Delbert McClinton and Self-Made Men + Dana – Tall, Dark & Handsome – CD-Review

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Review: Stephan Skolarski

Wer von der amerikanischen Rolling Stone als „Godfather of Americana“ und „Roots music visionary“ bezeichnet wird, dessen Albumveröffentlichung kann nur ein weiteres Highlight für eine ganze Musiksparte sein. Delbert McClinton, der vor allem im Americana, also im Grenzbereich zwischen Country, Blues und Folk unterwegs ist, scheint auch nach fast 60 Jahren Musikbusiness immer noch nicht müde.

Der mittlerweile 78-jährige Texaner hat für seinen insgesamt 26. Longplayer seit 1972 wieder die Begleitband The Self-Made Man + Dana zusammengetrommelt und erfreut mit 14 neuen Songs, die weit über sein Americana-Spektrum hinausgehen.

Als Sänger, Gitarrist, Harmonica-Spieler und Pianist gehört Delbert McClinton wohl offenbar zum ‚ausdauernden‘ musikalischen Urgestein, das seine vielseitige, über die langen Jahre gewachsene Erfahrung, mit dem Album „Tall, Dark and Handsome“ erneut unter Beweis stellt.

McClinton, der seine Laufbahn als Musiker für farbige Blues-Größen (u.a. Sonny Boy Williamson, Howlin‘ Wolf, Lightnin‘ Hopkins etc.) in den fünfziger Jahren begann, spielte 1962 das prägende Harmonica-Solo auf Bruce Channels Allzeit-Hit „Hey Baby“ und ist seit dem ein reichlich umtriebiger Songwriter und Bandleader geblieben.

Immerhin drei GRAMMY Awards für Contemporary Blues und eine Reihe von noblen Chart-Platzierungen sowie anerkennende Cover Versionen durch bekannte Kollegen, wie den Blues Brothers, Emmylou Harris, Etta James, Buddy Guy, Garth Brooks und Waylon Jennings u. a. belegen sein weitreichendes Repertoire.

Der vorliegende Longplayer und Nachfolger von „Prick of the Litter“ (2016) spielt sich dementsprechend durch viele Richtungen des Blues, Swing, Jazz und Country und eröffnet mit dem riesigen Big-Band-Blues-Shuffle „Mr. Smith“ und einer meisterlichen Dana Robbins am Saxophon. Der folgende, schnelle Südstaaten-Rock „If I Hock My Guitar“ erinnert in einer zwei Minuten Kurzfassung an die „Little Feat“-Tradition die vom überraschenden Akustik-Swing „No Chicken On The Bone“ mit schneller Geigen-Begleitung im Django-Reinhardt-Stil abgelöst wird.

McClinton, der sein Album als “kind of a salute to Texas blues, the music I grew up on” beschreibt, hat alle 14 Stücke selbst geschrieben bzw. im Co-Writing verfasst und damit eine opulente Mischung seines „Texas-Roots-Sound“ geschaffen, den seine Band bravourös und variantenreich interpretiert.

Vom Klarinetten-Solo im Midtempo Country „Let‘s Get Down Like We Used To“ bis zum jazzigen Story-Teller-Blues „Ruby & Jules“ reicht dabei die eigenwillige Song-Auswahl. Dass Delbert McClinton seine Gesangs-Parts handwerklich von Grund auf gelernt hat, wird nicht nur im langsamen Soul-Blues „Any Other Way“ deutlich, sondern verleiht dem jazzigen Sound von „Lulu“ weitläufig einen gewissen Tom Waits-Charakter.

Die typischen Blues-Shuffle-Songs, wie „A Fool Like Me“ und „Can’t Get Up “ – letzteres mit herrlichem Hammond-Solo, fehlen ebenso wenig als musikalische McClinton- Klassiker, wie die zwei Abschluss-Tracks im fast psychedelischen Gewand.

Delbert McClinton ist es mit dem Album „Tall, Dark & Handsome“ im hohen Alter nochmals gelungen, lautstark durchzustarten und ein lebenserfahrenes Werk abzuliefern, das seine vielleicht bisher in Europa unterschätzte Songwriter und Bandleader Qualität offenkundig wiedergibt.

Hot Shot Records/ Thirty Tigers (2019)
Stil: Blues, Country, Americana

Tracks:
01. Mr. Smith
02. If I Hock My Guitar
03. No Chicken On The Bone
04. Let’s Get Down Like We Used
05. Gone To Mexico
06. Lulu
07. Loud Mouth
08. Down In The Mouth
09. Ruby & Jules
10. Any Other Way
11. A Fool Like Me
12. Can’t Get Up
13. Temporarily Insane
14. A Poem

Delbert McClinton
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Brandon Clark Band – Tall – CD-Review

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„Oklahoma Beer Joint Music“! Die nächste, richtig „geile“ Truppe aus dem „Red Dirt“-Umfeld des Areals Texas/Oklahoma mit einem „Mörder“-Album! Schon der Blick auf das Backcover weckt gewisse Erwartungen und scheint zu vermitteln, was einen dann auch tatsächlich bei dem klasse Debüt der Brandon Clark Band erwartet. Energie geladener, von satten Gitarren bestimmter, voller Southern Rock-Esprit steckender, unbekümmerter, losgelassener, erdiger, hard-drivin‘ „Red Dirt“-(Country)Rock vom Allerfeinsten, wobei einem die sicher prickelnde Live-Atmosphäre einer BCB-Show bereits am geistigen Auge vorüber zieht.

Auf dem „Live-Foto“ sieht man Drummer Heath Jacobsen im Hintergrund, den mächtig cool wirkenden Bassisten Darren Lightfoot und Bandleader Brandon Clark lässig „in Action“ mit ihren Cowboyhüten und ihren Gitarren, während der hoch talentiert und prächtig aufspielende Leadgitarrist Dave Duval ekstatisch in „Hendrix-Manier“ seine Klampfe hinterm Kopf bearbeitet. Es handelt sich bei „Tall“ allerdings keineswegs um eine Live-CD, sondern um ein reines Studioalbum. Aber, und das kommt phantastisch rüber, vermittelt auch der Studiosound durch seine Ursprünglichkeit und den Verzicht auf überproduzierten Firlefanz, eine überaus authentische Live-Atmosphäre.

Diese Truppe spielt direkt, unbekümmert und frei von der Leber weg. Und die Songs bleiben prächtig hängen! Alle beteiligten Musiker stammen aus Tulsa, Oklahoma, spielten dort in diversen regionalen Bands, bis schließlich der ideale Zeitpunkt zum Start der Brandon Clark Band gekommen war. 2007 hat man bereits über 250 Shows zusammen abgewickelt und ist auch laufenden Jahr wieder ohne Ende auf Tour (u.a. mit Interpreten wie Jason Boland & The Stragglers, Roger Clyne & The Peacemakers, The Derailers, No Justice, Eli Young Band, Bleu Edmonson, Billy Joe Shaver). Mit ihrem herrlichen, so ungemein dynamisch vorgetragenen, zwischen Rock, Country und Southern Rock angesiedelten, „roughen“, aber absolut melodischen Sound scheint es so, als lägen ihre größten Einflüsse irgendwo an einem Schnittpunkt von Cross Canadian Ragweed und den Outlaws (mit einem Schuß Lynyrd Skynyrd).

Damit beackern sie in etwa das Terrain solcher Kollegen wie der Ryan Bales Band, der Tyler McCumber Band, Back Porch Mary und wie sie alle heißen. Schön auch ihre eingangs bereits erwähnte Eigen-Charakterisierung „Oklahoma Beer Joint Music“, die den damit unterschwellig suggerierten hohen Spaßfaktor hervorragend zum Ausdruck bringt. Los geht’s mit dem satt groovenden, herrlich melodischen, schwungvollen „Writing On The Wall“, eine „Hammer“-Nummer, die mit ihren beiden fulminanten, beherzt und flink in Szene gesetzten E-Gitarren-Soli im Mittel- und Endteil jede Menge Southern Rock-Nähe versprüht.

Da kommen einem unweigerlich Hughie Thomassons Outlaws in den Sinn. Die folgenden „Try A Little Loneliness“ und das forsch galoppierende „Another Bottle“ bestechen durch pulsierende Countryrock-Atmosphäre (tolle E-Gitarren-Läufe), wobei man Einflüsse großer Country-Outlaws wie Cash und Jennings, aber auch solcher Bands wie Molly Hatchet, Cross Canadian Ragweed oder The Bottle Rockets geschickt zu einem spannungsgeladenen und harmonischen Ganzen in Einklang bringt. Bis auf einen wurden sämtliche Songs übrigens von Darren Lightfoot und Brandon Clark zusammen, oder von einem der beiden alleine komponiert. Zwei etwas gemäßigtere Tracks (das southern-mäßige, starke „She’s Got No Wings“ und „Wandering Eyes“) haben höchstens Verschnaufpausen-Charakter, denn beim kompletten Rest regieren dann wieder pure Spielfreude, und es wird ordentlich Gas gegeben.

Die immer wieder stampfende Countryrocker mit den fetten E-Gitarren-Passagen, dabei extrem melodisch und oft mit humorvollen Texten ausgestattet, machen richtig Laune. Man merkt zu jeder Zeit deutlich, über welches Potenzial die Band verfügt und dass sie möglicherweise eine „rosige“ Zukunft vor sich hat – und das sie ein echter Live-Abräumer sind. „This Hangover Ain’t Over“ (ein furioser „Red Dirt“-Roadhouse-/Honky Tonk-/Country-Rock’n Roll-Heuler), „Along For The Ride“ (dezent blues-rockig), „18 wheeler“ (kraftvoller Trucker-Rock) und „So Far Gone“ („Red Dirt“-mäßig Richtung Cross Canadian Ragweed, Stoney LaRue) beweisen, dass das Quartett äußerst variabel agieren kann.

Selbst der alte Dylan-Song „Wagon Wheel“ (mit tollem southern-rockin‘ Outlaws-Flair) wurde zu einer richtigen Gute Laune-/Mitgröl-Nummer umgemünzt. Am Ende gibt es mit „After The Sun Goes Down“ schließlich noch ein fettes Southern Rock-Stück, das wie aus einer Session von Cross Canadian Ragweed und Lynyrd Skynyrd stammend daher poltert (klasse ein sich immer wieder steigerndes „Gimme Three Steps“-E-Riff, pumpender Bass, knochentrockenes Drumming). Ein toller Abschluß eines durchweg tollen Albums!

Ein kleines Manko ist die etwas spartanische Verpackung der CD im einfachen Papp-Sleeve in alter LP Cover-Optik, doch das muss im Hinblick auf die tolle Musik einfach als zweitrangig eingestuft werden. Mit diesem Quartett hat die southern orientierte Coutryrock-/“Red Dirt“-Szene ihren nächsten Rohdiamanten im Rennen! Und der wird gewaltig „funkeln“! „Tall“ – ein bärenstarkes Debüt der Brandon Clark Band!

Eigenproduktion (2008)
Stil:  Country Rock

01. Writing on The Wall
02. Try A Little Loneliness
03. Another Bottle
04. She’s Got No Wings
05. This Hangover Ain’t Over
06. Along For A Ride
07. 18 Wheeler
08. Wandering Eyes
09. Wagon Wheel
10. So Far Gone
11. After The Sun Goes Down

Brandon Clark Band
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