Greg Nagy – Just A Little More Time – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

„Just A Little More Time“ ist bereits das fünfte Studioalbum von Greg Nagy, das wie gewohnt von seiner ausdrucksstarken Stimme und seinem Gitarrenspiel geprägt wird. Bei ihm verschmelzen die Grenzen zwischen Blues, Soul, R&B und Rock. Beeinflusst wurde der Mann aus Michigan – der in den USA schon lange kein Geheimtipp mehr ist – von zwei der drei „Kings Of The Blues“, B.B. und Albert (der dritte wäre Freddie), und dem Soulsänger Donny Hathaway.

Es gibt Songs, da genügt ein Ton, um zu wissen, in welche Richtung es geht. So fängt das Titelstück mit „souligen“ Bläsern an. In diesem entspannten Midtempo-Soul versucht Greg, seiner Angebeteten eindringlich klarzumachen, dass er der Richtige für sie ist. Hoffen wir mal, dass es geklappt hat…

Als nächstes folgt einer von fünf Covern. „It Hurts To Love Someone“ von Eddie „Guitar Slim“ Jones ist eine geschmeidige Mischung aus Soul und Blues, getragen von Gregs Gesang. „Breaking Me (But Making Me A Better Man)“ wird instrumental von den Keyboards dominiert – der Titel allein drückt schon aus, um was es geht.

Ein Song, mit dem man wohl kaum gerechnet hat, ist Alice Coopers „Only Women Bleed“. So müssen sich Cover anhören: Man kann das Original im Ohr haben, ohne immer darin erinnert zu werden. Soll heißen: Greg Nagy drückt dem Song seinen eigenen Stempel auf. Apropos: „Rainy Night in Georgia” (Tony Joe White, das in der Version von Brook Benton zum Hit wurde), Sugaree” (Grateful Dead) mit einem bluesigen Touch und „In The Mood For Love” (John Lee Hooker) sind weitere Cover.

Bei „In The Mood…“, live aufgenommen und fast zehn Minuten lang, sagt der Name des Komponisten schon alles: ein astreiner Blues, zuerst von den Orgelklängen getragen, die stark an Al Kooper erinnern, zum Beispiel bei der „Super Session“ mit Mike Bloomfield und Stephen Stills, ehe dann die ausgiebige Gitarre zum Höhepunkt des Songs steuert.

„Love Letter“, ein Instrumental, beim dem Bobby Murray, der 23 Jahre in der Band der großen Etta James spielte, die Gitarre beisteuert, schüttet eine Prise Funk aus, aber nur so viel, dass Musikliebhaber, die mit diesem Genre nichts anfangen können, nicht gleich das Grauen kriegen.

Auch wenn Greg Nagy schon lange im Geschäft ist, kennt ihn in Deutschland kaum einer. Wer musikalisch gern mal auf Entdeckungsreise geht, sollte dem Singer-Songwriter eine Chance geben.

Eigenproduktion (2025)
Stil: Soul, Blues

Tracks:
01. Just A Little More Time
02. It Hurts To Love Someone
03. Breaking Me (But Making Me A Better Man)
04. Between The Darkness And The Light
05. Love Letter
06. My Buddy
07. Only Women Bleed
08. Big City
09. Rainy Night In Georgia
10. Sugaree
11. I’m In The Mood

Greg Nagy
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Mike Dangeroux – 15 Shades Of Blue – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Mike Dangeroux, geboren in Chicago, Illinois, aufgewachsen in der bunten Blues-Szene, ist in diesem Jahr schon zum zweiten Mal bei uns in SoS zu Gast. Seine EP “Empty Chair”, die im Frühjahr erfolgreich vorgestellt wurde, war ’nur‘ ein kleiner Vorgeschmack auf das damals noch nicht fertiggestellte, neue Album. Der Sänger, Gitarrist und Songwriter hat nun “15 Shades Of Blue” veröffentlicht.

Die 15 Tracks aus unterschiedlichen Stilrichtungen des Blues-Genres kommen insgesamt auf unterhaltsame 70 Minuten Spielzeit. Eigentlich muss Mike Dangeroux es nicht mehr betonen, dass diese Musik tief in seiner Seele lebt und doch beginnt die Scheibe nach dem Intro mit “Blues Deep In My Soul”, einem typisch Chicago Blues-soundigen Titel aus eigener Feder – wie sämtliche Songs des Longplayers. Unbedingt ebenso radiotauglich und Soul-deep folgt “Palm In My Hand”, einfühlsame Spielfreude entfaltet ihre Wirkung von Beginn an und begeistert mit Ausrufezeichen!

Die bluesige “Farbenpalette” führt souverän durch balladenartige Slow-Songs, die von “Ghosts Of The Past” über “Tides Of Your Love” bis zum zeitgenössischen “Where Are My Friends Tonight?” ihre natürliche Nonchalance vermitteln. und dies alles mit ausreichend Platz für Storytelling-Lyrics, angenehmen Guitar-Passagen, eingebettet in melodische Arrangements. Mit entspannter Virtuosität absolviert Mike Dangeroux gleichermaßen swingende, rhythmus-getriebene Tanznummern (so u.a. “Walking Out That Door”, “Day And Night Lover” oder mit etwas Stones-Appeal “She Can’t Stop Rocking“), temporeich und blues-infiltriert.

Ausgelassenheit setzt ihre Notenzeichen und Stimme und Instrument folgen einem talentierten, am Berklee College of Music ausgebildeten Ideenreichtum. Ob Delta oder Chicago Blues, Shuffle, Soul oder funkige Varianten, das Blues-Spektrum seiner Heimatstadt hat Mike Dangeroux – auch in moderner Ausgestaltung von “Midnight Sky” und “(Hope) You Feel The Same” – liebevoll interpretiert.

Der Longplayer “15 Shades Of Blue” von Mike Dangeroux ist eine Art von Konzeptalbum über Stilrichtungen des Chicago-Blues und der zeitlosen, emotionalen Ausdruckskraft dieser Musik, die über Generationen hinweg ihre authentischen Wurzeln immer wieder neu belebt. In diesem Kontext präsentiert Dangeroux seine Tracks in einer Form, die sowohl Kenner als auch neue Hörer anspricht.

RD Records (2025)
Stil: Blues

Tracks:
01. Intro Blues Deep In My Soul
02. Blues Deep In My Soul
03. Palm Of My Hand
04. Walking Out That Door
05. Ghosts Of The Past
06. Heart Of Stone
07. Never Be Lonely
08. Day And Night Lover
09. No More Bad News
10. Tides Of Your Love
11. She Can’t Stop Rocking
12. Where Are My Friends Tonight?
13. Midnight Skies
14. Doing To Me
15. (Hope) You Feel The Same

Mike Dangeroux
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Billy Branch – The Blues Is My Biography – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Billy Branch begann 1969 an der University of Illinois das Studium politischer Wissenschaften. Kein Wunder, dass ihn irgendwann der Blues überfiel – auch wenn er den Abschluss schaffte. 1975 gewann er einen Mundharmonika-Wettbewerb und fand sich plötzlich in der Band des großen Willie Dixon wieder, der Songs wie „Little Red Rooster“, „Spoonful“, “I Can’t Quit You Baby“ oder „Hoochie Coochie Man“ schrieb, die in erster Linie von anderen Interpreten wie Muddy Waters berühmt wurden.

1984 nahm William Earl Branch, mittlerweile 74 Jahr alt und hochdekoriert mit zahlreichen Auszeichnungen wie einem Emmy oder drei Grammy-Nominierungen, sein erstes Album auf. „Blues Is My Biography“ ist sein mittlerweile 15., eingespielt wie immer mit den Sons Of Blues. Daneben ist er auf über 300 Alben so renommierter Künstler wie eben jenes Willie Dixon, Johnny Winter, Koko Taylor, Keb‘ Mo, John Primer, Stephen Stills oder Billy Gibbons zu hören.

Auf „Hole In Your Soul“, das er zusammen mit Bobby Rush, einer weiteren Harmonika-Legende, aufgenommen hat, findet sich die schöne Zeile: „Wenn du den Blues nicht liebst, hast du ein Loch in der Seele.“ „Begging For Change“ mit Shemekia Copeland und Ronnie Baker Brooks an der Gitarre ist eine kraftvolle Hymne für soziale Gerechtigkeit mit einem leichten Soul-Einfluss. „Ballad Of The Million Men“ kommt gar in einem Reggae-Rhythmus daher – auch so kann der Blues klingen.

Zweifellos: Der Blues ist Billy Branchs Biografie. Er selbst nennt die CD sein wichtigstes Werk und – natürlich – auch sein bestes. Klappern gehört halt auch im Blues zum Handwerk.

Rosa’s Lounge Records (2025)
Stil: Blues

01. Hole In Your Soul
02. Call Your Bluff
03. Begging For Change
04. Dead End Street
05.The Blues Is My Biography
06.The Harmonica Man
07. Real Good Friends
08. How You Living?
09. Ballad of the Million Men
10. Toxid Love
11. Return of to Roaches 

Billy Branch
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Dion – The Rock ’N’ Roll Philosopher – CD-Review

Der aus der Bronx in New York stammende, mittlerweile 87-jährige Dion, mit bürgerlichem Namen Dion Francis DiMucci, ist in der Pop- und Rockmusik ein großer Name, auch wenn sich seine Bekanntheit in unserem Lande in hiesigen Zeiten, vermutlich in eher in überschaubaren Grenzen befindet.

Er hatte seine größten Erfolge in den Sechzigern, wobei der Rolling Stone ihn in seinen Listen auf Platz 63 der besten Sänger  und seinen Schunkler „The Wanderer“ auf Platz 243 der besten Songs aller Zeiten führt.

In dieser langen Zeit ist es natürlich klar, dass man viele musikalische, beziehungsweise berufliche als auch private Bekanntschaften aufbaut und pflegt. Soziale Netzwerke, wie man es heute zu sagen pflegt. Deren Bedeutung, besonders in unserem digitalen Zeitalter, braucht es keiner weiteren Beschreibung.

Der Protagonist ist hier bestens aufgestellt, anders ist es wohl nicht zu erklären, dass auch noch heute prominente Gäste, wie zuletzt auf „Girl Friends“ (da war es das Who-Is Who der zeitgenössischen weiblichen Musikerriege) Schlange stehen, wenn er ein neues Album ins Leben ruft.

Bei seinem neuen Werk „The Rock ’N’ Roll Philosopher“, das sich als musikalisches Gegenstück zu seinem gleichnamigen Buch („weitläufige Memoiren, in denen es um Musik, Sucht, Genesung, Freundschaften, Gott, Kreativität, Beziehungen und all die Dinge geht, aus denen ich wichtige Lektionen gelernt habe“), das er gemeinsam mit Adam Jablin verfasst hat, versteht, und sowohl neue, als auch Überarbeitungen seiner Uralthits beinhaltet, ist die Gästeliste auf den 16 Tracks nicht besonders lang, dafür mit  Sonny Landreth, Joe Bonamassa, Mark Knopfler und Eric Clapton aber umso exquisiter.

Dass Dion auch im hohen Alter noch zünftig zu rocken vermag, beweist der Opener und zugleich erste Single „I’m Your Gangster Of Love“ (famose E-Gitarreneinlagen von Wayne Hood), sicherlich auch ein großer Höhepunkt des Gesamtwerks.

„Take It Back“, wo Joe Bonamassa mitmischt, auf dessen Label die Scheibe wieder erscheint, ein flotter Blues Rock-Schunkler, geht in eine ähnliche Richtung. „Cryin‘ Shame“ mit typischer Landreth-Slide-Begleitung erinnert an J.J. Cale-Sachen, sticht ebenfalls als einer der Center-Stücke heraus.

Das von Mark Knopflers ’singender‘ und wohl klirrender Stratocaster umgarnte „Dancing Girl“ entpuppt sich als der Ohrwurm der CD. Liebhaber klassischer Blues- Stampfer der etwas vergangenen Zeit, dürfen sich auf „If You Wanna Rock ’n‘ Roll “ über die Veredlung des ‚God Of The Blues‘, Eric Clapton (ein großer Bewunderer Dions), freuen, der hier aufzeigt, dass er E-Gitarren-technisch immer noch ordentlich ‚ablassen‘ kann.

Und wenn Dion mit „Ride With You“ dann noch einen lupenreinen Southern Rocker aus dem Ärmel schüttelt,  fragt man sich glatt, ob er sich nicht demnächst mal an diesem Genre versuchen sollte. Da müsste er sich jedoch sputen, die potentielle Liste prominenter Gäste ist da leider nicht mehr allzu lang…

Label: KTBA Records (2025)
Stil: Blues (Rock)

Tracks:
01. I’m Your Gangster Of Love
02. New York Minute
03. Ruby Baby
04. Take It Back with Joe Bonamassa
05. New York Is My Homer
06. Cryin‘ Shame with Sonny Landreth
07. Dancing Girl with Mark Knopfler
08. In A Heartbeat Of Time
09. Serenade / Come To The Cross
10. If You Wanna Rock ’n‘ Roll with Eric Clapton
11. Ride With You
12. Abraham, Martin And John
13. King Of The New York Streets
14. Runaround Sue
15. The Wanderer
16. Mother And Son

Dion
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Another Dimension

Solomon Cole – Ain’t Got Time To Die – CD-Review

Neuseeland war in letzter Zeit schon zweimal Thema in unserem Magazin, BB & The Bullets als auch das Duo Atua Blues hinterließen dabei einen durchaus passablen Eindruck. Musikalisch verbinde ich bis dato eher die Namen Crowded House (u. a. „Don’t Dream It’s Over“, „It’s Only Natural“) und natürlich Keith Urban, der zumindest dort geboren wurde.

Solomon Cole ist demnach bis dato ein unbeschriebenes Blatt in meiner Review- Laufbahn. Er stammt aus Waiheke Island, einer Insel die ca. 40 Minuten mit dem Boot von Auckland entfernt liegt, wo auch der Videoclip zur ersten Single „Get Up Get On“, ein stampfiger Country-Blues (mit viel Dobro-Slide), gedreht wurde.

Im Prinzip muss man, um sich die Musik des Protagonisten einigermaßen vorstellen zu können, eigentlich nur einen genauen Blick auf das Coverbild der CD werfen, das den Protagonisten in einer düsteren Waldlandschaft mit seiner Dobro zeigt, die auch hier reichhaltig zum Einsatz kommt.

Man schmeiße Ingredienzien von Johnny Cash, Son Volt, Howlin‘ Wolf, Tom Waits, Tony Joe White und Nick Cave in einen brodelnden Topf und erhält ungefähr ein musikalisches Gebräu, dem Solomon Cole hier Genüge trägt,

Der Titelsong „“Ain’t Got Time To Die““, ein gospeliger Contryblues mit Waits-mäßigem Leadgesang, hallender Orgel, atmosphärischen E-Fills und starkem Slide-Solo, weiblichen Gospel-Harmonies, ist zurecht Namensgeber des Werkes.

Das Album „Ain’t Got Time To Die“ von Solomon Cole ist nichts für musikalische Warmduscher. Ein schroffer, rauer, swampiger und schwermütiger Mix aus Blues, Country, ein wenig Southern Rock und Gospel. Das ist was für Leute, die gerne Präsenz zeigen und Wiederstand leisten, wenn es auch mal ungemütlich wird und Gegenwind herrscht. Für Diejenigen halt, die keine Zeit zum Sterben haben…

Dixiefrog Records (2025)
Stil: Blues & More

Tracks:
01. Day Of Reckoning
02. Get Up Get On
03. Woman I Weep
04. Bullet
05. A Little South Of Heaven
06. Apocryphal Flood Blues
07. Ain’t Got Time To Die
08. Call My Maker

Solomon Cole
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V2 Records Promotion GSA

Atua Blues – Two Roots – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Manchmal flattern CDs ins Haus, da kann man sich schon mal fragen: Wer ist das? Schlimmer allerdings wäre es, wenn dann auch noch die Frage aufkäme: Was bitteschön ist das? Um es vorwegzunehmen: Diese hat sich nicht gestellt, wobei wir gleich mal beim Prädikat „Durchaus hörenswert“ sind.

Kommen wir zum Anfang zurück: Atua Blues besteht aus Grant Haua, einem Maori-Bluesgitarristen und Sänger aus Neuseeland, und David Noel, dem als Feelgood Dave bekannten Leadsänger der in Frankreich beheimateten SuperSoul Brothers.

Apropos Neuseeland: Hatten wir nicht erst neulich etwas aus diesem Pazifikstaat? Klar: BB & The Bullets, deren Debüt-CD „High Tide“ es beim amerikanischen Roots Music Report – der aus Radio-Airplay-Daten zusammengestellt wird – sowohl in der Sparte Blues als auch Blues Rock auf Platz eins geschafft hat. Wenn das mal kein gutes Omen für das Erstlingswerk von Atua Blues ist…

Haua, Noel und ihre Begleitmusiker beginnen die CD mit „Amazing Grace“, einem über 250 Jahre alt Gospelsong, der schon unzählige Male gecovert worden ist. David Noel erklärt die Beweggründe: „Die Wahl dieses Titels kam in unseren Gesprächen sofort zur Sprache, da Gospelmusik unserem Leben Rhythmus verleiht.“

Mit ihrer entspannt-rhythmischen Interpretation schafft es die neuseeländisch-französische Kombination aber, dass der Uraltsong in einem luftigen Gewand daherkommt, was auch für den Nummer-eins-Hit von George Harrison, „My Sweet Lord“, gilt. Hier gibt es Textpassagen aus Maori und Okzitanisch. „River Blues“ ist leicht Country-angehaucht, „I Get The Blues“ ein Slow Blues, „Hard Lovin‘ Woman“ geht Richtung klassischer Blues Rock – stilistische Vielfalt ist somit auch gewährleistet.

Dixiefrog Records (2025)
Stil: Blues, Soul, Gospel

Tracks:
01. Amazing Grace
02. Fisherman
03. Hard Lovin‘ Woman
04. I Get The Blues
05. My Sweet Lord
06. No Competition
07. River Blues
08. Rose
09. Suck It Up
10. What Have We Done
11. Who’s Gonna Save My Soul

V2 Records Promotion GSA

Todd Snider – High, Lonesome And Then Some – CD-Review

Review: Michael Segets

Flossen auf der letzten Veröffentlichung „Crank It, We’re Doomed” (2023) viele Stilrichtungen ein, verfolgt Todd Snider mit „High, Lonesome And Then Some“ ein Konzept, das sich deutlich am Blues orientiert und sich mit totaler Verlangsamung recht gut beschreiben lässt.

Während sich nach Aussage von Snider der Vorgänger thematisch um einen Mann drehte, der den Verstand verliert, zeigen die Texte nun einen Mann, der auf Situationen seines Lebens zurückblickt und versucht, nicht gegangene Wege vielleicht doch noch einzuschlagen. Hört sich nach jemanden in der Midlifecrisis an? Snider umgeht pathetische Floskeln durch seine scharfe Selbstbeobachtung und eine distanzierte Reflexion. Die in den Texten thematisierten Lebenskrisen werden – zumindest teilweise – mit Humor getragen. Dieser schlägt auch bei seiner Bearbeitung eines Stücks von Don Covay durch. Mit einem selbstkritischen Augenzwinkern werden in „Older Women“ eher ernüchternde Erfahrungen mit jüngeren Frauen geschildert.

Allerdings singt Snider öfter über verstorbene Freunde als über Frauen, wie er in einem Interview sagt. Seine musikalischen Vorbilder wie Kris Kristofferson, Guy Clark, John Prine oder Jerry Jeff Walker sind mittlerweile von uns gegangen. Snider setzt die dort angelegten Traditionslinien fort und bereitet die Übergabe des Staffelstabs an die nächste Generation vor, indem er beispielsweise Sierra Ferrell oder Hayes Carll unterstützt.

Beim Opener „The Human Condition (Dancing Like I Don’t Know How)“ sinniert Snider über die Natur des Menschen und dessen eingeschränkte Erkenntnisfähigkeiten. Snider tut das mit minimalistischer Begleitung. Beim folgenden „Unforgivable (Worst Story Ever Told)“ verfährt er ähnlich. Hier sind die Backgroundsängerinnen auffällig, die Snider nahezu durchgängig einsetzt. Erica Blinn und Brooke Gronemeyer milden bei mehreren Songs deren Sperrigkeit etwas ab und geben den Stücken mehr Harmonien mit. So gewinnt auch der eingängigste Track „While We Still Have A Chance“ durch die Sängerinnen. Den folgerichtig als erste Single vorab ausgekoppelten Song schrieb Snider zusammen mit Chris Robinson (Chris Robinson Brotherhood, The Black Crowes).

Typisch für Sniders Alben sind eingestreute Songs, die er mit Sprechgesang vorträgt. Auch diesmal findet sich ein entsprechender Titel („One, Four Five Blues“). Ansonsten brummt der Singer/Songwriter mal mehr und mal weniger ins Mikro. Dies ist natürlich auch dem Albumkonzept geschuldet. Ab „It’s Hard To Be Happy (Why Is For Redneck?)“, gefolgt von „Stoner Yodel #2 (Raelyn Nelson)”, dem bereits erwähnten „Older Women” und dem Titelstück bis hin zum abschließenden „The Temptation To Exist“ gelingt es dem Longplayer, einen gewissen Groove zu entwickeln.

Nach Anlaufschwierigkeiten steigert sich die zweite Hälfte von „High, Lonesome And Then Some”. Dennoch erscheint der Longplayer zwischen Americana und Blues insgesamt etwas schwerfällig. Dies liegt nicht an den introspektiven Texten, die Todd Sniders gewohnte Qualitäten zeigen, sondern an der entschleunigten musikalischen Umsetzung. „High, Lonesome, Then Some” ist ein Konzeptalbum, das es den Hörenden nicht ganz leicht macht.

Lightning Rod Records – Thirty Tigers (2025)
Stil: Americana, Blues

Tracks:
01. The Human Condition (Dancing Like I Don’t Know How)
02. Unforgivable (Worst Story Ever Told
03. While We Still Have A Chance
04. One, Four Five Blues
05. It’s Hard To Be Happy (Why Is For Redneck?)
06. Stoner Yodel #2 (Raelyn Nelson)
07. Older Women
08. High, Lonesome And Then Some
09. The Temptation To Exist

Todd Snider
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Tedeschi Trucks Band and Leon Russell – Mad Dogs & Englishmen Revisited Live at Lockn‘ – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Das Locknʼ Festival in Arrington, Virginia, zählte fast 10 Jahre zu den namhaften Konzertveranstaltungen. Es war insbesondere bekannt für die vielen, großartigen Kollaborationen aus der Southern-, Country-, Americana-, Blues-, Soul-Szene, die in Jam Sessions und einmaligen Gastauftritten Seltenheitswert erlangten und immer wieder spannende Raritäten hervorbrachten. Zu diesen ausschließlich für Locknʼ konzipierten Performances zählte 2015 die Neu-Inszenierung von “Mad Dogs & Englishmen”, dem 1970er Joe Cocker US-Tournee-Album.

Die Tedeschi Trucks Band brachte für das sogenannte “Revisited”-Konzert eine Reihe prominenter Gäste, wie u. a. Warren Haynes (Gov’t Mule), Chris Robinson (The Black Crowes), Anders Osborne (North Mississippi Allstars) auf die Bühne. Von den ursprünglichen 70er Tournee-Akteuren waren z. B. Chris Stainton, Rita Coolidge und natürlich Altmeister Leon Russell – damals Bandleader, Arrangeur, Songwriter und Multiinstrumentalist – mit dabei. Die Konzertaufnahme “Mad Dogs & Englishmen Revisited Live at Locknʼ” ist nun über Fantasy Records offiziell erhältlich, wobei sich die Auswahl der neu interpretierten Titel nicht nur auf das 70er Album erstreckt, sondern auch Songs der 2005er Deluxe Edition einbezieht. Cockers Klassiker “The Letter” startet den umwerfenden Big Band Rausch mit Susan Tedeschi als Soul-Diva. Der geniale Lovin’ Spoonful Hit “Darling Be Home Soon” endlich in außergewöhnlicher 6-Minuten Version: Tedeschis Vocals und Doyle Bramhalls Solo-Saiten, ein weiteres Highlight gleich zum Auftakt der Setlist.

Bob Dylans “Girl From The North Country” war damals wie heute einer der Höhepunkte der Aufnahmen – jeweils unter phänomenaler Beteiligung von Soulsängerin Claudia Lennear, die bei “The Weight”, wie im Original, wieder zusammen mit Rita Coolidge und zusätzlich Susan Tedeschi im großen Bandgefüge zur grandiosen Werkschau beiträgt. Auch hier verkraftet der alte The Band Titel das umfangreiche, “orchestrale” Arrangement vom klassischen Americana-Rock zum Gospel-Soul-Schwergewicht. Joe Cockers Tournee-Marathon durch über 40 US-Städte – mit 20 köpfiger Band – brachte den Longplayer bis auf Platz 2 der US-Charts und dem englischen Sänger mit den leidenschaftlichen Bühnen-Gesten den Ruf ein, Teil der 2. britischen Rock- Invasion zu sein, die Ende der 60er die US-Hitparaden überrollte.

Auf seiner Tour-Setlist markierten immerhin drei Beatles-Songs, ein Stones-Titel und das unverwüstliche „Feelin‘ Alright“ (in Lockn‘ gesungen vom Songwriter Dave Mason himself) den UK-Schwerpunkt. Beim “Revisited”-Konzert gehören die Lennon/McCartney Klassiker “She Came Through The Bathroom Window” (ft. Warren Hayes) und “With A Little Help From My Friends” (ft. u.a. Chris Robinson) wieder zu den herausragenden Interpretationen, die ihren zeitlosen Charme im Mega-Sound von rund 20 Akteuren ausbreiten. Hierbei leistet der leider ein Jahr später verstorbene Leon Russell nochmal inspirationale Klanggestaltung und instrumentale Choreographie, um mit seiner Schlußballade von “Mad Dogs & Englishmen” die “Wiedergeburt” des Rock-geschichtlichen Vorbilds gebührend zu feiern.

Mit der einmaligen/legendären Produktion “Mad Dogs & Englishmen Revisited Live at Locknʼ” haben die Tedeschi Trucks Band und Leon Russell ein musikhistorisches Live-Album wieder in Erinnerung gerufen. Entstanden ist eine magisch-lebhafte Hommage an ein legendäres Konzert-Ereignis, dessen einzigartige Verbindung aus Blues, Rock, Jazz, R&B und Soul anhand von ikonischen Musikstücken – auch für eine neue Generation – kongenial konzipiert wurde.

Fantasy Records (2025)
Stil: Blues, Rock, Soul

Tracks:
01. The Letter ft. Susan Tedeschi
02. Darling Be Home Soon ft. Susan Tedeschi & Doyle Bramhall II
03. Dixie Lullaby ft. Doyle Bramhall II
04. Sticks And Stones ft. Chris Robinson
05. Girl From The North Country ft. Claudia Lennear
06. Let’s Go Get Stoned ft. Susan Tedeschi
07. Feelin‘ Alright ft. Dave Mason & Anders Osborne
08. She Came In Through the Bathroom Window ft. Warren Haynes
09. Bird On The Wire ft. Rita Coolidge & Doyle Bramhall II
10. The Weight
11. Delta Lady ft. John Bell
12. Space Captain ft. Susan Tedeschi & Chris Robinson
13. With A Little Help From My Friends ft. Chris Robinson, Susan Tedeschi
14. The Ballad Of Mad Dogs And Englishmen

Tedeschi Trucks Band
Leon Russell
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Oktober Promotion

Connor Selby – The Truth Comes Out Eventually – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Mit vier UK Blues-Awards in den Jahren 2020 bis 2025, darunter für Traditional Blues Artist of the Year (2025), ist der englische Singer/Songwriter und Gitarrist Connor Selby eines der vielversprechenden Talente der jungen Musik-Generation. Der inzwischen 26-jährige hatte sein Debut-Album “Made Up My Mind“ ursprünglich schon 2018 veröffentlicht und die selbst betitelte Deluxe-Ausgabe (2023) um vier Bonus-Tracks erweitert. Das insofern eigentlich erst 2. Studio-Werk “The Truth Comes Out Eventually” erscheint nun auf Provogue Records und bringt eine durchaus facettenreiche Palette großartiger Eigenkompositionen.

Der furiose Einstieg in den zum überwiegenden Teil vorherrschenden Big Band Modus gelingt durch “Someone” unwiderstehlich – sicher eine herausragende Live-Nummer. Die mit “All Out Of Luck” folgenden, in gleicher Weise temperamentvoll angetriebenen, in Ansätzen jazzigen Blues-Sounds, klingen in souligen Grooves nach Ray Charles, Frank Sinatra mit B.B.King Solo-Akzenten und umklammern meisterliche Bläser-Arrangements. Bestandteile, die in weiteren Top-Songs (u.a. “(I am) Who I Am”, „I’ll Never Learn” oder auch “It Hurts To Be In Love”) den Bandleader-Status von Connor Selby begründen.

Seine vielseitige Stimme beherrscht die Band-Atmosphäre, die Guitar-Parts absolvieren spielerisch die klassischen Herausforderungen – beides wirkt authentisch und überzeugend. Die Lyrics und musikalischen Arrangements zeichnen das Bild eines jungen Künstlers, der den Titeltrack im typischen Sinatra-Stil interpretiert und dabei klassische wie moderne Elemente einbezieht. Diese großartigen Band-Instrumentierungen werden einfühlsam variiert, erweitert um die feinere Filigranarbeit von “Amelia”, einem Titel, der als emotionales Glanzstück des Albums zeitlose, melancholische Eleganz verkörpert – eine an Nick Drake erinnernde Folk-Ballade.

Grazile Songkunst ähnlicher Güte verbreiten “I Won’t Be Hard To Find” und das finale “Songbird” – zärtlich, folkige Stücke, zerbrechliche Harmonien als Gegensatz zum Blues-Orchester. Seine in jungen Jahren stark wechselnde Lebensumgebung – von Essex nach Connecticut und Dubai – hat Connor Selby dabei sicher ebenfalls beeinflusst, wie seine frühe Vorliebe für American Rootsy Music, die auch den neuen Longplayer vielfach “bewegt”.

Soul-bluesige Traditionselemente infizieren “The Truth Comes Out Eventually” mit einem groovenden Blues-Virus, der im poetischen Storytelling und eingängigen Melodien auflebt. Connor Selby hat ohne Frage ein auffallendes Masterpiece produziert, das die Auszeichnung als UK Traditional Blues Artist of the Year zweifellos rechtfertigt. Für ein exklusives Release Konzert kommt er am 08.11. ins Blue Notez nach Dortmund.

Provogue Records (2025)
Stil: Blues

Tracks:
01. Someone
02. All Out Of Luck
03. The Truth Come Out Eventually
04. (I Am) Who I Am
05. I Won’t Be Hard To Find
06. I’ll Never Learn
07. Amelia
08. It Hurts To Be In Love
09. What Else Is There To Say
10. Songbird

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Mascot Label Group

Jessie Lee & The Alchemists – 17.08.2025, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Jessie Lee & The Alchemists präsentieren in der Krefelder Kulturrampe das gerade erschienene Album „Legacy“, das die Band fast komplett durchspielt und erst zum Ende des Konzertes mit „One Only Thing“ und „Another“ zwei Songs Von „Let It Shine“ nachlegt.

Passend eröffnen die Franzosen mit „I´’m Gonna Play The Blues“ den Abend. Jessie Lee Houllier begeistert die Fans, das Konzert hätte weitaus mehr als die Anwesenden verdient, mit ihrer vielseitigen und kräftigen Stimme, die dem oft druckvollen Sound der Truppe standhält.

Alexis „Mr Al“ Didier setzt mit auf den Punkt gespielten Soli Glanzlichter, die ebenso wie die Keyboard-Einlagen von Laurian Daire die Tracks würzen. Dabei spannt das Quintett eine Bandbreite vom Blues bis hin zu Rock, dazu mit einigen progressiven Elementen.

Tricky ist, wie sie aus dem gecoverten „You´re The One That I Want“ praktisch einen neuen bluesgetränkten Song machen, wobei außer dem Text nur ganz wenige Elemente an das Original erinnern. So besteht von Beginn an eine elektrisierende Stimmung, woran neben der musikalisch beindruckenden Leistung der gesamten Band, Jessie Lee mit ihrer charmanten Art und der Interaktion mit den Fans, einen großen Anteil hat.

Mit dem aktuellen Werk „Legacy“ beweisen Jessie Lee & The Alchemists, dass sie nicht umsonst mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht worden sind und dass in der Zukunft noch Einiges von ihnen zu erwarten ist.

Line-up:
Jessie Lee Houllier (vocals & guitar)
Alexis „Mr Al“ Didier (guitar & backing vocals)
Laurent Cokelaeres (bass)
Stephane Minana-Ripoll (drums)
Laurian Daire (keyboards)

Text & Bilder: Gernot Mangold

Jessie Lee & The Alchemists
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Kulturrampe Krefeld