarre bei „Dead On The River (Rolling Down)“ versehen sind, lässt Assoziationen zu Neil Young aufkommen. Der Titel zählt ebenso wie der düstere Drogen-Song „Meth Head“ und das mit leichtem Country-Einschlag versehene „Irene (Ravin‘ Bomb)“ zu meinen Favoriten, die dem eingangs gefeierten „Letter To Madeline“ nur wenig nachstehen.

Ian Noe legt nach der EP „Off The Mountaintop” (2017) mit „Between The Country” seinen ersten Longplayer vor. Mit seinem Debütalbum zählt Ian Noe für mich zu den Newcomern des Jahres. Die zehn Tracks auf „Between The Country“ fügen sich zu einem stimmigen Werk zusammen, das die Singer/Songwriter-Tradition atmet und diese in einem zeitgemäßen Update fortführt.

Das unaufgeregte Arrangement der schönen Melodien in Verbindung mit den lyrischen Texten prägt sämtliche Stücke der CD, die einige hervorstechende Titel bereithält. „Between The Country“ kann sich daher mit den Klassikern des Genres messen und weckt die Hoffnung, dass Ian Noe zukünftig noch viele Geschichten zu erzählen hat.

National Treasury Recordings/Thirty Tigers (2019)
Stil: Americana

Tracks:
01. Irene (Ravin‘ Bomb)
02. Barbara’s Song
03. Junk Town
04. Letter To Madeline
05. Loving You
06. That Kind Of Life
07. Dead On The River (Rolling Down)
08. If Today Doesn’t Do Me In
09. Meth Head
10. Between The Country

Ian Noe
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Montgomery Gentry – Folks Like Us – CD-Review

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Die „rockin‘ Southern Country-Recken“ endlich mit einem neuen Album! „Folks Like Us“ ist das nunmehr 8. Studiowerk des beliebten Duos Troy Gentry und Eddie Montgomery, und, wow, was hat diese Scheibe für eine Power, was rocken die los. Countryrock-Dampf pur! Erneut ist es die beeindruckende Konstanz in der Qualität ihrer Leistungen, die auch diesen Longplayer auszeichnet. Es gibt nir wenige Interpreten in der Szene, die über so viele Jahre konsequent ihren Stil durchziehen und ein Album nach dem nächsten, ohne einen einzigen Hänger, auf höchstem Level abliefern.

Auch auf „Folks Like Us“ bleiben sich die beiden, ursprünglich aus Kentucky stammenden Freunde treu und scheren sich einen Kehricht um die aktuellen, kommerziellen Trends in Music City. Sie machen einfach da weiter, wo sie vor vier Jahren mit „Rebels On The Run“ aufgehört haben und ziehen ihren auf unterschiedlichen Gesangscharakteren aufgebauten Southern Country Rock ohne Kompromisse durch.

Produziert hat wieder Michael Knox, bekannt vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Jason Aldean. Mit Rich Redmond (Drums), Tully Kennedy (Bass) und Kurt Allison (Electric guitar) ist gleich auch Aldeans Begleitband mit am Start, unterstützt von weiteren Klassemusikern wie Adam Shoenveld (Electric guitar), Mike Johnson (Steel), Tony Harrell (Keyboards), Danny Radar (Acoustic guitar, Banjo), John Willis (Acoustic guitar, Bouzouki, Banjo) und den Backgroundsängern/-innen Perry Coleman, Tania Hancheroff und Shalacy Griffin.

Wie so oft, ist mit Chris Robertson, Frontmann der Rockband Black Stone Cherry, ein prominenter Gast an Bord, der auf dem großartigen, swampigen, genauso harten, wie melodischen „Back On A Dirt Road“ einen furiosen (Gesangs-) Dreier mit den beiden Hauptprotagonisten hinlegt. Beeindruckend ist die unglaubliche Wucht, die Knox diesmal in die Produktion gelegt hat, mit der das Duo aber erstaunlich gut klar kommt.

Der Sound bleibt trotz der fetten Drums-/Bass-Power von Redmond und Tully sowie den furios aufspielenden E-Gitarristen Allison und Shoenveld (fette Rhythmusarbeit, klasse Fills, tolle Soli) immer transparent und klar. Dadurch sind die vielen feinen Ergänzungstupfer mittels Orgel und Saiteninstrumenten sowie Akustikgitarre, Banjo und Bouzouki jederzeit deutlich wahrnehmbar. Es lässt die Musik von Montgomery Gentry, auch ohne große neuzeitliche Effekte, noch frischer und moderner wirken. Ganz starker Job von Knox!

Erwähnenswert natürlich auch wieder die gute Songauswahl (kreiert durch alles, was Rang und Namen in Nashvilles Songwriter-Riege hat – u. a.Wendell Mobley, Brett James, Jeffrey Steele, Brett Beavers, Chris Stapleton, David Lee Murphy, Russ Copperman), die dem Duo wie auf den Leib geschnitten erscheint.

Vom Opener „We Were Here“ (Power-Midtempostück mit dezenter Heartland-Note), über das in Aldean-Manier gebrachte „Headlights“, der schönen, richtig knackigen, southern-mässigen Country (Rock) Ballade „In A Small Town“ (herrliche Slide guitar, echter Ohrwurm), bis zum finalen „That’s Just Living“ (ein Song über die Höhen und Tiefen des Lebens – und gerade Eddie Montgomery kann nach überstandenem Prostata-Krebs, Scheidung seiner Ehe und der abrupten Schließung seiner Restaurants ein Lied davon singen…), bekommt man im Prinzip genau den Stoff, den man beim Erwerb eines MG-Albums auch erwartet.

Das wundervolle „Two Old Friends“, der southern-rockige Titelsong „Folks Like Us!“, das nachdenkliche, aber mit positiver Energie gebrachte „Pain“, sowie das flippige, Big & Rich-typische „Hillbilly Hippies“, und auch das wunderbar atmosphärische „Better For It“ (klasse Stimmungs- und Tempovariation, herrlicher Orgelhall, Steeltupfer, Harmoniegesänge, bluesiges E-Gitarren-Solo) überzeugen auf ganzer Linie. In der Regel werden bei den meisten Tracks die Strophen von Bariton Eddie Montgomery übernommen, während Tenor Troy Gentry vornehmlich in den Powerrefrains seine Akzente setzt. Das passt immer wieder gut zusammen und ist sicher auch ein Grundbaustein ihres Erfolges.

Montgomery Gentry präsentieren sich auch auf ihrem achten Werk „Folks Like Us“ in überragender Form und bleiben wohl seit dem Ende von Brooks & Dunn auf diesem Sektor weiter unangefochten die Nr. 1 in Nashville. Producer Michael Knox und die starken Musiker geben dem Duo diesmal dabei einen noch markanteren, entscheidenden Kick (nach vorne). Absolut begeisternder Stoff! Montgomery Gentry at their best!

Blaster Records (2015)
Stil: New Country

01. We Were Here
02. Headlights
03. In A Small Town
04. Back On A Dirt Road
05. Two Old Friends
06. Folks Like Us
07. Pain
08. Hillbilly Hippies
09. Better For It
10. That’s Just Living

Montgomery Gentry
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Bärchen Records