Charley Crockett – The Valley – CD-Review

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Review: Michael Segets

Charley Crockett hatte vergangenen Monat in der Kulturrampe im Rahmen seiner diesjährigen Europatournee Halt gemacht. Die letzten Konzerte in Spanien sind gerade gelaufen und die nächsten in den Vereinigten Staaten angekündigt. Nicht nur, wenn Crockett auf Konzertreise ist, erscheint er als rastloser Geist. Bereits als Jugendlicher trampte er durch die Staaten, lebte später in Europa und Afrika.

Ständig on the Road charakterisiert er seine selbst gewählte Lebensweise auf „The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)“ oder „Motel Time Again“. Ebenfalls autobiographische Züge trägt der Titelsong des neuen Albums „The Valley“. Bei ihm schildert Crockett seine Herkunft und die Anfänge seiner Sehnsucht, die ihn immer wieder in die Ferne zieht.

So unstet sein Lebenswandel auch erscheint, so bleibt er doch musikalisch auf seiner Linie, die zwischen Country und Blues liegt. Hatte er sich auf seinem Chart-Erfolg „Lil G.I.‘s Blue Bonanza“ (2018) dem Blues zugewandt, schlägt die Nadel bei „The Valley“ wieder stärker in Richtung Country aus, was sich ja bereits bei der Show in der Kulturrampe abzeichnete.

Da sind schnellere Varianten vorhanden, wie das einprägsame „Big Gold Mine“, oder auch langsame, wie „10,000 Acres“ und „Change Yo‘ Mind“. Die meisten Country-Nummern (u. a. „Excuse Me“ oder „Maybelle“), bewegen sich aber im mittleren Tempo. Die Titel orientieren sich von Machart und Instrumentalisierung mit Geige, Steel Pedal und Slide an den Genreklassikern. Sie haben den typischen Twang. Den erzielt Crockett auch auf „River Of Sorrow“, bei dem er Orgel und Trompete einbaut.

Unter den Country-Songs, die dem herkömmlichen Muster folgen, heben sich „It’s Nothing To Me“, auf dem Crockett etwas tiefer singt, und „Borrowed Time“ besonders hervor. Die Single, die Crockett zusammen mit Evan Felke (Turnpike Troubadours) geschrieben hat, glänzt durch einen sofort ins Ohr gehenden Refrain, auf dem Crocketts besonderer, metallischer Gesang hervorragend zur Geltung kommt.

Intensiv sind die beiden Songs „5 More Miles“ und „7 Come 11“. Bei ihnen wendet sich Crockett mehr seiner bluesigen Seite zu. „If Not The Fool“ ist in zwei Versionen auf dem Album vertreten. Die längere Version enthält ein gedämpft schnarrendes Trompetensolo, unterscheidet sich aber sonst nicht wesentlich von der anderen. Selbst in der Langversion knackt der langsame Blues nicht die vier Minutenmarke. Crocketts Stücke sind sowieso meist sehr kurz und selten länger als drei Minuten.

Schließlich findet sich ein vom Banjo begleiteter Folksong auf der Scheibe, der die Legende um John Henry aufgreift. Mit „9 Pound Hammer“ reiht sich Crockett ebenbürtig in die Tradition von Pete Seeger, Leadbelly oder Johnny Cash ein. Mit ihm erhöht Crockett die Klangvarianz auf seinem Longplayer, der insgesamt von ähnlich aufgebauten Country-Nummern geprägt wird.

Die Differenzierungen im Country-Bereich stellen ja eine Wissenschaft für sich dar. Ich habe letztens gelesen, dass es so etwas wie New-Traditional-Country gibt. Die Bezeichnung trifft die Mehrzahl der Songs von Crockett auf „The Valley“ ganz gut. Dabei gelingen ihm einige sehr schöne, eingängige Genrebeiträge. Tendenziell stechen aber die starken Titel mit Blues-Einschlag auf dem Album hervor. Sie bringen Abwechslung in das Werk und bleiben von ihm eher im Gedächtnis.

Son Of Davy / Thirty Tigers
Stil: Country, Blues

Tracklist:
01. Borrowed Time
02. The Valley
03. 5 More Miles
04. Big Gold Mine
05. 10,000 Acres
06. The Way I’m Livin‘ (Santa Rosa)
07. 7 Come 11
08. If Not the Fool (Long Version)
09. If Not the Fool (Short Version)
10. Excuse Me
11. It’s Nothing To Me
12. Maybelle
13. 9 Pound Hammer
14. River Of Sorrow
15. Change Yo‘ Mind
16. Motel Time Again

Charley Crockett
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Daddy Long Legs – Lowdown Ways – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach The Suitcase Junket bin ich mit Daddy Long Legs wieder eher zufällig über einen Musiker gestolpert, der durch seinen eigenwilligen Sound hervorsticht und für Sounds-Of-South-Fans interessant sein könnte. Die Wurzeln von Daddy Long Legs liegen im Blues. Er nennt Howlin‘ Wolf, Leadbelly, Screamin‘ Jay Hawkins sowie Dr. Feelgood als Einflussgrößen. Vor diesem Hintergrund gibt Daddy Long Legs seinen Songs einen kräftigeren Schuss Rock und eine Note Country, Gospel oder Protopunk mit.

„Daddy Long Legs“ ist ein Roman von Jean Webster, der Anfang des 20. Jahrhunderts einigen Erfolg hatte und mehrere Adaptionen für Film und Bühne nach sich zog. Als Musical wurde er 1955 mit Fred Astaire verfilmt. Die Titelfigur ist ein unerkannt bleibender Wohltäter. Wenigstens hinsichtlich der Anonymität gibt es da Parallelen zum Musiker. Den Geburtsnamen des Leadsängers und virtuosen Blues-Harp-Spielers habe ich nämlich nicht herausgefunden. Bekannt sind hingegen die Namen seiner Begleiter. Murat Aktürk ist an den Gitarren und Josh Styles an Drums sowie Percussion aktiv.

Das in New York ansässige Trio veröffentlicht mit „Lowdown Ways“ bereits sein viertes Album. Es bleibt auf ihm seinem Sound, der durch die oftmals verzerrte Stimme des Frontmanns, die intensive Mundharmonika, schepperndes Schlagzeug sowie die knarzenden Gitarrenriffs geprägt wird, treu.

„Theme From Daddy Long Legs“ stimmt mit stampfendem Rhythmus auf den Longplayer ein. Die Anleihen beim Gospel scheinen hier bereits durch und werden später bei „Be Gone“ noch deutlicher. Nach dem Opener nimmt „Lowdown Ways“ Fahrt auf. Es folgen zwei rockige Stücke: das starke „Pink Lemonade” und das leicht countryfizierte „Ding Dong Dang“. Die Rhythmusarbeit auf beiden Tracks ist originell. Die erinnert bei „Mornin‘ Noon & Nite” anfänglich an John Lee Hookers „Boom Boom“ und treibt den Song ordentlich an. Das Schlagzeug von Josh Styles klingt dabei einfach prima.

Der Mittelteil des Albums erhöht das Tempo nochmals mit den beiden Boogies „Glad Rag Ball“ und „Winners Circle“. Das gradlinig countryrockende „Célaphine” lässt vor dem inneren Auge den Tanzsaal einer Landkirmes im mittleren Westen vorbeiziehen. Daddy Long Legs legt sich mit der Blues Harp kräftig ins Zeug. Anders als beim vorhergehenden „Bad Neighborhood” ist hier die Verzerrung der Stimme des Leadsängers zurückgenommen. Bei den meisten Stücken passen sich die Effekte, mit denen die Stimme verfremdet wird, sehr gut ein. Auf Dauer sind sie eventuell etwas viel, vor allem, wenn der Klang von oft gespieltem Vinyl imitiert wird.

Hörbar ist das gewollte Kratzen in den Höhen bei „Back Door Fool“. Der schön runde Country-Song bringt durch die akustische Gitarrenbegleitung ansonsten eine willkommene Abwechslung. Dass Daddy Long Legs auch ohne Technik eine gewisse Varianz in seine Stimme legen kann, beweist er auf dem bluesigen „Snagglepuss“. Der mit leichter Punk-Attitüde gespielte Country Rocker „Wrong Side Of The River” bildet den Abschluss des Albums und stellt noch vor „Pink Lemonade“ meinen Anspieltipp dar.

Der bluesinfiltrierte Roots Rock von Daddy Long Legs bewegt sich abseits des glattgebügelten Mainstreams und ist damit erfrischend anders. Knackige Songs, die etwas schräg mit den Traditionen umgehen, zeichnen Daddy Long Legs aus. Auf Dauer mögen die exzessiv eingesetzten Verzerrungen anstrengen, daher wird man „Lowdown Ways“ vielleicht nicht mehrfach hintereinander durchlaufen lassen, aber immer wieder mal auflegen.

Yep Roc Records/Red Eye Worldwide/H’Art (2019)
Stil: Blues, Roots Rock

Tracks:
01. Theme from Daddy Long Legs
02. Pink Lemonade
03. Ding Dong Dang
04. Mornin‘ Noon & Nite
05. Glad Rag Ball
06. Bad Neighborhood
07. Célaphine
08. Winners Circle
09. Back Door Fool
10. Snagglepuss
11. Be Gone
12. Wrong Side Of The River

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Yep Roc Records
Red Eye Worldwide
H’Art

Todd Snider – Cash Cabin Sessions Vol. 3 – CD-Review

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Review: Michael Segets

Back to the roots! Nachdem Todd Snider den Entschluss gefasst hatte, sich auf seine Wurzeln zu besinnen und ein Folkalbum zu machen, hörte er sich die Aufnahmen von Woody Guthrie an und kehrte in das Cash-Cabin-Studio zurück, in dem er bereits 2015 mit Loretta Lynn einen Song aufgenommen hatte. Das Ergebnis präsentiert er nun mit „Cash Cabin Sessions Vol. 3“.

Die Nummerierung bietet Anlass für Spekulationen, bleibt aber erst mal ein Geheimnis, denn ein Vol. 1 oder Vol. 2 brachte Snider nicht heraus. Vielleicht deutet der Titel auf die Einreihung in die musikalische Tradition hin, in die er sein Werk stellt. Da sind einerseits die Einflüsse der Folkmusiker wie Woody Guthrie oder Leadbelly und andererseits die Inspiration durch Johnny Cash zu hören.

Letztgenanntem setzt er ein sehr poetisches Denkmal mit „The Ghost Of Johnny Cash“. Jack Henderson Clement, einem langjährigen Freund von Johnny Cash, gedenkt Snider bei „Cowboy Jack Clements Waltz“.

Mit gefühlvoller Gitarre und starker Stimme reflektiert Todd Snider auf „Working On A Song“ über das Songschreiben und ein wohl nie zu vollendendes Stück, an dem er seit 30 Jahren arbeitet. „Like A Force Of Nature“ ist ebenfalls ein persönlicher und äußerst gelungener Titel, bei dem Jason Isbell den Harmoniegesang übernimmt. Der Klang geht dabei in Richtung Hardpan oder Parsons Thibaud. Thematisch kreist der Song ebenso wie „Watering Flowers In The Rain“ um Freundschaft.

Ein Folkalbum lässt natürlich auch politische oder sozialkritische Töne erwarten. Dieser Erwartung entspricht Snider auf der Hälfte der Titel. Dabei zeigt Snider, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sei es, wenn er einen unreflektierten Patriotismus anprangert, sei es, wenn er feststellt, dass es sich anscheinend nicht immer auszahlt, das Richtige zu tun. Nun melden sich also auch die Musiker, wie gerade erst Ryan Bingham, zur derzeitigen politisch-sozialen Situation in den USA vermehrt zu Wort. Aber die Intellektuellen sind sowieso nicht das Problem in den Staaten.

Eingängig sind „Just Like Overnight“ und das leicht nölig gesungene „Framed“. Sperrig hingegen wirken die mit Sprechgesang vorgetragenen „Talking Relity Television Blues“, „Timeless Response To Current Events“ und „The Blues On Banjo“. Zusammen mit den beiden kurzen Intermezzi „Dedication“ und „Explanation“ erscheint ein großer Teil der CD damit ziemlich sprechlastig.

Snider spielt alle Instrumente, d. h. vor allem akustische Gitarre und Mundharmonika, selbst. Das Werk ist stripped down und tritt damit konsequent in die Fußstapfen der Folksinger und -songwriter. Sieht man von den gesprochenen Bluesstücken ab, die zwar politisch korrekt sind, mich aber musikalisch nicht so mitnehmen, liefert Todd Snider mit „Cash Cabin Sessions Vol. 3“ ein Album mit soliden Folktiteln ab, unter denen der Opener „Working On A Song“, „Like A Force Of Nature“ und „The Ghost Of Johnny Cash“ hervorstechen.

Aimless Rec./Thirty Tigers/Alive (2019)
Stil: Folk

Tracks:
01. Working On A Song
02. Talking Reality Television Blues
03. Like A Force Of Nature
04. Just Like Overnight
05. The Blues On Banjo
06. Framed
07. The Ghost Of Johnny Cash
08. Dedication
09. Cowboy Jack Clements Waltz
10. Explanation
11. Watering Glowers In The Rain
12. A Timeless Response To Current Events

Todd Snider
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