Greg Nagy – The Real You – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Greg Nagy ist ein vielseitiger Musiker, dessen Songwriting, Gesang und Gitarrenspiel zu einem erfrischend ehrlichen Sound zusammenfinden, wobei er Elemente aus Soul, R&B, Rock und Gospel miteinander mischt. So auch auf seiner Debütveröffentlichung „Walk That Fine Thin Line“, dem Nachfolgealbum „Fell Toward None“ und seinem dritten Werk „Stranded“. Bemerkenswert ist, dass Nagy seine Messlatte von Album zu Album immer etwas höher gehängt hat und diese nun in seinem neuesten Oevre „The Real You“ bereits verdammt hoch hängt. Es ist ein 11 Stücke umfassendes, sehr abwechslungsreiches Album, das man so schnell nicht leid wird. Vielen Songs gemein ist, dass sie mit präzisen und teils nostalgisch wirkenden Bläsersätzen aufwarten, gleichwohl aber auch Gitarrenlicks im Chicaostyle-Blues einbinden.

Nagy eröffnet sein Werk mit einem gefälligen, souligen Popsong namens „The Real You“, in dem bereits hier leicht nostalgische Bläsersätze ein tragendes Gerüst bilden. Mit dem Folgestück „Mississippi Blues“ setzt er sodann einen starken Kontrapunkt in Form eines gefühlvollen Deltablues mit Akustikgitarre und Mundharmonika. Ruhig fließt auch der Song „Crazy“ dahin, ein verträumter, balladesker Slowblues mit 70ger Jahre-Charme. Kangvolle Keyboardteppiche wabern durch den Chicagoblues „Never Mine“. Mit „Come To Poppa“ folgt ein recht heavy-rockiger Blues, dessen Stil von kräftigem Gebläse mit jaulender Gitarrenuntermalung geprägt ist. Dann wieder ruhige Töne: der Beatles-Klassiker „Something“ in neuem Gewand, hier als Duett mit der Sängerin Thornetta Davis.

„Cornell Ala King“, ein flotter, eingängiger Instrumental-Shuffle, weckt anschließend den dahingeschmolzener Zuhörer wieder auf, um ihn dann in den balladesken Midtempoblues „Baby, What Took Your Love Away From Me“ zu entlassen. Das für mich interessanteste Stück auf der Scheibe ist aber der Titel „Where Do We“, das mit analogem Vinylgeknister beginnt und zu dem sich der verkratzte Sound einer Akustikgitarre gesellt. All das geht schließlich in einen schönen Southernblues mit viel Charme über. Das Album endet hernach mit zwei Slowbluesnummern. In „All I Need (Is You)“ bespielt Nagy seine Akustikgitarre im Fingerpickingstyle und mit „The Joke“ klingt die CD, getragen von Pianoklängen und dezenter Percussionuntermalung, aus.

Greg Nagy dürfte hierzulande wohl noch nicht so bekannt sein, aber mit „The Real You“ wird sich das sicherlich schnell ändern. Der Longplayer ist stilistisch und musikalisch sehr abwechslungsreich und macht beim Hören so richtig Spaß, ohne auf die Dauer langweilig zu werden. Greg Nagy dürfte hierzulande noch ein Geheimtipp sein, nichtsdestotrotz gibt es von mir für seinen Silberling eine dringende Kaufempfehlung.

Eigenproduktion (2024)
Stil: (Soul) Blues

Tracks:
01. The Real You
02. Mississippi Blues
03. Crazy
04. Never Mine
05. Come To Poppa
06. Something
07. Cornell Ala King
08. Baby, What Took Your Love Away From Me
09. Where Do We
10. All I Need (Is You)
11. The Joke

Greg Nagy
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Ben Poole – 24.11.2024 – blues, Rhede – Konzertnachlese

Ben Poole beendet, wie schon in den letzten Jahren traditionell, seine Herbst Tour im blues im beschaulichen Rhede und hat als Gast seinen brüderlichen Freund Guy Smeets dabei. Etwas später als geplant betritt Poole gegen 19:30 Uhr die Bühne im gut gefüllten blues und es folgen über zwei Stunden Blues Rock der härteren Gangart mit vielen jammenden Passagen und starken Gitarrensoli, an denen auch der Niederländer Smeets einen gehörigen Anteil hat.

In die vorrangig eigenen Songs baut Poole auch einige Coverversionen ein, von denen die knapp 15-minütige Zugabe von „Fire & Water“ von Free eines der Highlights des Abends ist. Das vom Publikum gefeierte „Dont´t Cry For Me“ beginnt nicht mit einem Keyboard-Intro, den Part übernimmt Amadeo mit einem gefühlvollen Bassintro, bevor der Rest der Band, zunächst balladesk einsteigt, um mit einem explosiven Zwischenteil die Decke im blues abheben zu lassen. Dabei jagt eine Solopassage von Poole die folgende von Smeets.

Schon während des Konzerts beginnt die Band das Ende der Tour gebührend zu feiern, als Ben seinen Tourmanager mit auf die Bühne holt und alle gemeinsam erst mal gemeinsam mit einem Pinecken anstoßen, um danach direkt wieder wie entfesselt weiterzumachen.

Zwei Stunden krachender Blues Rock vergehen so im Fluge und an den Gesichtern der Fans lässt sich ablesen, dass es ein besonderer Abend war. Von Beginn an war der Funke von der Bühne aufs Publikum übergesprungen, was neben der musikalischen Leistung auch am sympathischen Auftreten der Band lag, in deren Gesichtern sich die Spielfreude widerspiegelte.

Das ausgewogene Licht und der transparente Sound hatten einen nicht unerheblichen Anteil an dem gelungenen Abend, dass zu erwarten ist, dass im November 2025 auch die Ansage folgen könnte „Same Procedere As Every Year“, mit dem einen oder anderen Erfrischungsgetränk während der Show.

Line-up:
Ben Poole – vocals, guitars
Steve Amadeo – bass
Ollie Dixon – drums, backing vocals
Special Guest:
Guy Smeets – guitar, backing vocals

Text & Bilder: Gernot Mangold

Ben Poole
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blues Rhede

Beth Hart – You Still Got Me – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Das inzwischen schon fast als Klassiker eingestufte Vorgängeralbum “A Tribute To Led Zeppelin” (2022) hat die Wartezeit etwas verkürzt: Nun hat Beth Hart ihr insgesamt 11. Studiowerk “You Still Got Me” vorgelegt; eine leidenschaftlich emotionale Produktion, gefüllt mit überstarken Songs, die unter die Haut gehen. Die hochtalentierte, Grammy-nominierte, US-Singer/Songwriterin (u. a. mit 3 European Blues Awards) veröffentlicht seit 1993 eigene Solo-Scheiben und hat insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Joe Bonamassa (u. a. “Black Coffee”) zurecht jede Menge weitere Fans erreicht. Jetzt vertiefen die Storytelling-Tracks und kraftvollen Kompositionen diese Verbindung.

Maßgeblich beteiligt war wieder Kevin Shirley, der bereits die Longplayer mit Bonamassa und das Solo-Album “Bang Bang Boom Boom” (2012) produzierte. Los geht die Scheibe mit “Savior With A Razor”, einem rockigen Opener, angeführt von Slashs Guns N’ Roses-Gitarre, während Beths Stimme die mitreißende Hymne vorwärts treibt. “Sie (Beth) ist eine unglaubliche Sängerin und Texterin…und eine echte Freundin. Sie ist unglaublich”, lobt Slash die Zusammenarbeit, die sich ebenso auf sein neues Studioalbum “Orgy Of The Damned” erstreckt. Dieses Teamplayer-Format schätzt auch Blues-Gitarrist Eric Gales, der auf dem zweiten Stück “Sugar N My Bowl” die elektrische Saitenzauberei übernahm. Das neben diesen groovigen Funk-Soul Tracks selbstverständlich Platz ist für bluesige und jazzige Chansons, z. B. “Drunk On Valentine”, ist typisch Hart; Etta James und Ella Fitzgerald sind dabei durchaus in Reichweite.

Überraschend findet sich jedoch ebenfalls ein moderner Old School Country-Rock in der Tracklist und bringt eine dicke Danksagung an den Man In Black (“Wanna Be Big Bad Johnny Cash”). Der Sprung in die folgende Klavierballade “Wonderful World” ist für Beth Hart nur ein kleiner und ein zusätzliches, unbedingtes Meisterstück des Albums, welches die Interpretin als überragende, soulige Stilistin feiert. Permanent im Gedächtnis bleibt der post break-up Song “Little Heartbreak Girl” und erhebt nicht zuletzt durch den einfallsreichen Klavier Tempo-Wechsel den berechtigten Anspruch, in die erste Reihe der Rock-Balladen aufzusteigen: Lyrisch eine Empowerment-Hymne, die einen Hauch von Traurigkeit, aber einen Sturm von Optimismus versprüht.

Kein Weg vorbei führt eindeutig am Titelsong. “I Still Got You” ist ein Masterpiece Love Story Track, eine Heart and Soul Ballade, die vielleicht nur Beth Hart in dieser charismatisch intensiven Weise singt und damit an Janis Joplin ebenso erinnert. Die filmreife Interpretation und die puren Emotionen des Gesangs heben den powervollen Epos in die obere “Etage” essentieller Musikstücke, eine Naturgewalt an Substanz und Inspiration, jedoch leider wegen der Länge von 6 Minuten kaum radiotauglich. Dabei ist es durchaus der Mut zu den überlangen Balladen, der dem Album “I Still Got You” insgesamt die persönliche Signatur, die berührende Authentizität und die seltene Magie verleiht, die Beth Hart als unbändige Sängerin und Musikerin erfolgreich ausstrahlt. Erleben kann man sie mit dem neuen Album auch auf Deutschland-Tournee, z. B. im November in Köln, Hamburg oder Berlin.

Mascot Label Group (2024)
Stil: Blues Rock, Soul

Tracks:
01. Savior With A Razor (feat. Slash)
02. Suga N My Bowl (feat. Eric Gales)
03. Never Underestimate A Gal
04. Drunk On Valentine
05. Wanna Be Big Bad Johnny Cash
06. Wonderful World
07. Little Heartbreak Girl
08. Don’t Call The Police
09. You Still Got Me
10. Pimp Like That
11. Machine Gun Vibrato

Beth Hart
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Netinfect Promotion

Hamburg Blues Band – 05.10.2024 – Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertnachlese

Zu den Klängen von Hans Albers Reeperbahn-Song betritt die Hamburg Blues Band die Bühne mit dem Ton eines Nebelhorns eines Schiffs. Die Band nimmt von da an die Fans auf eine rasante Fahrt mit knackigen Rock- und Blues- Songs. Gert Langes prägnante Stimme bringt den Blues in die Stücke und im zweiten Teil des Konzerts stößt der mittlerweile 84-jährige Chris Farlowe dazu und zeigt, dass er stimmlich noch voll auf der Höhe und dazu noch ein humorvoller Entertainer ist.

Krissy Matthews fegt zuweilen wie ein Irrwisch über die Saiten und setzt mit seinen gold-glitzernden Schuhen für einen schmunzelnden Seitenhieb von Farlowe. Reggie Worthey am Bass und Eddie Filip an den Drums sorgen wie gewohnt für eine fette Rhythmusarbeit. Nach etwa 100 Minuten beendet das Nebelhorn die zuweilen emotionale musikalische Reise der Hamburg Blues Band an diesem Abend.

Neben den eigenen Songs wie „Stony Times“ oder „Try Me Again“ kann Matthews mit „Hairdrying Drummer Man“ einen eigenen Track beisteuern und auch Farlowe bringt mit „I´ll Sing The Blues For You“ und „Shaky Grounds“ eigene Stücke. Stark ist auch, wie die Band, neben einigen eingestreuten Coversongs, den Small Faces-Hit „All Or Nothing“ gewissermaßen wiederbelebt.

Die Fans, die an dem Abend im Piano waren, werden ihr Kommen nicht bereut haben, wer weiß, wie oft man Chris Farlowe noch als Gastmusiker begrüßen darf.

Line-up:
Gert Lange (lead vocals, electric guitar)
Krissey Matthews (lead guitar, vocals)
Reggie Worthey (bass, vocals)
Eddie Filip (drums)
Special guest: Chris Farlowe (lead vocals)

Text und Bilder: Gernot Mangold

Hamburg Blues Band
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Musiktheater Piano

Jade MacRae – In My Veins – Digital-CD-Review

Wer als Backgroundsängerin in Joe Bonamassas Band über Jahre hinweg erfolgreich partizipiert, ist, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, für deutlich mehr prädestiniert, als nur ein paar schöne laszive Aahs, Oohs oder Uuhs. Jade MacRae, die wir jetzt auch schon sehr oft live erlebt haben, zeigt als Fronterin auf ihrem neuen, nur digital veröffentlichen Studio-Album „In My Veins“, dass sie Gesangsblut in ihren Adern mitgegeben bekommen hat.

Nebenbei sei bemerkt, dass die Protagonistin übrigens auch einen Universitätsabschluss als Pianistin und Violinistin vom Sydney Conservatorium Of Music hat.

Die 10 Tracks hatten ihren Ursprung während der Pandemie-Zeit, wo sich jede Menge  innerlicher Frust angestaut hatte und wurden später mit Leuten wie Kirk Fletcher (Gitarre, u. a. Ex-Fabulous Thunderbirds, Eros Ramazotti) , Lachy Doley (Voc, Hammond u. a. Jimmy Barnes, Glenn Hughes), Mahalia Barnes (Voc, u. a. Joe Bonamassa Band, Tochter von Aussie-Rocklegende Jimmy Barnes), Karen Lee Andrews (australische Sängerin(Ms Murphy)) und Jades Eltern, der renommierten Jazz-Sängerin Joy Yates und Fusion/Modern Jazz-Pianist Dave MacRae,und auch von Joe Bonamassa weiterentwickelt.

Der Gitarrenmeister himself liefert dabei auf dem sicherlich stärksten Stück des Werkes, dem slow-bluesigen „Early In The Morning“ eine packendes E-Solo, dass der ohnehin schon fesselnden Atmosphäre im Verlauf noch weitere dramatische Tiefe vermittelt.

Weitere Anspieltipps meinerseits sind der lässig groovende Opener „Out Of Sight“, das heftig und aggressiv  dahingeschossene Soulfeuer in „Shots Fired“, aber natürlich auch die ruhigeren Sachen wie „Reckoning“, das anprangernde „How Can We Live“, in denen Jade ihre ganze emotionale Verzweiflung der Pandemiezeit stimmlich in ihre Songs einbringt sowie auch das finale famose „Better This Time“ mit dem fast improvisiert wirkenden Instrumentalteil im Endbereich des Tracks.

Joe Bonamassa beschreibt sie als eine der talentiertesten Musikerinnen, die er je getroffen habe und in dieser Kombination von Seelenfülle und technischer Gewandtheit nur sehr selten vorkommt. Jade MacRaes neues Album „In My Veins“ untermauert dieses Statement mit tollen, spannenden und abwechslungsreichen Songs, handelnd von von Selbstliebe, positivem Denken in einer Zeit generationen-übergreifender Panik, Optimismus und dem Triumph über das Grauen. Und das mit einer Stimme, die im Blues-Soul-Bereich ihresgleichen sucht.

Eigenproduktion (2024)
Stil: Blues, Soul & More

01. Out Of Sight
02. Rose Coloured Glasses
03.  Little Joy
04. Early In The Morning
05. Eyes To The Sky
06. Shots Fired
07. Reckoning
08. How  Can We Live
09. In My Veins
10. Better This Time

Jade MacRae
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Brooke Lynn Promotion

Tab Benoit – I Hear Thunder – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Sehr, sehr lange hat Tab Benoit nichts mehr von sich hören lassen. Endlich nun ist sein neuestes Werk erschienen. „I Hear Thunder“ ist sein erstes Studioalbum seit sage und schreibe 13 Jahren!

Im Laufe der Jahre hat sich Tab Benoit anscheinend zu härteren Bluesriffs hin entwickelt. Auf seinem neuen 10-piece-Album ist der Blueser aus Baton Rouge, Louisiana dem Swamp Blues bzw. Lousiana Blues zwar im Wesentlichen treu geblieben, aber es dominiert eine etwas härtere Gangart, die sich auch in dem Opener „I Hear Thunder“ offenbart. Der Song wartet, einem Donnerhall gleich, mit heftigen Gitarrenriffs auf.

In manch anderen Stücken sind dann wieder auch durchaus funkige und Chicago-Style-artige Elemente zu hören. „The Ghost Of Gatemouth Brown“ ist ein Paradebeispiel dafür. In den Bereich Countryblues hingegen passen Songs wie „Still Gray“, „Overdue“ oder „Watching The Gators Roll In“, erstere sind ruhige Slowbluestitel und letzterer ist ein melodischer, sanft dahin fließender Bayoublues.

Die übrigen Tracks „Inner Child“, „Why, Why“, „Little Queenie“, „I’m A Write That Down“ und „Bayou Man“ pflügen, sägen und stampfen mit viel Energie durch das Album, dass es eine ware Freunde ist und passend dazu ergänzt Benoits erdiger Gesang alle Songs.

Großen Anteil am gelungenen Sound der Scheibe hat sicherlich auch die Gitarrenlegende Anders Osborne. Benoit und Osborne präsentieren sich auf dem Album als kongeniale Gitarristen, aber auch George Porter, Bassist der Meters, überzeugt mit seinem Groove. Als Gast bespielt er seinen Bass z. B. in den Stücken „Little Queenie“ und „I‘m A Write That Down“. Außerdem begleitet er Tab Benoit auch auf seiner aktuellen Tour zusammen mit den beiden Tourmates Terence Higgins (Schlagzeug) und Corey Duplechin (Bass).

„I Hear Thunder“ ist bereits am 30. August bei Whiskey Bayou Records erschienen. Insgesamt ein starkes Album mit zehn knackigen Tracks, aufgenommen, gemischt und gemastert vom Meister Tab Benoit himself.

Label: Whiskey Bayou Records (2024)
Stil: Blues

Tracks:
01. I Hear Thunder
02. The Ghost Of Gatemouth Brown
03. Still Gray
04. Inner Child
05. Watching The Gators Roll In
06. Overdue
07. Why, Why
08. Little Queenie
09. I‘m A Write That Down
10. Bayou Man

Tab Benoit
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Bruce Katz Band – Back In Boston Live – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Mit 100 Sitzplätzen ist The Fallout Shelter, Norwood bei Boston, MA., eine bemerkenswerte Venue. Zugleich Broadcast und Recording Studio mit High-End-Audio und Videoproduktion, sowie Live Streams auf Youtube, wird die legendäre Institution getragen von der gemeinnützigen Grassroots Cultural Organisation. Neben vielen anderen haben z. B. auch Larkin Poe vor fast 10 Jahren die “Extended Play Sessions” im Fallout Shelter als Promotion-Chance genutzt.

Und so haben wohl die Erlebnisse seiner Studienzeit am Berkeley College of Music und seine dortige Professur (1995 – 2010) eine Rolle gespielt und den genialen Piano, Organ-Keyboarder (und Bassisten) Bruce Katz nun wieder in seine ehemalige Heimatstadt gezogen, um die neue Scheibe “Back In Bosten Live” im Fallout Shelter einzuspielen. Die mit neun Eigenkompositionen und zwei Cover-Stücken vollgepackte Konzertaufnahme lässt an der Live-Power der exzellenten Band von Beginn an nicht den geringsten Zweifel, wobei es sich überwiegend um Instrumentals handelt, die in ihrer Intensität den Gesang leicht entbehren können.

Ein Highlight des Longplayers ist die fast 10-minütige Version des Allman Brothers/Dickie Betts Titels “In Memory of Elizabeth Reed”, inklusive eines outstanding Drum-Solo-Parts und Keyboard/Guitar Variationen. Zwei 9-Minuten-Tracks (“Get Your Groove” und “Gray’s Jam”) gehören zu den weiteren Konzerthöhepunkten. Die nicht nur vom Titel her groovenden und jammenden Rhythmen treibt Bruce Katz zusammen mit Gitarrist Aaron Lieberman, Gastmusiker Jesse Williams (u. a. North Mississippi Allstars) am Bass, und Schlagzeuger Livio Pop, durch grandiose Solo-Einlagen furios in ausgiebig breite Klangsphären.

Die pure Begeisterung beim Publikum steigert den Eindruck der kraftvollen Live-Performance. Aaron Lieberman, der auch die Gesangsparts übernimmt, hat mit dem 1934er Leroy Carr-Klassiker “Blues Before Sunrise” seine absolut herausragende Vocal-Nummer, deren krönende Piano-Passagen des mittlerweile 72-jährigen Bandleaders den seinerzeit sehr populären Blues-Interpreten Carr auszeichnen.

Auch der Boogie-Woogie und Rock’n’Roll “Don’t Feel So Good Today” (Jerry Lee Lewis hätte seine pure Freude!) rückt den Oldie-Charakter in den Vordergrund der Aufnahme. Chuck Leavell selbst Pianist und Keyboarder (in den 70ern u.a. Allman Brothers und inzwischen Musical Director der Rolling Stones) bringt es treffend auf den Punkt: “Bruce Katz …has fingers full of fire…whether on piano or hammond…”.

Die phänomenale Klangwelt aus Blues, Jazz, Soul und Jam-Band-Rock von Bruce Katz und seiner Band ist auf “Back In Boston Live” jederzeit präsent und steigert sich zu einer mehr als elektrisierenden Performance. Der Stellenwert dieser hochgradig gelungenen Produktion einer weitverzweigten American Roots Music Experience ist jedoch ebenso geprägt durch die unmittelbar hautnahe Atmosphäre im Fallout Shelter. Natürlich findet die CD-Release-Party dort am 13.09.2024 ebenfalls statt.

Dancing Rooster Records (2024)
Stil: Blues, Jazz, Soul

Tracks:
01. The Czar
02. Blues Before Sunrise
03. In Memory Of Elizabeth Reed
04. Don’t Feel So Good Today
05. Get Your Groove
06. Gary’s Jam
07. Dreams Of Yesterday
08. Take The Green Line
09. BK’s Broiler
10. Just An Expression
11. For Brother Ray

Bruce Katz Band
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Memphis Royal Brothers – Same – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Die Memphis Royal Brothers sind ein Zusammenschluss der talentiertesten Musiker aus Memphis, einige von ihnen sind Grammy-Gewinner und Grammy-Nominierte. Und sogar ein Oscar-Preisträger gehört der illustren Gesellschaft an. Die Truppe besteht nicht nur aus Gitarristen, Keyboarden, einem Drummer und Sängerinnen und Sängern, sondern wird auch durch eine Vielzahl von Bläsern (Saxophon, Trompete, Posaune), Stringsplayern (Geige, Cello und Bratsche) verstärkt. Ende Juli haben sie nun ihr erstes, selbstbetiteltes Album veröffentlicht.

Der Gitarrist Gary Bolen und sein Bruder Richard Bolen, der an dem Werk als Co-Produzent beteiligt ist, ließen sich zu diesem Longplayer durch den 2014’er Dokumentarfilm „Take Me To The River“ von Martin Shore inspirieren. Ein Film über amerikanische Soulmusik und das legendäre Label „Stax Records“. Und so ist es nicht erstaunlich, dass die Songs der „Memphis Royal Brothers“ stark vom Memphis-Soul, Blues und Americana beeinflusst sind und natürlich in den historischen Royal Studios in Memphis eingespielt wurden. Alle Stücke auf der CD sind Neukompositionen, an denen der Gitarrist Gary Bolan vielfach beteiligt war.

Herausragend ist für mich „Goin‘ South“. Hier glänzt Charlie Musslewhite an der Bluesharp und mit total relaxtem Gesang; ein Track, der die schwüle Hitze des Südens zu vermitteln vermag. Und dann sind da noch die Tracks mit Wendy Moten als Sängerin bzw. auch Solistin. In „Brand New Heart“, einem Song mit Country- / Americana Einschlag, liefert sie zusammen mit Jim Lauderdale die gesangliche Grundlage und in dem Slowblues „Ready To Use“ brilliert sie als einfühlsame Solistin.

Aber auch die übrigen Songs machen einfach nur Spaß. Die Bläsersektion spielt mit ihrem Groove kraftvoll und auf den Punkt genau, während sie u. a. von den Stax-Legenden Steve Potts am Schlagzeug, Michael Toles (Rhythmusgitarre), Charles Hodges und Lester Snell (Keyboards) unterstützt wird. Allen voran ist hier der flotte Schwofer „Good God I Got The Blues“ zu nennen. Darüber hinaus enthält „Gimmie Back The Keys To My Cadillac“ eine nette musikalische Überraschung in Form eines Zwiegespräches zwischen Sänger und Sängerin. Schließlich endet die Scheibe mit dem Slowblues „I Fall To Pieces“, eingeleitet von einem zarten Pianointro.

Die Memphis Royal Brothers haben mit ihrem Album dem Grunde nach ein musikalisch traditionelles Werk abgeliefert, das aber die Atmosphäre des Memphis-Souls verfeinert mit Blues- und Americana-Klängen auf melodische Art und Weise in die Gegenwart zu transportieren weiß. Für jeden der acht Tracks gibt‘s aus meiner Sicht klare 5 Sterne!

Royal Records / Mother West (2024)
Stil: Blues

Tracks:
01. Good God I Got The Blues
02. Goin‘ South
03. Brand New Heart
04. Ready To Rise
05. Gimmie Back The Keys To My Cadillac
06. Hot Night In June
07. What Mothers Do
08. I Fall To Pieces

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Johnny Ray Jones – Mystic Chiefs – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Die Mystic Chiefs, das sind die Musiker von Johnny Ray Jones‘ Allstar Band und gleichzeitig auch die Namensgeber für das erste Studioalbum dieser Truppe. Und die Liste der Bandmitglieder liest sich wie ein „Who is Who“ der Blues- und Rootsmusiker: der Gitarrist Junior Watson (u. a. Canned Heat und William Clarke), der Harpspieler Tex Nakamura (War) und der Perkussionist Stephen Hodges (Tom Waits), um nur drei herauszugreifen.

Auf „Mystic Chiefs“, welches auch das dritte Album des südkalifornischen Bluesers J. R. Jones ist, präsentiert er elf mitreißende Blues- und Rootsongs, Einige davon sind gekonnte Neuinterpretationen von Klassikern der Blueslegenden Sonny Boy Williamson („Trying To Get Back On My Feet“, „My Younger Days“), Willie Dixon („Don‘t Go No Further“, hier wunderbar relaxed und layed back dargeboten sowie „I‘m Ready“), James Moore („Shake Your Hips“) und anderen. Weitere Songs stammen aus dem Repertoire der L. A. Blueser The Red Devils, die Jones zeitweilig begleitete (u. a. „Automatic“, „Devil Woman“, „No Fighting“).

Das Album führt vom traditionellen Chicago Blues der 60’er Jahre à la Paul Butterfield, Mike Bloomfield oder Charlie Musselwhite hin zum L.A. Roots Rock der 80‘er und 90‘er Jahre, wie ihn z. B. die „Blasters“ und „The Red Devils“ gespielt haben. Alle Songs klingen sehr authentisch, nicht zuletzt auch wegen Jones‘ Stimme, die immer ganz leicht aus dem Off zu kommen scheint und irgendwie ein Analogfeeling hervor zu zaubern vermag. Die Scheibe dürfte also bei den Älteren unter unserer Leserschaft unweigerlich Erinnerungen an die “gute, alte Zeit“ aufkommen lassen. Und „I Wish You Would“ ist sogar von „Break On Through“ der Doors durchdrungen.

Carl Sonny Leyland liefert am Piano einen unglaublich guten Job ab, sei es bei „Automatic“ einem flotten Boogie-Woogie oder bei „Shake Your Hips“, einem Boogie im Stile von Canned Heat, aber auch dem Slowblues „My Younger Days“ weiß er Leben einzuhauchen. Nicht unerwähnt bleiben sollten auch Tex Nakamura‘s Leistungen mit der Mundharmonika, viele der Songs werden maßgeblich von seiner mitreißenden Spielkunst getragen.

Mit „Mystic Chiefs“ liefert Jones, der u. a. schon mit John Mayall, Walter Trout und Big Joe Turner auf der Bühne gestanden hat, ein straightes und zündendes Bluesalbum mit Clubfeeling ab. Der Umstand, dass es keine Liveaufnahmen sind,, schmälert dieses Gefühl absolut nicht. Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass diese 5-Sterne-Scheibe schon jetzt zu meinen All-Time-Favorites gehören wird.

Moondogg Records (2024)
Stil: Blues

Tracks:
01. Automatic
02. Trying To Get Back On My Feet
03. Devil Woman
04. Don‘t Go No Farther
05. Shake Your Hips
06. I Wish You Would
07. I‘m Ready
08. No Fightin‘
09. Sugar Sweet
10. My Younger Days
11. I‘ll Be Around

Johnny Ray Jones
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Mark Hummel – True Believer – CD-Review

Review: Jörg Schneider

Mark Hummel ist seit knapp 50 Jahren im Bluesbiz und hat sich in dieser Zeit als virtuoser Mundharmonikaspieler, Sänger und Songwriter bewiesen. Sein neues, dreizehn Songs umfassendes, Album „True Believer“ macht da keine Ausnahme. Zusammen mit einer unglaublich guten Begleitband liefert er ein Album ganz im Stil des traditionellen Chicago Blues (z. B. „Stop Messin’ Round“) ab und baut dabei mitunter auch leichte Rock‘n‘Roll-Elemente ein („Ghosted“, „Jackknifed“).

Die Songs klingen alle herrlich nostalgisch, sind shuffelig oder verströmen den Geist guter, alter Barmusik („Who“). Nur zwei Stücke sind von gemächlicherer Gangart geprägt: der schmachtende Slowblues „Double Trouble“ und das schöne altmodische „Broken Heart“ mit viel Pianogeklimper. Allen Songs gemein ist Hummels hervorragendes Mundharmonikaspiel (insbesondere beim Opener „High Time For The Devil“ mit Oscar Wilson von den „Cashbox Kings“ als Sänger).

Mehr als die Hälfte der Stücke auf „True Believer“ stammen aus Hummels Feder, die übrigen sind Neuinterpretationen anderer, bekannter Bluesgrößen. Zudem wird er von erstklassigen Gastmusikern unterstützt. So ist Junior Watson als Gitarrist auf „Double Trouble“ und „Stop Messin‘ Round“ zu hören und Bob Welch verleiht „Headed For A Heartache“ am Klavier das nötige Salz in der Suppe, während Joe Beard bei „Shufflin Days“ als Gitarrist und Sänger dem Stück eine eigene Note verpasst.

Alle Nummern auf „True Believer“ machen ganz einfach Spaß. Nicht nur wegen der herausragenden Musiker, sondern weil die Songs im besten Sinne so wahnsinnig nostalgisch klingen. Die Füße wippen mit und man möchte unwillkürlich auf die Tanzfläche stürmen. Eine, wie ich finde, umwerfende, fröhliche Scheibe, die aus der Masse der Neuerscheinungen wohltuend heraussticht.

Rockinitis Records (2024)
Stil: Blues

Tracks:
01. High Time For The Devil
02. Ghosted
03. Headed For A Heartache
04. Double Trouble (Otis Rush)
05. What The Hell (Elvin Bishop)
06. Jackknifed
07. Stop Messin Round (Peter Green)
08. Broken Heart (B. B. King)
09. Who („Little Walter“ Jacobs)
10. Mr. Two/Third
11. The Toddle („Little Walter“ Jacobs)
12. Lil Electric Car
13. Shufflin Days

Mark Hummel
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