
Review: Hans-Joachim Kästle
Brooks Milgate wurde in eine musikalische Familie hinein geboren. Seine Eltern hatten sich in einer Gospelgruppe kennengelernt. Mit fünf Jahren begann Little Brooks, Piano zu spielen, während sein Vater ihm die Bassgitarre näherbrachte, so dass er seine Eltern bei Auftritten begleiten konnte.
Mit zwölf Jahren hat sich Brooks Milgate entschieden: Das Piano, das ist mein „Ding“. Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes. Er entdeckte bei seinem Vater die Kassetten „Brothers and Sister“ von den Allmann Brothers und Led Zeppelin IV. Damit hatten sich jedwede Überlegungen nach dem Motto „Was soll ich denn nur mal werden?“ erledigt.
Jahre später erhielt Brooks Milgate ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston, das er 2005 mit Magna Cum Laude abschloss. Musikalisch etablierte er als Pianist und Organist und ging mit Blues-Acts auf Tour: Sugar Ray and the Bluetones, Darrel Nulisch, Kid Ramos, Ana Popovic, Chris O’Leary oder Mark Hummel. Unter anderem spielte er auch bei der Rockband Curtis Mayflower, die einige Alben und Singles veröffentlicht hat.
„Roll With The Punches“ – in dessen Mittelpunkt natürlich oft die Tasteninstrumente stehen – soll nun sein „first solo outing“ sein, wie die Plattenfirma schreibt. Das erstaunt einigermaßen, denn im vergangenen Jahr sind unter seinem Namen die Sechs-Songs-EP „The Night Needs The Stars“ und die CD „The Stags“ erschienen. Wie auch immer: Sein neues Werk bietet neun neue Kompositionen und die Klassiker „My Babe“ von Little Walter und „Goodnight Irene“ von Lead Belly, einen Akustik-Blues aus den 30er-Jahren.
Während sich zum Beispiel Keith Richards auf seiner CD „Crosseyed Heart“ aus dem Jahr 2015 mit seiner elegisch-getragenen Version eng an das Original gehalten hat, hat Milgate aus „Goodnight Irene“ eine beschwingte Boogie-Nummer gemacht, geprägt von Klavier und einem Saxophon-Solo. Das zeigt einmal mehr: Es kommt nicht unbedingt auf die Komposition an, sondern auf die Interpretation.
Zu den Höhepunkten von „Roll With The Punches“ gehört gleich die Eröffnungsnummer „Cheap Airline“, ein autobiografischer Song, der erzählt, wie sich Brooks auf einem Flug einer Billigfluggesellschaft nach Island verliebt hat. Verpackt ist das Ganze in einen Classic Rock, der die großen Zeiten in den Siebzigern und Achtzigern hochleben lässt, wobei Monster Mike Welch die Gitarre beisteuert.
Schade, dass es nicht mehr davon gibt, auch wenn die CD so oder so überzeugen kann. „Best That We Can Do“ geht Richtung Memphis Soul mit Bläsern, wogegen „I Should ’ve Known“ einen gediegenen New-Orleans-Rhythmus aufweist. Erneut ist Mike Welch ausgiebig an der Gitarre zu hören.
Der „Interstate Shuffle“ kommt als Instrumentalstück daher. Der Titelsong ist ein gediegener Blues, bei dem – wer wohl? – wieder die Saiten zupft. „Why I’d Wait So Long“ ist wohl eine Referenz an seine Eltern – ein Gospel im modischen Gewand.
Etwas aus dem Rahmen fällt der letzte Titel „Blueish Gray“, ein instrumentaler Smooth-Jazz, dominiert von Brooks Milgates Piano- und Orgelspiel. So muss es sich anhören, wenn der Pianist in einer schicken Bar zum letzten Mal in die Tasten greift, bevor es draußen langsam hell wird…
MoMojo Records (2026)
Stil: Rock, Blues, Soul
01. Cheap Airline
02. Goodnight Irene
03. Best That We Can Do
04. I Should’ve Known
05. Interstate Shuffle
06. Worry
07. Roll With The Punches
08. Why’d I Wait So Long
09. My Babe
10. So Long
11. Blueish Gray
