Bonnie Raitt – Dig In Deep – CD-Review

Bonnie_300

Nach Wynonna, die vor kurzem mit ihrer neuen Big Noise Band ein famoses Comeback in Sachen CD-Veröffentlichung hingelegt hatte, hat jetzt mit Bonnie Raitt eine weitere rothaarige Grand Dame der Country-/Blues Rockmusikgeschichte eine saustarke Scheibe herausgebracht. „Dig In Deep“ heißt das neue Werk der 1949 in Burbank, Kalifornien geborenen Musikerin mit den zwei auffallend hellen Strähne im vorderen Haaransatz.

Über Bonnie Raitt muss nicht viel erzählt werden. Mit ihren vielen Veröffentlichungen und Auszeichnungen seit ihrem Debüt 1971 (vom Rolling Stone ist das Mitglied der Rock And Roll und Blues Hall Of Fame in den Sparten Best Singer und Best Guitar Player Of All Time jeweils unter den Top 100 gelistet) ist die politisch engagierte Künstlerin zu einer der meist geachteten Country- und Blues (Rock) Musikerinnen auf dem ganzen Erdball emporgestiegen.

„Dig In Deep“ bietet im Prinzip ähnliche Kost wie der starke Vorgänger „Slipstream“. Gut die Hälfte an Raitt-Eigenkompositionen, mit INXS‘ „Need You Tonight“ (inkl. tollem Slide-, E-Gitarren- und Clavinet-Solo) ein markantes Coverstück, sowie einige stilvoll ausgesuchte Fremdkreationen angesehener Musikerkollegen und Songwriter.

Schon der flockige Opener „Unintended Consequence Of Love“ ist ein eindrucksvoller Hinweis auf die bestens harmonierende Chemie zwischen Bonnie und ihren Mitstreitern George Marinelli (guitars), James Hutchinson (bass), Ricky Fatar (drums, percussion), John Cleary (keys) und Michael Finnegan (hammond B3) im Studio. Klasse Rhythmusgrundlage durch Drums und pumpendem Bass, herrliches E-Piano in Verbindung mit Hammond B3, dazu Marinellis unaufdringliche gute E-Gitarrenarbeit und Bonnies Gesang und Slidekünste in einem lässig groovenden Song. Was will man mehr?

Auf der ruhigeren Seite befinden sich Sachen wie Pat McLaughlins „I Knew“, die schöne Ballade “All Alone With Something To Say“ und mein persönliches Lieblingslied der CD, das großartige, unter die Haut gehende atmosphärische „Undone“ aus der Feder von der, auch bei uns besprochenen Bonnie Bishop (man kann nur hoffen, dass damit auch ein wenig von Mrs. Raitts Glanz auf sie zurückfällt).

Im zügigeren Bereich verbreiten Lieder wie „What You’re Doin‘ To Me“ (HT-Flair, wieder klasse Zusammenspiel von Piano und Orgel), die furiose T-Bone Burnett-Uptempo-Nummer „Shakin‘ Shakin‘ Shakes“ (heulendes Slide-Solo, herrlicher Instrumentalausklang), die mit humorvollem Text gestaltete, rhythmische Single „Gypsy In Me“ über das ‚Unstetigsein‘ und das mit dezentem Stones-Flair versehene „The Comin‘ Round Is Going Through“ (schöner Titel!) gute Laune.

Am Ende gibt es noch zwei sparsame, fast Kammermusik-artig arrangierte Tracks. Zum einen das von filigranen Akustikgitarren und dezenter E-Gitarre umgarnte „You’ve Changed My Mind“ und zum anderen das nur von Bonnie und dem Keyboarder Patrick Warren vorgetragene melancholische „The Ones We Couldn’t Be“.

In Bonnie Raitts neues Werk „Dig In Deep“ lohnt es sich tief einzutauchen und regelrecht zu versinken. Purer Genuss garantiert! Produziert in einem angenehmen Klang hat (bis auf „You’ve Changed My Mind“ – Joe Henry) die Protagonistin selbst, dazu gibt es ein geschmackvolles Cover Artwork mit eingestecktem Booklet, das alle Texte und Infos beinhaltet. Ein Highlight in 2016!

Redwing Records (2016)
Stil: Southern Soul / Country Blues Rock

01. Unintended Consequence Of Love
02. Need You Tonight
03. I Knew
04. All Alone With Something To Say
05. What You’re Doin‘ To Me
06. Shakin‘ Shakin‘ Shakes
07. Undone
08. If You Need Somebody
09. Gypsy In Me
10. The Comin‘ Round Is Going Through
11. You’ve Changed My Mind
12. The Ones We Couldn’t Be

Bonnie Raitt
Bonnie Raitt bei Facebook
Redwing Records
Rattay Music

Joe Bonamassa – Blues Of Desperation – CD-Review

Bona_300

Neues Studioalbum des Blues Rock-Tausendsassas! Wenn es im Genre sowas wie Fleißkärtchen zu verteilen gäbe, stünde der 38-jährige, aus New Hartford stammende Musiker, sicher auch ganz vorne in der Reihe. Der Zögling eines Gitarrengeschäftbesitzers veröffentlicht ja, seit er zur Jahrtausendwende mit seiner Debüt-CD „A New Day Yesterday“ erstmals in Erscheinung trat, in verschiedensten Konstellationen (solo, Black Country Communion, mit Beth Hart) Tonträger fast wie am Fließband ab.

Mittlerweile schien dem bekennenden Rory Gallagher-Fan wohl die Zeit reif, wieder ein Solo-Album zu veröffentlichen. „Blues Of Desperation“ heißt das neue Werk und wurde, wie schon der Vorgänger „Different Shades Of Blue“ in Nashville samt Involvierung dortiger Musiker (u. a. Greg Morrow, Reese Wynans, Michael Rhodes) und Songwriter (Tom Hambridge, Jerry Flowers, Gary Nicholson, Jeffrey Steele) eingespielt. Für den Sound waren ebenfalls erneut Kevin Shirley und Roy Weisman verantwortlich.

Von Verzweiflung ist, bis auf den Titel, hier eigentlich nichts zu spüren. Bonamassa präsentiert sich, mit kleinen Abstrichen, in prächtiger Form und kann auf das Gesamtergebnis durchaus stolz sein. Sicherlich eine seiner stärksten Veröffentlichungen überhaupt! Schon der Opener „This Train“ brettert unter Führung von Morrows Polterdrums und Joes filigraner E-Gitarrenkunst wie ein wuchtiger Hochgeschwindigkeitszug durch den Raum. Reese Wynans grandioses Pianogeklimper und die herrlichen Backgroundvocals, von den auch im weiteren Verlauf immer wieder bestechend eingesetzten Sängerinnen Mahalia Barnes, Jade McRae und Juanita Tippins, bilden hier das Sahnehäubchen.

Der Song offeriert allerdings auch eine der kleinen Schwächen des Silberlings und zwar die Stimme des Protagonisten. Immer wenn er gegen kräftigere Soundgefüge ansingen muss, wirkt sein vokales Organ doch ein wenig dünnwandig und hölzern. Bei ruhigeren Tracks wie zum Beispiel dem wunderbar atmosphärischen, bestens als Untermalung für ein Roadmovie geeigneten „Drive“ (mit Peter Green-Flair Richtung „Albatross“/“Slabo Day“), dem grandiosen Slow Blues „No Good Place For The Lonely“ (könnte fast als eine Hommage an Gary Moores „Still Got The Blues“ durchgehen) oder dem dezent Country-angehauchten „The Valley Runs Low“ (klasse Akustikgitarre, soulige Harmoniegesänge) passt sie eigentlich dagegen sogar ganz gut.

Ein weiteres kleines Manko ist sein phasenweise zu dick aufgetragenes Gitarrenkönnen. Hallo Herr Bonamassa, wir wissen, dass Sie ein Saitenvirtuose sind! In manchen Stücken, sind mir persönlich die Soli zu übertrieben, zu lang, bzw. zu improvisationsfreudig geraten. Das mag vielen Leuten zwar besonders gefallen, im Studio finde ich es besser, wenn man Sachen einigermaßen kompakt auf den Punkt bringt. Gerade in Nashville, kennt man sich da doch bestens aus, wie man große Klasse auch ohne größeres Maß an Selbstdarstellung beweisen kann (die Herren Bukovac, Greenberg oder Mason mal als Referenzen angeführt). Aber im Blues Rock-Genre scheint es wohl ein unabdingbares Muss zu sein…

Bestes Beispiel der Titelsong: Aus ihm hätte man (wenn man die orientalischen Zwischenklänge weggelassen hätte) einen schönen straighten (Southern) Rocker machen können, der mit psychedelischem Flair überzogene Track wirkt aber mit mehreren ausgedehnten Frickel-Solo-Passagen jetzt insgesamt völlig überladen. „You Left Nothin‘ But The Bill And The Blues“ im Stile des guten alten Albert Collins dürfte den traditionelleren Blues-Anhängern Freude bereiten, während „How Deep This River Runs“ eher den Vertretern der jungen wilden Generation (Richtung Davy Knowles‘ Back Door Slam) zusagen dürfte.

Am Ende rücken bei „Livin‘ Easy“ und „What I’ve Known For A Long Time“ plötzlich bis dato nicht vorhandene Bläsereinlagen verstärkt in den Fokus des Geschehens. In Erstbenanntem versuchen E-Gitarre und Piano sich gegen ein ziemlich dominantes Saxophon zu stemmen, Letztgenanntes erscheint wie ein modernes (bläserbetontes) Update des guten alten „Stormy Monday Blues“. Hier kann Bonamassas Stimme (sh. Einwände oben) die Röhre eines Gregg Allman, die wunderbar auch zu diesem Track gepasst hätte, leider nicht kompensieren. Trotzdem ein stimmungsvoller Abschluss.

Meine (z. T. negativ klingenden) Anmerkungen sollen aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass „Blues Of Desperation“ wirklich von beeindruckendem Können geprägt ist und durchaus vielseitige und abwechslungsreiche Unterhaltung auf sehr hohem Niveau bietet. Also, keine Verzweiflung oder Panik, liebe Blues Rock-Gemeinde. Ihr dürft euren Joe (berechtigterweise) auch weiterhin in den Himmel heben!

Zur weiteren Einstimmung hier der Trailer zum Album, das am 25.03.2016 veröffentlicht wird.

Mascot Label Group (2016)
Stil: Blues Rock

01. This Train
02. Mountain Climbing
03. Drive
04. No Good Place For The Lonely
05. Blues Of Desperation
06. The Valley Runs Low
07. You Left Nothin‘ But The Bill And The Blues
08. Distant Lonesome Train
09. How Deep This River Runs
10. Livin‘ Easy
11. What I’ve Known For A Very Long Time

Joe Bonamassa
Joe Bonamassa bei Facebook
Netinfect Promotion

King King, 03.03.2016, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbilder

Line-up:
Alan Nimmo (Lead vocals, electric guitar)
Lindsay Coulson (Bass)
Wayne Proctor (Drums, backing vocals)
Bob Fridzema (Keys, backing vocals)

Konzertbericht bei unseren Freunden auf
Soundanalyse

King King
King King bei Facebook
Musiktheater Piano
3Dog Entertainment

Stevie Nimmo – Sky Won’t Fall – CD-Review

nimm

Nachdem ich, wie vor kurzem beschrieben, die beiden Nimmo-Brüder, was ihre Bühnenaktivitäten betrifft, schon recht ausführlich unter die Lupe genommen habe, ist es mir jetzt vergönnt, auch mal einen musikalischen Datenträger zu beleuchten.

Stevie Nimmo war nach fast sechs Jahren Abstinenz mal wieder im Studio und präsentiert uns auf seiner neuen CD „Sky Won’t Fall“ ein weiteres gelungenes Werk, nachdem er ja schon auf seinem Debüt „The Wynds Of Life“ eine überaus starke Leistung abgeliefert hatte. Der Silberling beinhaltet neun neue Eigenkompositionen von Stevie, die er zum Teil auch schon bei seinem Auftritt im Dortmunder Blue Notez vorgestellt hatte, plus einem gelungen Allman Brothers-Cover von „Gambler’s Roll“ von der damaligen „Seven Turns“-Platte.

Sämtliche Tracks sind dazu im Cover-Artwork mit kleinen ganz interessant zu lesenden Anekdoten zur Entstehung/Intention von ihm beschrieben. Der Opener „Chains Of Hope“ beginnt nach ein paar kurzen Instrumentalspielereien mit einem krachenden E-Gitarrenintro. Ein toller schwerer Southern Blues Rocker mit starkem Strat-Solo. Zu dem spricht er mir mit diesem Song aus der Seele, er hinterfragt die unsägliche I-Phone-Hysterie, mit all ihren negativen Begleiterscheinungen.

Das mit einem zum Titel passenden rollenden E-Lick geführte „Roll The Dice Again“ (toll auch das zweite Wah-Wah-E-Solo) verbreitet die einfache Message, das man das, was man gerne macht, auch weitertun sollte, weil es irgendwie doch immer in einem steckt. Das relativ soulig dahingleitende „Change“ wird gegen Ende von einem nahezu dramatischen E-Solo durchbrochen, das es in sich hat. Starke Nummer.

„Running Back To You“ ist der obligatorische Slow-Blues, der auf ein Blues Rock-gefärbtes Album einfach draufgehört. Stark besungen und mit langen E-Gitarrenpassagen durchzogen. Klasse! Wenn eine Texas-‚Steel-Ikone‘ wie Lloyd Maines seine Dienste einem europäischen Künstler zur Verfügung stellt, kommt das einem musikalischen Ritterschlag nahezu gleich. So geschehen auf „Walk The Thin Line“, naturgemäß ein Lied mit Countrynote.

Das schön eingängige „I’ll Pray For You“ erinnert in seiner Melodik fast an Sachen der legendären Brit-Melodic Rocker FM. Auch sehr angenehmer Stoff. Mit dem satt stampfenden „Still Hungry“ geht es ein wenig in Richtung Storyville, eine Band der Stevie ja auch bekanntermaßen sehr zugetan ist. Auch hier gibt es wieder deftige E-Gitarrenkost (inkl. Wah-Wah-Solo) zu belauschen.

„Gambler‘s Roll“ ist sehr stark gespielt, kann dem Original aber nicht ganz das Wasser reichen, da hier die Einspielung im Trio (nur mit Matt Beable und Craig Bacon) im Vergleich zum umfangreichen ABB-Line-up, etwas zu limitiert erscheint. Mir fehlen hier Piano und Orgel, auch die verlebte stimmliche Aura von Gregg Allman (obwohl Nimmo ja ebenfalls ein guter Sänger ist) ist einfach nicht transformabel. Das Ganze ist bildlich gesehen fast so, als wenn Stevies Partick Thistle-Kicker mit drei Mann weniger gegen den FC Barcelona bestehen müssten. So ein Kunststück wäre auf dieser Welt, wenn überhaupt, nur einem Verein wie Rot-Weiss Essen zuzutrauen…!

Das wieder mit einer dezenten Countrynote und Harmoniegesängen beschwingt dahingroovende „Lovin‘ Might Do Us Good“ sowie das sehr persönliche „Love You More Tonight“ (rein akustisch gehalten, schöne Slide-Einlage) lassen „Sky Won’t Fall“ angenehm ausklingen.

Fazit: Ein rundum gelungenes Werk, das mit recht einfachen Mitteln ein hohes Maß an Ertrag offeriert. Ein paar evtl. Tasten- und Bläsereinlagen, sowie auch weibliche Harmoniegesänge würden sicherlich mehr Volumen und Abwechslung ins Spiel bringen, als die klassische, konsequent durchgezogene Blues-Trio-Linie. Trotzdem: Solange es weiter solch grundehrliche und authentische Leute wie Stevie Nimmo gibt, wird uns der musikalische Himmel noch lange nicht auf den Kopf fallen!

Manhaton Records (2016)
Stil: Blues Rock

01. Chains Of Hope
02. Roll The Dice Again
03. Change
04. Running On Back To You
05. Walk The Thin Line
06. I’ll Pray For You
07. Still Hungry
08. Gambler’s Roll
09. Lovin’ Might Do Us Good
10. Love You More Tonight

Stevie Nimmo
Stevie Nimmo bei Facebook

SIMO – Let Love Show The Way – CD-Review

SIMO

Ein geschichtsträchtiger Ort, eine legendäre Gitarre und ein neues talentiertes Trio am Blues Rock-Firmament, das sind die Parameter, die das neue Album „Let Love Show The Way“ von SIMO bestimmen. SIMO kommen aus Nashville/Tennessee, haben sich aber entgegen der Haupt-Gepflogenheiten in Music City nicht dem Country verschrieben, sondern lassen eher den Southern-umwobenen Blues Rock in Verbindung mit britisch angehauchtem Psychedlic Rock im Stile der frühen Allman Brothers/Led Zeppelin wieder aufleben. SIMO – Let Love Show The Way – CD-Review weiterlesen

Stevie Nimmo – 28.01.2016, Blue Notez, Dortmund – Konzertbericht

So, jetzt bin ich mit den beiden Nimmo-Brüdern komplett durch! Nachdem ich sie zunächst zweimal in brüderlicher Zweisamkeit als The Nimmo Brothers einmal in den Niederlanden, einmal bei uns erlebt habe, hatte ich mir im letzten Jahr zunächst Alan Nimmo mit seinem King King-Gefüge in Köln gegönnt, diesmal war jetzt Stevie im Dortmunder Blue Notez an der Reihe. Stevie Nimmo – 28.01.2016, Blue Notez, Dortmund – Konzertbericht weiterlesen

Mike Zito – Greyhound – CD-Review

Zito_Grey_300

Mike Zito zählt für mich persönlich zu den wenigen Blues Rock-Musikern, die ich schon nach wenigen Momenten in mein Herz geschlossen hatte. Steve Schuffert, Davy Knowles oder Mark Selby sind ähnliche Vertreter. Warum? Sie können im Gegensatz zu vielen anderen (meist überbewerteten) Vertretern dieser Zunft recht gut singen, zeichnen sich als veritable Songwriter aus und präsentieren ihren Blues Rock relativ facettenreich und durchweg melodisch.  Mike Zito – Greyhound – CD-Review weiterlesen

Mike Zito & The Wheel – Keep Coming Back – CD-Review

510rUy+sm0L

Mike Zito war schon immer, aufgrund der tollen Stimme und dem texanisch eingebrachten Esprit in seine Musik , einer meiner Favoriten, was den Blues Rock betrifft. Review-technisch gesehen ist es jetzt allerdings schon eine Weile her, dass ich mich mit ihm auseinandersetzen durfte.

Vieles in seitdem geschehen, nicht zuletzt auch bedingt durch seinen Zusammenschluss 2013 mit Ruf Records. Zito war ja für zwei Alben einer der maßgeblichen kreativen und führenden Köpfe, der mittlerweile mit Superband-Status bedachten Royal Southern Brotherhood (samt Cyril Neville und Devon Allman) und parallel solo mit seiner Begleitband The Wheel tätig.

Seit seinem Ausstieg bei RSB konzentriert sich der aus einer ärmlichen Arbeiterfamilie in St. Louis stammende 44-jährige Musiker, der schon viele Ups and Downs (Alkoholismus, Drogen) durchlebt hat, wieder auf sein eigenes Projekt. „Keep Coming Back“ heißt passender Weise sein neues Studiowerk, das, um es vorwegzunehmen, Mike auf dem Zenit seiner bisherigen Schaffensphase präsentiert. Großartig!

Der Einstieg beim schwungvollen Titelstück mit einem rasiermesserscharfen Slide macht sofort richtig Laune und auch seine The Wheel-Mitstreiter Jimmy Carpenter (saxophone), Lewis Stephans (keys), Scott Sutherland (bass) und Rob Lee dürfen sich an ihren Instrumenten richtig austoben. Ein furioser Auftakt.

Es reiht sich in der Folge wirklich ein Klasse-Stück an das nächste. Der rockige Footstomper „Chin Up“ gibt weiter Gas, der groovige Schunkler „Get Easy Living“ gibt erstmals Gelegenheit zur Einkehr. Das countryeske „Early In The Morning“ spiegelt exakt die zwischen Müdigkeit und Melancholie pendelnde Stimmung in den frühen Morgenstunden wieder. Wer anders soll das besser beurteilen, als ein Mensch wie ich, der in der Woche um 4.30 Uhr die Federn für die Arbeit verlässt? Klasse übrigens hier die Backs seiner Ehefrau Riley, die ja maßgeblichen Anteil an Zitos Konstanz in allen Belangen trägt.

In eine ähnliche Kerbe schlägt das akustisch untermalte „I Was Drunk“, bei dem Anders Osborne, der auch diverse weitere Lieder mitgeschrieben hat, zum Duett antritt und auch Gitarre spielt. Den Abschluss der ersten Hälfte bildet das herrlich smooth und bluesig groovende „Lonely Heart“.

Launigen Songwriter Roots Rock a la Jack Ingram/Will Hoge gibt’s auf „Girl From Liberty“, der Griff in die Retrokiste wird mit dem Bob Seger-Cover „Get Out Of Denver“ vollzogen, das hier mit typischen E-Gitarren, klimperndem HT-Piano und plusterndem Sax sehr an „Johnny B. Good“ angelehnt ist.

Texas Blues Rock der Marke Storyville offeriert „Nothin‘ But The Truth“, das von einer furz-trockenen Strat geführt wird und satte Sax-Einlagen (inkl. quäkendem Solo) von Jimmy Carpenter sowie herrlich rotzige Harmoniegesänge von Gastakteurin Suze Simms beinhaltet. „Cross The Border“ wandelt ein wenig auf den verlassenen RSB-Pfaden und mit „What’s On Your Mind“ lässt Mike eine seiner berühmten Killerballaden vom Stapel, auf denen seine markante Stimme ja immer besonders gut zur Geltung kommt. Toller Song.

Dem nicht genug. Auch das finale, einst aus der Feder von John Fogerty stammende „Bootleg“ erhält durch Zito und seine Mannen ein zwischen pulsierendem Jazz- und Blues Rock kokettierendes zeitgemäßes Update. Ein fulminanter Abschluss, der dann auch keine Wünsche mehr offen lässt. Mike Zito & The Wheel beweisen auf „Keep Coming Back“ ihre ganze Klasse. Auch ich bin der Meinung, dass der Protagonist als alleiniger Bandleader wesentlich besser zur Geltung kommt, als in einem, mit mehreren Platzhirschen agierenden Kollektiv.

Fazit: 12 tolle Songs, die aufgrund ihres Abwechslungsreichtums und der Kurzweiligkeit wie im Fluge vergehen. Das Cover (übrigens Booklet mit allen Texten im DigiPak enthalten), zeigt zurecht einen selbstzufrieden lachenden Musiker, der von sich sagt: „Ich liebe den Blues, ich liebe den Rock’n’Roll und ich liebe Countrymusik. Das ist es, was ich mache und wer ich bin.“ Recht hat er und das kommt ohne Zweifel auf „Keep Coming Back“ bestens zum Vorschein. Eine grandiose Scheibe vom Typus ‚Kann man blind kaufen‘!

Ruf Records (2015)
Stil: Blues Rock

01. Keep Coming Back
02. Chin Up
03. Get Busy Living
04. Early In The Morning
05. I Was Drunk
06. Lonely Heart
07. Girl From Liberty
08. Get Out Of Denver
09. Nothin‘ But The Truth
10. Cross The Border
11. What’s On Your Mind
12. Bootleg

Mike Zito
Mike Zito bei Facebook
Ruf Records

Mark Selby – 04.06.2010, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

»Am Tag als FC Schalke starb, und alle Essener sangen, was für eine schöner Tag«, hallte es jahrzehntelang durch das alt ehrwürdige Georg-Melches-Stadion, einst Deutschlands modernste Fußball-Arena, heute dank der Stadt Essen und seiner oberen Belegschaft eine marode, teilabgerissene Ruine, in Anspielung auf den Bundesliga-Bestechungsskandal, dessen Leidtragender damals Rot-Weiss Essen war und aus der 1. Bundesliga absteigen musste, ohne zu wissen, wie ihm geschah.

Der Verein, dessen Spieler Helmut Rahn mit seinem Siegtor im Endspiel bei der WM in Bern dafür sorgte, dass Deutschland und sein DFB (die Frankfurter Mafia) wieder eine angesehene Adresse im internationalen Fußballsport und gemeinen Leben wurde. Der Verein, der einzigartige Stürmer wie Willi ‚Ente‘ Lippens, Manfred Burgsmüller, Frank Mill, die ‚Cobra‘ Jürgen Wegmann oder das ‚Kopfball-Ungeheuer‘ Horst Hrubesch (Schütze des Siegtores im Endspiel der EM 1980) herausbrachte und salonfähig machte.

Der Arbeiterverein der sechst-größten Stadt Deutschlands, der nun von der angeblichen Arbeiterpartei SPD mittels ihres Oberbürgermeisters und ihrem medialen Sprachrohr, der WAZ, in einer, wie es scheint, schon lang geplanten Schmierenposse (vermutlich sogar noch mit dem Vorstand zusammen) fallengelassen und von seinen milliardenschweren, ansässigen Firmen sträflich im Stich gelassen wurde, heute Insolvenz anmeldete und endgültig in die sportliche Bedeutungslosigkeit abstürzen wird, am Tag, an dem ich mir Mark Selby zum ersten Mal in meinem Leben live anschaute.

Was für Gegensätze! Auf der einen Seite fast vier Dekaden Stümperhaftigkeit und Dilettantismus in allen Bereichen, die ihres Gleichen sucht; wobei natürlich auch die Frage im Raume steht, was es bringt, dem heute bestehenden, ausnahmslos profitorientierten Sport-Söldnertum auch nur eine Träne nachzuweinen. Trotzdem wird hier ohne Zweifel zigtausenden, einfachen Menschen ein Lebensinhalt weggerissen, während andere ebenfalls hoch-defizitäre Bereiche in dieser Stadt zum Wohle seiner besser Betuchten weiter millionschwer subventioniert werden. Auch der Autor dieses Berichtes, seinerzeit viele Jahre ein recht erfolgreicher Leistungsballsportler, kann sich trotz aller Wenns und Abers eine kleine Träne der Trauer nicht verdrücken. Zu viele mitreißende Partien in südländischer Gänsehautatmosphäre hat er dort erlebt und viele nette Menschen kennengelernt, die nicht dem üblichen Klischee des Fußballproletenfans entsprechen.

Auf der anderen Seite dann abends ein Weltklasse-Könner wie Mark ‚Otis‘ Selby (erstmal sorry, dich in einen Kontext mit solchen Versagern zu setzen), der zu moderaten Eintrittspreisen, hautnah mit seinen beiden sympathischen Mitstreitern Charles ‚Chopper‘ Anderson und Darryl ‚DB‘ Burgess eine grandiose Blues Rock-Show ablieferte, obwohl er noch tags zuvor in Kassel durch eine Erkältung ziemlich stark angeschlagen war. Ein super-sympathischer Profi ohne Allüren und einer Einstellung halt und vor allem mit einem Gespür für seine Fans (gab z.B. nach dem Konzert viele Autogramme und war für jeden ansprechbereit). Er gibt, so hat man direkt den Eindruck, immer alles.

Die Kulturrampe in Krefeld, sehr gut versteckt liegend, ließ in der Überschaubarkeit seiner Räumlichkeit, mit seiner notgedrungen dreieckig verlaufenden Bühne an diesem ersten heißen Sommerabend angesichts der zu erwartenden schweißtreibenden Selby-Musik saunaartige Verhältnisse befürchten, was sich aber bei gut gekühltem Bier als Trugschluss erweisen sollte. Die eingesetzten Ventilatoren leisteten zudem einen zufriedenstellenden Dienst.

Das Trio eröffnete mit einem starken „Don’t Throw That Mojo On Me“, wobei Mark die Finger über seine schon recht abgenutzte Stratocaster fliegen ließ. Herrlich rockige Stücke wie „Unforgiven“, der Hit „Blue Or Black“, „Leveler, Reveler“ oder das überragende, stoneske „She’s Like Mercury“ gaben sich die Klinke mit einigen Balladen wie „Guitar In The Rain“, „Baby I Do“ oder dem herrlichen „You’re So Beautiful“ in die Hand, das auch die Gesangskünste des glänzend aufgelegten Drummers Darryl Burgess (von Selby zurecht als der »Groover from Vancouver« angepriesen, ansonsten auch ein brillanter Singer/Songwriter) offerierte. Phänomenal bei diesem Stück auch Marks gefühlvolle Slideeinlagen.

Mark Selby Dazu gesellten sich einige Coversongs wie das berühmte „The Beat Goes On“, bei dem das gut aufgelegte Krefelder Publikum auch einer durch Mark eingeforderten Finger-Mitschnipperei ohne zu Zögern mit Bravour nachkam. Das in Blues Rock-Kreisen scheinbar unverzichtbare „Crossroads“ wurde mit viel Drive und viel Improvisationsfreude abgewickelt.

Grandios im Zugabenteil der Band-Klassiker „The Weight“, bei dem dann alle Beteiligten des Trios noch mal am Mikro wirkten, vor allem die whiskeygetränkte Röhre von Chopper kam da klasse. Den letzten Song des Abends, „Sometimes I Feel Like I’m Goin‘ Home“, absolvierte Mark dann mit seiner Stratocaster solo und ließ einen über die gesamte Spieldauer frenetisch umjubelten Gig recht melancholisch ausklingen, der dann bei mir wieder unweigerlich diesen Kloß in den Hals beförderte, an diesem lauen Sommertag, als Rot-Weiss Essen starb…

Bilder: Gudi Bodenstein

Mark Selby
Mark Selby bei Facebook
Kulturrampe Krefeld

King King – 11.09.2015, Yard Club, Köln – Konzertbericht

Manch einer unserer Leser mag sich fragen, was eine britische Blues Rock-Formation in einem Magazin zu suchen hat, das mit seinem Namen eine Affinität zu Südstaaten Rock-Musik aus den Staaten proklamiert. Sicherlich berechtigt solcher Gedanke, aber ich bin durchaus der Meinung, dass Alan Nimmo aufgrund seines hervorragenden und variablen E-Gitarrenspiels (auch auf der Southern-typischen Gibson Les Paul) durchaus in unseren Kreisen von vielen Sympathisanten wohlwollend akzeptiert werden wird. Außerdem begibt er sich, besonders, wenn er mit seinem Bruder Stevie als die Nimmo Brothers firmiert, mit so mancher Cover-Nummer (u.a. furiose Version von „One Way Out“) gerne auch mal in diese Gefilde. Alan ist also zweifelsfrei einer von ‚Uns‘.

Der Auftritt von King King im Yard Club trug dann auch zu einem rundum gelungenen Abend bei. Endlich mal kein Stau auf der Fahrt von Essen in die Domstadt, der aufmerksame Parkplatzwächter sorgte mit scharfem Augenmaß dafür, dass auf dem kleinen Parkplatz ein Optimum an Ausnutzung erreicht werden konnte (er hatte vermutlich Lineal und Wasserwaage zu Hause liegen lassen…). Unproblematischer Einlass (danke an Dani von Goodtime Booking und Marcus vom Club) und mit kleiner Verspätung läutete Alan Nimmo (Lead vocals, guitar) und seine Mitstreiter Lindsay Coulson (bass), Wayne Proctor (Drums, vocals) und Bob Fridzema (Keys, vocals) einen schweißtreibenden, aber vor allem hervorragenden Gig ein.

Nach der starken Eröffnung mit „Lose Control“ vom Debüt wurde natürlich das neue brandaktuelle Album „Reaching For The Light“ mit Nummern wie u. a. dem groovigen “Waking Up“, meinem Lieblingslied “You Stopped The Rain“ (mit saustarken E-Soli), dem in Bad Co.-Style rockenden “Hurricane“ oder dem Whitesnake-angelehnten “Stranger To Love“ ausgiebig beackert. Grandios auch Stücke wie “More Than I Can Take“ oder das herrlich shufflige “Let Love In“ (klasse der cool pumpende Bass vom im Gentleman-Manier zupfenden Lindsey Coulson, dazu gab es ein stimmungsvolles Bridge, bei dem das Publikum Mitsinggelegenheit erhielt).

Was wären King King ohne ihre unter die Haut gehenden Balladen? Auf “Long History Of Love“, sowie dem Frankie Miller-Cover “Jealousy“ geizte der Schotte (Nimmo stammt ja aus Glasgow) weder mit einfühlsamen Soli noch ließ er es sich nehmen, sein gewaltiges Stimmpotential (für mich einer der besten Blues Sänger der heutigen Zeit – auch wenn in diesem Genre m. A. n. schon immer eine chronische Vokalschwäche herrschte…) zur Freude aller Besucher (der Club war ziemlich gut gefüllt) zu präsentieren. Auch Bob Fridzema nutze die Gelegenheit immer wieder, seine schon antik anmutende Hammond-Orgel gurgeln zu lassen.

Alles mündete dann mit der letzten Zugabe in das Paradestück des Vierers, “Old Love“, bekannter Maßen aus der Feder von Eric Clapton. Der traditionell im Kilt performende Nimmo holte noch mal alles aus seiner Kehle und der geschulterten Stratocaster heraus, ergreifend natürlich die leise, ’stromlose‘ Passage im langen Solo-Teil, bei der man im Auditorium eine Stecknadel hätte fallen hören. Schön, dass hier das fachkundige Publikum (überraschender Weise auch viele sehr junge Mädels und Burschen dabei) fast ehrfürchtig und respektvoll lauschte, statt ,wie so oft üblich, sich zu (Rein-) Quatschereien hinreißen ließ. Der krönende Höhepunkt zum Abschluss des knapp zweistündigen King King-Auftritts, der allseits zufriedene Gesichter zurück ließ.

King King alias Alan Nimmo & Co. sollte auf jeder Agenda (Präferenzen hin oder her) eines Rockmusik-begeisterten Konzertbesuchers stehen. Hier bekommt man für überschaubares Geld ehrliche, sympathische und hochqualitative Blues Rock-Kost geboten. Schade und typisch , dass bis jetzt dieser Sparte zugeneigte Locations wie der ABC-Keller oder der Schwarze Adler in meiner Gegend dieses famose Quartett bisher noch nicht auf ihrem Schirm hatten. In Köln auf jeden Fall ein grandioser Abend!

Line-up:
Alan Nimmo (Lead vocals, electric guitar)
Lindsay Coulson (Bass)
Wayne Proctor (Drums, backing vocals)
Bob Fridzema (Keys, backing vocals)

King King
King King bei Facebook
Yard Club Köln
Goodtime Booking