Larry Wimmer – Short & Sweet – CD-Review

Wimmer

Larry Wimmer bat mich, einen Eindruck zu seiner Musik abzugeben, vermutlich um mal auszuloten, wie seine Songs im guten alten Europa ankommen, zumal er lt. eigener Aussage stark daran interessiert ist, zukünftig in unseren Sphären mal aufzutreten. Ein schöner Beweis, dass sich bestimmte Online-Magazine in Musikerkreisen scheinbar mittlerweile auf dem gesamten Erdball, einen guten Ruf, gerade was musikalische Kompetenz angeht, erarbeitet haben.

Irgendwann erhielt ich dann auch Post aus Winthrop Harbor, Illinois, gelegen am Lake Michigan. Sie beinhaltete Larry Wimmers aktuelle CD „Short & Sweet“. Der Titel des Albums hält nach mehrmaligem Durchhören ohne Wenn und Aber sein Versprechen. Mit gerade mal neun Tracks und einer Spielzeit von nur knapp 39 Minuten macht das ‚Short‘ zunächst einmal seinem Namen alle Ehre (eine zweistellige Zahl an Liedern sollten meiner Ansicht nach schon auf einer CD vertreten sein).

Aber auch das ‚Sweet‘, wenn man mal hier mal die verniedlichende Bedeutung dieses Wortes außer Acht lässt und in eine eher allgemein gehaltene positive Beschreibung eines Sachverhaltes uminterpretiert, hat zweifelsfrei seine Legitimation. Larry Wimmer kann Blues (Rock)!

Was er hier bietet, ist Genre-Kost der guten alten Schule, unaufgeregt, aber dafür mit vielen schönen Facetten. Eines muss man den Amis lassen. Ihr Fundus an immer wieder aufkommenden Qualitäts-Musikern scheint schier unerschöpflich. Sich einen vollständigen Überblick zu verschaffen, was da an Leuten mit Potential in ihren Landen herumschwirrt, dürfte selbst für die – für ihre Kontrollwut bekannten – Spezialisten des NSA eine Nummer zu groß sein.

Vieles erinnert mich von der Art her an Sachen eines Robert Cray oder teilweise die von Eric Clapton. Wimmer bevorzugt das typische klirrende Stratocaster-Spiel der Herren (aber auch andere Gitarren kommen sporadisch zum Zuge), lässt sich dann aber auch immer wieder gerne in kompatible Bereiche abdriften, die vornehmlich gerne im Süden des Landes praktiziert werden (Southern Soul, Country). Auch seine Qualitäten als Drummer (die Studio-Technik macht’s möglich) können sich sehen lassen.

Sein größtes Pfund ist aber seine außergewöhnlich gute Stimme (mit viel schwarzem Soul). Hier hebt er sich vom en Gros der Vokalisten des Genres deutlich ab. Die meisten können da zwar gut Gitarre spielen und frickeln wie die Weltmeister, singen können aber die wenigsten. Ein meines Erachtens immer wieder großes Manko dieser Sparte. Larry Wimmer ist hier eine der begrenzt aufzufindenden Wohltaten.

Der Opener „Cold Hard Rain“ erinnert mich sofort an Robert Cray aus seiner „Strong Persuader“-Zeit (man höre und staune, Herr Daus hat ihn in den Neunzigern auch schon live gesehen!), mit schönem Zusammenspiel von Straocaster und E-Piano. Das folgende „Goin‘ Down“ wird von einer quäkigen Harp (inkl. Solo) und einem funkigen Bass gesteuert und (ich vermute) mit den schönen Co-Vocals seiner Frau Hillary (die singt die 2. Strophe sowie Backs mit zwei weiteren Damen) bereichert.

Die Abteilung Slow-Blues bedienen Stücke wie „Remind Me“ (klasse die hallende Orgel, Pianotupfer) und „I’ve Been Waiting“ (herrlich wie hier die bereits erwähnten weiblichen Backsinger ‚wimmern‘). Beide Songs sind natürlich auch mit sehr schön passenden, claptonesken Soli bestückt. „Nobody’s Business“ und „Pocket Full Of Cotton“ (beide mit schönem HT-Piano-Geklimper, Letztgenanntes wieder mit typischer Harp) kann man sich als ideale Stimmungsmacher in schön verräucherten kleinen Blues-Clubs vorstellen.

Meine Favoriten sind die in Richtung der südlicheren Gefilde des Landes modifizierten Stücke. Das mit einer kristallklaren Akustikgitarre (auch im Slide-Modus, herrlich das Solo) versehene „Hey Rosie“, kann man sich wunderbar auf der Veranda eines südstaatlichen Herrenhauses vorstellen, „Ready For You“ und das abschließende „Sunrise in New Orleans“ (dazu gibt es einen Hauch von unterschwelligen „Layla“-Klängen) versprühen mit ihrem Southern Soul-Flair Louisianas Le Roux-Esprit. Klasse, wie bereits erwähnt, Larrys dazu famos passender, angerauter Gesang.

Larry Wimmers „Short & Sweet“ weiß selbst Nicht-Blues-Puristen wie mich zu überzeugen. Qualitativ starke Musik, ideal um es sich in dieser herbstlichen Jahreszeit auf der Couch gemütlich bequem zu machen und zum melancholischen Farbenspiel von Himmel und Bäumen relaxt abzuschalten. Bei der nächsten CD dürfen es gerne auch ein paar Lieder mehr sein. Ich drücke dem Mann aus Illinois die Daumen, dass es mal mit einer Europa-Tournee klappt und werde sicher, sofern er meine Gefilde dabei streift, zugegen sein. Liebe deutsche Blues-(Rock)-Promoter und Clubbesitzer, euer Engagement und Mut ist jetzt gefragt!

Gooch Records (2012)
Stil: Blues Rock / Southern Sooul

01. Cold Hard Rain
02. Goin‘ Down
03. Remind Me
04. Nobody’s Business
05. I’ve Been Waiting
06. Ready For You
07. Hey Rosie
08. Pocketful Of Cotton
09. Sunrise In New Orleans

Larry Wimmer
Larry Wimmer bei Reverbnation

Neil Carswell – Keep You Guessing – CD-Review

Cars

Neil Carswell dürfte der Southern Rock-Gemeinde noch immer ein Begriff sein. Anfang der Neunziger Jahre erreichte er als Kopf und Frontmann der damals urplötzlich auf der Southern Rock-Bildfläche erscheinenden, teils knochenharten Band Copperhead mit deren hoch gelobtem Debüt bis zum heutigen Tage Kultstatus. Die Truppe präsentierte seiner Zeit einen fulminanten, kochenden Mix aus eigenständig komponierten Blackfoot-, Molly Hatchet– und Lynyrd Skynyrd-Anleihen und galt somit als neuer Senkrechtstarter des Genres. Es blieb aber leider bei diesem einen Werk, lediglich eine Jahre später veröffentlichte Scheibe mit Live-Material wurde noch nachgeschoben.

Im Jahre 2006 meldete sich Neil Carswell dann aus der Versenkung zurück und präsentierte mit „Good Man’s Journey“ ein erstes Solo-Album, das zwar auch dem Southern Rock verbunden war, aber deutlich relaxter und Balladen-orientierter rüberkam, als zur rockorientierten Copperhead-Sturm- und Drang-Phase. Mit seinem brandneuen Werk „Keep You Guessing“ nun geht Carswell genau diesen Weg weiter, doch auf einem wesentlich höheren Level. Das neue Werk ist um Längen stärker als der Vorgänger. Professioneller, besseres Songmaterial, ausgefeiltere Arrangements, viel besserer Sound und bessere Produktion. Ein klasse Teil mit wunderbarer, sehr inspirierter, entspannter, aber voller Spirit, Soul und innerer Kraft steckender Country-infizierter Southern-/Roots(Rock)-Musik!

Wieder ist ihm in Zusammenarbeit mit Exekutiv-Producer William Patton jr., Bob Dylan Band-Musiker Stu Kimball, und dem großartigen Ex-Outlaws-Gitarristen Chris Anderson ein Reigen starker, soulig relaxter Southern-Stücke gelungen, die vor allem neben Carswells intensiver Vokalpräsentation (der Bursche erinnert oftmals wie in prächtig in Form agierender Bob Seger – so klingt die baumstarke Eröffnungsnummer „Bright Lights“ beispielsweise als wäre der „Bär von Detroit“ ein waschechter Southern Rocker) von der exzellenten Instrumentierung der involvierten Klasse-Musiker leben (u.a. mit dabei Ex-The Allman Brothers-Keyboarder Johnny Neel, Steel Guitar-Veteran Russ Pahl).

In der mit fünfzehn Songs (Spielzeit knapp eine Stunde!) recht üppig bestückten CD gehört die erste Hälfte ausnahmslos wunderbar melodisch gebrachten und soulig angehauchten Southern Rock-Ohrwürmern, wobei das klasse Zusammenspiel von Carswells Gesang mit Akustik-, Electric- (toll besonders Andersons Soli), Steel-Gitarren, Piano und Orgel (herrliche Tasten-Arbeit von Neel) seiner Mitspieler zu begeistern weiß. Grandios die Coverversion von Graham Parsons „She“ (Dickey Betts-artige E-Gitarren-Fills, klasse Pianogeklimper), das fast episch anmutende Titelstück „Keep You Guessing“ oder das groovige „Since I Met You“, bei dem Kim Keyes (erinnert fast an Kim Carnes), wie auch bei vielen anderen Songs, tolle, southern soulige, weibliche „Backs“ mit einfließen lässt. Was für eine Röhre!

Im zweiten Part des Albums lässt Carswell dann zur Auflockerung deutlich mehr, teils durchaus traditionelle Countryelemente einfließen, die in ihrer Art sehr variabel eingespielt wurden. Doch auch hier geht das Southern-Feeling nie verloren. Das erfrischende, Dobro-betonte „Time To Think“ hat dank Carswells wandelbarem Gesang gar ein wenig George Jones-Flair, „Nothing Left To Loose“, eine dezent spanisch angehauchte Nummer (typisches Akustikgitarrenspiel), „Carolina Line“, ein voller Tradition und Ursprünge steckender, ungemein fröhlicher, rauer, uriger Two Step-Stomper, sind klare Höhepunkte!

Beim abschließenden „Altar Call“ mimt Carswell mit narrativem Sprechgesang fast einen Kris Kristofferson. Zwischendurch mischen sich noch mal zwei entspannte Southern-Nummern drunter, zum einen das an eine weitere Modifikation von Marshall Tuckers „Can’t You See“ erinnernde „Big Sky“ und das sich ebenfalls im Dunstkreis von The Marshall Tucker Band und den Outlaws (wen wundert es bei Andersons Beteiligung) befindliche „South Wind“ (mit klasse E-Gitarren-Solo und starken Orgel-Momenten). Zu sämtlichen Songs und ihrer Entstehungsgeschichte gibt es im Booklett interessante Anmerkungen von Carswell nachzulesen.

Insgesamt ist Neil Carswell mit „Keep You Guessing“ ein klasse Album gelungen, das den Liebhabern der eher gediegenen Southern Rock-Kost jede Menge Freude bereiten dürfte. Ein wenig Bob Seger, Gregg Allman, Louisiana’s Le Roux, Travis Tritt und George Hatcher (falls den noch jemand kennt) kommen im weitesten Sinne zu den bereits genannten Bezugsgrößen hinzu. Ansonsten, ist das der beste „Solo Neil Carswell“, den wir bisher gehört haben. Schöne, entspannte, inspirierte und Veranda-taugliche, Country-infizierte Southern-Kost zum Genießen!

Aspirion Records (2009)
Stil: Southern Soul Rock

01. Bright Lights
02. Gypsy Lady
03. Every Sad Song
04. She
05. Keep You Guessing
06. Since I Met You
07. Till the Blues Come In
08. Time to Think
09. Nothing Left to Lose
10. Roll On
11. Carolina Line
12. Big Sky
13. South Wind
14. Temporary Relief
15. Altar Call

Neil Carswell
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