Da hat Pati DeVries und ihre Devious Planet Promotion Agentur aus Los Angeles, die uns nun schon seit Jahren regelmäßig mit tollen Scheiben, meist aus der US-Blues-Szene versorgt, zum Start des neuen Jahres mir direkt eine echte Aufgabe auferlegt.
Es handelt sich um die neue CD von Rev. Peyton’s Big Damn Band mit dem Titel „Honeysuckle“, die in den nächsten Tagen auf den Markt kommen wird. Peyton und seine beiden derzeitigen Mitstreiter, Ehefrau ‚Washboard Breezy‘ Peyton und Jacob ‚The Snakob‘ Powell genießen in den Staaten medienübergreifend ein sehr hohes Ansehen, die neue Scheibe ist die nunmehr die elfte Veröffentlichung.
Die maßgeblich vom Reverent auf einer National Guitar überaus fingerfertig eingespielten und mit einer kreischenden und keifenden Stimme eingesungenen zwölf Tracks (hinzukommen noch vereinzelnd dezente Perkussionsklänge, mal eine Fiddle, ein Banjo oder eine Harp) sind nicht für den Mainstream ausgelegt und verlangen schon ein sehr country-bluesig geschultes Gehör, meine Frau würde mich beispielsweise, und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, aller spätestens nach Ende des zweiten Tracks auf die Verwendung von Kopfhörern hinweisen.
Für Insider sind hier sicherlich die in ihren Bereichen prominenten Gäste der edle Messwein im musikalischen Gesamt-Kelch. Da wären die auch bei vielen Interpreten, im New Countrybereich vertretenen McCrary Sisters, die „Looking For A Manger“ mit tollen gospeligen Backingvocals veredeln, der Blues Music Hall of Famer und Grammy-nominierte Mundharmonica-Spieler Billy Branch, der auf dem Blind Lemon Jefferson-Song “Nell (Prison Cell Blues)“ nölt, der Grammy Award-Gewinner Michael Cleveland, mit einem furiosen Speed-Gefiddel in Kombination mit Peytons flinkem Saitenspiel bei dem, unserer Klientel vermutlich gut bekannten „Freeborn Man“ (vom legendären Outlaws-Live-Album) sowie Colton Crawford von The Dead South, der mit dem Banjo bei “The Good Die Young“ untermalt.
Textlich wissen viele Stücke mit doppeldeutigem Humor zu punkten (u. a. besonders das finale „Mama Do“. Die jederzeit spürbare Authentizität ist ein weiterer Sympathiepunkt. Produziert hat diese. für eher zünftige Feste oder ‚dreckige‘ Honkytonks geeignete Musik der Reverent himself, gemixt hat das Ganze der sechsfache Grammy-Gewinner Vance Powell (Chris Stapleton, Jack White).
Mein Rat selbst an den gediegenen Countryblues-Nachtfalter wäre, in Rev. Peyton’s Big Damn Band „Honeysuckle“ zunächst mal reinzuschnuppern, der Gang durch diese zwölf Tracks ist sicherlich kein übliches musikalisches Zuckerschlecken!
Family Owned Records (2025) Stil: Country Blues
Tracks: 01. Honeysuckle 02. If I Had Possession Over Judgement Day 03. Looking For A Manger (feat. The Mc Crary Sisters) 04. Like A Treasure 05. One Dime Blues 06. Nell (feat. Billy Branch) 07. Freeborn Man (feat. Michael Cleveland) 08. I Can’t Sleep 09. Let Go 10. The Good Die Young (feat. Colton Crawford of the Dead South) 11. Keep Your Lamp Trimmed And Burning 12. Mama Do
Die etwas ruhigere Zeit um den Jahreswechsel nutze ich meist, um nochmal einen Blick zurück zu werfen auf das, was so in den letzten Monaten liegengeblieben ist. Mitte 2024 erschien bereits „Viva Lone Justice“. Lone Justice hat sich fast vierzig Jahre nach Bandauflösung die Zeit genommen, um in den Archiven zu stöbern. Dabei wurden zehn Songs zutage gefördert und neu überarbeitet. Nahezu alle Instrumente wurden mit Overdubs versehen. Die einzige Ausnahme ist das Schlagzeug, das in Erinnerung an den verstorbenen Drummer Don Heffington unverändert blieb. „Viva Lone Justice“ ist daher kein frisches Album der Band, sondern poliert deren Vergangenheit auf.
Außer „You Possess Me“, das vom Bassisten Marvin Etzioni geschrieben wurde, sind alle anderen Tracks Coverversionen, drei davon Traditionals. Die Country-Nummer „Jenny Jenkins“ wird von Maria McKee und Ryan Hedgecock im Duett gesungen. Die Band nimmt sich weiterhin dem Bluegrass „Rattlesnake Mama“ und dem vielfach interpretierten Gospel „Wade In The Water“ an. Die anderen Songs bewegen sich meist in klassischen Country-Gefilden. Tammy Rogers unterstützt die Band einige Male an der Geige und arrangiert die Streicher. Benmont Tench (Tom Petty And The Heartbreakers) ist als Gastmusiker auf drei Tracks vertreten.
Die CD verläuft überwiegend in ruhigen Bahnen, wobei McKees Stimme und Gesang, die Lone Justice stets eine besondere Note verliehen, auch hier wieder eine tragende Rolle spielt. Bemerkenswert ist die reduziert arrangierte Version von „I Will Always Love You“, die im extremen Kontrast zur Bombast-Interpretation von Whitney Houston steht. Der Song stammt übrigens aus der Feder von Dolly Parton. Aus dem Rahmen fällt die Single „Teenage Kicks“. Bei dem Cover von The Undertones zeigt sich Lone Justice von ihrer punkigen Seite. Ansonsten findet sich mit „Sister Anne“ nur noch ein Uptempo-Titel auf der Scheibe. Dieser fängt gut an, endet aber mit einem gewöhnungsbedürftigen Bläser-Outro.
Lone Justice schaut auf nur zwei reguläre Longplayer in ihrer kurzen Karriere zurück. Das selbstbetitelte Debüt wurde von Jimmy Iovine produziert und brachte 1985 frischen Wind und eine neue, markante Stimme in die Country Rock-Szene. Ein Jahr später folgte das deutlich schwächere, mit mehr Pop-Anteilen versehene „Shelter“, bei dem Little Steven bei der Produktion mitmischte. Danach kam es zur Auflösung der Band. Im Nachgang erschienen noch Live-CDs und ein paar Compilations mit bis dato unveröffentlichte Aufnahmen. „Viva Lone Justice“ reiht sich dort ein, auch wenn sich für die Neubearbeitung der Songs die noch lebenden Bandmitglieder nochmal zusammengefunden haben.
Lone Justice schuf seinerzeit mit ihrem Debüt ein Album, dass die Zeit überdauerte und auch heute noch hörenswert ist. „Viva Lone Justice“ ist ein Abgesang auf diese glorreichen Tage. Die Neubearbeitung von altem Material, das sich fast ausschließlich aus Coverstücken zusammensetzt, zeigt an einigen Stellen, was aus Lone Justice hätte werden können. Es zeigt auch, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Letztlich bleibt es ein rückwärtsgewandtes Album, das die Hoffnung auf eine späte Wiederbelebung der Band nicht einlöst.
Afar Records – Cargo (2024)
Stil: Country
Tracks:
01. You Possess Me
02. Jenny Jenkins
03. Rattlesnake Mama
04. Teenage Kicks
05. Wade In The Water
06. Nothing Can Stop Me Loving You
07. Skull And Cross Bones
08. Alabama Baby
09. I Will Always Love You
10. Sister Anne
Ich muss gestehen, dass ich lange Zeit mit traditioneller Country-Musik nur wenig anfangen konnte, besonders was die Zeiten betraf, bevor Garth Brooks So Glanzvoll in Erscheinung trat. Das hat sich mit fortschreitenden Jahren deutlich geändert, wobei ich mich frage, ob ich mittlerweile tatsächlich alt geworden bin.
In Wahrheit liegt es aber daran , dass viele Scheiben und Produktionen heute nicht mehr so altbacken klingen und die instrumentelle Umsetzung sowie die federführenden Interpreten deutlich eingängiger daherkommen. Ein gutes Beispiel dafür sind The Doohickeys. Hinter dem Namen verbirgt sich ein medienerprobtes Duo, bestehend aus Haley Spence Brown und Jack Hackett, das sich bei Arbeiten für das TV-Satire-Magazin der University Of California kennengelernt hatte und auf einer Halloween Party seine gemeinsamen musikalischen Interessen entdeckt hatte.
Mit “All Hat, No Cattle” bringen sie jetzt ihr Debütalbum heraus, nachdem sie mit Songs wie dem country-rockigen Opener “Rein It In Cowboy”, dem Titelsong und „This Town Sucks“ sowohl bei Auftritten, social media-mäßig, als auch in Kontest-Hinsichten, bereits großes Aufsehen erregt hatten.
Und auch meine Wenigkeit attestiert ihnen ein großartiges Erstwerk, das von Anfang bis Ende einen Hörgenuss mit viel Spaß (klasse Texte, schade, dass es nicht noch für ein kleines Steckfaltblatt im DigiPak gereicht hat), stimmlicher und musikalischer Abwechslung sowie instrumenteller Feinheiten bietet. Da sind zum einen der Wechsel von weiblichen und männlichen Leadgesang in allen Variationen (dazu in klasse Harmoniegesänge mündend), als auch die wunderbar satirischen, kritischen, oft auch mit sympathischer Selbstironie angelegten Texte, wie man es auch schon bei vielen Titeln wie „Too Ugly To HItchhike“, “All Hat, No Cattle” oder „I Wish My Truck Was Bigger“ direkt erahnen kann.
Letztgenannter Track beschreibt schön einen gewissen Neid, den man in unseren Sphären gewissen männlichen SUV-Fahrern zuschreibt, die beiden gehen hier sogar noch etwas weiter, was die Art des Fahrzeugs betrifft, in Amerika denkt man ja schon seit je her etwas größer… Klasse auch, wie im abschließenden „City Folk“, gemeine Städter humorvoll mit ihren Countrywurzeln in Einklang gebracht werden.
Ganz stark auf dem von Eric Corne produzierten Werk sind vor allem die vielen instrumentellen Feinheiten (Fiddle, viel weinende und leiernde Steel, klare Akustik- und E-Gitarren) der involvierten Musiker (u. a. Adam Arcos, Matt, Tecu, Jordan Bush, Aubrey Richmond, Eugen Edwars), die sehr modern und transparent zum Vorschein kommen. So erhält man am Ende einen sehr abwechslungsreichen Mix aus Country-rockigen, zum Teil mit dezenten Southern Rock-Anleihen, flotten Bakersfield- als auch typischem Storytelling-Country.
Am Ende ist es den Doohickeys mit ihrem Debüt „All Hat, No Cattle“ eindrucksvoll gelungen, mit traditionell gehaltenem Country, den reviewenden Stadtmenschen hier, der bis dato Rinder nur vom Sehen und auf dem Teller kennt, den imaginären (Cowboy-) Hut ehrfurchtsvoll ziehen zu lassen. Eine tolle Überraschungsscheibe am Ende des Jahres, die als klarer Kauftipp attestiert wird!
Forty Delow Records (2024) Stil: Country
01. Rein It In Cowboy 02. Can’t Beat My Ol‘ Beater 03. This Town Sucks 04. I Don’t Give A Damn About Football 05. I Wish My Truck Was Bigger 06. Farm Lawyer 07. Mr. Fix It 08. Too Ugly To HItchhike 09. All Hat, No Cattle 10. Please Tell Me You’re Sleepin‘ 11. You Can’t Dance 12. City Folk
Der Country-Star Dwight Yoakam muss hier wohl nicht eigens vorgestellt werden. Zuletzt fiel er mir als Schauspieler in „Cry Macho“ von Clint Eastwood auf. Mit rund vierzig Auftritten in Film- und Fernsehproduktionen fährt Yoakam also auf zwei künstlerischen Schienen. Seine größten musikalischen Erfolge feierte er in den 1980ern und 1990ern. 2022 war er mit Lucinda Williams und Steve Earle auf Tour, ansonsten ist es in den letzten Jahren deutlich stiller um ihn geworden. Sein vorangegangenes Studioalbum liegt nun schon acht Jahre zurück. An den Songs für „Brighter Days“ mit zwölf Originalbeiträgen und zwei Covern arbeitete er drei Jahre.
Yoakam muss nichts mehr beweisen und macht das, wofür er steht: New Traditional Country. Am Anfang seiner Karriere fasste er in Nashville nicht Fuß, da er sich mit den Pop-Einflüsse, die in der dortigen Country-Szene Einzug hielten, nicht anfreunden konnte. Der in Kentucky geborene Yoakam zog daher nach Los Angeles weiter. In seiner neuen Heimat perfektionierte er seinen eigenen Stil, der sich an den Bakersfield-Sound anlehnt. „California Sky“ atmet dann auch den Hauch der Westküste. „A Dream That Never Ends“ passt zu einem Sonnenuntergang über dem Pazifik. Der Song erinnert an The Traveling Wilburys, auch wenn der Harmoniegesang nicht so dominant ist wie bei der Supergroup.
Die meisten Beiträge auf „Brighter Days“ schwofen im Midtempo. Sie sind eingängig und radiotauglich, wirken aber rückwärtsgewandt. Überraschungen bleiben aus und auch wenn Yoakam sich bei „I Don’t Know How To Say Goodbye (Bang Bang Boom Boom)“ Post Malone ins Studio holt, kann kaum von einer Verjüngungskur gesprochen werden. Das Stück bleibt eine traditionsverbundene Nummer und passt sich so in das Album ein, das wenig Höhen und Tiefen kennt. Gelegentlich schlägt Yoakam gemäßigt rockende Töne an („If Only“), mal lässt er es ruhiger angehen („Hand Me Down Heart“). Unaufgeregt folgt Yoakam bekannten Pfaden.
Abwechslung bringt Yoakam auf die Scheibe, wenn er sich dem Rock ‘n Roll zuwendet. Dies tut er bei „Every Night“ und „Can’t Be Wrong“. Letztgenannter Track zählt neben dem Opener „Wide Open Heart“ zu den Songs, die mich am meisten mitnehmen. Gelungen ist auch die Country-Rock-Version von „Keep On The Sunny Side“ der Carter Family. Demgegenüber fällt das Cover „Bound Away“ im Vergleich mit dem Original von Cake ziemlich glatt aus.
Dwight Yoakam meldet sich mit „Brighter Days“ zurück. Professionell produziert, wie man es von ihm kennt, reiht sich das Album in die Liste seiner Veröffentlichungen ein. Yoakam bleibt seinem Stil treu und so werden die neuen Songs bei den Traditionalisten unter den Country-Fans und seinen 1.3 Millionen Facebook-Followern sicherlich positive Resonanz erzeugen. Im November promotet Yoakam sein Werk mit Konzerten in Florida und Texas, bei denen er mit The Mavericks, Gary Allen und Joshua Ray Walker unterwegs ist.
Via Records – Thirty Tigers (2024) Stil: Country
Tracks:
01. Wide Open Heart
02. I’ll Pay The Price
03. Bound Away
04. California Sky
05. Can’t Be Wrong
06. I Spell Love
07. A Dream That Never Ends
08. Brighter Days
09. I Don’t Know How To Say Goodbye (Bang Bang Boom Boom) (feat. Post Malone)
10. If Only
11. Hand Me Down Heart
12. Time Between
13. Keep On The Sunny Side
14. Every Night
SoS kann behaupten, eine internationale Leserschaft zu haben. Über einen Beitrag zu American Aquarium ist Ryan Klein, der Manager der Lowdown Drifters, auf unsere Website aufmerksam geworden und schickte Besprechungsmaterial zum neuen Album der Band über den großen Teich. Er dachte, dass „In Time“ zu SoS passt. Er hat Recht, das tut der Longplayer wie die Faust aufs Auge.
Jeder Song ist ein Treffer. Die acht Stücke sind zudem ideal auf dem Werk, bei dem The Lowdown Drifters den Produzenten Wes Sharon (John Fullbright, Turnpike Troubadours) gewinnen konnten, angeordnet. Den Auftakt macht der Titeltrack „In Time“. Dem straight forward gespielten Roots Rocker schieben The Lowdown Drifters den Country Rocker „Ghost“ nach. Der Einstieg hat richtig Schwung, der mit „Awful Truth“ zurückgefahren wird. Das Duett von Leadsänger John Cannon, der über eine ausdrucksstarke Stimme verfügt, und Raina Wallace bewegt sich im Midtempo und leitet dramaturgisch geschickt zum stimmungsvollen „Burn“ über. Die Ballade bekommt durch den begleitenden Gesang von Wallace nochmal eine extra Portion Gefühl mit. Das Songwriting erinnert an das von BJ Barham (American Aquarium), bewegt sich also auf sehr hohem Niveau. Statt auf die Steel Pedal setzen The Lowdown Drifters allerdings auf die Geige, um Atmosphäre zu erzeugen.
Mit „Fatherless“ zieht die Geschwindigkeit wieder an und steigert sich nochmal mit dem losrollenden „Nothings Scared“. Während beim erstgenannten Stück die Gitarre eher dezente Akzente setzt, bekommt sie beim letztgenannten mehr Raum, die sie energisch nutzt. Eine Piano-Passage sorgt bei „Nothings Scared“ für eine zusätzliche Varianz im Sound. „Streets Of Aberdeen“ läutet mit kräftigem Rhythmus und vollen Gitarren dann das ruhigere Ende des Longlayers ein, der mit „Trucker Speed“, einschließlich eines längeren Geigensolos, seinen harmonischen Abschluss findet. Mit acht Tracks ist das Werk zwar nicht besonders umfangreich, dafür finden sich aber auch keine überflüssigen Füller auf ihm.
The Lowdown Drifters sind seit zehn Jahren aktiv. Neben John Cannon und Raina Wallace gehören Dylan Welsh, Josh Willaert und Drew Harakal zum Quintett. In den letzten Jahren tourten die Band, beflügelt durch den Erfolg von „Fire In Her Eyes“, das sich auf der CD „Last Call For Dreamers“ (2019) findet, unermüdlich durch die USA. Kürzlich teilten sich The Lowdown Drifters mit Casey Donahew die Bühne und pünktlich mit der Veröffentlichung der neuen Scheibe treten sie zusammen mit Shane Smith & The Saints sowie Red Shahan im Ryman Auditorium, Nashville, auf.
The Lowdown Drifters sind keine Newcomer, aber die Neuentdeckung des Jahres für mich. „In Time“ fügt zeitgemäße Country-Stücke, deren Pegel mal in Richtung Rock und mal in Richtung Americana ausschlägt, gekonnt zusammen. Mit seinen Tempovariationen hält der Longplayer den Spannungsbogen aufrecht. „In Time“ hat alles, was man sich von einem Album wünscht: tolle, abwechslungsreiche und optimal zusammengestellte Songs.
Gold Towne Music (2024) Stil: Country and more
Tracks: 01. In Time 02. Ghost 03. Awful Truth 04. Burn 05. Fatherless 06. Nothings Sacred 07. Streets Of Aberdeen 08. Trucker Speed
Der vor sieben Jahren plötzlich verstorbene Tom Petty hinterließ tiefe Spuren in der Geschichte des Rock. Sein Werk dient vielen Musikern als Inspirationsquelle und dementsprechend oft werden seine Songs gecovert oder als Referenzpunkte herangezogen. Für „Petty Country – A Country Music Celebration Of Tom Petty“ fanden sich namhafte Vertreter der Country-Szene zusammen, um ihn und seine Musik zu feiern. Drei Viertel der Interpreten sind alte Bekannte bei Sounds-Of-South. Wie nicht anders zu erwarten, finden sich viele Hits von Petty unter den Titeln. Angesichts seines umfangreichen Outputs, verwundert es nicht, dass ebenso viele Stücke fehlen, die eine Aufnahme auf das Tribute-Album verdient hätten. Das hinterlassene Songmaterial hätte sicherlich ein Doppelalbum gerechtfertigt.
Sich an ein Cover von Tom Petty heranzuwagen, ist ja nicht ohne. Petty hatte seinen eigenen Stil, gesanglich ist er unverwechselbar und der Sound – auch wenn er ihn in seiner Laufbahn durchaus variierte – weist einen hohen Wiedererkennungswert auf. Ein bloßes Nachspielen funktioniert nicht. Die Herausforderung besteht darin, den Songs eine individuelle Note mitzugeben. Dies gelingt den Musikern auf dem Sampler durchgängig. Sie transformieren die jeweiligen Stücke meist behutsam, sodass sie direkt zu identifizieren bleiben. Die vorliegenden Versionen klingen insgesamt erdig, wie man es von Vertretern der Country Music erwartet. Wie Pettys Originale bleiben aber auch die entsprechenden Interpretationen oft dem Rock verhaftet, sodass das Album stellenweise durchaus in Richtung Roots oder Country Rock geht.
Die ausgewählten Titel decken die Jahrzehnte von Pettys Karriere ab. Der Bogen spannt sich von den frühen Klassikern aus den siebziger Jahren über seine großen Hits in den Achtzigern und Neunzigern bis zu seinem letzten Album mit der von ihm wiederbelebten Band Mudcrutch aus dem Jahr 2016. So dürfen natürlich „American Girl“ (Dierks Bentley) und „Breakdown“ (Ryan Hurd) von Pettys erstem Longplayer mit den Heartbreakern nicht fehlen. Wynonna liefert eine wunderbare Version von „Refugee“ und damit zugleich ein Highlight der CD ab.
Die achtziger Jahre vertreten Titel von den Alben „Southern Accents“ (1985) und „Full Moon Fever“ (1989). Ebenfalls dieser Dekade zuzuordnen ist „Stop Draggin‘ My Heart Around“. Lady A covert das ursprünglich von Stevie Nicks und Tom Petty gesungene Duett. Die starken Werke „Hard Promises“ (1981), „Long After Dark“ (1982) und „Let Me Up (I’ve Had Enough)“ (1987) sind zu meiner Überraschung nicht berücksichtigt. Von den Sessions zum letztgenannten Werk stammt allerdings „Ways To Be Wicked“, dem sich Margo Price annimmt. Bei der Konzeption des Tribute lag der Fokus nicht auf einer repräsentativen Werkschau, sondern auf den persönlichen Verbindungen der Interpreten zu den einzelnen Songs.
Dolly Parton gibt sich bei „Southern Accents“ die Ehre. Rhiannon Giddens macht aus dem ursprünglich aufgekratzten „Don’t Come Around Here No More“ eine langsame, soulige Nummer. Der Track verändert das Original erheblich, aber sehr gelungen. Mit „Runnin‘ Down A Dream“ (Luke Combs), „I Won’t Back Down” (Brothers Osborne), „Yer So Bad” (Steve Earle) und „Free Fallin’” (The Cadillac Three) sind gleich vier Songs des erfolgreichen „Full Moon Fever” auf dem Tribute zu finden.
Songs aus den Neunzigern suchten sich die Eli Young Band („Learning To Fly“), Midland („Mary Jane’s Last Dance“) und Thomas Rhett („Wildflowers“) aus. „You Wreck Me“ (Georg Strait) fällt etwas aus dem Rahmen, da es der einzige Live-Mitschnitt auf der CD ist. Altmeister Willie Nelson greift sich „Angel Dream (No. 2)“ heraus.
Nach „Wildflowers“ (1994) schuf Petty nach meiner Einschätzung keine durchweg überzeugenden Alben mehr. Von seiner Spätphase geht wahrscheinlich auch kein so prägender Einfluss auf andere Musiker aus. Auf der Zusammenstellung ist sie vielleicht aus diesem Grund unterrepräsentiert. Dass Petty aber auch im neuen Jahrtausend gute Songs produzierte, zeigt Chris Stapleton. Dieser macht aus „I Should Have Know It“ einen hervorragenden Roots Rocker, der zu meinen Favoriten auf der Compilation zählt. Schließlich spielt Jamey Johnson „Forgive It All“, sodass zumindest Pettys letzte Scheibe noch gewürdigt wird.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Hervorragendes Songmaterial von renommierten Musikern aus der Country-Ecke performt. Was kann da schief gehen? Nichts! Die Country-Gilde sitzt fest im Sattel und zieht die Hüte vor Tom Petty. „Petty Country“ ist eine posthume Verbeugung vor einem der ganz Großen der Rockgeschichte, die zeigt, dass Genregrenzen fließend sind.
Ein paar unveröffentlichte, von Tom Petty selbst eingespielte Stücke hält die am 18. Oktober erscheinende Deluxe-Version von „Long After Dark“ bereit.
Universal (2024) Stil: Country, Country Rock
Tracks: 01 I Should Have Known It – Chris Stapleton 02 Wildflowers – Thomas Rhett 03 Runnin’ Down A Dream – Luke Combs 04 Southern Accents – Dolly Parton 05 Here Comes My Girl – Justin Moore 06 American Girl – Dierks Bentley 07 Stop Draggin’ My Heart Around – Lady A 08 Forgive It All – Jamey Johnson 09 I Won’t Back Down – Brothers Osborne 10 Refugee – Wynonna 11 Angel Dream (No. 2) – Willie Nelson 12 Learning To Fly – Eli Young Band 13 Breakdown – Ryan Hurd 14 Yer So Bad – Steve Earle 15 Ways To Be Wicked – Margo Price 16 Mary Jane’s Last Dance – Midland 17 Free Fallin’ – The Cadillac Three 18 I Need To Know – Marty Stuart And His Fabulous Superlatives 19 Don’t Come Around Here No More – Rhiannon Giddens 20 You Wreck Me (live) – George Strait
Thomas Kraft zieht in „Americana. Ein zerrissenes Land im Spiegel der Country Music“ Verbindungslinien zwischen Country Music und nationaler Identität der Vereinigten Staaten von Amerika. In dem Buch finden viele Musiker_innen Erwähnung, die in der Interpretenskala von Sounds-of-South vertreten sind, sodass es für unsere Leser_innen bereichernd sein könnte. Die Anregung für die erste Buch-Rezension bei SoS gab Andreas Reiffer, in dessen Verlag das Werk am 27.09.2024 erscheint.
Musik muss nicht politisch sein, aber ihre Entstehung ist stets durch den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext geprägt. Offensichtlich wird die Verbindung von Musik und Politik, wenn sich die Künstler_innen öffentlich zu politischen oder gesellschaftlichen Problemen äußern oder solche Themen in ihren Texten verarbeiten. Für Politiker_innen wird die Musik interessant, wenn sie deren Popularität für ihre Zwecke instrumentalisieren können. Dass sich die Urheber_innen dagegen wehren, zeigen die zahlreichen Unterlassungsklagen gegen Trump, der ohne Zustimmung Musiktitel in seinem Wahlkampf einsetzt. Kraft zeichnet im ersten Kapitel seines Werks einige Skandale und Kontroversen nach, die im Spannungsfeld von Politik und Musik – speziell der Country Music – in den letzten Jahren aufflammten. Dabei reichen die Beispiele von den Dixie Chicks, den heutigen The Chicks, über Jason Aldeam bis zu Taylor Swift. Gefüllt mit hierzulande kaum wahrgenommenen Hintergrundinformationen bemüht sich Kraft um die Darstellung mehrerer Perspektiven. Deutlich wird dabei, dass die Country-Szene nicht nur in Bezug auf politische Ansichten, sondern auch hinsichtlich der dahinter stehenden Werte gespalten ist.
Eine zentrale Frage wird im zweiten Kapitel, in dem eine Analyse der gesellschaftlichen Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgt, aufgeworfen: „Hat das Land seinen moralischen Kompass verloren?“ (S. 39) Diese Frage stellt sich nicht erst seit der Präsidentschaft von Trump, tritt seitdem aber immer offener zutage. Eine grundlegende These des Autors ist, dass Brüche in der nationalen Identität der USA bestehen, die historische Wurzeln haben. Obwohl sich die Vereinigten Staaten Freiheit und Demokratie auf die Fahnen schreiben, sieht die gesellschaftliche und soziale Realität anders aus. Der Umgang mit der indigenen Bevölkerung während der Kolonalisierung des Kontinents oder die Sklaverei haben Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Wie Kraft diagnostiziert, durchziehen tiefe Gräben die amerikanische Gesellschaft, die unter anderem in der Kluft zwischen arm und reich offensichtlich werden.
In weiten Teilen der Bevölkerung besteht ein Gefühl der Unsicherheit, der Benachteiligung oder gar der Existenzbedrohung sowie das Bedürfnis nach Orientierung in einer komplexen Welt. Damit geht ein Rechtsruck in der Gesellschaft einher. Der Ruf nach einem starker Mann, der Klarheit im Sinne einfacher Wahrheiten schafft und Sicherheit verspricht, wird nachvollziehbar. Kraft kommt zu dem Schluss, dass das Phänomen Trump erst aufgrund der existierenden Polaritäten möglich wurde, die er zugleich schürt. Für den Autor stellen sich die Vereinigten Staaten von Amerika als ein gespaltenes Land dar, dessen Risse sich in mehreren Dimensionen und damit auch in der Musik zeigen.
Vor dem Hintergrund dieser Gesellschaftsanalyse widmet sich Kraft in dem folgenden, umfangreichsten Kapitel des Buches wieder der Country Music. Er unterscheidet mehr als zwei Dutzend Spielarten des Country, die er unter dem Sammelbegriff „Americana“ zusammenfasst. Unabhängig davon, ob man alle angeführten Richtungen der Country Music oder dem Americana zuordnen möchte, verdeutlichen die Ausführungen, dass diese kein homogenes Bild abgibt. Der klassische Country, der in ländlichen Regionen seinen Ursprung fand, ist heute nur noch eine Sparte unter anderen. Er dreht sich thematisch um das Leben der arbeitenden Bevölkerung mit ihren mehr oder weniger alltäglichen Problemen. Als traditionelle Volksmusik ist er „weiß, männlich, patriotisch“ (S. 69).
Indem Kraft den Einfluss einzelner Musiker_innen auf den Country in lebendig geschilderten Episoden und Zitaten schildert, verfolgt er dessen Wandlungen und Entwicklungen. Dabei spannt er einen Bogen beginnend in den 1920ern bis in die Gegenwart. Die Verbindungen zum Rock in den sechziger Jahren sowie gesellschaftliche Faktoren wie die Friedens- und Protestbewegung vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges brachten neue Impulse in die Country Music, sodass sich spätestens seitdem die Frage stellt, was noch Country ist und was nicht. „Die Musiker hat diese Frage meist nicht interessiert. Sie wollen kreativ sein, experimentieren und neue Stilrichtungen ausprobieren.“ (S. 126) Gleiches gilt für Künstler_innen, die eher nicht aus der Country-Ecke kommen, aber deren Tradition aufgreifen und verarbeiten. Die Country Music verliert damit endgültig ihre klaren Abgrenzungen und differenziert sich aus, sodass Kraft den Oberbegriff „Americana“ für angemessen hält, um die Facetten neben dem klassischen Country zu erfassen.
Der Autor geht unterschiedlichen Spielarten nach und weist Verknüpfungen zu anderen Musikrichtungen auf, wobei er diese Entwicklungen unter den jeweiligen sozialen und gesellschaftlichen Aspekten im historischen Kontext beleuchtet. Seine Ausführungen sind gespickt mit vielen Details und Querverbindungen. So enthält das Buch auch eine Vielzahl von Informationen, die für die meisten Leser_innen wohl neu sind. Wer hätte gewusst, dass das „erste offen schwule Country-Album der Welt“ (S. 193) von Lavender Country bereits im Jahr 1973 veröffentlicht wurde?
Die Ausführungen machen deutlich, dass die Country Music nicht per se für ein tradiertes, typisch amerikanisches Wertebewusstsein steht. Sie widmet sich auch kritisch und progressiv gesellschaftspolitischen Fragen. Um die Verbindung zwischen Gesellschaft und musikalischer Offenheit zum Ausdruck zu bringen, wählt Kraft den Begriff „Americana“. Kraft beendet seine Ausführungen mit dem Appell in Richtung der Vereinigten Staaten von Amerika – und vielleicht auch in Richtung sämtlicher Country-Fans –, Co-Existenz und Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen und Freiheit tatsächlich ernst zu nehmen.
Dem weiten Begriff „Americana“ folgend stellt der Verfasser zum Abschluss eine Empfehlungsliste von rund 500 Alben mit Anspieltipps zusammen. Die Liste beginnt mit dem Jahr 1966 und umfasst auch Longplayer, die man vielleicht nicht unmittelbar im Bereich der Country Music verortet hätte. Die meisten Werke werden mit ein bis zwei Sätzen kommentiert. Manchmal fallen die Bemerkungen auch ausführlicher aus. Die Aufstellung bereitet Freude, wenn man bekannte Alben wiederfindet und zudem liefert sie Anregungen zur weiteren Auseinandersetzung und Recherche im weiten Bereich der Country affinen Tonträger. Von den sieben bereits aus dem laufenden Jahr in der Liste verewigten Longplayern sind zumindest zwei – „Chains & Stakes“ von The Death South sowie „Mellow War“ von Taylor McCall – auch bei SoS besprochen. Wünschenswert wäre ein Register über die Musiker_innen und Bands gewesen, um gezielt nachschlagen zu können. Ansonsten gibt es nicht viel an dem Buch auszusetzen. Hervorzuheben sind die vielen Fotographien von Musiker_innen, die den Text begleiten. Sie stammen oft von Helmut Ölschlegel.
Thomas Kraft liefert in seinem flüssig zu lesenden Buch eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft und diagnostiziert ihr eine Identitätskrise. Zusammenhänge zwischen Politik, Gesellschaft und Country Music zeichnet er in unterhaltsamer, aber oft nachdenklich stimmender Weise nach. Dabei zeigt sich ein facettenreiches Bild des Country, der eben nicht mehr als die traditionsverbundene Volksmusik der Amerikaner zu betrachten ist. Country Music entwickelt sich, schafft kreative Verbindungen zu anderen Stilrichtungen und greift aktuelle und kontroverse Themen auf. Das Buch regt Musikliebhaber an, den Blick über den Tellerrand zu werfen, und eröffnet eine Perspektive, Country Music als „Americana“ neu zu hören und zu entdecken.
Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Thomas Kreft ging bereits dem Einfluss literarischer Werke auf die Rockmusik nach. „Rock’n Read. Wie Literatur Rockmusik inspiriert“ erschien ebenfalls im Verlag Andreas Reiffer. Das Programm des seit fünfundzwanzig Jahren bestehenden Verlags legt einen Schwerpunkt auf Veröffentlichungen zur Popkultur und berücksichtigt dabei besonders Titel, die um Musik kreisen. Ein Besuch der Website mag sich daher lohnen.
Kraft, Thomas (2024) Americana. Ein zerrissenes Land im Spiegel der Country Music Verlag Andreas Reiffer. 320 Seiten. Hardcover, mit zahlreichen Fotographien von Helmut Ölschlegel und andern ISBN 978-3-910335-25-7 25,00 €
Der vielfach Award-dekorierte Musiker und Songwriter Dallas Moore genießt weit über die Outlaw Country-Szene hinaus – bei uns hier ist eher für seine Nähe zum Southern Rock bekannt – einen exzellenten Ruf.
Sein umtriebiges Auftreten mit bis zu 300 Gigs im Jahr, (er teilte schon die Bühne mit unzähligen Größen wie u. a. Willie Nelson, The Allman Brothers Band, Waylon Jennings, Merle Haggard, George Jones, David Allan Coe, Lynyrd Skynyrd, Billy Joe Shaver, Ray Wylie Hubbard, Marshall Tucker Band, Charlie Daniels, Moe Bandy, Kinky Friedman oder Dale Watson) seine tolle, Whiskey-getränkte Stimme, seinen fingerfertiges Gitarrenspiel und seine scharfzüngigen, oft auch von feinsinnigem Humor gekennzeichneten Texte, zählen zu den Skills, die man seinem Lebenslauf unzweifelhaft attestieren kann. Und das seit gut 25 Jahren.
Mit „Gems & Jams“ stellt er nun sein 18. Werk Werk vor. Diesmal gibt es Dallas Moore pur. Nur sein kratziges Vokalorgan begleitet von seinem filigranen und teils quirligen Akustikgitarrenspiel. 15 Tracks, einige neu kreiert, dazu diverse aus seinem langen Katalog im Veranda- oder Wohnzimmerstil, das darf sich jeder aussuchen, wie er will. Storytelling der Marke Cash, Jennings, Haggard & Co. in authentischer und lebensnaher Manier.
Jeder Song, einzeln für sich genommen, hat sicherlich das gewohnte Potential und seinen Reiz, ich persönlich bin allerdings kein Freund von dieser Art Musik über eine gewisse Länge hinaus., Denn spätestens nach einer Viertelstunde stellt sich, zumindest bei mir, eine gewisse Monotonie ein, die dann, je länger die Scheibe dauert, in Anstrengung ausartet, da es auch nur selten Tempovariationen zu verzeichnen gibt. Man möge mich als oberflächlichen, ungeduldigen Kunstbanausen betiteln, es ist aber so.
Somit kann ich trotz großer Sympathie, die ich für den Protagonisten hege, nur bedingt eine Kaufempfehlung für „Gems & Jams“ aussprechen. Ich würde Dallas Moore lieber wieder in vollformatigen Gewand (mit Rhytmussektion, E-Gitarren und Piano, etc.) auf seinen Tonträgern hören, wie er es z. B. so glänzend 2019 auf „Tryin’g To Be A Blessing“ demonstriert hatte. Aber bitte urteilt gerne selbst!
Sol Records (2024) Stil: Country Rock
Tracks: 01. Shade Tree 02. Sing My Song 03. Last Night 04. On And On Again 05. Best Thing I Ever Did Was You 06. Lyin Next To You 07. Condemned Behind The Wall 08. Blame It On The Weed 09. Reelin Em In 10. Out The Door 11. Glad To See Me Gone 12. Tequila Song 13. Wastin Good Whiskey 14 Bottle And Bible 15. Up On That Mountain
“Energetic rock very typical of my live show” lautet die Beschreibung von Bones Owens für “Love Out Of Lemons”. Der US-Gitarrist, Sänger und Songschreiber macht mit dem neuen Album dort weiter, wo die Erfolgsgeschichte seiner Solo-Karriere mit dem Debüt 2021 ihren Ausgangspunkt nahm. Owens, der ursprünglich aus Missouri stammt und seit fast 20 Jahren in Nashville lebt, war lange Zeit als Studio- und Touring-Gitarrist u. a. für Bon Jovi und Carrie Underwood unterwegs. Das Album “Trial By Fire” von Rapper Yelawolf brachte Bones Owens Co-Writing und seine Guitar-Fähigkeiten 2017 in die Chart-Platzierungen.
Nach der Americana-EP “Eighteen Wheeler” (2023) bringt die erfrischende 2. Studio-Scheibe nun Punk-Blues, Indie-Rock und Alternative Country Tracks mit bluesigen Anteilen in verschiedenen Schattierungen. Der Titelsong gibt der Platte dabei den perfekten Einstand. Electric- und Alt-Roots Rock mit harten Riffs dominieren auch die massiv rockenden Titel “Devil Gonna Getcha” und „For Keeps”.
Die Zeit der 2-Minuten-Songs, wie beim Debut-Album, scheint überwiegend jedoch der Vergangenheit anzugehören: das rasant rockige “Got It On” überspringt mit dem coolen Groove spielend die 3-Minuten Marke und auch der schrille Guitar- Slow-Rock “Summer Skin” überbietet großzügig rund 270 Sekunden. Zusammen mit “Sinking Like A Stone” verkörpern die Titel den weicheren etwas melancholischen Teil des Albums. Alice In Chains Eindrücke bleiben bei “Born Again” nicht außen vor und gestalten mit ebenso starken Riff-Gebilden das folgende “Goin‘ Back Where I Came From“ in Richtung ZZ Top und Joe Walsh-Gitarren.
Der heavy-hitting electric Blues-Rock Song “Don’t Hold Out On Me” bleibt, wie selbstverständlich in Erinnerung und “Higher Than I Wanna Be” bringt soulige mid-tempo Nuancen eines Stevie Winwood-Arrangements in die Produktion. Produziert wurde “Love Out Of Lemons” wieder von Paul Moak, der gemeinsam mit Bones Owens und Drummer Julian Dorio (u. a. Eagles Of Death Metal) die Einspielung meisterte. Die zärtlich, kratzige Stimme von Owens war auch beim 11., abschließenden Titel “You (Some More)” neben dem folkig-rockigen Gitarrenklängen für eine fast The Byrds und Fleet Foxes nahestehende, soundige Atmosphäre verantwortlich und hinterlässt den nostalgischen Retro-Rock in schöner Oldie-Stimmung.
Und so ist “Love Out Of Lemons” in erster Linie “very much a rock and roll Album”, wie Bones Owens die emotionale Intensität der Aufnahmen noch mal zusammenfasst. Den leidenschaftlichen Harley-Fan und seinen “drivin down the road”-Soundtrack kann man im September als Support der Southern Rock-Größen Blackberry Smoke bei vier Terminen auch in Deutschland live sehen.
Black Ranch Records/Thirty Tigers (2024)
Stil: Country, Alternative Rock
Tracks:
01. Love Out Of Lemons
02. Devil Gonna Getcha
03. For Keeps
04. Get It On
05. Summer Skin
06. Sinking Like A Stone
07. Born Again
08. Goin‘ Back Where I Came From
09. Don’t Hold Out On Me
10. Higher Than I Wanna Be
11. You (Some More)
Der Wuppertaler Thomas Willer veröffentlichte 2021 unter seinem neuen Künstlernamen Jack McBannon das Album „True Stories“. SoS-Kollege Stephan Skolarski hatte seinerzeit das Werk, mit dem sich McBannon aufmachte, seine Country-Wurzeln zu erkunden, als zukunftsweisend eingeschätzt. Recht hat er behalten. Für den nun vorliegende Nachfolger „Tennessee“ nutzte McBannon die Chance, an geschichtsträchtigem Ort den eingeschlagen Pfad weiter zu verfolgen. „True Stories“ überzeugte nämlich nicht nur den SoS-Redakteur, sondern auch John Carter Cash. Nachdem McBannon dem Sohn von Johnny Cash auf gut Glück eine Aufnahme von „True Stories“ geschickt hatte, erhielt er die Einladung, das Cash Cabin Studio in Hendersonville zu nutzen. Mit elf neuen Songs im Gepäck machte sich McBannon dann auf den Weg nach Tennessee und John Carter Cash übernahm die Produktion des Longplayers.
Zwischen Americana und Country angesiedelt gelingt McBannon mit „Tennessee“ ein Album, das sich nicht hinter denen amerikanischer Songwriter verstecken muss. Mit seiner angerauten Stimme bringt er Atmosphäre in die Stücke, egal ob sie getragen oder rockig ausfallen. Das Duett mit John Carter Cash „The Only Rule“ ist sehr reduziert in der instrumentalen Begleitung, ansonsten hat McBannon eine souverän aufspielende Band im Rücken, die mal mehr und mal weniger dominant auftritt. Vor allem bei „A Sinner’s Sin“ lässt sie es ordentlich krachen. Der Song mit einem Grunge-Einschlag gehört neben „Can You Hear Me“ – einem Roots Rocker vom Feinsten – zu den beiden schnelleren Tracks auf der Scheibe. Sie setzen Akzente zwischen den überwiegend balladesk gehaltenen Beiträgen.
Aber auch bei den langsamen Titeln baut McBannon Variationen ein. Manche Songs sind von Country-typischem Slide untermalt („Tennessee“, „Home“), der bei „Not Alone“ stimmungsvoll mit einem Klavier kombiniert wird. Atmosphärisch dicht – mit einem Hauch von Pathos – fällt der Opener „Back Then“ aus. Leidenschaft legt McBannon bei „Turn Around“ in seine Stimme, das in der zweiten Hälfte des Longplayers das Tempo nochmal etwas anzieht. Darauf folgt die runde Americana-Ballade „In Us I Believe“. „As Simple As That“ fällt in die gleiche Kategorie. Für den Abschluss wurden Streicher eingeflogen. Die Tracks wurden allesamt live im Cash Cabin Studio eingespielt, was sicherlich dazu beiträgt, das deren Sound direkt und erdig klingt.
Wenn man denkt, zwischen dem Bergischen Land und Amerika liegen Welten, dann irrt man sich in musikalischer Hinsicht. Jack McBannon überbrückt die kulturellen Diskrepanzen anscheinend mühelos. „Tennessee“ dient als Beweis, dass auch Musiker aus deutschen Landen in der Lage sind, ernsthafte Genrebeiträge zum Americana und Country zu liefern. McBannon hat den Sprung über den Atlantik gewagt und unter den Fittichen von John Carter Cash ein durchgehend überzeugendes Album geschaffen. Dabei offenbart er ebenso Qualitäten in Sachen Roots Rock, von denen in den nächsten Projekten gerne mehr gezeigt werden können.
My Redemption Records – Cargo (2024) Stil: Country / Americana
Tracks: 01. Back Then 02. Can You Hear Me 03. Tennessee 04. The Only Rule (feat John Carter Cash) 05. A Sinner’s Sin 06. Home 07. Not Alone 08. Turn Around 09. In Us I Believe 10. Dry County 11. As Simple As That
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