Albert Castiglia – Grits & Glory – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Für Albert Castiglia, mehrfacher Blues-Music-Award-Gewinner sowie „Inhaber“ des Nummer-eins-Spots der Billboard Blues Charts und neben Mike Zito ein Teil der Blood Brothers, hat sich mit seiner neuen CD ein Kreis geschlossen.

„Meine Anfänge als Musiker in Chicago und an der Ostküste haben meinen Spielstil und meine Sicht auf den Blues geprägt. Aber gleichzeitig liebe ich das Hin und Her innerhalb des Blues von Amerika nach Großbritannien und wieder zurück – beides hat seinen Einfluss gehabt“, erzählt Castiglia, der Jeff Beck, John Mayall, Eric Clapton oder Jimmy Page zu den (britischen) Musikern zählt, die ihn geprägt haben.

Seinen Einstieg in die Karriere startete er als Mitglied der Tour-Band von Blueslegende Junior Wells. Später entdeckte der in New York als Sohn einer kubanischen Mutter und eines italienischen Vaters geborene Sänger, Gitarrist und Songwriter Blueskünstler wie B.B. King oder Muddy Waters. Während einer Europatournee 2023 entstand die Idee, den traditionellen Blues amerikanischer Prägung mit dem Flair der britischen „Nachkommen“ zu verbinden, um – siehe oben – den Kreis zu schließen. Die legendären Abbey Road Studios in London sollten es sein und wurden es schließlich auch.

„In Amerika herrscht gerade viel Trubel“, sagt der fast 57-Jährige, „ich wollte all dem entfliehen, mir Raum zum Nachdenken zu geben. Die Aufnahmen zu dieser Platte in England haben mir das ermöglicht.“ Der Trubel, die unruhigen Zeiten, das Chaos spiegeln sich auch in seinen Texten wider. Das hört man gleich im ersten Titel „In My America“, wenn Castiglia singt: „Riech den Rauch der brennenden Bücher – die Flammen sind heiß und schlagen höher. Kritisches Denken ist unerwünscht. So war es schon immer in Amerika.“ Aber er wäre natürlich kein „wahrer“ Amerikaner, wenn er nicht auch singen würde: „Alles, was ich kenne, ist Amerika. Ich werde mich für Amerika einsetzen. Das ist mein Recht in Amerika. Denn ich glaube an Amerika.“ Verpackt ist das Ganze in harte, wuchtige, treibende Blues-Rock-Rhythmen.

In diesem Stil geht es weiter, sowohl textlich als auch instrumental. Bei „I’m Afraid To Fall Asleep“ hört sich das zum Beispiel so an: „Letzte Nacht schloss ich meine geschwollenen Augen. Ich hörte das Wiegenlied meiner Mutter. Als ich aufwachte, hatte ich keine Seele. Mein Herz war still, mein Fleisch war kalt. Ich habe Angst, einzuschlafen.“ Sicherlich ein ungewöhnlicher Text, aber allemal besser als ein fortwährendes „Darling, ich liebe dich lalala…“

„Slumlord Billionaire“ ist ein „schleichender“ Blues, dem Albert Castiglias Gitarre den nötigen Drive gibt. Die direkte Referenz an die Abbey Road Studios und die Beatles, die sie bekannt gemacht haben, darf nicht fehlen: „Yer Blues“ passt perfekt ins Bild. Schließlich heißt es, im Original gesungen von John Lennon: „Ich bin einsam, will sterben …

Der Adler pickt mir das Auge aus. Der Wurm leckt meine Knochen“. Albert Castiglia verpackt das Ganze – um im Bild zu bleiben – in einen knochentrockenen Blues Rocker. „Grits & Glory“ ist kompromissloser, authentischer, emotionaler Gitarren-Blues-Rock.

Gulf Coast Records (2026)
Stil: Blues Rock

Tracks:
01. In My America
02. I’m Afraid To Fall Asleep
03. Uncertainty
04. Michigan Avenue
05. Sack The Juggler
06. Slumlord Billionaire
07. The Milk Is Still Good
08. Don’t Burn Down The Bridge
09. When The Coin Came Callin‘
10. Afro Blue
11. Yer Blues

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Molly Hatchet – Support: Losing Gravity – 03.12.2023, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertbericht

Wenn eine der früher meist verehrtesten Southern Rock-Bands  nach Jahren hier bei uns im Westen und dann auch noch in einem unserer Stammclubs gastiert, ist es natürlich selbst an einem Sonntag Abend, wo danach montags in der Früh der Wecker unbarmherzig zur anstehenden Arbeitswoche klingelt, Pflicht, mit unserem Magazin Präsenz zu zeigen.

Molly Hatchet hatte sich nach einigen eher mäßigen Auftritten in der Vergangenheit im Musiktheater Piano angesagt und es gab eine ausverkaufte Hütte. Mittlerweile mit neuem Sänger, einem neuen Song („Firing Line“) und einem folgenden Album (aufgenommen in den berühmten Abbey Road Studios in London), gab es Grund genug, dem Gig optimistisch entgegen zu sehen.

Apropos Wecker: Die Ankündigung einer Vorband hatte meinem ersten Enthusiasmus erstmal einen Dämpfer verpasst, in der Regel verlängert das meistens nur den Abend und äußerst selten kommt was Lohnenswertes dabei rum. Aber halt, als die deutsche Truppe Losing Gravity mit ihrem texanischen (wie ich später erfuhr) Sänger Chase Wilborn (ich wunderte mich direkt über einen so guten englischen Gesang von einem vermeintlich deutschen Fronter…) schön rockig loslegte, war ich sehr positiv überrascht.

Die jungen Burschen präsentierten mit u. a. „If You Ever Needed“, „Another Day“, Get Loose“, „Long Road“ und „Foundations“ Stücke aus ihren beiden bisherigen Alben, die ein wenig in Richtung, von Bon Jovi (Wilborns Stimme erinnerte mich stark an die von Jon Bon Jovi), Mr. Big, Bryan Adams, etc. gingen. Melodische Rock-Sachen, die einem ja auch als Southern-Fan nicht unbekannt sind. Das kam alles sehr selbstbewusst, erfrischend und sehr sympathisch rüber, es wurde mit dem Publikum interagiert, was dann am Ende auch insgesamt gut ankam und in viel Applaus über die knapp 45 Minuten Spielzeit münzte. Ein guter Auftritt, ohne dass es einem natürlich den Boden unter den Füßen wegzog.

Wie oben bereits erwähnt, sah es so aus, als wenn Bobby Ingram die Wende zum Positiven wieder einläuten würde, neuer Sänger, neues Single, neues Album mit neuen Stücken, das klang doch erstmal alles gut. Allerdings deutete der Haus-und Hof-Tontechniker des Pianos schon vor dem Konzert an, dass Molly Hatchet wieder ihren eigenen Abmischer dabei hätten und dass es sehr laut werden würde, mir schwante Böses…

Und in der Tat gab es wieder den gleichen überlauten Soundbrei, dass es sogar selbst für mich ganz vorne, zunächst schwierig war, die Songs zu identifizieren, da die Stimme von Parker Lee kaum durchdrang und die Pausenmusik scheinbar auch noch im Hintergrund mitlief und nicht eliminiert worden war. Die Keys von John Galvin waren so gut wie garnicht zu hören und wenn, dann nur bei zwei Intros (ohne, dass die Restinstrumente dabei waren). Ich hoffe für die zahlreichen Besucher, dass es nach hinten zumindest nicht ganz so schlimm war. Die gingen allerdings wieder recht gut mit.

Es besserte sich dann erst etwas nach dem Schlagzeugsolo von Shawn Beamer, ab da kam der Gesang vom jungen Fronter Parker Lee, der allerdings sehr motiviert und überdreht inmitten des Altherren-Ensemble wirkte, etwas besser durch. Fairer Weise muss man sagen, dass Bobby Ingram, der mich vor „Beatin‘ The Odds“ per Handschlag begrüßte und sich für unser Kommen kurz bedankte, immer noch ein klasse Gitarrist ist und viele quirlige Soli abfeuerte, zum Teil auch die southern-typischen Twin-Elemente alleine simulierte.

Zu den Highlights zählte sicherlich „Fall Of The Peacemakers“, das mit seiner Mahnung „Stop The Madness“, angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt, aktueller denn je wirkt. Zur Zugabe hätte ich mir zwar die neue Single „Firing Line“ gewünscht (stand als Option auf der Setlist), es wurde dann aber die zweite, auch sicherlich nicht schlechte Variante mit „Flirtin‘ With Disaster“ als Rausschmeißer gewählt. 

Eigentlich ist es ganz einfach: Mal für einen etwas leiseren und dafür transparenteren Sound sorgen, und dann könnte bei Molly Hatchet mit der neuen Scheibe im Rücken, vieles wieder in die richtige Richtung laufen.

So begibt man sich am Ende – nochmal die eigens miterlebten grandiosen Gigs von Molly Hatchet in der Essener Grugahalle (1983 damals zusammen mit den Outlaws) und auch den überragenden Auftritt 1996 auf der Lorelei (zusammen mit u. a. Nine Below Zero, The Band und Lynyrd Skynyrd) unter Ingramscher Regentschaft Revue passieren lassend, angesichts der aktuellen Leistungen, dann doch wieder ein wenig wehmütig auf den Heimweg.

Line-up Losing Gravity:
Chase Wilborn  (electric guitar, lead vocals)
Flo Hain  (electric guitar, vocals)
Lucas Urner (keys)
Max Friedrich (drums, vocals)
Lars Palenzatis (bass, vocals)

Line-up Molly Hatchet:
Bobby Ingram (electric guitar, vocals)
Parker Lee (lead vocals, harp)
John Galvin (keys, vocals)
Shawn Beamer (drums)
Tim Lindsey (bass, vocals)

Bilder: Gernot Mangold
Text: Daniel Daus

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Musiktheater Piano, Dortmund