Ich muss ein weiteres Mal zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich Danielle Nicole in meinem ‚musikalischen Leben‘ erst einmal zur Kenntnis genommen habe, und das nicht im Rahmen ihrer Solo-Karriere, sondern mittels einer Scheibe von der Band Trampled Under Foot, die sie mit ihren Brüdern Kris und Nick Schnebelen ziemlich erfolgreich betrieb.
Das Album entstand in einer emotional sehr bewegenden Phase ihres Lebens nach dem Tod von Kris in 2022 durch eine Krebserkrankung. Obwohl es ihr aufgrund ihrer Trauer zunächst schwerfiel, die Songs fertigzustellen, fand sie durch die Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Brandon Miller und dem legendären Keyboarder Jim Pugh neue Inspiration. Für die Aufnahmen zum Album verwendeten die Musik Kris‘ Schlagzeug, was das Album um eine weitere emotionale Ebene erweitert.
Das fantastische Werk – um es vorwegzunehmen – ist eine Lehrstunde, wie man verschiedene Musikstile, wie Blues, Rock, Southern Rock, Soul und R&B zu einer in sich stimmigen Einheit verschmelzen lassen kann.
Gerade Danielles Gesang, nachdem ich in den letzten Wochen so manches in der Hinsicht bei anderen Alben habe erleiden müssen, ist ein wahre Wonne, da passt einfach alles zum Stil der Songs, selbst in feinsten Nuancen. Das ist, was eine Weltklasse-Sängerin dann am Ende auch ausmacht.
Brandon Miller brilliert mit seinem großartigen E-Gitarrenspiel, er könnte eigentlich auch in jeder Southern Rock-Band problemlos auftrumpfen. Auch Luther Dickinson macht bei seinem Gastspiel bei „Take Me Back“ einen Klasse-Job. Jim Pugh ist dann immer mit dem richtigen Tastenspiel zur Stelle. Selbst bei den großartigen Background Vocals von Melodye Perry und Maxayne Moriguchi (u. a. beim herrlichen Opener „Radical Love“) wird nichts dem Zufall überlassen.
Neben den erwähnten Tracks sind für mich persönlich, die beiden soulig dahinschunkelnden „Soulside“ und „Tug Of War“ weitere Highlights in einem durchgehend starken Album. Das frech ‚hingerotzte‘ „Gaslight“ macht genausoviel Laune wie das später im Stile einer Sade hingesäuselte „Chameleon“. Der Titel steht auch förmlich auch für die Wandlungsfähigkeit ihrer fantastischen Stimme.
Danielle Nicole wird mit ihrem neuen Album „Fireflies“ nicht nur viele Würmchen zum Glühen bringen, sondern hat jetzt auch noch einen neuen glühenden Verehrer ihrer Musik…!
Eigenproduktion (2026) Stil: Blues/Rock/Soul/R&B
Tracklist: 01. Radical Love 02. Take Me Back 03. Memories 04. Soulside 05. Gaslight 06. Piper 07. The Same Love That Made Me Laugh 08. Chameleon 09. Tug Of War 10. Dreams 11. Fireflies
Plateauschuhe, Glitzerbesatz und wilde Haarmähne – Heather Anne Lomax präsentiert sich auf dem Cover von „Who Do You Think You Are?” stylish und selbstbewusst. Das Bild weckt schon Erwartungen für die Richtung, die die Scheibe einschlägt: eine Power-Frau, die mit kräftiger Stimme in rockigen Gefilden zuhause ist. So ist es dann auch, wobei die Stücke mehrmals zum Bluesrock tendieren.
„Superstar“ stammt von Michael Doman. Die übrigen zehn Tracks schrieb die in Kansas City geborene und nun in Los Angles lebende Lomax. Der Longplayer wurde ihrem Gitarristen Zachary Ross produziert. Für die Aufnahmen gewann Lomax eine Reihe von gestandenen Musikern, die in wechselnder Zusammensetzung die Stücke live im Studio einspielten.
Bei den härter rockenden Tracks wie „Step Aside“ oder „Right On Through“ sorgen die Keys für einen breiten Klangteppich. In die Tasten greifen dort Ty Bailie (Katy Perry, Tanja Tucker) beziehungsweise Carey Frank (Bruce Springsteen, Tedeschi Trucks Band). „Ridgefield Dreams“ sowie „Hello Daybreak“ werden durch Flötentöne, für die Fuzzbee Morse (Bono, Peter Gabriel) verantwortlich zeichnet, angereichert. Den häufigsten Wechsel in der Bandbesetzung gibt es an den Drums. Auch hier kann Lomax auf die Erfahrung der Schlagzeuger zurückgreifen, die allesamt für namhafte Musikerinnen und Musikern tätig waren.
Die Songs haben gute Ansätze, auch wenn sie nicht unmittelbar ins Ohr gehen. Hauptsächlich stören mich einzelne Stellen in den Stücken, bei denen Lomax ihre Stimme eher lautmalerisch einsetzt, statt durch ihren Gesang Inhalte zu transportieren. Dies führt dazu, dass der Funke bei dem Album insgesamt nicht so recht überspringt.
Die Lyrics drehen sich meist um Beziehungen, sie geben aber auch Einblicke in das Seelenleben („Step Aside“) oder schlagen einzelne sozialkritische Töne an („Pluto Return“). Mit ihrer Vergangenheit setzt sich Lomax auf „Ridgefield Dreams“ auseinander. Bei ihrer Geburt adoptiert begab sie sich schließlich als erwachsene Frau auf die Suche nach ihren biologischen Wurzeln und veröffentlicht nun ihre Musik unter ihrem ursprünglichen Namen. Lomax stand schon mit einigen Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne, die auch bei SoS gelistet sind wie John Hiatt, Joan Osborne oder The Marshall Tucker Band.
„Who Do You Think You Are?“ ist ein Album, das zwischen Rock und Bluesrock changiert. Heather Anne Lomax macht ihr Ding. Die einzelnen Songs weisen aber oftmals Passagen auf, die mich nicht abholen. Die hochkarätige Bandbesetzung macht technisch alles richtig, aber auf der Gefühlsebene spricht mich das Werk nicht an. Aber wer bin ich schon.
Review: Stephan Skolarski
Ihr Debüt-Album brachte die ursprünglich aus Kansas City stammende Heather Anne Lomax 2014 unter dem Künstlernamen Michael-Ann in Eigenregie heraus und wurde für die mutige und gelungene Mischung aus Bluegrass, Americana und traditionellen Country-Stücken nicht nur in L.A. ausgezeichnet. Auch in Europa lobte z.B. das irische Lonesome Highway Magazin die Intensität der Scheibe. Auf “All This Time” (2020) spielte sie, inspiriert durch Elvis Presleys Memphis Sessions, den klassischen Country Rock’n’Roll aus der Vergessenheit zurück auf die Review-Seiten und erntete viel Lob für das feine Songwriting (u.a. “Comfort Me”) – kein weiterer Beweis war erforderlich, dass sie großartige Titel schreiben kann!
Oder doch? Denn natürlich hat sie es wieder getan und mit dem neuen Werk “Who Do You Think You Are” demonstriert. Wie aus einem musikalischen Lehrbuch der frühen 70er Jahre fließen die Stücke aus Rock, Blues, Soul, Country und Gospel unaufhaltsam in die Track-List, ein Zeitgeist-Feuerwerk einer lange zurückliegenden Epoche der Aufbruchstimmung. Lomax ist dabei mehr als in ihrem Element, als Songschreiberin, Multi-Instrumentalistin und vor allem als Sängerin.
Sanfte Joan Baez und emotionale Linda Ronstadt Passagen wechseln mit explosiven Janis Joplin und tief intensiven Grace Slick (Jefferson Airplane) Intonierungen, wobei die Vergleiche der Gesangsstile ausschließlich das vocale Talent der US-Songschreiberin verdeutlichen soll. Lomax huldigt ihren Vorbildern bereits zu Beginn des Albums mit den drei Songs „Come Along“, „Step Aside“ und „Can’t Refuse“. Insgesamt 11 Tracks, live im Studio eingespielt, bilden die Konzeption einer Zeitreise, die u.a. über weitere kraftvolle und ungeschliffene Zwischenstationen (z.B. “Finally Leavin’” und “Pluto Return”) zum experimentell psychedelisch angehauchten Schlusstitel begleiten. „Hello Daybreak” könnte ein Cover von Kate Bush sein, aus der Feder von Heather Anne Lomax, ein Synonym für den Tag, der die Hoffnung zukunftsweisend symbolisiert.
Als junge Songschreiberin einer neuen Musikgeneration hat Heather Anne Lomax ihr aktuelles Album mit dem philosophischen Titel “Who Do You Think You Are” veröffentlicht. Die Scheibe offenbart sofort ihre musikalische Lebendigkeit und reflektiert eine aufstrebende Blütezeit der amerikanischen Roots-Music. Entstanden ist ein herausfordernder Longplayer, der zahlreiche Impulse jener Epoche aufgreift, neu interpretiert und in die Gegenwart überführt.
The Blackbird Record Label (2026) Stil: Rock, Blues, Soul
Tracks: 01. Come Along 02. Step Aside 03. Can’t Refuse 04. Ridgefield Dreams 05. Places Unknown 06. Right On Through 07. Finally Leavin’ 08. Superstar 09. Blood Red 10. Pluto Return 11. Hello Daybreak
Zählen wir mal durch: Im Innencover sind tatsächlich zwölf Musiker abgebildet – das mit dem Orchester stimmt also schon mal. Der bekannteste davon dürfte auch hierzulande Willy Jordan sein, seit 2022 Sänger des APSO, das 2007 vom Gitarristen und Songschreiber Anthony Paule (69) gegründet worden ist. Jordan hat zuvor unter anderem mit John Lee Hooker und Elvin Bishops Big Fun Trio gearbeitet. Für die beiden Big-Fun-CDs gab’s jeweils eine Grammy- Nominierung.
Anthony Paule selbst hat auch schon mit Van Morrison, Boz Scaggs oder Charlie Musselwhite gearbeitet und ist gleich 20 Mal für einen Blues Music Award nominiert worden, ohne je einen zu gewinnen. So ein BMA ist ja eine Art Gütesiegel. Allerdings kann sich inzwischen ja fast jeder (Blues-)Musiker damit rühmen, so ein Ding gewonnen zu haben oder zumindest nominiert gewesen zu sein.
Dabei ist bei „What can we do?“, dem mittlerweile zehnten Album des Anthony Paule Soul Orchestra, von Blues wenig zu spüren. Der gute Anthony mag zwar neben dem Soul mit Blues aufgewachsen sein. Es dominiert aber, wie der Name schon sagt, Soul – und das auf kraftvolle, mitreißende Art. Das geht gleich los mit dem schwungvollen ersten Song „Still Smellin’ Smoke“.
Beim folgenden „Too Late“ werden Erinnerungen wach an Otis Reddings „I’ve Been Loving You Too Long“ aus dem Jahr 1965. Bei „You Lie Like A Rug“ trifft das zu, was für die Mehrzahl der Titel gilt: Es geht in die Beine. Dabei ist alles modern, schmissig und damit zeitgemäß umgesetzt. Retro-Soul heißt das Schlagwort, das einem neben Otis Redding auch Same Cooke oder Aretha Franklin und phasenweise Wilson Pickett ins Gedächtnis ruft. Selbst Graham Parker lugt das eine oder andere Mal ums Eck.
Und wenn wir gerade bei alten Zeiten sind: Das instrumentale „Bigger Guitar“ ist ein astreiner Boogie-Woogie, womit wir wieder beim Stichwort „tanzbar“ wären. Kraftpaket wird das Anthony Paule Soul Orchestra auch genannt. Es ist aber durchaus angenehm, dass die Instrumentierung mit Saxophon, Trompete oder Posaune zwar üppig ist, aber nicht auf vordergründige Solo-Effekte setzt, die einem das Ohr wegblasen.
Tja, es wird wohl BMA-Nominierung Nummer 21 geben. Auch wenn, noch einmal sei’s gesagt, das Ganze mit Blues (und Rock) wenig bis gar nichts zu tun hat. Aber wer gern auf eine Zeitreise in Sachen Soul mitgenommen wird und sich von treibenden, rhythmusbetonten und von Background-Sängerinnen unterlegten Klängen mitreißen lässt, die nicht jeden Tag irgendwo und irgendwie durch die Gegend dudeln, wird hier gut bedient. Sachen wie dieses merkwürdige „Dai Dai“ haben wir schließlich genug…
Nola Blue Records (2026) Stil: Soul
Tracks: 01. Still Smellin‘ Smoke 02. Too Late 03. Stranger 04. You Lie Like a Rug 05. Bigger Guitar 06. What Can We Do? 07. Heart Never Says Goodbye 08. Secret 09. If It Ain’t One Thing It’s Two 10. Walkin‘ 11. You’re Nobody Till Somebody Loves You 12. Blue Mood Indica
Die maßgeblich aus Florida stammende Shaelyn Band, bestehend aus Shaelyn Mulberry (lead vocals), Eric Guess (guitars), Curtis Harris (bass), Win Carlson (bgv), Isaiah Gaytan (trumpet), Moses Maldonado (trombone) und Tim Mulberry (drums, bgv) ist seit 2020 aktiv und veröffentlicht mit „Chapter 3“, das nun mehr dritte Album.
Es enthält 14 selbst-kreierte Tracks, die sich im Rahmen von Blues, Soul und Jazz bewegen. Geprägt ist ihre Musik von der sehr kräftigen, aber auch überaus dominanten Stimme der Fronterin Shaelyn Mulberry, die sich mit Drummer Tim Mulberry auch auch für das Songwriting verantwortlich zeigt. Tim Mulberry hat die Scheibe produziert.
Zu solch einer starken Stimme muss meines Erachtens auch das Songmaterial in Sachen Melodik, Markanz und Wiedererkennungswert passen, was hier eher leider nicht der Fall ist. Hier gibt es eher einen Mix aus recht altbacken und schon oft gehörten Blues-, Soul- und Jazz-Elementen (mit ein paar Allman Brothers-mäßigen E-Gitarreneinlagen), verpackt in neue, unscheinbare Gewänder.
Dadurch wird der ‚Gang‘ durch die vierzehn Stücke ziemlich ‚anspruchsvoll‘. So muss man bis zum letzten Lied „Just Keep Moving“ ausharren, bis dann tatsächlich die oben angeführten Attribute mal in Einklang stehen. Der perspektivische Weg in Richtung Tedeschi Trucks Band, sofern sich das anhand des hiesigen Konvoluts musikalisch vermuten lässt, dürfte allerdings noch ein sehr langer sein.
The Shaelyn Band bietet mit „Chapter 3“ einen durchaus engagierten Longplayer, getragen von einer überaus herausstechenden Sängerin, der primär die traditionelle Blues-, Soul und Jazz-Klientel ansprechen könnte und dessen Songmaterial mehr für Live-Auftritte prädestiniert zu sein scheint. Für mich ein eher anstrengendes ‚Kapitel‘ in meiner ‚Reviewer-Karriere’…
Eigenproduktion (2026) Stil: Blues, Soul, Jazz
Tracks: 01. Blues Chose Me 02. Gumbo 03. Cruise 04. Push 05. Carry On 06. Takin‘ My Love Back 07. Bet It All 08. Make Ya Move 09. Music Make It Right 10. I’m Not Ready 11. Debt 12. I Won’t Sell My Soul 13. Slow Blues 14. Just Keep Moving
Brooks Milgate wurde in eine musikalische Familie hinein geboren. Seine Eltern hatten sich in einer Gospelgruppe kennengelernt. Mit fünf Jahren begann Little Brooks, Piano zu spielen, während sein Vater ihm die Bassgitarre näherbrachte, so dass er seine Eltern bei Auftritten begleiten konnte.
Mit zwölf Jahren hat sich Brooks Milgate entschieden: Das Piano, das ist mein „Ding“. Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes. Er entdeckte bei seinem Vater die Kassetten „Brothers and Sister“ von den Allmann Brothers und Led Zeppelin IV. Damit hatten sich jedwede Überlegungen nach dem Motto „Was soll ich denn nur mal werden?“ erledigt.
Jahre später erhielt Brooks Milgate ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston, das er 2005 mit Magna Cum Laude abschloss. Musikalisch etablierte er als Pianist und Organist und ging mit Blues-Acts auf Tour: Sugar Ray and the Bluetones, Darrel Nulisch, Kid Ramos, Ana Popovic, Chris O’Leary oder Mark Hummel. Unter anderem spielte er auch bei der Rockband Curtis Mayflower, die einige Alben und Singles veröffentlicht hat.
„Roll With The Punches“ – in dessen Mittelpunkt natürlich oft die Tasteninstrumente stehen – soll nun sein „first solo outing“ sein, wie die Plattenfirma schreibt. Das erstaunt einigermaßen, denn im vergangenen Jahr sind unter seinem Namen die Sechs-Songs-EP „The Night Needs The Stars“ und die CD „The Stags“ erschienen. Wie auch immer: Sein neues Werk bietet neun neue Kompositionen und die Klassiker „My Babe“ von Little Walter und „Goodnight Irene“ von Lead Belly, einen Akustik-Blues aus den 30er-Jahren.
Während sich zum Beispiel Keith Richards auf seiner CD „Crosseyed Heart“ aus dem Jahr 2015 mit seiner elegisch-getragenen Version eng an das Original gehalten hat, hat Milgate aus „Goodnight Irene“ eine beschwingte Boogie-Nummer gemacht, geprägt von Klavier und einem Saxophon-Solo. Das zeigt einmal mehr: Es kommt nicht unbedingt auf die Komposition an, sondern auf die Interpretation.
Zu den Höhepunkten von „Roll With The Punches“ gehört gleich die Eröffnungsnummer „Cheap Airline“, ein autobiografischer Song, der erzählt, wie sich Brooks auf einem Flug einer Billigfluggesellschaft nach Island verliebt hat. Verpackt ist das Ganze in einen Classic Rock, der die großen Zeiten in den Siebzigern und Achtzigern hochleben lässt, wobei Monster Mike Welch die Gitarre beisteuert.
Schade, dass es nicht mehr davon gibt, auch wenn die CD so oder so überzeugen kann. „Best That We Can Do“ geht Richtung Memphis Soul mit Bläsern, wogegen „I Should ’ve Known“ einen gediegenen New-Orleans-Rhythmus aufweist. Erneut ist Mike Welch ausgiebig an der Gitarre zu hören.
Der „Interstate Shuffle“ kommt als Instrumentalstück daher. Der Titelsong ist ein gediegener Blues, bei dem – wer wohl? – wieder die Saiten zupft. „Why I’d Wait So Long“ ist wohl eine Referenz an seine Eltern – ein Gospel im modischen Gewand.
Etwas aus dem Rahmen fällt der letzte Titel „Blueish Gray“, ein instrumentaler Smooth-Jazz, dominiert von Brooks Milgates Piano- und Orgelspiel. So muss es sich anhören, wenn der Pianist in einer schicken Bar zum letzten Mal in die Tasten greift, bevor es draußen langsam hell wird…
MoMojo Records (2026) Stil: Rock, Blues, Soul
01. Cheap Airline 02. Goodnight Irene 03. Best That We Can Do 04. I Should’ve Known 05. Interstate Shuffle 06. Worry 07. Roll With The Punches 08. Why’d I Wait So Long 09. My Babe 10. So Long 11. Blueish Gray
Plattencover sind oft die Visitenkarte der Künstler, Eyecatcher musikalischer Orientierung, Promotion Design als optisches Highlight oder ebenso dramatische Fantasy-Motive – die nicht selten zu Klassikern und Sammlerstücken avancieren. Für ihre neue Scheibe “Future Soul” überrascht die Tedeschi Trucks Band bei der Covergestaltung durch ein ähnlich faszinierendes Artwork, designt vom angesagten Illustrator Marc Sasso (Ronnie James Dio u. a.) “to create a fun, retro science fiction cover of Susan and Derek as heroes in the middle of an Invasion” (Sasso). Sind die beiden Bandleader mit ihren Gitarren auf dem Weg in eine andere musikalische Welt oder nur auf der Flucht vor hereinbrechenden Fantasy-Drohkulissen?
“Future Soul” beantwortet die Frage mit einer virtuosen Aufbruchstimmung, einem grandiosen Songwriting, einem juggernaut an Kreativität. Eröffnet wird dieser Tatendrang mit “Crazy Cryin’”, einer relaxten Dancefloor-Nr. im Soul-Funk-Groove, die ihren swingenden Lebensmut in einen ansteckenden midtempo Drive übermittelt, ein mitreißendes “I Got You” geht auf die Überholspur. Geschrieben von Gitarrist Mike Mattison, erinnert das Stück partiell an die kongeniale Spielfreude der legendären Vorbilder von Derek and the Dominos. Die etwas ruhigere „Saite“ des Longplayers versammelt mit der Soul-Ballade “Who Am I” auch die stilistische Verwandtschaft zu J.J.Cale in ihrer Harmonie und widmet sich mit “What In The World” dem slow-souligen, fast folkigen Part einer Delaney & Bonnie Nostalgie. Dank Derek Trucks unbändiger Solokraft entsteht der Eindruck einer nahezu “frei schwebenden Dynamik” mit seiner Signatur.
Zum ersten Mal war neben Trucks auch ein externer Produzent für die Aufnahmen mit verantwortlich. Der vielfache Award-Winner Mike Elizondo (u. a. Dr. Dre, Avenged Sevenfold, Eminem) hat es geschafft, die Live-Energie der Gruppe mit einzufangen, Improvisationen durch zeitgemäße Arrangements zu ersetzen, ohne das “Erbgut” der Band zu verfälschen. Ganz authentisch feiert die 12-köpfige Formation das Release Date (20.03.) zu Beginn der US-Tournee mit 10 Konzerten im Beacon Theatre, NYC, und bringt dabei natürlich auch den Titelsong auf die Bühne – pure musikalische “Firepower”, mit produziert von Derek Trucks und seiner futuristisch wirkenden 1958er Gibson Flying V. Weitere, raue Töne inszeniert das Album mit dem psychedelisch angehauchten, Patti Smith artigen Titel “Hero”, sowie dem schönen Ohrwurm-Rocker “Under The Knife” – unter erneut starker Beteiligung der Horn-Section. Der einzige originäre Blues-Track der Scheibe stammt aus der Feder von Keyboarder Gabe Dixon; nicht nur der herrliche Shuffle-Rhythmus weckt sofort Gedanken an die großartigen Zeiten von Canned Heat.
Wer zum Abschluß der Songlist noch einen Soundtrack-reifen Titel wie “Ride On” zur Verfügung hat, veranstaltet unweigerlich ganz “großes Kino”. Auch hier: Future “Folk Country” Soul vom Feinsten, der ausgerechnet auf der CD Deluxe Edition um 2 Live-Bonus-Tracks verlängert wird. Die Tedeschi Trucks Band zählt deutlich zu den entwicklungsfähigen Gruppen der US-Musikszene (siehe hierzu SOS Reviews der Vorgänger-Alben). Die 6. Studio-LP in 15-jähriger Bandgeschichte zeigt die Formation auf dem Höhepunkt ihres Schaffens als hochmotivierte Gemeinschaft. Eine orchestrale Einheit, die ihren eigenen Rhythm and Blues, Rock ’n’ Roll, Funk and Soul mit Country-Southern-Rock legendärer Vorzeiten adaptiert.
Fantasy Records-Concord (2026) Stil:Soul, Blues, Rock
Tracks: 01. Crazy Cryin‘ 02. I Got You 03. Who Am I 04. Hero 05. What In The World 06. Future Soul 07. Under The Knife 08. Be Kind 09. Devil Be Gone 10. Shout Out 11. Ride On
Auch die einflussreiche Los Angeles Times hat die “blazing electric guitar work” von Billy Thompson bereits gewürdigt. Der vielseitige Gitarrist, Sänger und Songschreiber veröffentlicht nun mit “This World” sein insgesamt neuntes Album. Die komplexe Scheibe kombiniert in 14 Songs eine breite Soundwelt. Als renommierter Slide-Spieler ist Thompson tief verwurzelt in einer elektrischen Mischung, deren “Inhalte” Rock, Blues, Funk und Soul bis hin zu Zydeco und New Orleans Second Line integrieren.
Beispielhaft hierfür und für die gesamte Produktion ist die Virtuosität des Titelsongs. Der schweißtreibende Einstieg in das Album, verbunden mit ironischen, teils sarkastischen Texten und starken Rhythmus-Elementen, bestimmt nicht nur symbolisch die Richtung, sondern ist ein Herzstück der Arrangements, wie auch beim folgenden “Downsizing”, einem Stück im Little Feat-Design.
Der robuste Southern-Rocker “For True” und die erdige Country-Blues-Symbiose “Thankful” sind weitere Key-Tracks. Das etwas gelassen wirkende “Every Single Rider” erinnert an den smarten Country-Rock von Poco und die Akustiknummer “Batman & Robin” an die legendäre US-Folk-Song-Tradition. In diesen weit gesteckten Rahmen der Titelliste gehören ohne Frage gospelangehauchter Soul (“Hope, Peace & Joy”) sowie großartiger Blues (“Old Blue”), obwohl die Vielseitigkeit von Billy Thompson eigentlich keine weiteren Beweise benötigt.
Langjährige Bühnenerfahrungen mit den Doobie Brothers und Bill Payne (Little Feat), als Opener für Jimmie Vaughan oder George Thorogood, als Begleiter von Little Milton und Albert King, schließen noch lange nicht den Kreis der ereignisreichen Karrierejahre. Konzerte mit der Zydeco-Legende C.J. Chenier und seine kreative Leitung als Musical Guitar Supervisor für “The Resurrection of Son House” (Südstaaten-Blues-Ikone) gehören untrennbar zum Porträt von “This World” und der American Roots Music von Billy Thompson.
MoMojo Records (2026) Stil: Blues, Rock, Funk, Soul
Tracks: 01. This World 02. Downsizing 2025 03. Like Rain 04. For True 05. Melia 06. Every Single Rider 07. Thankful 08. Batman & Robin 09. Hope Peace & Joy 10. Old Blue 11. Dinosaur Eggs 12. Monkey Back Guarantee 13. Truth Come To Power 14. Of The Angels
Für “Old, New, Funky And Blue“, den ersten gemeinsamen Longplayer, waren Omar Coleman und Igor Prado in Sao Paulo im Studio und haben ein klassisch-modernes Soul-Blues-Funk-Album eingespielt. Omar Coleman, Sänger und Harp-Spieler aus West Side Chicago gilt als eine der führenden neuen Stimmen im zeitgenössischen Soul-Blues der Metropole in Illinois. Seine erste Aufnahme machte er bereits 2005, damals jüngster Harp Artist, für die Compilation “Diamonds In The Rough” (Chicago Blues Harmonica Project) und war als Vertreter der dortigen Szene auch hierzulande schon unterwegs.
Igor Prado, brasilianischer Blues-Autodidakt, spielt als Linkshänder die rechtshändige Gitarre “upside down” und wurde 2015 für das Album “Way Down South” und “Bester Neuer Künstler” Award-nominiert. Die Tracks des Longplayers bringen neben eigenen Titeln eine Reihe älterer, weniger bekannter Songs auf die Setlist der Scheibe. Den Einstand macht „I’m Leaving My No Good Woman”, eine Kombination aus Memphis und Chicago-Soul Sound und versprüht seine Energie als eine Art “Wahrzeichen” der weiteren Titel.
Stilistisch “Stomping in” Soul-Blues Tracks, wie “I Only Have Love” und „Cut You Loose” hervorragender Arrangements bringen Stimme, Harp und Guitar Parts sowie die kräftige Horn-Section in die charakteristischen Gefüge der Aufnahmen. Beim rauen Blues Rock “Moving On To Better Days” wird dieser Wunsch auch musikalisch nachdrücklich robuster umgesetzt.
Ebenso spielen Einflüsse eine große Rolle, die Igor Prado z.B. von Albert King über Blind Willie Johnson bis Chuck Berry gerne benennt, während Omar Coleman Künstler der West Side Soul und Blues Szene, wie u.a. Tyron Davis und den inzwischen über 90-jährigen R&B Sänger Bobby Rush als Vorbilder in der “Nachbarschaft” hatte.
Kein Wunder also, dass zwei Titel von Bobby Rush (“I Wanna Do The Do” und “Night Fishin'“) funkige Boogie Versionen bieten. Ähnliche Energie verbreiten die beiden Syl Johnson (ebenso Chicago R&B Icone) Cover “I Let A Good Girl Go” und “Don’t Give It Away” – auch in souliger Balladen-Form – und sowieso als funkiger R&B Nummer. Die sozialkritische Eigenkomposition (u. a. “Brown Nosin‘ Man”) bildet eine wesentliche Substanz der Produktion. Wobei der Abschlusstrack “Blue Line Train In Chicago” mit akustischer Gitarre und Harp nochmal zusätzlich einen Song alter Prägung auf die “Schiene” bringt.
Insofern kann das Album “Old, New, Funky & Blue”, dem ersten gemeinsamen Longplayer von Omar Coleman und Igor Prado, durchaus auch als persönliche Aufarbeitung einer traditionsreichen Musikepoche verstanden werden. Moderne Interpretationen belassen den Covern ihre Ursprünglichkeit, entwickeln eine eigene Identität und die Erwartungshaltung, dass es nicht nur bei der Premiere bleibt.
Nola Blue Records (2026) Stil: Soul, Funk, Blues Rock
Tracks: 01. I’m Leaving My No Good Woman 02. I Only Have Love 03. Cut You Loose 04. Moving On To Better Days 05. Answer Your Phone 06. I Let A Good Girl Go 07. Brown Nosin‘ Man 08. I Wanna Do The Do 09. Don’t Give It Away 10. Night Fishin 11. Blue Line Train In Chicago
So kann man natürlich auch ins Musikgeschäft einsteigen: Marc Broussards Vater Ted war Gitarrist der Fabulous Boogie Kings und ließ seinen Sprössling im zarten Alter von fünf Jahren mit seiner Band den Chuck-Berry-Klassiker „Johnny B. Goode“ singen. Und falls diese Geschichte nicht stimmen sollte, ist sie zumindest gut erfunden…
Der heute 42-jährige Marc, aufgewachsen in Louisiana, begann 2002 mit seiner Solokarriere, die bislang zwölf Studio-Alben umfasst, von denen immerhin vier in die Billboard Top 200 kamen. Seine musikalische Grundlage sind der klassische Rhythm & Blues und Soul, gewürzt mit Zugaben wie Rock ‚n‘ Roll und Blues – und seine dynamische Stimme.
Nun veröffentlicht er das fünfte Album der Benefiz-Reihe „Save our souls“ und das 13. Insgesamt. „Ich begann mit Coveralben, nachdem ich meinen ersten Major-Label-Vertrag beendet hatte. Als unabhängiger Künstler wollte ich Musik machen, die Gutes bewirkt“, erklärt Broussard seine Beweggründe. Bislang unterstützte er unter anderem ein Frauen- und Kinderschutzhaus oder ein Kinderkrankenhaus in Baton Rouge, Louisiana.
Die elf Tracks von „SOS V“ umfassen Songs aus den Fünfzigern – wie es der Titel schon sagt – und frühen Sechzigern und ein Original. Los geht’s mit „Halleluja I Love Her So“, dem Soul-Klassiker von Ray Charles von 1957, den Broussard so richtig zum Schwingen bringt. Genau das ist es ja, was die Interpretation dieser zeitlosen Oldies ausmacht, die schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben: Es muss zeitgemäß und modern klingen und einerseits Hörer ansprechen, die das Original kennen, und anderseits auch solche, die es vielleicht noch nie gehört haben.
Wie zum Beispiel das furiose „Lucille“, mit dem Little Richard, ebenfalls 1957, zum Siegeszug des Rock ’n‘ Roll beitrug. An seiner Seite hat Broussard die Southern-Rock-Legende Jimmy Hall (Wet Willie/„Keep On Smiling“), der jüngst mit der Allman Betts Family Revival Tour unterwegs war und auch schon mit Jeff Beck getourt ist. Wichtig natürlich auch: Es muss für musikalische Abwechslung gesorgt sein; es darf sich nicht alles nach Eintopf anhören.
Das ist ebenfalls gelungen. So steht unter anderem der leichtfüßige Nummer-eins-Pophit „Hey Baby“ von Bruce Channel – der Clou dabei: Damals wie heute spielt Delbert McClinton (85) die Mundharmonika – neben dem mit Streichern ausgestatteten unverwüstlichen Evergreen „Unchained Melody“, mit dem vor allem die Righteous Brothers in Verbindung gebracht werden, oder Fats Dominos fetzige Hymne „I’m Walkin’“. Kurz und bündig: Give it a listen!
India Media, Big Lake Music (2026) Stil: Soul, Pop, Rock
Tracks: 01. Hallelujah I Love Her So 02. Dream Lover 03. Unchained Melody 04. Lucille featuring Jimmy Hall 05. Tell It Like It Is 06. I’m Walkin’ 07. Hey Baby featuring Delbert McClinton 08. You Send Me 09. Stagger Lee 10. Baby Girl 11. Smile
Wenn ich darüber resümiere, welche Künstler im Laufe der letzten zehn Jahre in diesem Magazin einen besonders markanten Eindruck hinterlassen haben, steht die Elles Bailey mit ganz oben in der Liste.
Wir haben die sympathische Britin seit ihrem Debütalbum „Wildfire“ in 2017 hier reviewtechnisch mitbegleitet und sie auch mehrfach live begutachtet, zuletzt noch Ende 2024 beim Gig im kleinen Saal im Luxor Live in Arnheim.
Nach ihrem überragenden Vorgänger „Beneath The Neon Glow“ und dem damit verbundenen, durchaus beachtlichen Erfolg, lag die Messlatte enorm hoch. Meist entscheiden sich Interpreten, auf Nummer sicher zu gehen und nach dem Motto ’never change a winning team‘ auf der ’sicheren Schiene‘ weiterzufahren, um sich weiter in ähnlichem Rahmen zu bewegen.
Nicht so Elles Bailey, die ‚krempelte diesmal alles um. Neuer Produzent (Luke Potashnick), neue Co-Songwriter und Musiker (ihre Liveband blieb völlig außen vor) und auch eine deutlichere Ausrichtung zu soullastigerer Musik, was man bei den beiden Openern „Can’t Take My Story Away“ und dem groovigen „Growing Roots“ sowie später dem flotten „Angel“ (Motown-Note) recht eindrucksvoll vor ‚Öhren‘ geführt bekommt, einhergehend mit Bläsersätzen und gospeligen weiblichen Backgroundgesängen.
Erst beim vom leider viel zu früh verstorbenen Catfish-Fronter Matt Long geschriebenen, herrlich flockigen „Better Days“ tritt ihre immer wieder in ihre Musik integrierte Country-/Southern Rock-Passion in den Vordergrund, was besonders im Twin-Gitarren simulierenden E-Gitarrensolo deutlich wird.
In den ruhigen Stücken wie u. a. „Blessed“ (mit Piano und Streichern), „Constant Need To Keep Going“, „Dandelion“ (alle mit Pop-Appeal, aber auch unterschwelliger Nashville-Note) und der theatralisch endenden Pianoballade „Starling“ kommt natürlich ihre grandiose, leicht rauchige Stimme besonders gut zur Geltung.
Kommen wir zum Schluss noch zu meinen beiden weiteren Favoriten neben „Better Days“. Da wäre das in Little Feat-/Bonnie Raitt-Manier (E-Slide, HT-Piano, Orgel, Harp BGVs) cool dahinschunkelnde „How Do You Do It“ und der melodische, dezent melancholische und radiotaugliche Ohrwurm „Tightrope“.
Auch wenn „Can’t Take My Story Away“ aus meiner Sicht nicht ganz an den überragenden Vorgänger heranreicht, haben wir es wieder mit einem hervorragenden Werk von Elles Bailey zu tun. Wir werden ihre Geschichte deswegen sicher nicht beiseite schieben, Ganz im Gegenteil, wir werden ihre Entwicklung, wie bisher, weiter mit viel Freude begleiten, dokumentieren und in die Musikwelt hinaus publizieren.
Cooking Vinyl & Outlaw Music (2026) Stil: Rock/Pop/Soul
01. Can’t Take My Story Away 02. Growing Roots 03. Better Days 04. Blessed 05. Constant Need To Keep Going 06. Take A Step Back 07. How Do You Do It 08. Angel 09. Dandelion 10. Tightrope 11. Starling