Various Artists – Keep Me In Your Heart: The Songs Of Warren Zevon – CD-Review

Review: Michael Segets

Erst vor zwei Monaten wurde Warren Zevon in die Rock’n Roll Hall Of Fame aufgenommen – mehr als 22 Jahre nach seinem frühen Tod. Er gehört zu den Musikern, denen unterm Strich nicht der kommerzielle Erfolg zukam, den sie aus Sicht der Fachkritiker verdient hätten. Er kollaborierte mit etlichen befreundeten Musikern wie Andy Garcia, Don Henley oder Emmylou Harris. Der in klassischer Musik ausgebildete Intellektuelle nahm sein Debüt 1969 auf. Es fand wenig Beachtung. Erst durch Jackson Brownes Intervention trat Zevon 1976 mit „Warren Zevon“ wieder in Erscheinung. Mit dem Longplayer und dem folgenden „Exitable Boy“ (1978) erspielte er sich eine treue Fangemeinde, die ihn durch das Auf-und-Ab seiner weiteren Karriere begleitete. Nach einer Krebsdiagnose veröffentlichte er noch kurz vor seinem Tod „The Wind“ (2003) – eine eindringliche und bewegende Hinterlassenschaft. Von diesem Album stammt der Song „Keep Me In Your Heart“, der dem Tribute seinen Namen gibt und dort von Richard Barone gesungen wird.

Bereits 2004 organisierte Warrens Sohn Jordan das Tribute-Album „Enjoy Every Sandwich“, auf dem unter anderem Bruce Springsteen und Tom Petty Zevons Stücke coverten. Für die neue Homage versammeln sich Musiker*innen der New Yorker-Szene unter Federführung von Paradiddle Records, um Zevon und sein Werk zu würdigen. Mit Willie Nile („Mutineer“), Pete Mancini („Accidentally Like A Martyr”, „Carmelita”) und (Kerry Kearney („Rub Me Raw”) finden sich einige Interpreten, die auf SoS gelistet sind. Ansonsten sind mir die Mitwirkenden nicht bekannt. Diese machen ihre Sache jedoch gut.

Zevon verfügte über eine beachtliche Range in seiner unverwechselbaren Stimme und beherrschte sowohl die kräftigen als auch die zerbrechlichen Töne. Ihn zu imitieren wäre ein aussichtsloses Unterfangen, deshalb schlagen die vertretenen Musiker*innen einen anderen Weg ein. Sie transformieren selbst rockige Originale in der Regel zu einem erdigen Americana. Die Songs wirken daher anders, funktionieren aber durchweg. Dies zeugt auch von der Kraft der Kompositionen, die ihnen zugrunde liegen.

Die Hälfte der ausgewählten Tracks finden sich auf den beiden erwähnten Scheiben aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Selbstverständlich ist Zevons größter Hit „Werewolves Of London“ (Howard Silverman) ebenso vertreten wie „Poor Poor Pitiful Me“ (Freddy Jackson), das seinerzeit für Linda Ronstadt ein Erfolg war. „Carmelita“ wurde bereits von Dwight Yoakam und den Counting Crows gecovert. Weiteren Klassikern dieser Periode widmen sich Tricyle The Fortier Family Trio („Mohammed’s Radio“), Jimmy Webb („Desperados Under The Eaves”), und The Belle Curves („Lawyers, Guns, And Money”). Alle Interpreten geben den Songs ihre eigene Note mit. Besonders ragt „Roland The Headless Thompson Gunner“ von Ray Lambiase mit Unterstützung durch Kate Corrigan heraus. Die Version der Lucky Ones von „Johnny Strikes Up The Band“ ist ebenfalls klasse. Emily Duff gestaltet das im Orginal straight rockende „Exitable Boy” zu einer gefühlvollen Ballade um – ein gutes Beispiel dafür, wie eigenständig die Musiker*innen des Projekts die Vorlagen verarbeiten.

Zu den weniger bekannten Titeln dürften die für The Turtles geschriebenen „Like The Seasons“ (Hank Stone) und „Outside Chance“ (Allen Santoviello) gehören. Erst posthum sind Aufnahmen von „Stop Rainin‘ Lord“ sowie „Empty Hearted Town“ erschienen, denen sich Phil Kennelty beziehungsweise Claudia Jacobs annehmen.

Die achtziger und neunziger Jahre sind auf dem Doppelalbum leicht unterrepräsentiert. Vielleicht hätte ich aus den beiden Dekaden ein paar andere Songs ausgewählt, aber insgesamt überzeugen auch hier die Auswahl und die jeweilige Interpretation. Besonders freut mich der sehr gelungene Beitrag „Splended Isolation“ von Bryan Gallo, da ich das Lied sehr schätze. Bemerkenswert ist gleichfalls „Heartache Spoken Here“, die Caroline Doctorow zur Country-Nummer umgestaltet.

Von den sieben Tracks, die ursprünglich Anfang des Jahrtausends erschienen sind, ist „Don’t Let Us Get Sick“ hervorzuheben. Die durch einen Chor unterstützte Version von Kenny White geht unter die Haut. Desweiteren spielt James O’Malley „My Ride Is Here“ solo auf seiner akustischen Gitarre, was nochmal einen neuen Eindruck des Stücks vermittelt.

Die mit 33 Beiträgen umfangreiche Verbeugung vor Warren Zevon ist mehr als ein Nachspielen seiner Songs, sondern ein richtig gutes Americana-Album. Die auf dem Tribute vertretenen Künstler*innen beweisen, dass sie Warren Zevon und seine Musik ins Herz geschlossen haben. Sie würdigen ihn, indem sie seine Songs kreativ bearbeiten. Die Titel werden in die Roots Music-Regionen herein gesogen und unterscheiden sich somit oftmals deutlich von den ursprünglichen Aufnahmen. Die rockigen Anteile mancher Originale werden zurückgefahren. Vor allem diese Stücke entwickeln ihren eigenen Reiz, was für die Qualität der Performances als auch für die des Songmaterials spricht.

Universal (2024)
Stil: Americana

Tracks:
CD1
01 Accidentally Like A Martyr – Pete Mancini & The Hillside Airmen
02 Mohammed’s Radio – Tricyle The Fortier Family Trio
03 Desperados Under The Eaves – Johnny Webb
04 Muntineer – Willie Nile
05 Nighttime At The Switching Yard – Mike Nugget & The Blue Moon Band
06 Tenderness On The Block – Jack Licitra
07 Empty Hearted Town – Claudia Jacobs
08 My Ride’s Here – James O’Malley
09 I’ll Just Slow You Down – The Russ Seeger Band
10 I Need A Truck – Allen Santoviello
11 Heartache Spoken Here – Caroline Doctorow
12 It’s True – Gene Casey
13 Searchin’ For A Heart – Mick Hargreaves
14 Never Too Late For Love – Tara Hack
15 Outside Chance – Allen Santoviello & The Phantoms
16 Keep Me In Your Hear – Richard Barone

CD2
17 Poor Poor Pitiful Me – Freddy Johnson
18 Backs Turned Looking Down The Path – Gerry McKeveny
19 Reconsider Me – James Maddock
20 Carmelita – Pete Mancini (feat. Sarah Gross)
21 Don’t let Us Get Sick – Kenny White
22 My Shits Fucked Up – Claudia Jacobs
23 The Wild Age – Revolver
24 Mama Couldn’t Be Persuaded – Annie Mark
25 Werewolves Of London – Howard Silverman
26 Roland The Headless Thomson Gunner – Ray Lambiase
27 Splended Isolation – Bryan Gallo
28 Like The Seasons – Hank Stone
29 Lawyers, Guns, And Money – The Belle Curves
30 Stop Rainin’ Lord – Phil Kennelty
31 Johnny Strike Up The Band – The Lucky Ones
32 Rub Me Raw – Kerry Kearney
33 Exitable Boy – Emily Duff

Paradiddle Records

Lucky Came To Town – The River Knows My Name – CD-Review

Review: Michael Segets

Americana muss nicht unbedingt aus Amerika stammen, wie auch das belgische Sextett Lucky Came To Town beweist. Wer sich in Europa dieser Musikrichtung verschreibt, heimst sowieso schon mal Sympathiepunkte ein. Die Bandgründung geht auf das Jahr 2015 zurück. Nach einzelnen mehr oder weniger offiziellen EPs und Live-Mitschnitten erscheint nun der erste Longplayer mit zehn Eigenkompositionen. „The River Knows My Name“ bietet handgemachte Musik, die sich durch ihre Gradlinigkeit wohltuend von neueren Strömungen im Genre abhebt.

Lucky Came To Town setzt auf klare Songstrukturen und eingängige Melodien, die an keiner Stelle langweilig werden. Songwriter und Frontmann Kim Van Weyenbergh wird von seiner Frau Annemie Moons am Mikro begleitet. Die beiden Stimmen harmonieren bestens, besonders eindrucksvoll beim Opener „Ain’t No Blues“ oder später bei „Even Now“.

Auf „Hands On The Wheel“ steuert Lead-Gitarrist Wouter Grauwels ein gelungenes Solo bei. Das kraftvolle Stück geht in Richtung Celtic-Folkrock. Bei einem der Highlights der CD hat auch Dimitri Laes an den Keys seinen Part. Laes glänzt durchweg an den Tasten – so auch auf „Come Dance“. Der schunkelige Song erinnert an einzelnen Stellen an Steve Earle. Dirk Lekenne (Slide Guitar) und Katrien Bos (Fiddle) verstärken die Band dort als Gastmusiker.

Weiterhin sorgt die Gastgeigerin für den richtigen Country-Flair, den „Going Back“ verströmt. Die Rhythmus-Section mit Joost Buttiens (Bass) und Bart Steeno (Drums) leisten ebenfalls ganze Arbeit. Sie gibt langsameren Tracks wie „Oh, Loretta“ Schwung und überzeugt, wenn es wie bei „Soulfire“ in den Uptempo-Bereich geht.

Eine wunderbarer Beitrag ist „Lone Wolf”, der auch aus Warren Zevons Feder stammen könnte. „Coal Blues“ erzeugt eine dunklere Stimmung. Atmosphäre bekommt das Stück durch die eingestreuten Klavier- und Gitarrenpassagen sowie den mehrstimmigen Gesang. Der Song steht denen von Bruce Springsteen, wie er sie für „The Ghost Of Tom Joad“ oder „Devils And Dust“ geschrieben hat, in nichts nach. Zum Abschluss gibt es dann einen rockigeren Track. „New York City Lights“ punktet vor allem mit einem ins Ohr gehenden Refrain.

Die angeführten Referenzen lassen schon erahnen, dass das Gesamturteil sehr positiv ausfällt. Das Album bietet geerdeten Americana in unterschiedlichen Spielarten. Es ist abwechslungsreich und hat keine Ausfälle zu verzeichnen. Die CD hält darüber hinaus eine beachtliche Anzahl von sehr hörenswerten Titeln bereit, die eine uneingeschränkte Kaufempfehlung rechtfertigen.

Gut Ding will Weile haben. Zehn Jahre nach ihrer Gründung veröffentlicht Lucky Came To Town ihren ersten Longplayer. Die Band hatte also genügend Zeit, ihre Hausaufgaben zu machen. Sie bekommt für „The River Knows My Name“ einen Eintrag mit Sternchen.

Eigenproduktion (2025)
Stil: Americana

Tracks:
01. Ain’t No Blues
02. Come Dance
03. Oh, Loretta
04. Hands on the Wheel
05. Lone Wolf
06. Going Back
07. Soulfire
08. Even Now
09. Coal Blues
10. New York City Nights

Lucky Came To Town
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The Kerry Kearney Band– Same – CD-Review

Review: Michael Segets

Wer die Erinnerung an Warren Zevon und seine Musik wachhält, sammelt bei mir schon mal einen Pluspunkt. Dies tut The Kerry Kearney Band, indem sie „Rub Me Raw“ von dessen letzter CD „The Wind“ (2003) covert. Kerry Kearney und seine Band interpretieren noch zwei weitere Songs, die von Bob Dylan und Otis Rush stammen. Von Dylan spielt die Band „Meet Me In The Morning“, das sich im Original auf „Blood On The Tracks“ (1975) findet. Noch älter ist „All Your Love” (1958). Mit dem Klassiker des Chicago-Blues steigt The Kerry Kearney Band in den Longplayer ein. Die Tracks auf dem selbstbetitelten Album hören sich im positiven Sinne wie alte Bekannte an, auch wenn sie gerade erst der Feder von Kearney entsprungen sind.

Kearney hat den Blues. Er bewegt sich souverän mit und zwischen den Größen des Genres. Er ging mit Dickey Betts und The Allman Brothers Band auf Tour, spielte mit BB King, Robert Cray und der Urbesetzung der Blues Brothers. Bei seinen zahlreichen Veröffentlichungen setzt er oftmals auf eine Mischung von Covern und Eigenkompositionen. Dieses Vorgehen führt Kearney bei seinem aktuellen Werk fort. Sieben Eigenkompositionen – darunter zwei Instrumentals („Bobbique Romp“, „West Of The Ashley“) – komplettieren den Longplayer neben den bereits erwähnten Coversongs.

Die von Kearney selbst verfassten Titel sind auf den Punkt gebracht. Mit Ausnahme von „Harder To Breathe“ überschreitet kein Track die drei Minuten, was für Bluesstücke ja eher selten ist. Mir kommt das entgegen, da ich kein Fan von langen Instrumentalpassagen bin. Natürlich zeigt Kearney an der einen oder anderen Stelle, was er an der Gitarre kann. So fügt er in die eingängige Nummer „Voodoo Ways“ ein kratzig- quietschendes Solo ein, welches dem Song nochmal einen besonderen Reiz mitgibt.

Die Eigenkompositionen bewegen sich meist im mittleren Tempobereich. Der knackige Jive „Walk Right Out The Door“ weicht nach oben hin ab, „Harder To Breathe“ in die andere Richtung. Der Slow-Blues wird von Camryn Quinlan gesungen, die auch dem bluesrockigeren Abschluss des Albums „Santa’s Got A Brand New Bag“ ihre Stimme leiht. Der Wechsel der Lead Vocals ist ein Aspekt, der dafür sorgt, dass der Longplayer abwechslungsreich wirkt. Eine Verbindung erhalten die Stücke dadurch, dass sie Genrekonventionen nicht brechen, sondern variieren. Ein Reinhören in das neue Werk der Kerry Kearney Band lohnt sich nicht nur für Bluesfans, sondern für alle Freunde handgemachter Musik.

Das Album produzierten Kearney, der Keyboarder der Band Jack Licitra sowie Bill Herman. Herman gab dem Sound im Paradiddle Studio auf Long Island den letzten Schliff. Paradiddle Records veröffentlichte dieses Jahr bereits das ebenfalls empfehlenswerte „American Equator“ von Pete Mancini. Für den Herbst steht ein Projekt zu Warren Zevon auf dem Programm, bei dem u. a. Willie Nile mit von der Partie ist.

Paradiddle Records (2025)
Stil: Blues

Tracks:
01. All Your Love
02. Harder To Breathe
03. Walk Right Out The Door
04. Rub Me Raw
05. Voodoo Ways
06. Bobbique Romp
07. Meet Me In The Morning
08. West Of The Ashley
09. Off To The Jubilee
10. Santa’s Got A Brand New Bag

Kerry Kearney
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Paradiddle Records

James McMurtry – The Horses And The Hounds – CD-Review

Review: Michael Segets

Hierzulande ist James McMurtry noch nicht so richtig über den Status des Geheimtipps hinausgekommen. Während der letzten fünfzehn Jahren konnte der Texaner in den Vereinigten Staaten allerdings seine Alben in diversen Charts platzieren. Seine Werke werden nicht nur von Kritikern hoch gelobt, sondern auch Kollegen wie John Mellencamp, der McMurtrys Debütalbum „Too Long In The Wasteland“ (1989) produzierte, und Jason Isbell sowie Schriftsteller Stephen King würdigen sein Songwriting.

Nach McMurtrys letztem Album „Complicated Game“ (2015) folgt nun „The Horses And The Hounds“. Um es vorweg zu nehmen: Das Album rangiert ganz weit oben unter den diesjährigen Neuerscheinungen. McMurtry liefert kraftvolle Songs, die klare Strukturen und eingängige Refrains mit formidablem Storytelling verbinden. Das Gefühl, von den Mitmenschen, von der Regierung, von dem Leben betrogen worden zu sein, durchzieht dabei das Werk ebenso wie das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten. You can’t be young and do that – so lautet ein Vers der ersten Auskopplung „Canola Fields” und steht zugleich für das reife Songwriting von McMurtry.

Mit dem Opener „Canola Fields“ und dem folgenden „If It Don’t Bleed“ trifft McMurtry mitten ins Schwarze. Die erdigen Songs gehen unmittelbar ins Ohr und ins Herz. Besondere Intensität entwickelt ebenso „Decent Man“. Wie es McMurtry schafft, soviel Energie zu erzeugen bleibt dabei ein Rätsel. Der Gesang, der Chorus, der Rhythmus, die eingestreuten Gitarrensoli, der Text – sie greifen ineinander, sodass alles passt.

Bei „Operation Never Mind“ wird McMurtry politisch, indem er darauf hinweist, dass die Wahrnehmung von Kriegen heutzutage medial gesteuert wird und wir in der Regel auch nur das über sie wissen, was wir erfahren sollen. McMurtry sagt über sein Album, dass sich manche Gitarren nach Warren Zevon anhören. Tatsächlich werden Assoziationen zu dem 2003 verstorbenen Musiker besonders bei diesem Song geweckt.

Mit „Jackie“ schlägt McMurtry ruhigere Töne an. Das mit einem Cello unterlegte, sensible Stimmungsbild zeichnet ein tragische Frauenschicksal nach. Ein weiteres Portrait, das einem verstorbenen Freund gewidmet ist, malt „Vaquero“. Den Refrain der Ballade singt McMurty auf Spanisch. Den tempomäßigen Gegenpol bildet der gradlinige Rocker „What’s The Matter“. Beim Titelsong „The Horses And The Hounds” erhält David Grissom an der Gitarre die Gelegenheit sich mit härteren Riffs und zwei kurzen Soli auszuleben. Sehr schön ist auch der Background Gesang von Betty Soo und Akina Adderley. Die beiden Damen werten ebenso das textlastige „Ft. Walton Wake-Up Call“ auf.

Der Abschluss „Blackberry Winter” beginnt mit folgender Zeile: I don’t know what went wrong. Das Album hingegen bietet keinen Anlass für Selbstzweifel. McMurtry hat alles richtig gemacht. Einzig der Grund, warum das Album als Doppel-LP mit einer blanken Seite herauskommt, erschließt sich mir nicht. Die A-Seite ist durchgängig mit vier hochkarätigen Songs bestückt und auch auf den beiden anderen Seiten ist mit „Decent Man“ und „The Horses And The Hounds” jeweils ein ausgezeichneter Titel vertreten. Die anderen Stücke fallen lediglich im Vergleich mit den zahlreichen Delikatessen etwas ab, sind aber allesamt gute Kost.

Die musikalische Qualität garantieren die Begleitmusiker. McMurty hat für das Werk einige Veteranen der Szene zusammengetrommelt: David Grissom (John Mellencamp, Joe Ely, Storyville), Kenny Aronoff (Bob Dylan, John Fogerty, Jon Bon Jovi, Meat Loaf, Lynryd Skynyrd), Charlie Sexton (Arc Angels, Lucinda Williams, Shawn Colvin) Bukka Allen (Joe Ely, Alejandro Escovedo). Ross Hogarth (Melissa Etheridge, Van Halen) übernahm die Produktion und Abmischung.

James McMurtry zeigt einmal mehr, dass er zu den vorzüglichsten Songschreibern Amerikas gehört. Durch den erdigen Sound und die ausgefeilten Refrains ist ihm ein beeindruckendes Album gelungen, bei dem der Titeltrack „The Horses And The Hounds” sowie die ersten fünf Songs zurzeit in Dauerschleife laufen.

New West Records – PIAS-Rough Trade (2021)
Stil: Roots Rock

Tracks:
01. Canola Fields
02. If It Don‘t Bleed
03. Operation Never Mind
04. Jackie
05. Decent Man
06. Vaquero
07. The Horses And The Hounds
08. Ft. Walton Wake-Up Call
09. What‘s The Matter
10. Blackberry Winter

James McMurtry
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New West Records
Pias – Rough Trade
Oktober Promotion

Bruce Springsteen – Letter To You – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach seinen Dauerengagement am Broadway und dem letztjährigen Werk „Western Stars“ trommelte Bruce Springsteen die E Street Band wieder zusammen und nahm „Letter To You“ innerhalb von vier Tagen quasi live ohne Overdubs in seinem Heimstudio auf. Herausgekommen ist sein bestes Album seit „Wrecking Ball“ (2012).

Wenn Springsteen seine Stammband mit ins Boot holt, verspricht dies eine rockige Ausrichtung seiner Platten. Diese Erwartung erfüllt „Letter To You“. Der Titeltrack als erste Single sowie das ebenfalls vorab ausgekoppelte, sehr starke „Ghosts“ sind für den Sound des Albums repräsentativ. Dabei lässt der Boss es mal kräftiger („Burnin‘ Train“), mal sanfter rocken („I’ll See You In My Dreams“).

Bereits bei den ersten Durchläufen setzen sich „Rainmaker“ und „Last Man Standing“ in den Ohren fest. Bei den Titeln steigt wie bei „The Power Of Prayer“ nach einem melodiösen Intro die Band wuchtig ein. Die für Springsteen-Kompositionen charakteristischen Saxophon-Einlagen finden sich vor allem bei den beiden letztgenannten Stücken. Sie werden seit 2012 von Jake Clemons gespielt.

Die älteren Mitglieder der E Street Band Roy Bittan, Garry Tallent, Max Weinberg, Stevie van Zandt alias Little Steven, Nils Lofgren und Patty Scialfa sind allesamt dem Ruf des Bosses gefolgt. Neu in der eingeschworenen Gemeinschaft ist Charlie Giordano (Orgel, Backgroundgesang), der zwar seit dem Tod von Danny Federici die Band unterstützte, nun aber als vollwertiges Mitglied in den Credits geführt wird.

Bei der Produktion und der Abmischung setzt Springsteen ebenfalls auf seine bewährten Mitstreiter Ron Aniello und Bob Clearmountain. Auf Streicher verzichtet er diesmal. Bis auf diesen Unterschied hätte der Opener „One Minute You’re Here“ sich auch in das Vorgängeralbum eingefügt. Er ist der einzige Track mit dezenter Instrumentalisierung.

Einige Songtitel kommen bekannt vor. „House Of A Thousand Guitars“ sollte nicht mit dem gleichnamigen Song von Willie Nile verwechselt werden und auch „Janny Needs A Shooter“ unterscheidet sich von „Jeannie Needs A Shooter“, den Springsteen zusammen mit Warren Zevon schrieb. Bis auf einige Textbausteine im Refrain handelt es sich um eine völlig andere Komposition. Volle Orgeln und klasse Mundharmonika machen den Track zu einem Höhepunkt des Longplayers.

Ein weiteres Glanzlicht setzt das wortgewaltige und sich lyrisch überschlagende „If I Was The Priest“, das wie „Songs For Orphans“ in der Mitte der 1960er Jahre entstand. Zu der Zeit war Springsteen mit der mit der Band Castiles unterwegs. Als Live- und Bootleg-Versionen sind die Stücke den Insidern sicherlich geläufig. Die Stimme von Springsteen hat sich im Vergleich zu der Frühzeit seiner Karriere jedoch deutlich verändert und wirkt gereifter.

Springsteen hat die Siebzig mittlerweile überschritten und „Letters To You“ krönt sein bisheriges Alterswerk. Er rockt wie ein junger Mann, aber die Texte und auch die Auswahl der Stücke erscheinen wie eine Retroperspektive. Standen früher der Ausbruch aus dem gewohnten Leben und der Aufbruch zu neuen Ufern thematisch öfter im Zentrum seiner Lyrics, prägen nun Reminiszenzen an vergangene Zeiten und Personen den Inhalt seiner Songs.

In einem lockeren Gespräch mit Stephen Colbert  beschreibt Springsteen das Verhältnis zu seiner Vergangenheit so, als ob er mit seinen jüngeren Ichs in einem Auto sitzt, wobei jedes einmal das Steuer übernimmt. Die Fähigkeit sich in unterschiedliche Gefühls- oder Lebenslagen hineinzuversetzen und diese in Songs und Texte zu kleiden, die ein hohes Identifikationspotential aufweisen, zeichnet den Boss aus.

Bruce Springsteen kann es noch! Auf „Letter To You“ rockt er in typischer Manier kongenial begleitet von der E Street Band. Anders als auf den letzten drei Alben begeistert die Hälfte der Songs auf Anhieb. Da es keine Ausfälle gibt und es für die Titel vom Boss nicht ungewöhnlich ist, dass sie mit der Zeit wachsen, macht man nichts verkehrt, wenn man das Werk durchlaufen lässt und durchlaufen lässt und durchlaufen lässt.

Columbia Records/Sonic Music Entertainment (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. One Minute You’re Here
02. Letter To You
03. Burnin’ Train
04. Janey Needs A Shooter
05. Last Man Standing
06. The Power Of Prayer
07. House Of A Thousand Guitars
08. Rainmaker
09. If I Was The Priest
10. Ghosts
11. Song For Orphans
12. I’ll See You In My Dreams

Bruce Springsteen
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Columbia/Sony Music

US Rails – Mile By Mile – CD-Review

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Review: Michael Segets

Vor einigen Jahren sah ich die US Rails in Essen noch als Quintett auf der Bühne. Nach dem Ausstieg von Joseph Parsons, machten die übrigen Bandmitglieder fleißig weiter. Sie tourten regelmäßig auch durch unsere Region, wo Sound-Of South sie zweimal in Wesel besuchte, und veröffentlichten Alben in hoher Taktzahl. Ein Freund, mit dem ich seinerzeit das Konzert in Essen erlebte, machte mich auf das sechste Studioalbum „Mile By Mile“ der US Rails aufmerksam.

Auf der vorangegangenen Scheibe „We All Been Here Before“ coverte die Truppe unter anderem Kompositionen von Jackson Browne, Neil Young, Warren Zevon, Fleetwood Mac, den Beatles und den Stones. In dem Spannungsfeld diesen Musik tummelt sich die Band seit ihrer ersten Veröffentlichung vor zehn Jahren. Besondere Markenzeichen der US Rails sind wechselnde Leadstimmen sowie mehrstimmige Harmoniegesänge.

Ben Arnold, Scott Bricklin, Tom Gillam und Matt Muir funktionieren als Team und obwohl jeder mindestens einen Song verfasste, kommt bei „Mile By Mile“ wieder ein Gesamtpaket ohne Brüche heraus. Im Vergleich zu den früheren Scheiben ist die neue etwas rockiger ausgerichtet und hat anders als „Ivy“, dem 2016er Album mit Eigenkompositionen, einen direkteren und erdigeren Sound.

Vor allem bei den ersten drei Stücke rocken die US Rails locker und unverkrampft los. Den Anfang macht Bassist Scott Bricklin mit „Take You Home“, gefolgt von Tom Gilliams „Mile By Mile“ und Ben Arnolds „Trash Truck“. Eine erste Verschnaufpause bietet dann „Water In The Well”, das aus der Feder von Matt Muir stammt. Der Schlagzeuger steuert selten Songs bei, legt hier aber eine sehr schöne, dynamische Ballade vor. Aufgepeppt wird sie durch einen gospelig-souligen Chor, Gilliams elektrische Gitarre sowie den Keys von Ben Arnold.

Ben Arnolds angeraute Stimme hebt sich von denen seiner Mitstreiter ab. Sie gibt sowohl Balladen („Slow Dance”) als auch schnelleren Nummern („What You Mean To Me“) einen gewissen Touch. Besonders der erdige Roots Rocker „Tombstones & Tumbleweeds” profitiert von dem mitschwingenden Blues seiner Stimme. Dem herausstechenden Song folgt „See The Dream”, der zwar etwas weniger rockig angelegt ist, dafür aber eine wunderbar eingängige Melodie hat. Er stammt ebenso wie „Hard Headed Woman” von Scott Bricklin.

Nach dem eingangs erwähnten Titelsong kommt Tom Gilliam noch zweimal mit seinen Ideen zu Wort. Neben dem routinierten Midtempo-Rock „Fooling Around” performt der humorvolle Aktivposten der Live-Shows „Easy On My Soul” mit herrlichem Westcoast-Ambiente inklusive Slide-Passagen.

Die US Rails zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Seit einer Dekade unterhalten sie auf Bühne und Tonträgern hervorragend. Ihrem Stil bleiben sie weiterhin treu, der etwas rockigere Einschlag von „Mile By Mile“ steht ihnen dabei gut zu Gesicht. Das Album ist insgesamt das stärkste des Quartetts. Die melodischen Songs passen atmosphärisch prima zu einem geselligen Sommerabend.

BlueRose Records (2020)
Stil: Rock, Americana/

Tracks:
01. Take You Home
02. Mile By Mile
03. Trash Truck
04. Water In The Well
05. What You Mean To Me
06. Hard Headed Woman
07. Easy On My Soul
08. Tombstones & Tumbleweeds
09. See The Dream
10. Fooling Around
11. Slow Dance

US Rails
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BlueRose Records