Andy Ross – Time To Fight – CD-Review

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Ich muss gestehen, dass selbst mir, als recht gut aufgestelltem Southern Rock-Experten, der Name Andy Ross, bis vor kurzem, nicht geläufig war. Dabei hat der Mann schon zwei CDs veröffentlicht und ist in den US-Staaten bekannt wie ein bunter Hund. Sein Videoclip zu „Cold Dead Hand“ wurde schon fast 120.000 mal angeklickt (bitte anschauen und Kopfschütteln!). Ja, dieser Andy Ross ist ein schlichtes Vermarktungsgenie in eigener Sache, dazu einer dieser typisch unbelehrbaren US-Patrioten, Waffennarr – und natürlich, sich auf die Verfassung berufend, Befürworter, sie tragen zu dürfen. Selbst Hardliner aus seiner Zunft wie Ted Nugent, Charlie Daniels oder Hogjaw dürften gegen ihn blass aussehen.

Ja, so sind ’se halt, die Amis. Andersherum, wenn man an die ganzen Pharisäer in unseren Breitengraden denkt, die angeblich zu unser aller Wohl handeln, wird einem auch nicht besser. Der hiesige Southern Rock-Liebhaber ist einfach gezwungen, so was wirklich ausklammern und irgendwie an das Gute im Menschen zu glauben… In diesem Falle geht es ja letztendlich auch um die Musik, und die ist zweifellos, trotz aller Klischees, richtig klasse.

Besondere Aufmerksamkeit erregte Ross vornehmlich als Gastgeber und Protagonist der Reality-TV-Serie ‚American Archery‘, wo Andy mit Pfeil und High-Tech-Bogen enthusiastisch, von Kameras begleitet, zur Freude aller Gleichgesinnten, durch die gesamte amerikanische Peripherie jagt. Eigentlich habe ich mit dem Burschen in dieser Hinsicht so gut wie nichts gemeinsam, mir läuft es heute noch eiskalt den Rücken runter, wenn ich an meine Zeit bei der Bundeswehr in der Grundausbildung zurückdenke, als ich G-3, Panzerfaust und Flugabwehrraketengeschütz bedienen musste. Die nahm ich übler Weise in Kauf, um dann nach drei Monaten, endlich überwiegend nur noch den Tischtennis-Schläger in der Sportkompanie als Waffe zu verwenden.

Ross hat sein eigenes Label ‚American Rebel‘ kreiert, ist dazu Vermarkter einer Wein-Linie sowie eines Gitarrenherstellers (Krossroad Guitars), und aber auch ein durchaus passabler Sänger, Songwriter und Musiker. Sein aktuelles Werk „Time To Fight“ bietet sogar Southern Rock par excellence. Eigentlich alles, was dem geneigten Verfechter des Genres so richtig Freude bereitet: Jede Menge starker Akustik- und E-Gitarren, ob in Slide-, Twin- oder in herkömmlicher Rhythmus-, Fill- oder Soli-Arbeit dargeboten, Banjo, Dobro, polternde Drums, pumpende Bässe, gurgelnde Orgel, klimperndes Piano, typische weibliche Backgroundgesänge, dazu in einer sehr sauber und klar klingenden, nicht, wie so oft üblich, altbackenen Produktion, abgemischt. Sein Gesang ähnelt dem von Donnie Van Zant, und auch die Musik weist viel Flair und Parallelen zum Wirkungsspektrum der gesamten VZ-Familie auf.

Dazu gesellt sich noch beim Opener „Back On The Back Roads“ das gesamte Line-Up von Little Texas, wobei Ross-Intimus Porter Howell auch Teile des Gesangs mit einbringt. „Like A Bullet From A Gun“ bewegt sich irgendwo zwischen 38 Special zum Ende der 80er und ZZ Tops „Eliminator“-Phase. Songs wie „Hot Lanta“, Chattahoochee“, „Sharp Dressed Man“ oder „Gimme All Your Lovin’“ lassen grüßen. Andy Ross kann es allerdings auch gefühlvoll. Schöne melodische, z. T. balladesk angehauchte Tracks wie „My Father’s Son“, „I Wrote This By Myself“ oder „Heaven Got A Hell Raiser“ bieten auch Southern Rockern die Gelegenheit, ihr eher raues Gemüt mal kurz beiseite zu schieben.

Ansonsten rockt Ross samt seiner Mitstreiter in bester zünftiger Southern Rock-Manier und lässt mit Titeln wie „American Rebel“ (mit schönen Twin-Einlagen), „Playing In The Mud“ (naturgemäß swampig mit Banjo und Dobro gestaltet), „It’s America, Son“ („Gimme Three Steps-Flair) oder dem abschließenden „Big Bad Loud Fast“ (flotter Sprechgesang, tempo-geladen, erinnert an „Last Ride“ von Doc Holliday), kein Zweifel an seiner musikalischen wie politischen Präferenz und Weltanschauung.

Fazit: Blendet man als mündiger Mensch mal alles andere, was nicht mit der Musik zu tun hat, aus, kann man mit der „Time To Fight“-Scheibe von Andy Ross richtig Spaß haben. Schöner Southern Rock für Liebhaber von Bands wie 38 Special, dem Van Zant-Clan allgemein, Hogjaw, dem ‚one CD wonder‘ Rambler, Jackson Stone Band, Rebel Pride, Doc Holliday, Preacher Stone, Montgomery Gentry, Dry County, Travis Tritt & Co. Musikalisch ein echter Insider-Tipp!

Buck Shot Records (2016)
Stil: Southern Rock

01. Back On The Backroads (feat. Little Texas)
02. Like A Bullet From A Gun
03. My Father’s Son
04. American Rebel
05. Heaven Got A Hell Raiser
06. Playing In The Mud
07. I Wrote This One Myself
08. It’s America, Son
09. Ain’t Running Out Of Ammo
10. Big Bad Loud Fast

Andy Ross
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Little Texas – Young For A Long Time – CD-Review

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Neue Scheibe von Little Texas! “Young For A Long Time“ lautet der Titel, der irgendwie auch ganz gut zu der mittlerweile seit 1984 aktiv gebliebenen Band passt (natürlich mit einigen Unterbrechungen), denn die hat es auch in geschrumpfter Besetzung (ihre beiden charismatischen damaligen Bandleader Brady Seals und Tim Rushlow sind ja schon lange nicht mehr dabei) geschafft, ihren typischen Sound den heutigen Gegebenheiten wunderbar anzupassen, ohne dabei das Gesicht und ihren Stil zu verlieren.

Die Scheibe ist fast so etwas wie ein zweites Comeback. Seit ihrem letzten Album sind mittlerweile (wo ist die Zeit geblieben?) acht Jahre vergangen. Die Besetzung mit Porter Howell (lead vocals, guitars, banjo), Duane Propes (bass, piano, vocals), Dwayne O’Brian (acoustic guitar, vocals) und Del Gray (drums, percussion) ist konstant die gleiche wie beim Vorgänger “Missing Years“. Produziert hat diesmal das Quartett selbst, Anthony Martin durfte nur noch zwei Mal assistieren, hat aber auch ergänzende Keyboards-Einsätze. Auch das Songwriting (die Titel wurden von 2007 bis 2014 kreiert) behielt der texanische Vierer weitestgehend in eigener Hand, lediglich wenige Co-Autoren (u. a. Paul Jefferson – ex-Hilljack) wurden mit eingebunden.

Das Werk beginnt mit dem Titelsong, einem knackigen New Country-Track, der mit schönen Southern-typischen Twin-Gitarren verziert wurde. Herrlich das direkt auf dem Fuße folgende, entspannt verlaufende “Can’t Get In A Hurry Here“. Das Lied durchströmt ein warmes Westcoast-Feeling im Stile der Eagles mit tollen Vokalharmonien, angenehmer Akustik- wie auch E-Gitarrenbegleitung, Porter Howell singt auf gleicher Wellenlänge wie ein Don Henley. Starkes Stück!

In eine ähnliche Kerbe schlagen auch “Kings Of This Town“ (Akkordeonklänge im Hintergrund, relaxte Akustikgitarre) und die schönen atmosphärischen Schwofer “Slow Ride Home“ (nette Pianotupfer), “Take This Walk With Me“ (klasse Akustikgitarrenspiel, Piano, E-Baritongitarren-Fills) und das mit fast progressiver E-Gitarrenarbeit vorgetragene “How Many Chances“ (Synthie-Strings) oder das flockige, sehr melodische “Nothin‘ You Can Do“(starke Harmoniegesänge). Ansonsten geben die Jungs aber ordentlich Dampf und überraschen zum Teil auch mit deftig rockiger Gangart. “Why I Brought My Boots“ ist ein launiger Countryrock-Stampfer Marke Jack Ingram, und solange es solch tolle Slide-trächtige Southern Rocker gibt, wird der Titel “Rednecks Do Exist“ nicht s an Aktualität verlieren.

“Yeah Yeah Yeah“ kommt mit einem lässigen Keith Urbanschem Banjo und zum Mitgrölen animierenden Shout-Refrain. Der perfekte Song fürs Live-Programm. Zum Abschluss geht mit “This Hot In Texas“ nochmal richtig die Post ab. Der Song ist purer Southern Rock und wird mit seiner schweren E-Gitarrengangart (klasse Solo mit Wah-Wah-Anschluss) und einem furiosen Instrumental-Finish (inkl. klimperndem Honky Tonk-Piano) so manchen glühenden Verehrer des Genres vom Hocker werfen. Hammer!

Als Zusatz-Bonbon gibt es noch zwei Neueinspielungen ihrer Hits vom einstigen “Big Time“-Werk, “What Might Have Been“ und “God Blessed Texas“, die sich am Original orientieren, aber ihren Reiz durch den neuen Gesang von Howell (damals sang Brady Seals) und einer deutlich peppigeren Produktion auszeichnen. Gerade letztgenanntes Stück dürfte nochmal die Skynyrd-Fans begeistern (herrliches Slide-Solo, Honky Tonk-Piano), Little Texas haben ganz sicher auch den Southern Rock im Blut. Meisterlich!

Sie setzen beim Independent-Label „Goldenlane Records“ konsequent den Weg fort, den sie seit “Missing Years“ eingeschlagen haben. Eine gelungene Mischung aus ruhigen, melodischen Tracks und einigen prächtigen Southern Rock Stücken. Mit “Young For A Long Time“ beweisen sie, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen zählen und immer noch genug Energie für neue starke Kreationen vorhanden ist. Die Zeitspanne bis zum nächsten Werk darf dann allerdings gerne etwas kürzer ausfallen… Toller Stoff!

Goldenlane Records (2015)
Stil: New Country

01. Young For A Long Time
02. Can t Get In A Hurry Here
03. Why I Brought My Boots
04. Slow Ride Home
05. Rednecks Do Exist
06. Kings Of This Town
07. Yeah Yeah Yeah
08. Take This Walk With Me
09. Nothin You Can Do
10. How Many Chances
11. This Hot In Texas
12. What Might Have Been
13. God Blessed Texas

Little Texas
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Bärchen Records

 

 

Bo Phillips Band – Dirt Road – CD-Review

BO

Goßartiger, genauso entspannt und locker, wie knackig und würzig in Szene gesetzter, überaus angenehm ins Ohr gehender, durchaus mit Elementen des traditionellen Country behafteter „Red Dirt“-Countryrock/New Country/Alternate Country aus Stillwater, Oklahoma. Bo Phillips ist der große Bruder des im „Red Dirt-Circus“ längst Kultstatus geniessenden Stoney LaRue – und er ist nicht minder talentiert. Obwohl er sich bereits mit neun Jahren das Gitarrespielen selbst beigebracht hatte (sein Großvater hatte ihm als Erstem seiner Enkel das Instrument geschenkt, worauf Stoney damals fürchterlich eifersüchtig reagierte), muss man Bo Phillips fast als so etwas wie einen Spätstarter bezeichnen.

Er hat zwar schon immer Musik gemacht und auch die Bühne mit bereits unzähligen Leuten (mit denen er zum Teil auch gut befreundet ist) der „Red Dirt“-Szene geteilt (u.a. Wade Bowen, Jason Boland, Cross Canadian Ragweed, Bleu Edmondson, Micky & The Motorcars, Reckless Kelly, Randy Rogers Band und, sich von selbst verstehend, natürlich mit Stoney LaRue), ist aber letztendlich immer zweigleisig gefahren. Er hat als einziger der Familie studiert, eine Zeitlang als Lehrer gearbeitet und berät auch heute noch Firmen und Haushalte in Energiefragen. Mit dem Ergattern eines Plattendeals beim im Genre federführenden und von uns so sehr geschätzten Smith Entertainment Label, dürfte sich das Blatt aber eindeutig zu Gunsten der Musik gewandt haben, zumal sich damit ein von ihm lang gehegter Wunsch nun endgültig erfüllt hat.

Sein dreizehn Songs (inkl. eines Hiddentracks) umfassendes Studiodebüt „Dirt Road“ fällt aufgrund der reichhaltigen Erfahrungen des Künstlers schon sehr reif und überaus kompetent aus. Phillips hat seine Hausaufgaben gemacht und präsentiert eine wunderbare, schnörkellose, jederzeit melodische, absolut bodenständige „Red Dirt“-Musik, deren Wurzeln genauso im traditionellen Country/New Country, wie auch im rootsigen, von einem gepflegten Southern-Feeling durchzogenen Americana liegen. Der überwiegende Teil des durchweg exzellenten Songmaterials wirkt, trotz seines durchaus würzigen Ambientes, angenehm relaxt. Bo’s hervorragende Stimme, die genauso im Country wie in der typische „Red Dirt“-Musik zu Hause ist, strahlt eine überaus angenehme Wärme aus.

Zuweilen wir man musikalisch und stimmlich ein wenig an die famose Zac Brown Band erinnert. Zudem hat seine Stimmlage etwas vom Timbre eines Garth Brooks, der ja auch aus Oklahoma stammt. Die meisten Stücke bewegen sich im lockeren Midtempo-Bereich, wenngleich auch der ein oder andere, etwas mehr Fahrt aufnehmende (Roots)Rocker nicht fehlt. Phillips und seine Musiker bewegen sich auf einem von vorn bis hinten gleichbleibend hohen Niveau. Der Silberling beginnt mit einem recht originellen Einstieg. Man hört jemanden den knisternden Sender-Suchlauf seines Radios bewegen, und als er dann letztendlich bei dem schönen, sich locker ins Ohr windenden „Never“ angelangt ist, geht das Lied in seinen echten, vollen Sound über. Eine tolle, lässige Midtempo-Countrynummer mit viel Southern-Esprit und exzellenter E-Gitarren-Begleitung. Dazu klasse Fiddle-Einlagen von Gastmusiker Jeremy Watkins.

Darauf folgt das cool groovende, deutlich kraftvollere, Southern Rock-kompatible „Cornfed“ mit seinen satten Slide-Passagen. Der Titeltrack „Dirt Road“ zeigt Phillips dann von seiner entspannten Seite. Der ruhig gehaltene Country-Song duftet förmlich nach ländlicher Atmosphäre (Akustikgitarre, schöne E-Gitarren-Fills, klasse Fiddle). Das rhythmische „Perfect Girl“ (bereits sehr erfolgreiche Single) gibt einen ersten Vorgeschmack auf die kommende Cabrio-Saison. Ein voller positiver Energie steckender, gut abgehender Sommersong. Exzellente Party-Stimmung verbreitet „Tip Jar“, ein Stück mit viel launigem Drive, wie man ihn von Brooks & Dunn bestens kennt.

Das anschliessende „Hitchhiker“ ist „pure country“ in schöner, „rural atmosphere“. Ein klassischer, knackiger, dennoch lockerer honky-tonkin‘ Two-Stepper mit tollem Fiddle-Drive und vorzüglichem E-Gitarren-Picking. Herrlich dann das mit laut aufheulenden Southern E-Gitarren (tolle Lead Gitarren-Arbeit von Bandmitglied Nick Tate, der auch im kompletten Verlauf des Albums immer wieder mit feinen Soli zu glänzen weiß) bestückte „Peace On Earth“, in dem Bruder Stoney LaRue auch textlich erwähnt wird. Das balladeske „Love Me Tonight“ erinnert ein wenig an eine „Red Dirt“-Variante von „That Summer“ von Garth Brooks. Der Song versprüht fast so was wie Lagerfeuerromantik.

Das abschließende „Friends Like You“ unterstreicht Bo’s starken Bezug zu seinem Großvater Harvey Allen Phillips, der im Juni des vergangenen Jahres verstorben ist. Neben einer Widmung im Inlay der CD, steckt dieser balladeske Song voller Skynyrd’scher „Tuesday’s Gone“/“Free Bird“-Atmosphäre (ohne Gitarrenschlacht) und ist mit sehr viel Emotionalität behaftet. Ein sehr bewegendes Stück. Nach 45 Sekunden Pause gibt es danach noch einen akustisch und ebenfalls sehr ruhig gehaltenen Hiddentrack (schönes Akustikgitarrenspiel von Bo).

Bo Phillips gelingt mit „Dirt Road“ ein klasse Einstieg in die „Red Dirt“-Szene, der keine Wünsche offen lässt. Anhänger von Leuten wie Pat Green und der Randy Rogers Band zu ihren Anfangstagen, Django Walker, Jason Boland & The Stragglers, oder eben auch der Zac Brown Band und ähnlicher New Country-Kollegen werden auch mit der Bo Phillips Band ihre helle Freude haben. Ein sehr konsequentes, ehrliches und authentisches Werk, weitestgehend auf kommerzielle Avancen verzichtend. Bruder Stoney LaRue und sein Großvater werden stolz auf ihn sein. Ein weiteres „Red Dirt“-Qualitätsprodukt aus dem Hause Smith Entertainment!

Smith Entertainment (2010)
Stil: Red Dirt

01. Never
02. Cornfed
03. Dirt Road
04. Perfect Girl
05. Tip Jar
06. Love Like That
07. Hitchhiker
08. Peace On Earth
09. More To Me
10. Love Me Tonight
11. What Do They Know
12. Friends Like You (incl. hidden track)

Bo Phillips Band
Bärchen Records

Hot Apple Pie – Same – CD-Review

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Hot Apple Pie sind ein neu gegründetes, erstklassiges New Country-Quartett um den Ex-Little Texas-Keyboarder Brady Seals! Der hatte, ähnlich wie der zweite „Kopf“ dieser einst sehr erfolgreichen Truppe, Tim Rushlow, in den letzten Jahren auf Solopfaden geweilt und auch diverse, weniger erfolgreiche Werke (u. a. „The Truth“ und „Thompson Street“) eingespielt, die aber eher der Rock-/Pop-Sparte zugeordnet werden müssen. Umso erfreulicher, daß sich Seals jetzt mit seiner neuen Band doch wieder, wie auch Rushlow, „reumütig“ in ein Kollektiv zurückkehrt, das sich wieder eindeutig der Country-Schiene zuwendet. Gut so!

Denn bei Hot Apple Pie, mit ihrer tollen, immer knackigen, frischen, sehr peppigen, exakt die Balance zwischen traditionellen Roots und modernem Countryrock-Sound treffenden Mixtur, stimmt das Konzept von vorn bis hinten. Zum einen die Band. Mit Mark „Sparky“ Matejka (spielte schon für Charlie Daniels, The Kinleys, Sons Of The Desert – mittlerweile festes Mitglied bei Lynyrd Skynyrd) an den Gitarren und Banjo, sowie Drummer Trey Landry sind zwei hochgradig begabte Musiker an Bord, die Brady auch schon zu Solo-Zeiten unterstützten, hinzu stieß mit Keith Horne (Bass und Akustik Gitarre) ein weiterer, etablierter Könner (tourte u. a. mit Tanya Tucker, Waylon Jennings, Peter Frampton, Ricky Van Shelton, Trisha Yearwood und Lonestar), was natürlich die hohe musikalische Kompetenz schon erahnen läßt.

Zudem fungieren als Gäste die Steel-Koryphäen Paul Franklin und Dan Dugmore, sowie als Duett-Partner Willie Nelson bei dem astreinen Barroom-Heuler „Slowin’ Down To Fall“. Zweitens die Songwriter. Seals stammt ja aus einem richtigen Musiker-Clan (Country-Star Dan Seals, Pop-Ikone Jimmy Seals von Seals & Crofts, die Komponisten Troy und Chuck und sogar Cousin T. J., alias Kizzy Plush)! Von letzterem erhielt er kompositorisch hier auch tatkräftige Unterstützung, ebenso wie von solch klangvollen Namen wie Rodney Crowell, Jeffrey Steele, Al Anderson oder Mike Reid! Drittens die Zusammenstellung des Songmaterials. Es gelang 13 wunderbar abwechslungsreiche, sehr melodische und im richtigen Rhythmus aufeinander abgestimmte Songs zu kreieren, auf dem die Band ihr versiertes Können vielfältig einbringen konnte.

Viertens der Musikstil. Es wurde wieder auf die Karte New Country/Country-Rock gesetzt, eine Sparte in der sich alle Beteiligten spürbar wohl fühlen. Nicht selten wird man wieder an Little Texas erinnert, wie auch an knackige Restless Heart, zuweilen mit einem feinen Schuß Moderne ala Big & Rich! Macht einfach riesig Spaß den Jungs zuzuhören. Die CD startet gleich mit dem großartigen „Fun“-Stück „Hillbillies“, wo in spaßiger Weise die Neigungen dieser Spezies besungen werden. Tolle, groovend funkige Note, nicht zuletzt durch einen klasse Upright Bass, southern-lastige Slide-Läufe, feine Twin-Einsätze und eine klasse „Hey-Hillbilly“-Mitgrölpassage am Ende. Wird sicherlich ein Live-Kracher!

Nach der peppigen, mit tollen Gitarren und prächtuger Steel ausgestatteten, gut tanzbaren, melodischen New-Country-Uptemponummer „We’re Makin’ Up“, ein wenig an Little-Texas-Zeiten erinnernd, folgt mit „California King“ ein balladesker, autobiographisch zu sehender Song, der Seals‘ Solo-Jahre in Los Angeles beleuchtet („I packed my guitar and hopped a train and made my escape, and I took only good memories with me.., this small town boy’s goin’ back to Tennessee, California king… just ain’t me“). Tolles Akustik-Intro, herrliche E-Gitarren-, Akkordeon- und Organ-Fills – ein packender Vortrag! Im Prinzip jagt ein Highlight das nächste!

Sehr stark auch die mitreißende, schnell gespielte Coverversion von The Bands/Robbie Robertsons 35 Jahre altem „The Shape I’m In“ im traditionellen, grassig rockigen Outlaw-Flair und mit herrlichen Instrumental-Gitarren-Schlagabtauschen (besonders imponierend das Akustik-Solo von Keith Horne), sowie einem bluesig integriertem Harmonika-untermalten Break. Ein southern-swampiger Rocker der Marke Jeffrey Steele/Anthony Smith mit knackigem Gitarrensound und schwülen Organ-Tupfern ist „Redneck Revolution“.

Die wunderbare Ballade „Annabelle (Arkansas Is Callin’ You)“, aus der Feder von Brady und Rodney Crowell lädt dann mal zum Relaxen ein – eine sehr entspannte Nummer! Nach zwei weiteren, herrlich eingängigen New Country-Stücken bildet mit „All Together Now“ nochmal ein echter Hit den Abschluss, der wieder jede Menge Leckerbissen enthält. Schönes Piano-Intro, dezentes Southern-Flair, tolle Harmoniegesänge, heulende Orgel, starkes E-Gitarren-Solo, inbrünstig gesungener Refrain mit Southern/Country-typischem Langziehen der Endsilben einer Zeile und ein Accapella-Break und Beatles-ähnlichem, „Hey Jude“-mäßigem „Na-Na-Na“-Finale! Ein Song mit Langzeitwirkung, genau richtig positioniert! Brady Seals Rückkehr zu seinen Wurzeln dürfte die richtige Entscheidung gewesen sein.

Von Hot Apple Pie wird man vermutlich wohl in Zukunft in dieser Konstellation noch einiges geboten bekommen. Fest steht: Das ist sicher die heißeste Apfeltorte, die bisher in Amerika produziert wurde. Starke CD!

Dreamworks Records (2005)
Stil: New Country

01. Hillbillies
02. We’re Makin‘ Up
03. California King
04. Easy Does It
05. The Good Life
06. Why Can’t I Get To You
07. The Shape I’m In
08. Slowin‘ Down The Fall
09. Redneck Revolution
10. Annabelle (Arkansas Is Callin‘ You)
11. Everybody Wants To Dance With My Baby
12. I Should Have Seen Her Leavin‘ Comin‘
13. All Together Now

Montgomery Gentry
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Little Texas – Missing Years – CD-Review

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Little Texas, eine der erfolgreichsten New Country-Bands der 90er-Jahre, hatte mit Brady Seals und Tim Rushlow den Verlust von gleich zwei charismatischen Bandleadern zu verkraften (beide versuchten es zunächst solo, um dann mit ihren Projekten Rushlow und Hot Apple Pie Fuß zu fassen), was naturgemäß zunächst einen länger anhaltenden Break zur Folge hatte.

2004 versuchte der verbliebene Rest nach Klärung der rechtlichen Belange ein Comeback mit Steven Troy als neuem Sänger, der allerdings 2006 schon wieder ausschied. Seit Lead-Gitarrist Porter Howell nun das Mikro übernommen hat (erstaunlich, dass er bei seinen gesanglichen Qualitäten nie früher zum Zuge kam) fluppt die Sache wieder.

Das Quartett mit den übrigen Ursprungsmitgliedern Del Gray (drums), Duane Propes (bass, vocals), Dwayne O’Brien (guitars, vocals) und Porter Howell (lead vocals, lead guitar) meldete sich dieses Jahr mit einem Doppelschlag zurück. Zunächst gab es als Appetithappen ein tolles Live-Album mit ihren größten Hits, zwei Covernummern und einem neuen Stück, das ihren Ruf als ausgezeichneter Live-Act eindrucksvoll untermauerte (die Band spielte in ihren Anfangstagen wie auch zu ihren Hoch-Zeiten fast 300 Gigs pro Jahr, was ihr den Ruf als ‚hardest working band in country music‘ einbrachte).
Knapp zwei Monate später ist mit „Missing Years“ jetzt ein brandneues Studioalbum auf dem Markt. Die Hälfte der Nummern stammt aus der Feder von Howell, Gray und O’Brien, der Rest wurde von arrivierten Nashville-Songwritern (u.a. Marc Beeson, Don Pfrimmer, Anthony Smith, Angelo & Brett James) beigesteuert.

Neben einigen entspannten New Country-Songs, die meist aufgrund der herrlichen Harmoniegesänge mit viel Westcoast-Flair umgarnt sind (die Band klingt hier oft wie eine Art ‚texanischer‘ Eagles), zeigen Little Texas diesmal eine doch sehr überraschende, raue Seite. Es gibt für ihre Verhältnisse recht viele rockige Country-Songs mit Southern-Anleihen und auch dezentem Redneck-Touch. Howell meistert vokal dabei jedes Tempo auf angenehme Art und Weise und lässt auch seine exzellenten Gitarrenkünste mehrfach aufblitzen.

Mir persönlich gefallen am besten „Rebel“, ein swampiger Southern-Stomper, mit klasse Slide-Arbeit, der Stones-mäßige Honkytonk-Gute-Laune-Rocker „Party Life“ (schöne E-Gitarren, Kuhglocken-Drums) und die humorvolle Hommage an ihren Heimatstaat „Texas 101“ (»… We got George Bush and Dixie Chicks, I guess oil and water just don’t mix …«). Letztgenanntes Stück wurde von Howell übrigens zusammen mit Johnny Slate und einem gewissen Paul Jefferson, Bandleader einer weiteren sehr talentierten und von mir heiß geliebten Band, namens Hilljack, komponiert, die 2005 ein brillantes CD-Debüt gab, und auf deren Nachfolger ich schon seit längerem warte. Jefferson und Howell weisen übrigens auch erstaunliche Stimmähnlichkeiten auf.

Fazit:  Little Texas haben mit ihrem neuen Werk „Missing Years“ auch ohne ihre einstigen Leitwölfe ein erstaunliches, und sehr abwechslungsreiches Comeback auf allerhöchstem musikalischen Niveau hingelegt. Vielleicht sogar eins ihrer besten Studioalben bisher. Die zum Quartett erschlankte Band mit Peter Howell als Frontmann hat ohne Zweifel Zukunft.

Montage Music Group (2007)
Stil: New Country

01. Gotta Get Me Down Home
02. Missing Years
03. Rebel
04. Knees
05. Reason
06. Party Life
07. Texas 101
08. So Long
09. When He’s Gone
10. You Ain’t Seen Me Lately
11. Your Blues
12. Your Woman

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