Gregg Allman – Southern Blood (Deluxe Edition) – CD-Review

Allman_300

Ich muss ja schon sagen, dass es mich unheimlich gefuchst hat, dass wir Gregg Allmans letztes Werk „Southern Blood“ nicht zum Besprechen erhalten haben. Gerne hätte ich zum aktuellen Zeitpunkt noch ein paar würdigende Worte über ihn verfasst, zumal sich vorher in unserem, noch jungen Online-Medium keine Gelegenheit ergab, mal eine Rezension über ihn zu verfassen. Und was ist schon ein echtes Southern Rock-Magazin ohne ein solch musikalisches Schwergewicht im Künstlerindex?

Nun gut, wenn auch etwas verspätet, ist sein finales Album „Southern Blood“ doch auf Umwegen in meinem CD-Player gelandet. Aber von vorne. Gregg Allman ist natürlich ein Musiker und charismatischer Frontmann, der meinen musikalischen Weg seit frühster Jugend, mehr als nachhaltig begleitet hat. So war beispielsweise die Allman Brothers-LP „Brothers & Sisters“ mein allererster, mit eigenem Geld gekaufter Tonträger. Viele weitere im Dunstkreis der Allmans folgten im Verlaufe der Zeit.

Amüsant war damals seine Kurzehe mit Cher, ich meine mich an ein Zitat von ihr zu erinnern: „Für Gregg Allman sind Frauen nur für zwei Dinge gut: Die Betten zu machen, um sich anschließend wieder reinzulegen…“. Toll fand ich damals ihren gemeinsamen Song „Can You Fool“.

Live habe ich seine charismatische Ausstrahlung zweimal im Rahmen der Allman Brothers Band bewundern können. Einmal in der damals 1980 ausverkauften Kölner Sporthalle und später 1991 noch mal im E-Werk, ebenfalls in der Domstadt.

Aus seinen Solophasen befinden sich auch diverse Tonträger in meinem Besitz. Seine letzte in den Fame Studios in Muscle Shoals aufgenommene Veröffentlichung nun, mit dem plakativen Titel „Southern Blood“, wenn auch überwiegend mit Covernummern bestückt, bildet trotzdem einen würdigen und runden Abschluss seines beachtlichen Lebenswerkes.

Vermutlich war es für alle Involvierten keine einfache Sache, diese Songs im Angesicht des Todes und der damit verbundenen körperlichen Konstitution dieses Ausnahmemusikers, überhaupt zustande zu bringen. Ich gehe von einer unheimlich psychischen Belastung aus, zumal die Lieder teilweise auch textlich zur bedrückenden Situation passen.

Gar nicht wissen möchte man, wie es Gregg persönlich innerlich dabei ging, es heißt, dass er oft nur wenige Stunden im Studio präsent sein konnte und teilweise immer wieder unterbrochen werden musste. Alles in Allem hat Produzent Don Was am Ende ein einfühlsames Ganzes hinbekommen, das in Deluxe-Version noch um zwei Live-Tracks erweitert ist.

Im Großen und Ganzen wurden hier Greggs musikalische Vorlieben in seiner Karriere weitestgehend umrissen. Die bis auf ganz wenige Ausnahmen meist balladesk gehaltenen Songs beinhalten, naturgemäß bluesige Southern Rock- und Country-Einflüsse. Was vielleicht neu anmutet, ist die hier relativ omnipräsente Einbindung einer Bläserfraktion in jedes Stück, als auch die gospeligen Harmoniegesänge (verkörpert durch die McCrary Sisters) und somit ein verstärktes souliges Flair. Auch die Percussion-Unterstützung und viele Steel-Gitarren-Einlagen verbindet man jetzt nicht unbedingt mit seinem Namen.

Gänsehaut bekommt man sofort beim Opener „My Only True Friend“, eine der beiden neuen Kompositionen auf dieser Scheibe, die Gregg mit seinem Gitarristen und musikalischen Direktor Scott Sharrad kreiert hat. Sharrad hat im Text quasi den schon lange verstorbenen Bruder Duane zu Gregg sprechen lassen. Toller Einstieg in das Album!

Ein weiterer bewegender Moment ist für mich ist „I Love The Life I Live“, weil er das southern bluesige Terrain beschreitet, auf dem sich Gregg am pudelwohlsten fühlte und wohl auch sein Lebensmotto wiederspiegelt. Beim Hören spürt man, wie sich der Protagonist hier mit letzten Kräften, nochmals vokal so richtig reinhängt. Am Ende beim von Jackson Browne geschriebenen und unterstützten  „Song For Adam“ (mit (Harmoniegesängen), merkt und fühlt man ebenfalls förmlich am eigenen Leibe, dass hier der Kampf eines großen Künstlers zu Ende ging.

Mit Gregg Allman verliert die Southern Rock-Gemeinde eine weitere und mit eine ihrer letzten wahren Ikonen. Auch wenn er zeitlebens kein Engel war („I’m No Angel“) verabschiedet er sich mit „Southern Blood“ würdevoll in den Southern Rock And Roll Heaven und befindet sich jetzt hoffentlich wieder im illustren Kreise von Duane und seiner Brüder im Geiste wie Butch Trucks, Ronnie Van Zant, Toy Caldwell, Hughie Thomasson und Co. Mach et jut, Midnight Rider!

Concord Records (2017)
Stil: Southern Blues Rock

01. My Only True Friend
02. Once I Was
03. Going Going Gone
04. Black Muddy River
05. Love The Life I Live
06. Willin‘
07. Blind Bats And Swamp Rats
08. Out Of Left Field
09. Love Like Kerosene
10. Song For Adam (feat. Jackson Browne)
11. Love The Life I Live (Live)
12. Love Like Kerosene (Live)

Gregg Allman
Gregg Allman bei Facebook

Cale Tyson – Careless Soul – CD-Review

cale_tyson_300

Der Rolling Stone führte ihn im Herbst 2014 unter den ’10 New Artists You Need to Know‘ und charakterisierte seine Musik als „old school, sad-bastard outlaw country for a new generation of excited country fans“. Auch das prominente Blatt The Guardian titelte begeistert über den jungen, aus Forth Worth stammenden Texaner “A traditionalist for the future”.

Mittlerweile liegt mir Cale Tysons zweites Album „Careless Soul“ zur Rezension vor, und in der Tat, traditionelle Countrymusik, wird hier, mit all ihren Facetten von einst, wirklich groß geschrieben. Für mich, um es zuzugeben, der lieber die rockigen Variationen des Country bevorzugt, eher gewöhnungsbedürftiger und schwieriger Stoff.

Tyson hat sich dazu mit gestandenen Musikern wie Jeremy Fetzer, Pete Lindberg, Skylar Wilson, Brett Resnick, David Hood, Jon Radford, Dan Knobler und Michael Rinne in die berühmten Fame Studios in Muscle Shoals, Alabama, begeben. Hinzu kommen noch eine Horn Section, ein String Quartett sowie diverse Backgroundsänger/-innen (u. a. Caitlin Rose). Michael Rinne (Emmylou Harris, Rodney Crowell) hat das Werk produziert.

Und so fühlt man sich beim Hören von Tysons Eigenkompositionen auch wie in die Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt. Eine Mischung aus Country im Stile der großen Meister (Johnny Cash/Hank Williams  z. B. bei „Dark Dark“, manchmal mit ein wenig Bakersfileld-Touch („Easy“, „Railroad Blues“), Waltz-artige, Melancholie-getränkte Schwofer („Somebody Save Me“, Traveling Man“) und ein paar Schunkler (High Lonesome Hills“), wie man sie vermutlich in den damaligen Dancehalls und Honkytonks vorgesetzt bekam, garniert mit etwas Soul („Staying Kind“, „Some Love A Woman“), teilweise an Sachen aus der Phil Spector-Ära erinnernd („Careless Soul“), und ein wenig Blues („Pain In My Heart“).

Cales Stimme und Brett Resnicks weinende, wimmernde und leiernde Pedal Steel (ohne dabei allerdings aufdringlich zu wirken), setzen naturgemäß die markantesten Akzente auf diesem Silberling.

Die zweite Scheibe von Cale Tyson „Careless Soul“ ist Wasser auf die Mühlen der Anhänger von Countrymusik der guten alten Schule. Interpreten wie u. a. Dwight Yoakam und J.P. Harris würde ich in etwa als ungefähre zeitgenössische Bezugsgrößen hier anführen. Der Bursche wird im Mai in Kürze zu drei Terminen auf Bühnen in unserem Lande vorstellig, darunter auch am 08.05.2017 in unserer geliebten Kulturrampe in Krefeld (siehe dazu auch unsere Konzert-Tipps).

Clubhouse Records (2017)
Stil: Country

01. Staying Kind
02. Somebody Save Me
03. Careless Soul
04. Easy
05. Traveling Man
06. Pain In My Heart
07. Railroad Blues
08. Dark Dark
09. High Lonesome Hill
10. Gonna Love A Woman
11. Pain Reprise
12. Ain’t It Strange

Cale Tyson
Cale Tyson bei Facebook
H’ART Musik-Vertrieb GmbH

The Roomsounds – Elm St. – CD-Review

Roomsounds_Elm-300

Neu im Teenage Head Music-Portfolio: Eine hochtalentierte Truppe aus Dallas, Texas, mit dem recht eigenwilligen Namen The Roomsounds. Mit „Elm St.“ (der Ort ihres ersten Auftritts) veröffentlicht das Quartett, bestehend aus Bandleader/Songschreiber der Band, Ryan Michael (lead vocals, electric and acoustic guitar), Sam Janik (electric guitar, vocals), Red Coker (bass, vocals) und Dan Malone (drums, percussion) sein zweites Album.

Als Einflüsse verweisen die Roomsounds auf Musiker wie die Beatles, Stones, Tom Petty, Big Star, Faces, The Jayhawks und Oasis, womit sie in meiner Nachbetrachtung ihres Werkes auch durchaus richtig liegen. Die Mischung, gepaart mit, im Southern Rock verwurzelten E-Gitarren, gibt ihrem Sound eine besondere Note.

Eingeladen wurden sie zur Einspielung ihres Zweitwerks von keinem geringeren als Rodney Hall, dem Präsident der berühmten FAME-Studios in Muscle Shoals, Alabama, dem Sohn des einstigen Gründers Rick Hall. Diese wurde natürlich dankend angenommen und so wurden auch sämtliche Tracks, bis auf „Stray Dog“ an diesem geschichtsträchtigen Ort unter der Regie von Beau Patrick Bedford (Ex-Bandmitglied bei Jonathan Tyler & The Northern Lights – u. a. Producer von Phil HamiltonsRenegade Rock’N‘ Roll„) produziert, der sich zusammen mit dem Gastmusiker, der Steppenwolf-Legende Larry Byrom, auch für einige Keyboard-Klänge verantwortlich zeigt.

Die vier Burschen, die alle gemeinsam in einem Haus im Osten von Dallas wohnen, eröffnen mit dem Titeltrack „Elm St.„, einem melodischen, fast hit-verdächtigen Rocksong, durchzogen von schönen Orgeleinlagen und starken E-Gitarren im Stile von Leuten wie Tom Petty oder auch wie man sie von Todd Thibaud kennt. Direkt ein Kracher zu Beginn. Michaels Stimme hat nicht den typisch rauen texanischen Teint, sondern eine eher sanfte Ausstrahlung.

Vom folgenden flotten „Take It All Wrong“ (schöne Bariton-E-Gitarren) bis zum erneut pettyesken musikalischen Flehruf „Don’t Give Up On Me“ (integriertes Southern E-Solo) bieten die Jungs eine richtig starke Vorstellung. Klasse hier das melancholische „Letters“ (surrende Slide-Gitarre, tolles Pschedelic-E-Solo) und die rockigen, an die Dirty Guv’nahs reminiszierenden „Bad Situation“ (wieder schöne Slide-Gitarre, auch dezentes „Gimme Three Steps“-Flair) und „Lay My Head Down“ (lupenreiner rhythmischer Southern Rock).

Zum Stimmungsbringer für ihre Live-Konzerte wird ohne Zweifel, das mit seinen „Hey Jude“-verdächtigen, zur Interaktion anregenden Crowd-Harmoniegesängen bestückte „What Do I Gotta Do“ avancieren. Macht richtig Laune!

Im finalen Teil, von Stück 8 – 11 geht den Busrchen dann allerdings ein wenig die kreative Luft aus und sie verlieren sich in eher Indie-typische Beliebigkeit. Von Titeln wie „Wolf In Sheeps Clothing“ oder „Stray Dog“ hätte ich mir dann doch irgendwo ein etwas  animalischeres wilderes Esprit erwünscht. Der absolute Tiefpunkt des Werkes ist die völlig deplatziert wirkende 60er-/Beatles-umwehte Schnulze „Baby’s Got The Bluest Eyes“. Not my cup of tea!

Insgesamt darf man das zweite Album der Roomsounds „Elm St.“ aber als überwiegend ‚gut gelungen‘ bezeichnen, eine etwas andere Untermischung der letzten Lieder („Baby’s Got The Bluest Eyes“ hätte ich ganz weggelassen) bzgl. der Trackliste, hätte vielleicht das nach hinten bestehende Gefälle, noch etwas kaschieren können. Kreatives und spielerisches Potential ist in jedem Fall mehr als genug vorhanden. Man darf gespannt sein, was die Band live zu bieten hat, Teenage Head Music hat für September/Oktober eine Europa-Tournee angekündigt, die sicher auch zu uns führen wird.

Eigenproduktion (2016)
Stil: Indie/Classic/Southern Rock

01. Elm St.
02. Take It All Wrong
03. Letters
04. Bad Situation
05. What Do I Gotta Do
06. Lay My Head Down
07. Don’t Give Up On Me
08. Wolf In Sheep’s Clothing
09. Baby’s Got The Bluest Eyes
10. Stray Dog
11. Win You Over

The Roomsounds
The Roomsounds bei Facebook
Teenage Head Music

Bob Seger – Against The Wind – CD-Review

Seg

Bei Bob Seger hat man bei der Wahl seines Lieblingsalbums von ihm die Qual der Wahl. Mit seinen Werken „Night Moves“ und „Live Bullet“ gelang dem begabten Rockmusiker aus Detroit zwar der kommerzielle Durchbruch, mir als großem Balladen-Verfechter (wie Seger selbst übrigens auch) gefällt aus diesem und noch weiteren Gründen allerdings „Against The Wind“ am besten, auch wenn diese Scheibe beim jetzigen Hören aufnahmetechnisch im Vergleich zu heute doch schon ein wenig Staub angesetzt hat.

Auf furiose Rocker braucht man allerdings auch hier nicht zu verzichten. Mit „The Horizontal Bop“, „Her Strut“, „Long Twin Silver Line“ und „Betty Lou’s Gettin‘ Out Tonight“ bekommt man durchaus kräftige Kost dazwischen geworfen, ein Anteil von immerhin 40%. Interessant vor allem, dass Bob nicht nur seine Silver Bullet Band (Drew Abbott, Alto Reed – natürlich mit einigen exzellenten Sax-Soli vertreten, Chris Campbell) zum Einsatz kommen lässt, sondern bei einigen Stücken auch die fantastischen Musiker des berühmten Muscle Shoals-Studios (u.a. David Hood, Jimmy Johnson und Pete Carr, der ja mal bei den Allman Brothers als Nachfolger von Duane Allman hoch gehandelt wurde und auf Simon & Garfunkels berühmten Central Park-Konzert die E-Gitarre zupfte – klasse E- Solo bei „Long Twin Silver Line“) mit eingebunden hat.

Und als besonderes Schmankerl wartete noch weitere Prominenz wie Little Feat-Pianist Bill Payne („You’ll Acomp’ny Me“) und vor allem die geballte Eagles-Harmonies-Power mit den Herren Henley, Frey und Schmidt bei „Against The Wind“ und „Fire Lake“ auf, zudem noch unter Zuhilfenahme ihres etatmäßigen Produzenten Bill Szymczyk.

Mein absoluter Favorit auf dem Album ist das von Seger wunderbar emotional besungene „No Man’s Land“, das für meine Begriffe eigentlich immer so ein wenig im Schatten von Hits wie „You’ll Acomp’ny Me“, „Against The Wind“ (schöne Kombi übrigens von Piano und Organ) und „Fire Lake“ stand. Das von Bob Seger selbst eingestreute E-Solo am Ende des Stückes zählt für mich zu den schönsten und gefühlvollsten seiner Art überhaupt. Auch das abschließende „Shinin‘ Brightly“ mit den herrlich souligen weiblichen Backs lässt keine Wünsche offen. Insgesamt eine starke Scheibe mit vielen Ohrwürmern, abwechslungsreich und ohne jeden Ausfall.

Das Werk kam 1980 als starker Start in die Dekade heraus und im Prinzip erahnte man noch nicht, dass ein relativ schlimmes Jahrzehnt der Rockmusik folgen würde. Nachdem es im neuen Jahrtausend doch recht ruhig um Bob Seger geworden war, feierte er mit „Face The Promise“ nach über zehn Jahren ein starkes Comeback, das auch mit ausverkauften Konzerten in den Staaten frenetisch gefeiert wurde. Der Wunsch, ihn einmal in unserem Lande bewundern zu können, dürfte allerdings utopisch bleiben.

Capitol Records (1980)
Stil: Rock

01. The Horizontal Bop
02. You’ll Accomp’ny Me
03. Her Strut
04. No Man’s Land
05. Long Twin Silver Line
06. Against The Wind
07. Good For Me
08. Betty Lou’s Getting‘ Out Tonight
09. Fire Lake
10. Shinin‘ Brightly

Bob Seger
Bob Seger bei Facebook