Walter Rootsie & His Blue Connection – People Talk – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Im Jahr 2005 vom niederländischen Songschreiber Walter “Rootsie” Hopmanns gegründet, verkörpert die Band eine bemerkenswerte Symbiose in Suomis Musikszene. Ein “Dutch Americana Heart” trifft auf gleichgesinnte, erfahrene Begleiter mit finnischer Roots Rock-Begeisterung. Zum Bandjubiläum ist mit “People Talk” ein neues Studiowerk erschienen.

Der unverkennbar Americana-Titeltrack bereitet zu Beginn den idealen Einstieg in den opulenten Song-Reigen und überrascht überaus mitreißend als Ohrwurm- Kandidat: ein Radio-Playlist “Wecker” für Frühaufsteher und Artverwandte. Im melodischen Charakter der Scheibe bringt “Pleased To Meet You” agile Country- Lebensfreude, die auch vor finnischen Tango-Einflüssen (“Eternal Love”) nicht Halt macht.

Geradeheraus souverän holt sich die Band die Hörer-Sympathien Stück für Stück auf ihre Seite. So wirken insbesondere die emotionalen Story-Balladen (“Empty Heart” bzw. “The Whole Time”) und die temporeichen Rock-Songs (z.B. “Gone, Gone, Gone” und “Depression”) in ihren vielseitig intensiven Melodie-, Harmonie- und Rhythmus-Strukturen als eigentliche Glanzstücke der langjährig eingespielten Formation.

Zu diesen Premium-Nummern zählt zweifelsohne neben dem Americana-Titel “You Kissed The Wrong Guy” vor allem der Country-Rock Song “We Both Know”, der in ausgeprägter Eleganz die Stilrichtung noch einmal kultiviert.

Selten erscheint ein Album, das in derart komprimierter Weise die Vielseitigkeit von Americana über Country, Rock bis hin zu Singer/Songwriter Einflüssen mit Outlaw- und Folk-Nuancen in 10 Songs verbindet. Nach den Vorläufern “Get Up And Go” und ”Dark Water” ist “People Talk” von Walter Rootsie and His Blue Connection erneut eine stilistisch vielseitige LP erschienen.

Wraf Records (2025)
Stil: Americana, Country

Tracks:
01. People Talk
02. Depression
03. The (W)Hole Time
04. Gone, Gone, Gone
05. Please To Meet
06. You Kissed the Wrong Guy
07. Empty Heart
08. Eternal Love
09. We Both Know
10. Old Love

Walter Rootsie & His Blue Connection
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Larry Fleet – Another Year Older – CD-Review

Ich bin auf Larry Fleet durch den Song „Baby We Do“ von seinem Debüt-Album „Working Hard“ gestoßen, ein Country-Ohrwurm, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Southern Soul und gesungen von einer grandiosen Wohlfühl-Reibeisenstimme (wie eine Mischung aus Travis Tritt und Kenny Rogers).

Das zum Album gehörige Review übernahm der geschätzte Kollege Michael Segets, dessen Analyse man quasi 1:1 auch auf Fleets neues Werk „Another Year Older“ übertragen könnte.

Der von Jake Owen entdeckte Singer/Songwriter ist mittlerweile auf einem Independant-Label (EMPIRE) unterwegs, das sich die Förderung kulturell relevanter Musik, die die Persönlichkeit des Künstlers in den Vordergrund rückt, auf die Fahne geschrieben hat.

Dies trägt sicher dazu bei, dass er sich ganz auf seine Stärken konzentrieren kann: dezent melancholisches Storytelling, überwiegend verpackt in melodische Countrysongs mit Veranda-Charakter, ab und zu mal  etwas lebhafter, wenn er seine Passion für Soulmusik mit einfließen lässt.

Hitverdächtig in einer elf-stückigen Singleansammlung (da hat man wirklich die Qual der Wahl bei der Auswahl) sind für den patriotisch/gläubig gestrickten Ami sicherlich „Baseball On The Radio“, „Hotel Bible“ und „American Made„, das mit einem dezenten ‚Bruce Springsteen-/Bob Seger go Country‘-Esprit (typische Piano-Untermalung) daherkommt.

Meine Key-Tracks sind natürlich die Sachen, die wieder im southern-souligen „Baby We Do“-Stil angelegt sind. Da gibt es diesmal gleich drei Ohrwürmer an der Zahl zu vermelden:  „If These Walls Could Talk“, „Whoke Lotta Little Things“ und „Drunk Advice“, alle mit viel Piano, hallendem Organ und schönen E-Slide-oder Fill-Einlagen. Herrlich, einfach zum Reinlegen!

Am Ende ist Larry Fleet mit seinem fünften Longplayer  „Another Year Older“ wieder ein überaus eingängiges und melodisches Werk gelungen, das man zu jeder Zeit auflegen kann, wenn man mal entspannt abschalten möchte.

Ich freue mich schon jetzt darauf, ihn am 06. Mai live im Kölner Yard Club begutachten, beziehungsweise kennenlernen zu können.

Stellar Way Records / EMPIRE (2026)
Stil: Country, Soul

Tracks:
01. More Of That
02. Baseball On The Radio
03. Hotel Bible
04. If These Walls Could Talk
05. 5:25
06. Both Sides Of The Fence
07. Another Year Older
08. Whoke Lotta Little Things
09. Drunk Advice
10. If I Still Was
11. American Made

Larry Fleet
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Lime Tree Music

CJ Land – Storm Chaser. Nashville EP– EP-Review

Review: Michael Segets

CJ – die Kurzform für Chad Jonathan – Land wuchs in Kalifornien auf und zog dann über Texas nach Nashville, Tennessee. Den Grundstein für seine musikalische Laufbahn legte seine Mutter, die ihm Gesangsunterricht gab und eine alte Gitarre kaufte. In seiner Jugend betätigte sich Land in Heavy-Metal-Bands als Sänger und Gitarrist. Seit 2015 begibt er sich in ruhigere Gefilde. Als Singer/Songwritern nimmt er Einflüsse des Outlaw Country und des Old School Rock’n Roll auf. Er spielte in kleineren Locations und bei größeren Events. Für Devon Allman, für Ted Nugent und – vielleicht etwas überraschend – für Billy Idol eröffnete er Konzerte.

„Storm Chaser. Nashville EP“ ist in seiner Wahlheimat in einem privaten Studio entstanden. Die EP startet mit den beiden ordentlichen County-Balladen „Distance“ und „That’s Just Me“. „Where Has All The Time Gone?“ lässt dann wirklich aufhorchen. Land rockt hier vor einem Teppich von mehreren Gitarren gewürzt mit ein paar Key-Einsprengseln. Das starke Stück passt sich nicht in die Vorstellung des Nashville-Country ein und Land leitet mit ihm eine Wendung seiner EP in Richtung Rock ein. Während „On Downstream“ mit einem galoppierenden Rhythmus noch einen Western vor dem inneren Auge abspielt, kann der Titeltrack „Storm Chaser“ nicht verleugnen, dass Land am Anfang seiner Karriere eher der härteren Spielart des Rocks zugeneigt war. Diese Frühzeit wirkt hier in das Songwriting hinein, wobei der Song durchaus melodiös bleibt.

Bevor die EP mit dem in zwei Minuten knackig durchgetriebenen „Looking Like Trouble“ ihren aufgekratzten Abschluss findet, schiebt Land nochmal eine Country-Ballade zwischen: „I Need Some Time“ knüpft an den Beginn seines Werks an. Den gefühlvollem Song wählte Land als erste Auskopplung. Er wäre auch für mich die erste Wahl unter den langsameren Country-Titeln gewesen und für Nashville sicherlich die richtige Entscheidung.

„Storm Chaser” zeigt CJ Land von zwei Seiten. Auf der einen Seite als Country-Musiker, der sich in balladesken Bahnen bewegt, auf der anderen Seite als Rocker, der lautere Töne anschlägt. Die knapp halbstündige EP erscheint so nicht als in sich geschlossenes Werk, sondern mehr als ein Ausblick auf die Spannweite dessen, was von Land noch zu erwarten ist. „I Need Some Time“ sowie „Where Has All The Times Gone?“ sind die Highlights, auf denen sich die beiden Facetten seiner Musik widerspiegeln.

Ich mag Rock mit Country-Einflüssen ebenso wie rockigen Country. Land bewegt sich in diesem Grenzgebiet und daher darf ich auf seine nächste Veröffentlichung – vielleicht einen Longplayer – gespannt sein.

Eigenproduktion (2026)
Stil: Country, Rock

Tracks:
01. Distance
02. That’s Just Me
03. Where Has All The Times Gone?
04. On Downstream
05. Storm Chaser
06. I Need Some Time
07. Looking Like Trouble

CJ Land
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Margo Price – Hard Headed Woman (Deluxe) – Digital-Album-Review

Review: Michael Segets

Die Rückkehr zu ihren Country-Wurzeln beschert Margo Price zwei Grammy-Nominierungen für 2026. „Hard Headed Woman“ steht auf der Liste der neu eingeführten Kategorie Best-Traditional-Country-Album und ihr Song mit Tyler Childers („Love Me Like You Used To Do“) auf der der besten Country-Duette. Die positiven Kritiken beflügelten Price wohl dazu, eine erweiterte Ausgabe des Longplayers herauszugeben. Die Deluxe-Version erscheint ausschließlich digital und bietet zusätzlich vier neue Songs.

Sehr stimmungsvoll sind die beiden Kooperationen mit Billy Strings („Too Stoned To Cry“) und Logan Ledger („Too Many, Too Few“). Bei den Balladen ergänzen sich die helle Stimme von Price und die tieferen der Männer harmonisch. Während hier mit dem genretypischen Slide nicht gespart wird, setzt „Never Say Die“ auf eine klare Gitarrenarbeit. Mein Favorit unter den neuen Tracks ist „End Of The Road“, das folkig mit akustischer Gitarre und Keys einsteigt. Später kommt ein Schlagzeug dazu. Trotz der eher spartanischen Instrumentalisierung entwickelt der langsame Song durchaus Spannung.

Ich bevorzuge immer noch physikalische Veröffentlichungen – sei es nun Vinyl oder CD. Dass die Deluxe-Version von „Hard Headed Woman“ lediglich digital veröffentlicht wird, kommt letztlich den Fans entgegen. Manche Musiker schieben kurz nach der Erstveröffentlichung leicht erweiterte Ausgaben nach, sodass man als Fan tatsächlich vor dem Konflikt steht, ob man sich den Longplayer eigentlich doppelt kauft. Wenn unterschiedliche Versionen desselben Albums nicht zeitgleich auf den Markt gebracht werden, empfinde ich das oft als Geldmacherei. Im vorliegenden Fall, fällt die Entscheidung leicht, die neuen Titel zusätzlich zu erwerben. Das Ad-On zum Erfolgsalbum lohnt. Die ergänzten Stücke integrieren sich insgesamt nahtlos in das ursprüngliche Werk.

Von „Hard Headed Woman“ gibt es noch eine Bandcamp-Exklusive-Edition, die eine Liveperformance von „Don’t Let The Bastards Get You Down“ enthält. Deren Erlöse kommen der gemeinnützigen Bandcamp-Organisation zugute.

Loma Vista-Concord – Universal Music (2025)
Stil: Country

Tracks:
01. Prelude (Hard Headed Woman)
02. Don’t Let The Bastards Get You Down
03. Red Eye Flight
04. Don’t Wake Me Up (feat. Jesse Welles)
05. Close To You
06. Nowhere Is Where
07. Losing Streak
08. I Just Don’t Give A Damn
09. Keep A Picture
10. Love Me Like You Used To Do (feat. Tyler Childers)
11. Wild At Heart
12. Kissing You Goodbye
13. Too Stoned To Cry (feat. Billy Strings)
14. Too Many, Too Few (feat. Logan Ledger)
15. Never Say Die
16. End Of The Road

Margo Price
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Oktober Promotion

Solomon Cole – Ain’t Got Time To Die – CD-Review

Neuseeland war in letzter Zeit schon zweimal Thema in unserem Magazin, BB & The Bullets als auch das Duo Atua Blues hinterließen dabei einen durchaus passablen Eindruck. Musikalisch verbinde ich bis dato eher die Namen Crowded House (u. a. „Don’t Dream It’s Over“, „It’s Only Natural“) und natürlich Keith Urban, der zumindest dort geboren wurde.

Solomon Cole ist demnach bis dato ein unbeschriebenes Blatt in meiner Review- Laufbahn. Er stammt aus Waiheke Island, einer Insel die ca. 40 Minuten mit dem Boot von Auckland entfernt liegt, wo auch der Videoclip zur ersten Single „Get Up Get On“, ein stampfiger Country-Blues (mit viel Dobro-Slide), gedreht wurde.

Im Prinzip muss man, um sich die Musik des Protagonisten einigermaßen vorstellen zu können, eigentlich nur einen genauen Blick auf das Coverbild der CD werfen, das den Protagonisten in einer düsteren Waldlandschaft mit seiner Dobro zeigt, die auch hier reichhaltig zum Einsatz kommt.

Man schmeiße Ingredienzien von Johnny Cash, Son Volt, Howlin‘ Wolf, Tom Waits, Tony Joe White und Nick Cave in einen brodelnden Topf und erhält ungefähr ein musikalisches Gebräu, dem Solomon Cole hier Genüge trägt,

Der Titelsong „“Ain’t Got Time To Die““, ein gospeliger Contryblues mit Waits-mäßigem Leadgesang, hallender Orgel, atmosphärischen E-Fills und starkem Slide-Solo, weiblichen Gospel-Harmonies, ist zurecht Namensgeber des Werkes.

Das Album „Ain’t Got Time To Die“ von Solomon Cole ist nichts für musikalische Warmduscher. Ein schroffer, rauer, swampiger und schwermütiger Mix aus Blues, Country, ein wenig Southern Rock und Gospel. Das ist was für Leute, die gerne Präsenz zeigen und Wiederstand leisten, wenn es auch mal ungemütlich wird und Gegenwind herrscht. Für Diejenigen halt, die keine Zeit zum Sterben haben…

Dixiefrog Records (2025)
Stil: Blues & More

Tracks:
01. Day Of Reckoning
02. Get Up Get On
03. Woman I Weep
04. Bullet
05. A Little South Of Heaven
06. Apocryphal Flood Blues
07. Ain’t Got Time To Die
08. Call My Maker

Solomon Cole
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V2 Records Promotion GSA

Holly Carter – Leave Your Mark – CD-Review

Manchmal haben die sozialen Medien auch was Gutes an sich. Ohne diese hätte ich die Musik von der aus Bristol, UK, stammenden Holly Carter vermutlich nie kennengelernt.

Durch die Tatsache, dass ich mit Joe Wilkins, den Lead-Gitarristen von Elles Bailey, den ich nicht nur aufgrund seines Southern-angehauchten versierten Gitarrenspiels, sondern auch wegen seiner sympathischen Art sehr schätze, bekam ich in meinem Account ein Song-Video der Protagonistin im Rahmen eines neuen Albums zugespielt, auf dem Joe augenscheinlich und auch gut hörbar mitwirkte.

Nach kurzem Anschreiben, stellte er sofort den Kontakt zu Holly Carter her und wenige Zeit später hatte ich alle Sachen, die man so im Rahmen eines Album-Reviews benötigt. „Leave Your Mark“ heißt das neue Werk der Multiinstrumentalistin (u. a. eine der wenigen Pedal Steel-Spielerin im Vereinigten Königreich).

Ja, einem bleibenden Eindruck auf dieser von Schnelllebigkeit und Reizüberflutung gezeichneten Welt zu hinterlassen, darum geht es auf diesem neuen Longplayer. Da kann sich jeder an die eigene Nase fassen und fragen, ob er da, in welcher Form auch immer, was (hoffentlich Positives) beigetragen hat.

Wir versuchen nun seit gut zehn Jahren, solchen Künstlern eine (wenn auch eher kleine) Bühne zu bereiten, und ihre Musik, auch in unseren Landen, bekannt zu machen und dem geneigten Leser und Interessenten, den einen oder anderen guten Tipp zu vermitteln. Daran wird man sich hoffentlich mal erinnern.

Ein Mensch wird hier explizit mit einem Song gehuldigt, Stetson Kennedy, ein amerikanischer Autor und Bürgerrechtler, der seinen Stempel im Kampf gegen die Ausbreitung des Ku-Klux-Klans nach dem Krieg hinterließ.

Musikalisch wird das komplette Werk, das sich überwiegend in folkigen Country-Sphären bewegt, durch Hollys charismatische klare Stimme maßgeblich getragen, die mich in ihrer Prägnanz an solche von Country-Diven wie Trisha Yearwood, Brandy Clark oder auch ihrer Orts- Kollegin Elles Bailey erinnert, aber auch natürlich vom versierten grummeligen Joe Wilkins-Bariton-E-Gitarrenspiel (inklusiv kleiner Soli).

Für die rhythmische Untermalung (meist in dezent swingender Clubspielart mit Pinseldrums und Contrabass) sorgen John Parker (Nizlopi, Ward & Parker) am Tieftöner und Matt Brown (Rodriquez, Massive Attack) an den Drums (& percussion). Man hat beim Hören fast immer das Gefühl, das Quartett mit im Wohnzimmer sitzen zu haben.

Zu meinen Favoriten zählen besonders der Opener „What You See“ und der Ohrwurm „Follow Your Lead“, der Rest lädt zum entspannten Lauschen ein, allerdings aufgrund des Storytellings auch zum genaueren Zuhören auffordernd. Am Ende lässt sie dann beim Instrumental „Moreoven“ im Alleingang ihre Fingerfertigkeit an der Akustikgitarre aufblitzen.

„Leave Your Mark“ von Holly Carter ist sicher nichts für temperamentvolle Unruheherde, sondern eher was für Leute, die sich gerne mit leicht melancholischer Musik, in gemütlicher Ruhe (ggfs. mit einem Glas Rotwein dabei) samt intensivem Hören auseinander setzen.

Eine tolle Stimme, das Herz am rechten Fleck, klasse Mitmusiker und anspruchsvoll intensive Tracks bilden hier das Qualitätsmerkmal. Eines kann man jedenfalls eindeutig attestieren: Mission ‚Bleibender Eindruck‘ zumindest, was meine Person betrifft, mit Bravour erfüllt!

Forty Below Records (2025)
Stil: Country

Tracks:
01. What You See
02. Stetson Kennedy
03. Bear With Me
04. He’s A Man
05. Follow Your Lead
06. Idle Eyes
07. Waiting For You
08. Fraser River
09. Out To Sea
10. Morewen

Holly Carter
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Waylon Jennings – Songbird – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Outlaw-Country hätte ohne Waylon Jennings sicherlich nicht die Wirkungen auf die nachfolgenden Generationen erzielt, wie er es tat. Jennings veröffentlichte mehr als vierzig Alben und fast hundert Singles. Sechszehn Nummer-1-Hits und die ersten Millionenverkäufe in der Country-Sparte gehen auf sein Konto.

Dies bescherte ihm eine gewisse künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit von Plattenfirmen. Er und seine Musik entsprach sicherlich nicht den Gepflogenheiten früherer Country-Stars. Ein Geheimnis seines Erfolgs besingt er im Chorus von „The Cowboy“: But the cowboys they still come to see me / And the hippies all gather around / When I sing of my life in the city, / With roots in a small Texas Town.

Jennings gelang es, scheinbare Gegensätze aufzulösen. Country-Fans hielt er mit seiner Musik bei der Stange und machte darüber hinaus Country mit neuen Themen für weitere Hörerkreise interessant. Die 1970er stellen die Hochphase seiner Karriere dar. Jährlich brachte Jennings ein Album heraus.

Neben den Tourneen schrieb er unermüdlich Songs und nahm diese auf. Shooter Jennings sichtete nun, mehr als zwei Dekaden nach dem Tod von Waylon, das umfangreiche Archiv seines Vaters. Dieses erwies sich als wahre Fundgrube, sodass Shooter plant, drei Alben aus dem Nachlass zusammenzustellen, von denen „Songbird“ den Aufschlag macht.

Die für den Longplayer ausgewählten Aufnahmen sind zwischen 1973 und 1984 in diversen Studio entstanden. Jessi Colter, Tony Joe White sowie Mitglieder von The Waylors sind auf ihnen zu hören. Shooter Jennings nahm sich die alten Aufzeichnungen mit Unterstützung des Toningenieurs Nate Haessly vor. Er trommelte Gordon Payne, Jerry Bridges sowie Barny Carter Robertson zusammen, die ehemals bei den Waylors mitspielten, um den Originalen noch Feinheiten hinzuzufügen.

Damit der Sound möglichst authentisch bleibt, mischte Shooter das ursprüngliche Material mit den neuen Einspielungen analog ab. An der Soundqualität ist nichts auszusetzen. Hier macht sich Shooters Erfahrung als Produzent beispielsweise von American Aquarium, The Turnpike Troubadours oder Charley Crockett bezahlt.

Shooter Jennings sagt, dass die Aufnahmen nahezu fertig gestellt waren und über reine Demos hinausgehen. Bei einigen Titeln zeigt ihr Ende allerdings, dass sie noch nicht ganz vollendet waren. Das fällt mal mehr oder weniger auf.

Einen relativ abrupten Abschluss finden „I’m Gonna Lay Back“ oder „I Hate To Go Searching“. Gleiches trifft auf „After The Ball” zu, das ansonsten mit einem schönen Bar-Piano aufwartet. Die Stücke bewegen sich im Midtempo wie das runde „Wrong Road Again“ oder sind balladesk gehalten wie „Brand New Tennessee“, das unter den langsamen Tracks hervorsticht.

Einen Höhepunkt des Albums stellt „Songbird“ dar. Shooter engagierte für das Fleetwood Mac-Cover Elizabeth Cook und Ashley Monroe als Background-Sängerinnen. Wenn nach dem Tod von Musikern deren Aufnahmen auftauchen, handelt es sich nicht selten um lieblos zusammengestellte und soundtechnisch oft fragwürdige Werke, mit denen schnelles Geld gemacht werden soll.

Etwas anders verhält es sich, wenn an der Produktion und Herausgabe Personen beteiligt sind, die eine enge Verbindung zu den Künstlern hatten. Ich denke beispielsweise an Mike Campbell, der Tom Pettys Material rund um „Wallflowers“ editierte. Viel Arbeit und Hingabe wurden da investiert.

So verhält es sich auch bei „Songbird“. Shooter Jennings haucht mit „Songbird“ dem Vermächtnis seines Vaters Waylon neues Leben ein. Als musikhistorisches Dokument ist das Album ohne Frage wertvoll. Ob die Veröffentlichung dazu führt, dass sich bei einem jüngeren Publikum der Kreis der Hörer des Outlaw-Country erweitert, bleibt offen. Vielleicht trägt es dazu bei, dass sich Musikschaffende auf Waylon Jennings als Referenzpunkt besinnen. Insofern schwingt bei aller Nostalgie ein Funken zukunftsorientierter Optimismus mit.

Son Of Jessi/Thirty Tigers – Membran (2025)
Stil: Country

Tracks:
01. Songbird
02. The Cowboy
03. I’d Like To Love You Baby
04. I’m Gonna Lay Back
05. Wrong Road Again
06. I Hate To Go Searching
07. Brand New Tennessee
08. I Don’t Have Any More
09. After The Ball
10. Gone Again

Waylon Jennings
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The Hens – Hen Sounds – CD-Review

Review: Michael Segets

Tiere als Namensgeber für Bands sind nicht ungewöhnlich: Adler, Krähen, Pferde, Hunde und Hähne sind mühelos zu finden. Manchmal kommt es zu etwas skurrilen Zusammensetzungen wie bei Fried Goat. Bei den Hennen überrascht eher, dass die Truppe aus vier Männern und zwei Frauen besteht. Die Liebe zu dem Federvieh vereint halt und spiegelt sich in dem Artwork der CD ebenso wider. Während erwartungsgemäß ein Huhn das Frontcover ziert, sind die Portraits der Bandmitglieder auf der Rückseite in einem eierförmigen Rahmen gesetzt – ein witziger Einfall. Im Innenteil findet sich noch ein Foto von Teilen der Combo inmitten von Hühnern in Freilandhaltung. Die Gestaltung des Albums ist also konsequent im Hinblick auf den Gruppennamen ausgerichtet.

„Hen Sounds“ ist nach „Chicon“ (2017) der zweite Longplayer der Band. The Hens mit Sitz im texanischen Austin wurden vor circa zehn Jahren von Dave Aaronoff und Gitarrist Tom Umberger ins Leben gerufen. Schnell schloss sich Geigerin Heather Rae Johnson den beiden an. Weiterhin stießen Bassist Ricky Reese und Brother Ethan Shaw (Pedal Steel, Dobro, Banjo) zum Projekt. Zur Band gehört schließlich Schlagzeugerin Maria Mabra, die allerdings laut Credits nicht an der Einspielung der aktuellen Scheibe beteiligt war. Ihren Part übernahm Chris Walther. Am Piano ist zudem Massimo Gerosa zu hören. The Hens verfolgen einen Retro-Sound, der sich am Country traditioneller Prägung orientiert.

Die Songs stammen überwiegend aus der Feder von Aaronoff, aber auch Umberger und Johnson steuern Tracks bei. The Hens covern „Stranger In The House“ von Elvis Costello sowie das mit üppigen Slide versehene „We Must Have Been Out Of Our Minds“ von Melba Montgomery. Ebenso spielen sie „Get Behind Me Satan And Push“, das bereits von Billie Jo Spears gesungen wurde. Der letztgenannte Titel kann seine Nähe zum Rockabilly, dem The Hens ebenfalls auf „Rosemary“ frönen, nicht verleugnen.

Honky Tonk („Washed Up Hony Tonk Troubadour”) und Walzer („Getting Home”) werden dargeboten, so wie es sich für ein Genrealbum gehört. Einen Schritt abseits der Country-Pfade bewegt sich das stimmungsvolle „Smokin‘ Mary Jane“. Das bluesige Stück stammt von Johnson und wird von ihr auch gesungen. Die Beiträge ihrer Kollegen Aaranoff und Umberger atmen stärker die Country-Luft der 1950er und 1960er Jahre. Dabei gelingen ihnen einige runde Nummern mit gehörigem Twang wie „The Key’s Not In The Mailbox“ oder „There’s A Little Devil In Me“. Zu den gelungenen Beiträgen zählt zudem das Duett „Broken“ zwischen Aaranoff und Johnson ganz zu Anfang der Scheibe. Die Texte sind an einigen Stellen mit einem Augenzwinkern versehen und drehen sich oft um Beziehungen oder auch mal um „COVID 19“.

Um den Titel „Nothing Is Surprising Anymore“ aufzugreifen, lässt sich festhalten, dass sich keine großen Überraschungen oder Innovationen auf „Hen Sounds“ finden. The Hens führen den Old-School-Country aber gekonnt und mit Überzeugung fort. Unterm Strich sind dabei die selbstverfassten Songs stärker als die Cover. Trotz nostalgischer Anflüge retten The Hens den Geist der guten alten Zeit in die Gegenwart.

Topless Records (2025)
Stil: Country

Tracks:
01. Broken
02. Nothing Is Surprising
03. The Key’s Not In The Mailbox
04. We Must Have Been Out Of Our Minds
05. There’s A Little Devil In Me
06. Smokin’ Mary Jane
07. Rosemary
08. Stranger In The House
09. Getting Home
10. Get Behind Me Satan And Push
11. Washed Up Honky-Tonk Troubadour
12. COVID-19

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The Infamous HER – 28.08.2025, Freideck Kantine, Köln – Konzertbericht

Es sind tatsächlich schon wieder sechseinhalb Jahre vergangen, als wir Monique Staffile Sherman & Co. alias The Infamous HER zuletzt  live erlebt haben. Damals noch vor Corona, während eines hier eher seltenen Wintereinbruchs mit ordentlichem Schneefall.

Mittlerweile ist viel Wasser den Rhein heruntergelaufen und Sie und ihr langjähriger Weggefährte Caleb Sherman, der heimliche Leader im Hintergrund des Kollektivs, sind verheiratet.

Angesichts ihres farbenfrohen Erscheinungsbilds auf der  Bühne des Freidecks an der Kantine, musste ich sofort schmunzelnd an ein Buch eines mehrfach prämierten Werbefachmanns und Autors denken, in dem er Anfang der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegen die damalige, überwiegend von Humorlosigkeit geprägte Damenemanzipationswelt in unserem Lande, provokativ stichelte.

‚Wenn aus bunten Schmetterlingen graue Mäuse werden‘ hieß da ein Kapitel und beleuchtete die Entwicklung des weiblichen Parts vor und nach Eintreten in dieses o. a. Bündnis fürs Leben. In dieser Hinsicht scheint da, wie es dann auch der ‚bunte‘, launige, gewohnt zwischen Chaos, Rebellion und Rock’n’Roll pendelnde Gig offerierte, in Bezug auf die Protagonistin des Abends, erstmal jegliche Gefahr gebannt zu sein.

Die Band trat zum ersten Mal, soweit ich mich erinnere im Quintett auf, die Hinzunahme des zweiten Gitarristen Colton Jones erwies sich als gelungene Belebung. Der spielte nicht nur viele starke konventionelle Soli, sondern bevorzugte, statt des Bottlenecks, für seine Slideeinlagen, ausschließlich eine 0,33 Liter Bierflasche.

Neu war auch die starke Gesangseinbindung der Bandmitglieder, wovon sich der ’neue‘ Drummer Tyler Kloewer besonders im zweiten Part bei einem zünftigen Bluegrass Jam Medley bei den Lead Vocals hervortat. Gatte Caleb Sherman ‚dirigierte‘ die Songs mehr durch Variabilität mit unterschiedlichem Instrumenteneinsatz wie E-Gitarre, Banjo und Akkordeon.

Im Mittelpunkt der beiden Sets stand das neue Album „Untitled“, das mit den gespielten Tracks wie „Roll Back Down“, „Ocean Mary“ (mit Kate Bush-Flair, zusätzliche Gesangsparts von Bassist Stoye und Kloewer) und dem ’straight to the point‘-Kracher „Be My Lover“ (schön rockig mit Slide-Solo), „Tied To The Tracks“ und „Born Outta Step“ im ersten Teil sowie dem countryesken „Burning Down The Garden“, „Hell Accept You“, „Rabbit Hole“ (wie eine Mischung aus AC/DC, Stones, Led Zeppelin und den Kinks) und  dem Schunkler „Rainbow Connection“ (mit Monty Python-Note“) als Zugabe im zweiten Abschnitt, das En gros der Spielzeit einnahm.

Auffällig war diesmal der stark keltische Einschlag der Nummern, man hatte teilweise das Gefühl, im Biergarten eines irischen Pubs zu sitzen. Monique (nach wie vor ein Blickfang – „Ich träume heute Nacht wohl von Spiegeleiern“ konstatierte ein Sitznachbar angesichts der drapierten Stoff-Applikationen auf ihrer teildurchsichtigen Bluse …), überzeugte mit ihrer gewohnt mitnehmenden, sympathischen, engagierten, wibbeligen, frechen und gelenkigen Performance auf der Bühne, als natürlich auch am Mikro.

Die gut hundert Anwesenden ließen The Infamous HER an diesem frohlockenden Freiluftabend (auch der Wettergott spielte trotz dunkel aufziehender Wolken mit) demnach auch nicht ohne Zugaben ins Feierabendbier. Die Band bedankte sich angesichts der guten Stimmung mit gleich drei weiteren Tracks („Fat Bottom Girl“, „Get On Down The Road“ sowie das o. a. „Rainbow Connection“).

Nach dem Konzert gab es noch ein wenig Smalltalk mit Caleb (der fragte sofort nach unserem großen Logo-Schild) und Monique, wobei wir unsere gemeinsame Passion für Haustiere entdeckten, die es nicht so leicht im Leben hatten. Monique drückte mir dann noch ein Exemplar des neuen Werks „Untitled“ in die Hand, dessen Besprechung dann  naturgemäß demnächst im SoS folgen wird. Insgesamt mal wieder ein lohnenswerter Abend. Somit sind The Infamous HER in dieser Hinsicht auch in Zukunft gesetzt, wenn ein Gig in unserem Einzugsgebiet ansteht.

Line-up:
Monique Staffile (lead vocals, acoustic guitar)
Caleb Sherman (electric guitar,banjo, accordion vocals)
Tyler Kloewer (drums, percusssion, vocals)
Colton Jones (electric guitar, banjo, vocals)
Jonathan Stoye (bass, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

The Infamous HER
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Kantine Köln

Margo Price – Hard Headed Woman – CD-Review

Review: Michael Segets

Ich erinnere mich noch an den Auftritt von Sinéad O’Connor beim Tribute-Konzert für Bob Dylan 1992, das im Fernsehen übertragen wurde. Der Schwall an Ablehnung, der ihr aus dem Publikum entgegen schwappte, weil sie zuvor öffentlich ein Foto vom Papst zerrissen hatte, verhinderte, dass sie ihr Programm vortragen konnte. Kris Kristofferson trat zu ihr auf die Bühne und flüsterte ihr zu: „Don’t Let The Bastards Get You Down“. Diesen Zuspruch greift Margo Price in der Single vom neuen Album „Hard Headed Woman“ auf. Zum Song wurde sie zudem von „The Handmaid‘s Tale“ inspiriert – wahrscheinlich weniger von dem Roman von Margret Atwood, sondern eher von der erfolgreichen Serienverfilmung.

Der Teaser des Albums spiegelt dessen Ausrichtung wider: Price macht Country. Damit beantwortet sich auch die Frage nach ihrer zukünftigen musikalischen Ausrichtung, die sich im Anschluss an „Strays“ (2023) stellte. Auf ihrem letzten Longplayer lotete sie Spielräume in Rock, Pop und Americana aus. Nun kehrt sie zu ihrem ursprünglichen Genre zurück, worauf bereits das Cover, das sie als Cowgirl zeigt, hindeutet. Der einzige Titel, bei dem Price aus den Genrekonventionen ausbricht, ist „I Just Don‘t Give A Damn”. Das Stück beginnt fast schon funky und später kommen noch Bläser dazu.

Neben ein paar twangigen Uptempo-Nummern wie „Red Eye Flight“ und „Kissing You Goodbye“ finden sich einige Balladen auf „Hard Headed Woman“. Unter diesen ist „Nowhere Is Where“ besonders gelungen. Hinsichtlich der Intensität wird der Song noch von „Keep A Picture“ getoppt. Ein weiteres Highlight stellt für mich „Losing Streak“ dar, das in Richtung Country-Rock geht. Wie bereits auf „Stray“ holt sich Price bei einzelnen Titeln Gastmusiker ins Boot. Diesmal sind Jesse Welles („Don’t Wake Me Up“) und Tyler Childers („Love Me Like You Used To Do“) als Duett-Partner am Start.

Als Produzenten gewann sie erneut Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Will Hoge), der bei ihren ersten Scheiben bereits diese Funktion übernahm. Eine Premiere ist, dass sie einen Longplayer in ihrer Wahlheimat Nashville aufnahm. Das 1965 gegründete RCA Studio A diente u. a. Dolly Parton und Merle Haggard als Aufnahmeort. Waylon Jennings spielte dort „Honky Tonk Heros“ (1973) ein, das für die Entwicklung des Outlaw-Country Bedeutung erlangte. In dessen Tradition ist Price einzuordnen.

Margo Price zeigt sich in ihren Texten als Frau, die nach Autonomie strebt und sich dabei weder Müttern, Männern noch dem Musikmarkt unterwirft. Sie macht Mut, Selbstbewusstsein als „Hard Headed Woman“ zu entwickeln und Standhaftigkeit gegen Widerstände zu beweisen: „Don’t Let The Bastards Get You Down“. Musikalische Traditionen des Country werden von Price fortgeführt, aber inhaltlich bricht sie mit konservativen Vorstellungen, wie Cowgirls zu sein haben.

Loma Vista-Concord – Universal Music (2025)
Stil: Country

Tracks:
01. Prelude (Hard Headed Woman)
02. Don’t Let The Bastards Get You Down
03. Red Eye Flight
04. Don’t Wake Me Up (feat. Jesse Welles)
05. Close To You
06. Nowhere Is Where
07. Losing Streak
08. I Just Don’t Give A Damn
09. Keep A Picture
10. Love Me Like You Used To Do (feat. Tyler Childers)
11. Wild At Heart
12. Kissing You Goodbye

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