Rodney Crowell – Airline Highway – CD-Review

Review: Michael Segets

Auf dem letzten Album „The Chicago Sessions“ (2023) schlug Rodney Crowell einen Bogen zurück zu seinen musikalischen Anfängen und wurde dafür mit einer Grammy-Nominierung belohnt. Nun legt er den Fokus auf den Moment und setzt sich das Ziel, mit seiner Arbeit zufrieden zu sein. Dies kann er mit „Airline Highway“ sein. Crowell integriert frisches Blut in seine Produktion, indem er sich Musiker*innen der ihm nachfolgenden Generation ins Boot holt. Wenn man so will, richtet der Fünfundsiebzigjährige damit den Blick auch in die musikalische Zukunft.

Ob nun die Zusammenarbeit mit den jüngeren Musiker*innen als deren Förderung oder als marketingtechnischer Kniff interpretiert werden mag, um den Kreis der Hörerschaft zu erweitern, sei dahingestellt. Crowell ist von den Werken seiner Kolleg*innen begeistert und sagt, dass er eine besondere Verbindung zwischen ihm und den anderen Mitwirkenden während der Kollaboration entstand. Die beteiligten Musiker*innen geben ihrerseits an, dass er einen wichtigen Beitrag zu ihrer Entwicklung leistete.

Crowell begann als Songwriter für andere Country-Größen wie Jerry Jeff Walker, Johnny Cash oder (Willie Nelson, der in diesem Jahr ein Album ausschließlich mit Songs von Crowell herausbrachte. In den 1980ern startete Crowells erfolgreiche Solo-Karriere mit etlichen Hits.

Wie nicht anders zu erwarten, führt die Zusammenarbeit mit Lukas Nelson und Charlie Starr von Blackberry Smoke zu eher rockigen Resultaten. Lukas Nelson verfasste „Rainy Day In California“ mit und singt gemeinsam mit dem Altmeister. Charlie Starr ist bei „Heaven Can You Help“ am Mikro zu hören. Aber auch ohne die Unterstützung der Jungspunde weiß Crowell, wie man Uptempo-Nummern spielt („Don’t Give Up On Me“).

Der Texaner ist ursprünglich in der Country-Ecke beheimatet. Auf „Sometime Thang” frönt er dem Genre ganz Old-School. Der Titel ist rund und melodiös. Mehr Schwung hat „The Twenty-One Song Salute (Owed To G. G. Shinn And Cléoma Falcon)”, bei dem Tyler Bryant mitmischt. Die Schwestern Lovell von Larkin Poe begleiten Crowell auf dem sommerliches Flair versprühende „ Louisiana Sunshine Feeling Okay”. Sehr gefühlvoll ist sein Duett mit Ashley McBryde inklusive einem schönen Gitarrensolo am Ende des Songs. Bei dem Stück passt auch die gesprochene Bridge. Sprechgesang – von dem ich kein großer Freund bin – findet sich bei den Werken von Crowell häufiger. Er erscheint mir auf „Simple (You Wouldn’t Call It Simple)” zu dominant.

Crowell nutzt für seine Texte selbstverständlich seine Lebenserfahrung. Ein Rückblick auf vergangene Liebschaften und Beziehungen zu Frauen nehmen so einen wichtigen Raum ein („Maybe Somewhere Down The Road“, „Some Kind Of Woman“). Dabei räumt er ein, dass manche Gefühle mittlerweile nicht mehr zu vergegenwärtigen sind und Erinnerungen verblassen: Fluch und Segen des fortgeschrittenen Alters.

Für „Airline Highway“ holt sich Rodney Crowell eine Riege namhafter Musiker*innen ins Studio. Mit dem Staraufgebot bestehend aus Lukas Nelson, Larkin Poe, Ashley McBryde, Tyler Bryant und Charlie Starr kann eigentlich nichts schief gehen. So gelingt dem Routinier ein abwechslungsreiches und belebendes Album, das trotz der selbst verschriebenen Verjüngungskur seine Handschrift trägt.

New West Records – Bertus (2025)
Stil: Americana

Tracks:
01. Rainy Day in California (feat. Lukas Nelson)
02. Louisiana Sunshine Feeling Okay (feat. Larkin Poe)
03. Sometime Thang
04. Some Kind Of Woman
05. Taking Flight (feat. Ashley McBryde)
06. Simple (You Wouldn’t Call It Simple)
07. The Twenty-One Song Salute (Owed To G. G. Shinn And Cléoma Falcon) (feat. Tyler Bryant)
08. Don’t Give Up On Me
09. Heaven Can You Help (feat. Charlie Starr)
10. Maybe Somewhere Down The Road

Rodney Crowell
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New West Records
Oktober Promotion

Pat Carter – Love In The Time Of Capitalism– Album-Review

Review: Michael Segets

Pat Carter brachte mit der Band Rodeo FM bisher vier Alben heraus und tourte ausgiebig quer durch Europa. Nun wandelt er mit „Love In The Time Of Capitalism“ auf Solo-Pfaden, wobei die aktuelle Single „Big Machine“ zusammen mit Radio FM geschrieben und eingespielt wurde. Die Alternative Country Band spielt laut Fachpresse linksorientierten Diskurs-Country und auch Carters Albumtitel weist in diese Richtung. Soweit ich die Texte nachvollziehe, finden sich zwar häufig sozialkritische Töne, aber „Love In The Time Of Capitalism“ ist kein schwermütiges Werk, das einen politisch verkopften Eindruck hinterlässt.

Mit „Here’s To You“ steigt Carter mit einer flotten Americana-Nummer in seinen Longplayer ein. Die erste Auskopplung „Taste Of Sand“ ist moderner Folk, der trotz seines ernsthaften Inhalts eine gewisse Leichtigkeit verströmt. Dazwischen ist „Gentle & Honest“ eingeschoben. Mit dem gefühlvollen Anfang und seinem souligen Touch, der durch Trompete und Saxophon unterstützt wird, zählt das Stück zu den Highlights des Longplayers. Ebenso nimmt mich das Roots-rockige „Ridicule The Bougeoisie“ mit, bei dem Karl Marx von der Ferne grüßt.

Der mit schönem Fingerpicking und einer gehörigen Portion Slide performte Titeltrack „Love In The Time Of Capitalism“ markiert dann eine Zäsur in dem Werk. Wenn es bis dahin nichts zu mäkeln gibt, liegen die Songs im Mittelteil des Albums nicht auf meiner Linie. Bei „Barbed Wire“ stört mich der gezogene Gesang, „Kitchen Door“ geht in Richtung Indie-Pop und die Ballade „Miranda“ dümpelt über sechs Minuten vor sich hin.

Zur Form des Anfangs findet Carter mit „Street Corner“ zurück. Die entspannt daherkommende Country-Nummer punktet mit Twang und Slide. Etwas ruhiger wird es bei „Why Do Birds“, das in einer Passagen etwas dramatisch ausfällt. Gradlinig rockt „Xenia, Ohio“. Er lässt die schwächelnde Mitte des Longplayers fast vergessen. Nur mit seiner Gitarre performt Carter das letzte Stück der CD „What About Trouble“. Am Abschluss wird nochmal die Qualität seines Songwritings deutlich.

Der Vielzahl aufgegriffener musikalischer Einflüsse ist es geschuldet, dass nicht jeder Track bei mir zündet. Pat Carters „Love In The Time Of Capitalism“ überzeugt dennoch über weite Teile vor allem bei den erdigen und rockigen Stücken. Texte mit ernsthaftem Hintergrund verpackt er mit einer gewissen Leichtigkeit in seinen Songs so, dass man ihnen gerne zuhört.

Pat Carter ist im August mit Rodeo FM unterwegs. Im September tourt er Solo mit Auftritten in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz.

London Rage Records (2025)
Stil: Americana and more

Tracks:
01. Here’s To You
02. Gentle & Honest
03. Taste Of Sand
04. Ridicule The Bourgeoisie
05. Love In The Time Of Capitalism
06. Barbed Wire
07. Kitchen Door
08. Miranda
09. Big Machine
10. Street Corner
11. Why Do Birds
12. Xenia, Ohio
13. What About Trouble

Rodeo FM
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Oktober Promotion

Jason Isbell – Something More Than Free (10 Year Anniversary Edition) – Album-Review

Review: Michael Segets

Jason Isbell sorgt konsequent dafür, dass seine früheren Werke greifbar bleiben. Im Vergleich zu dem vor zwei Jahren erschienenen Paket zu „Southeastern“, das neben der remasterten Version des Albums Demoversionen und einen Konzertmitschnitt umfasst, fällt die Jubiläumsausgabe zum zehnten Jahrestag der Erstveröffentlichung von „Something More Than Free“ bescheidener aus.

Das Album wurde von Sylvia Massy (Tom Petty, Johnny Cash, Prince) neu abgemischt und bietet mit „Should I Go Missing“ einen Track, der nicht auf dem Original vertreten ist. Das bisher unveröffentlichte Stück mit dominanter Slide-Gitarre und hallverzerrtem Gesang führt das weiter, was mit „Palmetto Rose“ und „To A Band That I Loved“ am Ende des ursprünglichen Longplayers bereits anklingt. Insgesamt integriert sich der bluesorienierte Song aber nicht ganz nahtlos in das eher folkorientierte Werk. Er ist dennoch ein guter Beitrag, der als Ergänzung lohnt.

Das 2015 erschienene „Something More Than Free” bescherte Isbell seine beiden ersten Grammy-Awards. Ausgezeichnet wurde es als Americana-Album des Jahres und „24 Frames“ gewann in der Kategorie American Roots Song den Preis. Produziert hat Dave Cobb und an der Einspielung waren Amanda Shires, Sadler Vaden sowie weitere Mitglieder von „The 400 Unit“ beteiligt. Wann Isbell Solo-Alben und wann er welche mit „The 400 Unit“ veröffentlicht, erschließt sich mir nicht immer. „Something More Than Free” wird jedenfalls als Solo-Scheibe gezählt.

Neben „24 Frames“ und „Flagship“, die als Klassiker von Isbell gelten können, finden sich einige weitere Stücke, die zum gängigen Live-Repertoire gehören. So sind der Titelsong sowie „This Life You Chose“ auf der ersten CD aus dem Ryman Auditorium vertreten. „Speed Trap Town“ spielte Isbell auf der diesjährigen Akustiktour in Deutschland. Das von der Kritik hoch gelobte „Something More Than Free” enthält also einige Publikumslieblinge. Zu meinen Favoriten auf dem Album gehört der Folksong mit gospligen Refrain „If It Takes A Lifetime“.

„Something More Than Free” gehört in jede gut sortierte Americana-Sammlung. Wenn diese komplettiert werden soll, bietet es sich an, zur neu abgemischten und um einen Song erweiterten „10 Year Anniversary Edition“ zu greifen. Digital ist die Jubiläumsausgabe bereits erhältlich, als CD und LP ist sie für den 3. Oktober 2025 angekündigt.

Southeastern Records – Thirty Tigers/Membran (2025)
Stil: Americana

Tracks:
01. If It Takes A Lifetime
02. 24 Frames
03. Flagship
04. How To Forget
05. Children Of Children
06. The Life You Chose
07. Something More Than Free
08. Speed Trap Town
09. Hudson Commodore
10. Palmetto Rose
11. To A Band I Loved
12. Should I Go Missing

Jason Isbell
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Thirty Tigers
Oktober Promotion
Kulturkirche Köln

Hayes Carll – We’re Only Human – CD-Review

Review: Michael Segets

Während Hayes Carll seine letzten Alben Schlag auf Schlag veröffentlichte, gingen vier Jahre ins Land, bis er nun den Nachfolger zu dem von der Kritik hoch gelobten „You Get It All“ (2021) nachschiebt. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt. Carll liefert auf „We’re Only Human“ wieder formidable Singer/Songwriter-Kost ab. Seinen scharfzüngigen Sarkasmus hat Carll nicht verloren. Dabei vermeidet er den erhobenen Zeigefinger, nimmt aber die menschlichen – und damit auch die eigenen – Schwächen aufs Korn. Dabei behält der Texaner den lebensbejahenden Tenor, der bereits seine früheren Alben durchzieht, weiterhin bei.

So zeichnet Carll beim Titelsong ein durchaus tiefsinniges Bild vom Menschen in einem Leben zwischen Angst und Hoffnung. Während hier die Klavierbegleitung bemerkenswert ist, steht bei „Progress Of Man (Bitcoin & Cattle)“ die Geige und das Fingerpicking im Vordergrund. Das Stück fängt als Bluesgrass-Nummer an, weicht dann jedoch mit Schlagzeug- und Klaviereinsatz von der klassischen Instrumentierung ab. Der bissige Humor des Textes wird im Lyric-Video durch die Bilder noch verstärkt. Es ich anzusehen, sind gut investierte vier Minuten.

Rockigere Töne, wie auf dem vorherigen Album vereinzelt zu finden, schlägt Carll diesmal nicht an. Der Schwerpunkt des Longplayers liegt auf langsamen Beiträgen. Dabei gelingen ihm eingängige Stücke („Stay Here Awhile“), die er manchmal mit viel Slide unterlegt („One Day“, „Making Amends“), die dann in Richtung Country weisen. Mit dem definitiv im Country zu verortenden „What I Will Be“ zieht das Tempo etwas an. Den Track schrieb Carll zusammen mit den Brothers Osborne. Er führt so eine bewährte Kollaboration fort.

Bei „I Got Away With It“ besticht der Einsatz der elektrischen Gitarre, der dem Song eine gewisse Dynamik mitgibt. Das schwächere „High” steigt mit einem einzelnen Horn ein, plätschert danach aber vor sich hin. Insgesamt bieten die balladesken Tracks trotz ihrer ähnlichen Ausrichtung eine gewisse Varianz hinsichtlich der Instrumentalisierung. Einen Big Band-Sound hat der ausgelassene Swing „Good People (Thank Me)“. Mit ihm hält das Album nochmal einen überraschenden Beitrag parat.

Carll setzt seinem Werk mit dem abschließenden „May I Never“ das Sahnehäubchen auf. Der stimmungsvolle Song zwischen Folk und Gospel lässt Parallelen zu Pete Seeger zu. Carll lud befreundete Musiker*innen ein, jeweils einen Vers zu singen: Ray Wylie Hubbard, Shovels & Rope, Darrell Scott, Nicole Atkins, Gordy Quist und Ed Jurdi (The Band Of Heathens).

Auf Hayes Carlls Alben finden sich stets einige Songperlen. „We’re Only Human“ bildet da keine Ausnahme. Intelligente Texte, die oftmals zum Schmunzeln einladen, zeichnen Carll aus. Musikalisch bedient er sich traditioneller Muster des Singer/Songwriter-Genres, bleibt aber nicht in diesen stecken, sondern führt sie souverän fort. Der neue Longplayer reiht sich so in die Linie seiner Veröffentlichungen ein und Carll erweist sich erneut als verlässliche Größe der Szene.

HWY 87 Records – Thirty Tigers/Membran (2025)
Stil: Americana

Tracks:
01. We’re Only Human
02. Stay Here Awhile
03. Progress Of Man (Bitcoin & Cattle)
04. High
05. One Day
06. What I Will Be
07. Good People (Thank Me)
08. I Got Away With It
09. Making Amends
10. May I Never

Hayes Carll
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The Wood Brothers – Puff Of Smoke – CD-Review

Review: Michael Segets

Die Musik, die Oliver und Chris Wood sowie Jonathan Rix seit gut zwanzig Jahren als The Wood Brothers machen, wird zum Teil als progressive Variante des Americana bezeichnet. Progression im musikalischen Bereich ist tendenziell anspruchsvoll, weil sie mit Hörgewohnheiten bricht. Andererseits ermöglicht sie Innovation und bläst so frischen Wind durch die Lautsprecher. Dass sich an The Wood Brothers und somit auch an ihrem neuen Album „Puff Of Smoke“ die Geister scheiden, ist also vorprogrammiert. Mein Verhältnis zu ihrer Musik ist ambivalent und stark von meiner Gemütslage oder psychischen Verfassung abhängig. Manchmal kann ich meinen Favoriten „Don’t Think About My Dead“ von der Scheibe „Kingdom In My Mind“ (2020) quasi in Dauerschleife hören, an anderen Tagen ist er ein Fall für die Skip-Taste. Ähnlich verhält es sich mit einigen neuen Tracks.

Das entspannte Titelstück im Midtempo „Puff Of Smoke“ bringt das grundlegende Statement des Werks ganz gut zum Ausdruck: Genieße den Tag und bleibe im Augenblick, denn die aus den Fugen geratene weltpolitische Lage, ändern wir Normalsterblichen nicht. The Wood Brothers präferieren Lebensfreude statt Fatalismus. Die Rauchschwaden sind nicht nur Symbol der unvermeidbaren Vergänglichkeit, sondern erscheinen in manchen Textstellen auch als lebenspraktische Möglichkeit, den Tag zu genießen. Von der letztgenannten Option wird hier dringend abgeraten. Entsprechend ihrer tiefenentspannten Grundhaltung widersprechen The Wood Brothers der Vorstellung, dass sich die Welt um Geld dreht („Money Song“) und hoffen mit einem Augenzwinkern, dass Gott lächelt, wenn er ihre Musik hört („Pray God Listens“).

Sommerlich locker präsentiert sich „Is It Up To You“ in der Mitte des Albums. In der zweiten Hälfte finden sich relativ gradlinige Songs wie die Ballade „The Waves“. „Slow Rise (To The Middle)“ und „You Choose Me“. Dennoch sind in die Stücke extravagante Sprengsel eingewoben. Deutlich experimentierfreudiger ist „Above All Others“. Zum Dreivierteltakt wabbern Klänge aus einem von Rix umgebauten analogen Synthesizer. Das Stück entwickelt allerdings in seinem Verlauf mit dem mächtigen Einstieg des Schlagzeugs einen fast schon hymnischen Charakter.

Ebenso nutzt das Trio bei „The Trick“ Verzerrungen und andere technische Spielereien, die sich in der Mitte und vor allem beim Ausklang des Tracks bemerkbar machen und den Gesamteindruck des rockigsten Beitrags des Albums etwas schmälern. Zwischen der ersten Single „Witness“ und dem mit harmonischer Klavierbegleitung vergleichsweise zahm wirkenden „Till The End“ liegen neun Eigenkompositionen der Band, bei denen sie ihren eigenen – manchmal eigenartigen – Stil beibehält.

The Wood Brothers bewegen sich mit „Puff Of Smoke“ erneut einen Schritt neben den Konventionen, die im Americana ihre Gültigkeit beanspruchen. Das wirkt erfrischend, an einigen Stellen aber auch anstrengend. Wer die Band kennt, macht mit dem Erwerb des Albums nichts verkehrt. Alle anderen sollten sich zunächst die drei aus dem aktuellen Longplayers ausgekoppelten Videos zu Gemüte führen, die auf der Website der Wood Brothers zu finden sind.

Honey Jar Records – Thirty Tigers (2025)
Stil: Americana

Tracks:
01. Witness
02. Puff Of Smoke
03. Pray God Listens
04. Money Song
05. The Trick
06. Is It Up To You
07. Above All Others
08. The Waves
09. Slow Rise (To The Middle)
10. You Choose Me
11. Till The End

The Wood Brothers
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

The Band Of Heathens – Live At Rockpalast 2009 – CD-/DVD-Review

Die 2005 gegründete aus Austin, Texas, stammende Combo The Band Of Heathens, vordergründig angeführt von Ed Jurdi, Gory Quist und Colin Brooks traten quasi mit ihrem 2008 erschienenen Debütalbum in mein Leben. 2009 sah ich sie zum ersten Male live im Weseler Karo. Es folgten fortan bis zum heutigen Tage recht viele Besuche u. a. in Venlo, Dortmund, Köln, etc.) und CD-Besprechungen.

Das hier als CR/DVD veröffentlichte Live-Werk fand im Rahmen des Rockpalasts noch im gleichen Jahr in der Bonner Harmonie statt und promotete das kurz zuvor auf den Markt gekommene Zweitwerk „One Foot In The Either„, das hier demnach auch den Schwerpunkt bei der Songauswahl darstellte.

Die durch Colin Chipman (The Resentments) und Seth Whitney ergänzte Band zeigte sich damals in ihrer absoluten Blüte, was dieser tolle Konzertmitschnitt auch nochmals nachhaltig vor Ohren und Augen führt.

Das besonders Gelungene ist aus meiner Sicht, dass die Setlist (natürlich auch mit diversen Tracks des Debüts bestückt), eine nahezu perfekte Aufteilung beinhaltete, sodass jeder der drei markanten Fronter (mit jeweiligem Platzhirsch-Potential), seine Talente in gerechter Weise präsentieren konnte.

Selten habe ich eine Band erlebt, wo die unterschiedlichen Gesangscharaktere so stimmig ineinander griffen, insbesondere natürlich bei den perfekten Harmoniegesängen. Brooks brillierte stimmlich als auch am Dobro sowie der Lap Steel, Quist mit seinem juvenilen Draufgängertum und tollem E-Gitarrenspiel, Jurdi als der Große Allrounder und eher ruhende Pol.

Wunderbar die Ohrwürmer „Say“ und „40 Days“ (als Abschluss),  das rockige, dezent stoneske und immer noch mein Lieblingsstück der Band, „“Heart On My Sleeve“ und  die Sachen wie u. a. „Hey Rider“ und das ebenfalls sehr melodische „Don’t Call On Me“, wo Chipman und Whitney die drei Jungs in furiose Instrumentalabschlüsse, voller entfachter Dynamik trieben.

Insgesamt ein höchst unterhaltsamer Gig, mit einem Top-Niveau, das bis zum heutigen Tag nach dem Ausscheiden von Colin Brooks (Quist und Jurdi führen die Truppe ja mit anderen Co-Musikern bis zum heutigen Tage weiter), wohl nicht mehr erreicht wurde.

Als Bonus gibt es noch den ‚Hit‘ „Jackson Station“ quasi unplugged performt durch die drei Burschen in einem Hinterraum der Harmonie. Wenn man bedenkt, dass schon wieder 16 Jahre seither vergangen sind, ist diese CD-/DVD-Kombination schon fast als ein tolles Zeitdokument zu betrachten. Absolut empfehlenswert!

MIG (2025)
Stil: Americana / Roots / Country Rock

Tracklist (CD+DVD):
01. What’s This World
02. Shine A Light
03. Nine Steps Down
04. Right Here With Me
05. Somebody Tell The Truth
06. Judas ‚Scariat Blues
07. Say
08. Hey Rider
09. Golden Calf
10. L.A. County Blues
11. Heart On My Sleeve
12. Don’t Call On Me
13. Unsleeping Eye
14. 40 Days

The Band Of Heathens
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MIG

James McMurtry – The Black Dogs And The Wandering Boy – CD-Review

Review: Michael Segets

Ende der 1980er wurde ich auf das Debüt von James McMurtry aufmerksam, das der von mir verehrte John Mellencamp produzierte. Die beiden folgenden Alben von McMurtry finden sich ebenfalls in meinem Regal. Um die Jahrtausendwende tut sich dann eine Lücke in meiner Sammlung seiner Werke auf. Erst seit „Just Us Kids“ (2008) verfolge ich seine Veröffentlichungen wieder. Mit seinem überragenden „The Horses And The Hounds” (2021) reifte der Entschluss, McMurtrys Diskographie zu vervollständigen. Bevor ich diesen Vorsatz umgesetzt habe, liegt ein neuer Longplayer des Texaners vor.

Die hohen Erwartungen, die das vorangegangene Werk schürten, erfüllt „The Black Dogs And The Wandering Boy“, auch wenn es nicht ganz an es heranreicht. McMurtry verfolgt weiterhin seine typische Mischung zwischen Americana und Roots Rock, die er mit der Unterstützung zahlreicher Gastmusiker*innen, darunter Sarah Jarosz, Bonnie Whitmore, Charlie Sexton und Bukka Allen, umsetzt. Don Dixon produzierte vor dreißig Jahren bereits „Where‘d You Hide The Body“ und übernahm die Aufgabe nun auch bei dem aktuellen Album.

Zwei Cover rahmen den Longplayer. „Laredo (Small Dark Something)“ von Jon Dee Graham (The Resentments) steht am Anfang, „Broken Freedom Song” von Kris Kristofferson am Ende. Dazwischen finden sich acht Eigenkompositionen von McMurtry. Unter diesen packen mich „South Texas Lawman“, „Pinocchio In Vegas“ sowie „Sons Of The Second Sons“ am meisten. Beim letztgenannten Track äußert McMurtry eine bissige Kritik am ideologischen Zustand der Vereinigten Staaten. Auch in anderen Texten greift er soziale und politische Verhältnisse mit scharfem Blick auf. So ist „Annie“ eine Reflexion des Anschlags auf das World Trade Center und des Umgangs mit ihm.

Neben den gesellschaftlichen Beobachtungen dient McMurtrys Familiengeschichte als Inspirationsquelle. Er greift Episoden und Gegebenheiten auf, die er bei seinem Storytelling in einen neuen Kontext setzt. James wuchs in einem kreativen Umfeld auf. Sein Vater Larry war Schriftsteller und Ken Kesey, der die Vorlage für „Einer flog über das Kuckucksnest“ verfasste, war ein Freund der Familie. Eine wieder aufgetauchte Bleistiftskizze von Kesey, die wohl den jungen James zeigt, wurde für das Cover verarbeitet. Der ungewöhnliche und etwas sperrige Titel des Albums geht auf eine wiederkehrende Halluzinationen von Larry McMurtry zurück, der vor seinem Tod an Demenz erkrankt war. In dem gleichnamigen Song liefert Tim Holt ein prägnantes Gitarrensolo.

McMurtry zitiert im Titeltrack eine Zeile von Weird Al Yankovic und greift für „South Texas Lawman“ auf ein Gedicht von T. D. Hobart zurück. Neben den literarischen Verweisen verarbeitet er auch aktuellere persönliche Erlebnisse. Jason Isbell , engagierte McMurtry als Support für eine Tour. Dieser Umstand wird auf „Sailing Away“ aufgegriffen und Isbell in den Lyrics ausdrücklich genannt.

James McMurtry hält mit seinem charakteristischen Folkrock den hohen Standard, den er mit „The Horses And The Hounds“ erreicht hat. Auch wenn der Vorgänger eine Nuance die Nase vorn hat, qualifiziert sich das von persönlichen Familiengeschichten geprägte „The Black Dogs And The Wandering Boy” mit seinen gesellschaftspolitischen Facetten für die Bestenliste des Jahres.

New West Records – Redeye/Bertus (2025)
Stil: Americana/Roots Rock

Tracks:
01. Laredo (Small Dark Something)
02. South Texas Lawman
03. The Color Of Night
04. Pinocchio In Vegas
05. Annie
06. The Black Dog And The Wandering Boy
07. Back To Coeur D’Alene
08. Sons Of The Second Sons
09. Sailing Away
10. Broken Freedom Song

James McMurtry
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New West Records
Redeye Worldwide
Bertus

Watchhouse – Rituals – CD-Review

Review: Michael Segets

Hinter Watchhouse verbergen sich Andrew Martin und Emily Frantz. Das Duo aus North Carolina trat früher als Mandolin Orange auf und schaut bereits auf eine mehr als fünfzehnjährige Karriere zurück. Das erste Album unter neuem Namen erschien 2021. Die Namensänderung mag überraschen, da der vorherige Longplayer von Mandolin Orange in den USA ziemlich hohe Chart-Positionen erreichte. Das Ehepaar identifizierte sich und ihre Musik allerdings nicht mehr mit dem alten Bandnamen aus ihrer Jugendzeit und so kam der Wechsel nicht aus ökonomischen, sondern aus künstlerischen Erwägungen zustande. Die Umbenennung tat der Beliebtheit des Duos keinen Abbruch.

Die Washington Post lobt Watchhouse als eine Band, der es gelingt, ein jüngeres Publikum für die Roots Music zu begeistern. Sie füllt renomierte Locations wie das Red Rocks Amphitheatre in Colorado oder das Ryman Auditorium in Nashville. Auch auf der angekündigten Tour macht das Duo dort wieder Station. Vielleicht bin ich nicht jung und modern genug, um mich für die Spielarten des Folk oder Americana Marke Watchhouse rundum zu begeistern.

Dank der Geige von Frantz eröffnet Watchhouse mit „Shape“ den Longplayer sehr stimmungsvoll. Auch die erste Auskopplung „All Around You“ weiß zu überzeugen. Das folgende „Beyond Meaning“ bleib sanft, obwohl das Schlagzeug mal einen akzentuierten Rhythmus vorgibt. Auf „Firelight“ übernimmt Frantz ausnahmsweise den Leadgesang. Ansonsten steuert sie meist die Harmonien bei wie bei dem Titelstück. Bei „Glistening“ setzt Watchhouse mal auf Shout And Response, wobei der Song selbst dadurch keinen richtigen Drive erhält. Nach dem vielversprechenden Einstieg plätschert das Album im Mittelteil vor sich hin.

Aufhorchen lässt dann nochmal das atmosphärisch dichte „Endless Highway (pt. 1)”. Diesem folgt „Sway – Endless Highway (pt. 2)“, das mit einer langen Instrumental-Passage ausklingt. Die Monotonie langer Autofahrten spiegelt sich so musikalisch wider. Zum Abschluss setzt die Bluegrass-Nummer „Patterns“ jedoch noch ein Ausrufezeichen. Martin begleitet sie auf seiner Mandoline, was einen neuen Sound auf die Scheibe bringt.

„Rituals“ ist ein Beispiel für die Schwierigkeit, der sich vor allem folkorientierte Longplayer gegenübersehen: Wie halte ich die Hörer*innen bei der Stange? Das Album hat ein paar gute Stücke zu verzeichnen und ein paar, die so mitlaufen. Die lyrischen Texte sind nicht durchgehend in fesselnde Kompositionen integriert und auch herausragende Tracks, die sich sofort in die Gehörgänge einbrennen, finden sich nur begrenzt.

Tiptoe Tiger Music/Thirty Tigers – Membran (2025)
Stil: Folk, Americana

Tracks:
01. Shape
02. All Around You
03. Beyond Meaning
04. Rituals
05. Firelight
06. False Habors
07. In The Sun
08. Glistening
09. Endless Highway (pt.1)
10. Sway – Endless Highway (pt.2)
11. Patterns

Watchhouse
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Little Feat – Strike Up The Band – CD-Review

Mit Little Feat verbinden Menschen meiner Generation sicherlich zunächst mal den Auftritt bei der legendären Premiere der Rockpalast-Nächte in der Essener Grugahalle, wo die Band den Mittelteil bildete, nachdem zuvor Rory Gallagher den bunten Reigen eröffnet hatte.

Reichhaltig bestückt mit charismatischen Musikern wie u. a. Lowell George, Bill Payne, Paul Barrere oder dem energiegeladenen Drummer Richie Hayward begeisterten sie mit einer Rockshow, die auf einem reichhaltigen Fundament diverser hier hervorragend ineinander greifender Stile wie Country, Americana, Jazz, Soul, Funk, Blues, Southern Rock und Boogie basierte.

Ihr kurze Zeit später veröffentlichtes Live Doppelalbum „Waiting For Columbus“ erreichte Platin-Status und gehörte damals zum Standard jeder gut sortierter Plattensammlung. Auch der Tod diverser Bandmates wurde bis zum heutigen Tage immer wieder kompensiert, mittlerweile zieht Gründungsmitglied Bill Payne die Fäden und hält den musikalischen Spirit des Ensembles weiter aufrecht.

In kreativer Hinsicht war es längere Zeit ruhig, nun gibt es „Strike Up The Band“ nach dreizehn Jahren wieder ein neues Studioalbum, das in der Besetzung Billy Payne (Keys), Fred Tackett an (guitars, voc), Kenny Gradney am Bass und Sam Clayton (percussion, voc) samt der jüngeren Mitglieder wie Scott Sharrard als Lead-Gitarrist und Sänger sowie Tony Leone (drums, voc) eingespielt wurde.

Dreizehn neue Stücke, die auch wieder für die anfangs beschriebene Diversität der Truppe stehen und nur so vor Spielfreude und Energie strotzen. Allein schon der Opener „4 Days of Heaven 3 Days of Work“ das slide-trächtige, swampige „Bayou Mama“ und auch die vorab ausgekoppelte flippig-launige Single „Too High To Cut My Hair“ vermitteln sofort den unwiderstehlichen Groove, für den der Name Little Feat seit je her bekannt ist. Souligen Southern Rock bietet das tolle „Midnight Flight“ – an dem Stück hätte Gregg Allman sicher auch seine helle Freude gehabt.

Der genau in der Mitte, quasi als Centersong platzierte Titelsong „Strike Up The Band“  wartet mit einer Gastpräsenz des angesagten Duos Larkin Poe auf, das wunderschöne weibliche Harmoniegesänge beisteuert. Hier kommen auch Band Of Heathens-Fans auf ihre Kosten, die sicherlich von weiteren Tracks wie „Shipwrecks“ und dem melodischen und wohl eingängigsten Track „Disappearing Ink“ begeistert sein werden.

Tex-Mex-Liebhaber kommen bei den variantenreich gestalteten „Bluegrass Pines“ (feat. Molly Tuttle, Larry Campbell & Teresa Williams) und dem fröhlich-beschwingten „Dance A Little“ auf ihre Kosten, delta-bluesig geht es auf „Running Out Of Time With the Blues“ zu.

Und wem das alles noch nicht genug ist, der bekommt am Ende noch ein typisches New Orleans-Feeling, pendelnd zwischen Trauer und unbändiger Freude, auf „New Orleans Cries When She Sings“ vermittelt.

Fazit: Bill Payne hat auf „Strike Up The Band„ weiterhin eine schlagkräftige Truppe um sich versammelt, die spielend leicht den bewährten erfinderischen Little Feat-Sound in die aktuelle Zeit transportiert. Little Feat hinterlassen hier ein großen musikalischen Fußabdruck und sind ein heißer Kandidat für das Album des Jahres! Dicke Kaufempfehlung!

Hot Tomato Productions, Proper / Bertus (2025)
Stil: Blues Rock and more

Tracks:
01. 4 Days of Heaven 3 Days of Work
02. Bayou Mama
03. Shipwrecks
04. Midnight Flight
05. Too High To Cut My Hair
06. When Hearts Fall
07. Strike Up The Band
08. Bluegrass Pines
09. Disappearing Ink
10. Love and Life (Never Fear)
11. Dance A Little
12. Running Out Of Time With the Blues
13. New Orleans Cries When She Sings

Little Feat
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Craig Finn– Always Been – CD-Review

Review: Michael Segets

In der Literaturtheorie gibt es flache Figuren, die eindimensional, ohne tiefere Charakterzüge dargestellt werden und lediglich einer erzähltechnische Funktion haben. Das Problem ist, dass diese flachen Figuren nicht nur in fiktiven Erzählungen auftreten, sondern einem auch in der Realität begegnen. Dieses Problem potenziert sich, sobald man ihnen nicht wirklich aus dem Weg gehen kann. Es ist daher durchaus nachzuvollziehen, wenn Craig Finn in seiner vorab ausgekoppelten Single „People Of Substance“ feststellt, dass er zu viel Zeit mit Leuten ohne Substanz verbracht hat.

Die Songtexte von Finn durchziehen tatsächlich Figuren, die durchaus komplexere Charakterzüge und Gedankengänge aufweisen. Das Storytelling ist die Stärke von Craig Finn. Nicht umsonst veröffentlichte er bereits eine Sammlung seiner Texte als Buch. Es sind Gedichte, die über ihre lyrische Qualitäten hinaus Geschichten erzählen. Mit „Always Been“ legt er nun ein Konzeptalbum vor, dessen Kern sich letztlich um Glaube, Liebe, Hoffnung dreht.

Widersprüchlichkeiten in ihrem Verhältnis zum Glauben und zur Kirche durchleben die Figuren in einigen Texten. So identifizieren sich die ehemaligen Priester bei „Bethany“ und „The Man I’ve Always Been“) nicht mehr mit ihrem Glauben und ihrem früheren Leben. Andere Scheitern an der Liebe wie das entfremdete Paar in „Luke & Leanna“ oder die Protagonisten, die ihren Verflossenen nachtrauert („I Walk With A Cane“, „Clayton“ „Postcards“). In anderen Lyrics („A Man Needs A Vocation“) scheint etwas Hoffnung durch, die trotz eigentlich verzweifelter Lebenslagen nicht vollständig aufgegeben wird. Diese kommt auch in einem wiederholten Vers in „Crumbs“ zum Ausdruck: „We’ll never win this war but maybe we can wait it out“.

Die insgesamt eher düsteren Texte kleidet Finn vor allem in der ersten Hälfte des Albums in rockige Arrangements. Mit „People Of Substance“, „Crumbs“ und „Luke & Leanna“ sind dort ganz starke Titel vertreten. In der zweiten Hälfte geht er mit „A Man Needs A Vocation“ und „Postcards“ erneut in den Uptempo-Bereich. An manchen Stellen ist eine Nähe zu Joe Grushecky festzustellen. Bei „Clayton“, einem der langsameren Tracks, können gar Parallelen zu Bruce Springsteen gezogen werden.

Insgesamt bietet der Longplayer eine ausgeglichene Mischung zwischen Rock und Balladen. Finn arbeitet wenig mit Refrains oder wiederkehrenden Textpassagen, was die Eingängigkeit der Songs nicht unbedingt fördert, aber auf den Stellenwert der Texte hinweist. Mit Ausnahme von „Fletcher’s“, bei dem er einen fast sechsminütigen Sprechgesang zelebriert, können alle Tracks auf der Habenseite verbucht werden.

Der Frontmann von The Hold Steady holte sich für seinen sechsten Longplayer unter seinem Namen neben Jonathan Low (Taylor Swift) am Mischpult einen weiteren Grammy-Gewinner ins Studio. Adam Granduciel produzierte das Werk und begleitete Finn beim Einspielen der Songs zusammen mit Mitgliedern seiner Band The War On Drugs. Finn geht im April auf eine ausgiebige Promotion-Tour durch die USA, bei der er Bob Mould supportet.

Craig Finn lotet die Ambivalenzen des Lebens und des Glaubens mit seinem hervorragenden Storytelling aus. Obwohl Finn bei der Hälfte der Songs seinem Rockerherz freie Bahn lässt, ist „Always Been“ eher eine Scheibe zum Hinhören und weniger zum Mitsingen. Dennoch kann auch in musikalischer Hinsicht eine Empfehlung mit gutem Gewissen ausgesprochen werden.

Tamarac Recordings – Thirty Tigers/Membran (2025)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Bethany
02. People Of Substance
03. Crumbs
04. Luke & Leanna
05. The Man I’ve Always Been
06. Fletcher’s
07. A Man Needs A Vocation
08. I Walk With A Cane
09. Clayton
10. Postcards
11. Shamrock

Craig Finn
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