Smith & Harley – Ride To Live – CD-Review

Dass die Biker-Szene ein immer ernster zu nehmendes Käuferpotential für Southern-Rock- Gruppen und deren Dunstkreis darstellt, ist spätestens seit der 38 Special-Live-Scheibe, aufgenommen im Motorrad-Mekka Sturgis, kein offenes Geheimnis mehr. So gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Bands, die der Lebensphilosophie der zweibereiften chrom- und PS-verliebten Zunft in ihren Songs Tribut zollen.

Selbst das brunftschreiartige Röhren beim Anzug des Gashebels oder das Quietschen der Pneus bei der aufmerksamkeitserhaschenden Vollbremsung, dienten oftmals als detailverliebter Special-Effekt, unvergessen beispielsweise beim Intro von Doc Hollidays „Last Ride“. Zwei echte Männer, auch rein äußerlich wie geschaffen für die Szene, sind Ron Smith und Jim Harley, die direkt mit ihrem Debuttitel und Eröffnungstrack ihr Lebensmotto kundtun. „Ride To Live, Live To Ride“.

Muskelpaket Ron Smith, an einen Hulk Hogan mit Cowboyhut auf dem Kopf erinnernd, sammelte bereits reichhaltige Erfahrungen in der TV-Branche, meistens im Stuntman-Geschehen (doubelte u. a. Charles Bronson und Burt Reynolds) und ist auch, wie nicht anders zu erwarten, in der Wrestling-Szene kein Unbekannter, dass ihm Kosenamen wie ‚The Mask Marvel‘ oder ‚Mr. TNT‘ einbrachte. Allerdings ist er auch ein potentielles Gesangstalent mit viel Clubszenen-Praxis, was mehrere Titel und Auszeichnungen bei diversen Veranstaltungen nachhaltig beweisen.

Der mit dezent gepflegtem Vollbart ausgestatte, leder-beklüftete Jim Harley macht eher den Eindruck des introvertierten Gegenparts zu Smith. Er erarbeitete sich als Singer, Songwriter und Gitarrist einen hervorragenden Ruf als Live-Act in (New-)Country-Gefilden, meist in der Rolle des Anheizers, für Interpreten wie Alabama, Patty Loveless, Restless Heart, Willie Nelson, Toby Keith und zig andere.

Unter der Regie des bekannten Produzenten Clyde Brooks (Kenny Chesney, Dolly Parton, Kenny Rogers) versuchen beide jetzt ihr Glück und es passt musikalisch wirklich alles ganz gut zusammen, nicht zuletzt auch der Verdienst zahlreicher brillanter Nashville-Studio-Musiker wie Greg Morrow, Pat Buchanan, Glen Duncan oder Mike Brignardello, die ihr Können jeder Situation blindlings anzupassen verstehen.

Nach zwei flotten, durstmachenden Uptemponummern am Anfang folgt mit „Tombstone“ ein erstes Highlight. eine tolle Western-Ballade voller Southern-Atmosphäre mit kreischendem Harmonika-Spiel von Kirk „Jelly Roll“ Johnson, wobei Smith stimmlich an Ronnie Keel erinnert, und dem Song eine Brise Iron Horse-Flair vermittelt.

Vom folgendem „Freedom“, einer mit knackigen Fiddeln und Slidegitarren gespickten Tanznummer, bis zum würdigen Nachfolger von ZZ Tops „Gimme All Your Lovin'“, hier „Gunnin‘ For Your Love“ betitelt zum Abschluss, bleibt der Gaszug unter Mitnahme aller Klischees am Limit, wobei das voller Power steckende Drumspiel von Greg Morrow und herrliche Leadgitarren der Herren Richard Bennett, Pat Buchanan und Chris Leuzinger ein durchgehender Genuss sind.

Apropos Genuss. live werden, dazu muss man kein Prophet sein, Smith & Harley (witziger und passender Weise gesponsert von ‚Harley Davidson‘ und ‚Smith & Wesson‘) auf Southern- und (New-)Country-Festivals, sowie den eingangs beschriebenen Treffen (entsprechender Alkoholpegel auch noch mit berücksichtigt) zu wahren Abräumern avancieren, das ist durch ihre tollen, stimmungsträchtigen Songs garantiert. Ein großer Spaß, nicht nur für immer jung bleiben wollende Bikerfreunde. Ach Renate, ist übrigens noch Bier im Kühlschrank…?

BDE/33rd Street Records (2005)
Stil: Southern Rock

01. Ride To Live, Live To Ride
02. Mama’s Got A Tattoo
03. Tombstone
04. Freedom
05. Cowboy Ride
06. That’s What I Like About Love
07. Red Moon
08. DUI Of Love
09. Stone Cold Crazy In Love
10. Gunnin‘ For Your Love

Smith & Harley
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Bärchen Records

Anthony Smith – If That Ain’t Country – CD-Review

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Wenn man beim Betrachten des Covers in das pausbackige und jugendlich wirkende Gesicht von Anthony Smith schaut, glaubt man gar nicht, welch außergewöhnliche Röhre diesem Burschen in die Wiege gelegt wurde.

Und spätestens nach dem ersten Refrain des Auftaktstückes „Who Invented The Wheel“ wird man das Gefühl nicht los, dass der in Tennessee geborene Sänger und Songwriter (bekannte Größen wie Trace Adkins, Lonestar oder George Strait u.a. nahmen seine Dienste bereits in Anspruch) an sein Debütwerk mit dem Ziel gegangen zu sein scheint, die gesamte New-Country-Konkurrenz an die Wand singen zu wollen.

Danach direkt der Knaller des Albums! Das hippe rhythmisch-funkig-flapsig dahingroovende Honky-Tonk-getränkte Titelstück mit seinem dezenten Voodootouch lässt einem die schwül-heiße Luft der Südstaaten förmlich durch den Körper strömen. Irre starkes Lied in Zusammenarbeit mit Jeffrey Steele, einem weiteren namhaften Songwriter der Szene. Wirklich große (New-) Countrymusik!

Die noch folgenden zehn Lieder werden zwar von einer gewissen Gemütlichkeit getragen, aber die Breaks und Refrains, die Anthony voller Inbrunst daherbölkt, lassen jede Gefahr von eventueller Lethargie verpuffen. Weitere prächtige Beispiele: Das ruhige „John J. Blanchard“, das mich vom Feeling an Skynyrds „Ballad Of Curtis Loew“ erinnert, das relaxte Midtempostück und zweite Singleauskopplung „Half A Man“ oder „Airborn“, mit dem von Charlie Daniels oftmals angewendeten rauchigen Sprechgesang.

Die starke Instrumentierung mit vielen E-, Slide-Gitarren- und Pianoeinlagen, für die Multitalent und Mitproduzent Bobby Terry größten Teils verantwortlich ist, dient dabei als Grundlage einer Scheibe jenseits jeden Kommerzes. Ich meine, eine gute Gelegenheit, um die Wartezeit bis zu den nächsten Alben von Montgomery Gentry, Travis Tritt oder Russell Smith zu überbrücken, wobei dieses grandiose Werk sicherlich nicht als Lückenbüßer missverstanden werden sollte.

Auch der eine oder andere Mensch der Americana-Fraktion hat hier sicherlich seine Freude, ich denke da zum Beispiel an John Hiatt-Fans.
Beinhaltet das Statement „If That Ain’t Country“ so etwas wie einen gewissen suggestiven Charakter, so kann ich letztendlich doch relativ unbeeinflusst und frei von der Seele Anthony Smith meinen klaren Kommentar dazu geben: ‚Yeah, that’s country!‘

Mercury Nashville (2002)
Stil: New Country

01. Who Invented The Wheel
02. If That Ain’t Country
03. John J. Blanchard
04. Impossible To Do
05. Half A Man
06. Metropolis
07. Up To The Depth
08. Airborn
09. What Brothers Do
10. Hell Of A Question
11. Venus
12. Infinity

Anthony Smith
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Russell Smith – The End Is Not In Sight – CD-Review

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Man stelle sich folgendes vor: Ein lauer Sommerabend, ein schönes Südstaatenanwesen mit entsprechender Villa (ungefähr so wie auf dem Debütcover von Dickey Betts & Great Southern), eine lockere Party, zugegen viele Musiker wie J.J. Cale, Bruce Hornsby & The Range, Bob Seger & The Silver Bullet Band, John Hiatt, Lenny McDaniel, Pirates Of The Mississippi, Pat Green und so weiter.

Bei kühlen Getränken und nettem Smalltalk entschließt man sich auf einer improvisierten Bühne in entspannter Atmosphäre ein wenig zu jammen.
Da auf einer guten Party attraktive Frauen nicht fehlen sollten, sind die Backgrounds auch schnell von hübschen dunkelhäutigen Damen besetzt. Das Mikro schnappt sich ein mit einer Reibeisenstimme ausgestatteter Sänger, namens Russell Smith, Insidern bisher bekannt als Frontmann einer Band, die sich Amazing Rhythm Aces nennt. Irgendwo eine schöne Vorstellung, nicht wahr?

In der Realität liegt mir zwar ein Studioalbum dieses besagten Herrn Smith vor, eingespielt aber von nicht minderen Musikergrößen wie der Riege der legendären Muscle Shoals Studios (u.a. David Hood, der ja auch die ersten Gehversuche von Lynyrd Skynyrd begleitete). Will man jedoch den Stil oder die möglichen Einflüsse umschreiben, kann man das fiktive Anfangsszenario schon guten Gewissens sinnbildlich übertragen.

Herausgekommen ist eine Art relaxter balladesker Südstaaten Rock („Old School“, „The King Is In His Castle“, „Walk These Hills“, „Look Heart, No Hands“) mit einem Schuss Soul („Don’t Go To Strangers“, „Heartbeat In The Darkness“), ohne aber in Leblosigkeit oder Langeweile auszuufern, was durch peppige Nummern wie „The Road“, „We’ve Gettin Outta Here“, „Jesse“ und dem herrlichen Gutelaunetitelstück „The End Is Not In Sight“ garantiert ist.
Lehnen wir uns zurück und heben unser Glas darauf, dass das Ende von Russell Smiths schöpferischen Dasein noch lange nicht in Sicht sein möge!

Muscle Shoals Records (2001)
Stil: Country Rock

01. Old School
02. The King Is In His Castle
03. The Road
04. Walk These Hills
05. Look Heart, No Hands
06. Don’t Go To Strangers
07. We’ve Gettin‘ Outta Here
08. What I Learned From Loving You
09. Heartbeat In The Darkness
10. Third Rate Romance
11. Jesse
12. Keep It Between The Lines
13. The End Is Not In Sight

Bärchen Records

Amy Speace – The Killer In Me – CD-Review

„The Killer In Me“ ist das vierte Album der in Baltimore, MD geborenen Musikerin (Nummer zwei siehe hier). Amy Speaces künstlerischer Weg begann zunächst in Form eines Schauspielstudiums. Als sie sich aber das Gitarrespielen selbst beigebracht hatte, führte der Weg nach New York und ebnete ihr den Zugang in die dortige Clubszene. Auch in New Jersey erfreute sie sich großer Beliebtheit. Während des Pendelns zwischen diesen zwei Staaten lernte sie die Musiker (James Maestro, Jagoda, Rich Feridum, Matt Lindsay) kennen, die sie fortan als Band (The Tearjerks) begleiteten und auch bei ihrem aktuellen „The Killer In Me“ tatkräftig unterstützten.

Produziert hat das 13 Stücke umfassende Werk (darunter ein Hidden-Track, „Weight Of The World“) Gitarrist James Maestro. Amy Speace hat ganz in der Manier einer Singer/Songwriterin sämtliche Stücke selbst geschrieben und bei insgesamt nur dreien diverse Co-Autoren mitwirken lassen. Als kleines Bonbon gibt sich Rock-Legende Ian Hunter die Ehre, zweimal ganz gut heraus hörbare Harmony-Vocals beizusteuern (bei „The Killer In Me“, „I Met My Love“).

Auch wenn ich noch nie in New York gewesen bin (und mich auch dort nichts hinziehen würde), bringen die mit sehr intelligenten Texten ausgestatteten Songs von Amy (im eingesteckten Booklet des Digipacks abgedruckt) die klischeehaften Attribute, die ich mit dieser Stadt assoziiere (Anonymität, soziale Kälte, Beton) atmosphärisch recht gut rüber, obwohl sich die instrumentelle Umsetzung eher in südlich-ländlichen Sphären zwischen (Alternate-) Country und (bluesigem) Roots-Rock ansiedelt. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Steve Earle große Sympathien für Mrs. Speace hegen würde, der ja mit einer Allison Moorer verheiratet ist, die mir neben Lucinda Williams, Melissa Etheridge (dezent) und der vor einiger Zeit von mir reviewten Kristin Mooney spontan als Bezugsinterpretinnen einfällt. Schöne Musik für eine dunkle Club-Kaschemme.

„The Killer In Me“ von Amy Speace ist kein Album, dass man sich mal eben so nebenbei beim Kaffeeklatsch reinziehen kann. Der von mir im Absatz zuvor geschilderte Widerspruch von Atmosphäre und Musikstil wird von der Künstlerin brillant gelöst. Hier heißt es, es sich auf der Couch gemütlich zu machen, den Silberling im Player anzuschmeißen, sich das Booklet zu schnappen, den guten Texten (Wörterbuch zur Hand nehmen, falls die Englisch-Kenntnisse es erfordern), der rauchig introvertierten Stimme und den instrumentellen Feinheiten der Musiker Folge zu leisten und das Gesamtwerk auf sich wirken zu lassen. Empfehlenswerter und anspruchsvoller Stoff!

Wildflower Records (2009)
Stil: Americana

01. Dog Days
02. The Killer In Me
03. Better
04. Blue Horizon
05. This Love
06. Haven’t Learned A Thing
07. Storm Warning
08. Something More Than Rain
09. Would I Lie
10. Dirty Little Secret
11. I Met My Love
12. Piece By Piece

Amy Speace
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Hemifran

Michael Stanley – The Hang – CD-Review

Ich verfolge die Karriere des aus Cleveland, Ohio stammenden Michael Stanley seit ungefähr der Jahrtausendwende mit Begeisterung und besitze knapp ein Dutzend seiner mittlerweile 25 Tonträger, die er im Laufe der Zeit, sei es mit der Michael Stanley Band (da habe ich mir dann noch was nachbesorgt) oder mit den Resonators, seiner aktuellen Begleitcombo, herausgebracht hat. Seit „Eighteen Down“ bin ich sozusagen kontinuierlich am Ball geblieben und zähle alle ab da veröffentlichten CDs zu meinem Besitz.

Sein neues Werk „The Hang“ knüpft nahtlos an die beiden tollen Vorgänger „Just Another Night“ und „Shadowland“ an. Stanleys Alben aus der Resonator-Phase sind doch sehr ähnlich gestrickt und man könnte hauch hier auf das zu diesen Werken geschriebene verweisen. Dies käme aber einer einzigen Respektlosigkeit einem solch hervorragenden Künstler gegenüber gleich.

Natürlich hat „The Hang“ wieder all‘ die Stanley-typischen Trademarks zu bieten. Diese unaufgeregt dahinfließenden, sich fast sanft in die Gehörgänge einschmeichelnden, voller Melodie strotzenden Storyteller-Stücke, zwischen Ballade, entspanntem Midtempo und dem einen oder anderen etwas rockigeren Song, wie es auch Bob Seger (wenn auch in etwas kräftigerer und letztendlich kommerziell erfolgreicherer Manier) gerne praktizierte. Eine Jennifer Lee, die ihre wie immer auf den Punkt sitzenden und zu Stanley brillant passenden Harmoniegesänge en Masse einbringt sowie Keyboarder Bob Pelander, der Michaels unaufgeregten Gesang und seine einfühlsame Gitarrenarbeit zu Hauf wieder mit seinen wohlsamen Tastenklangteppichen umgarnt. Für den Mix ist wie so oft Legende Bill Szymczyk verantwortlich.

Und trotzdem ist „The Hang“ diesmal ein besonderes Album, zeigt es doch einen Michael Stanley in den schwersten Stunden seines Daseins. Seine geliebte Frau Skinner erlag im letzten Jahr dem Kampf gegen ihr Krebsleiden (von ihr ist auch das einzige Bild auf der Rückseite des eingesteckten Booklet im karg, nur mit einer Mauer und einer sinnbildlich leeren Bank, fotografierten Digipak). So stehen einige Songs dieses Albums offensichtlich im Fokus dieser schweren Zeit. Ganz deutlich u. a. in Textpassagen (alle Texte sind im Booklet abgedruckt) von „Breaking Down“ oder „Fait Accompli“ und auch allein schon an vielen Titeln der Lieder erkennbar.

Die traurigen Violinenklänge bei den kammermusikartig angelegten „Martha“ und „Another New Years Eve“ drücken ebenfalls auf die Stimmung. Coverversionen gibt es von Patty Griffins „“When It Don’t Come Easy“ und Dire Straits‘ „Romeo & Juliet“ (mit Mark Knopfler-Gedächtnis-Strat-Solo). Das gesellschaftskritische „How Many Guitars Do You Need“ erinnert im Refrain“ an eine gedrosselte Abwandlung von Bon Jovis „Keep The Faith“.

Zu den rockigeren Tracks zählen das slidebetonte „A Damn Fine Way To Go“ (starkes E-Solo), das groovige, mit einem bedrohlich wirkenden E-Piano daherkommende „Down In The Suck“, das Heartland-trächtige „Back In The Day“ (Bob Seger-Note) sowie das soulig stampfende Titelstück (polternde Drums, Orgel, klasse Gitarren, Saxophonfills) zum krönenden Abschluss. Ein wenig Countryflair gibt’s beim mit wimmernder Pedal Steel versehenen „Wonder Wheel“.

Michael Stanley hat mit „The Hang“ den wohl intensivsten und düstersten Longplayer (im wahrsten Sinne des Wortes – mit fast 75 Minuten Spielzeit) seiner umfangreichen Karriere vorgelegt, der ganz klar im Zeichen der Verarbeitung des erlebten Verlustes entstanden ist. Es ist ihm gelungen, seine Hörer unaufdringlich, bei gewohnt hochwertiger musikalischer Qualität, daran teilnehmen zu lassen. Ich wünsche herzliches Beileid nachträglich und hoffe, dass das aus den Fugen geratene Leben dieses sympathischen Künstlers möglichst schnell wieder ins Gleichgewicht kommen möge. „The Hang“ dürfte ein erster, wichtiger Schritt dazu gewesen sein!

Line Level Music (2012)
Stil: Rock

01. From Somewhere Else
02. The Last Great Illusion
03. How Many Guitars Do You Need
04. Breaking Down
05. When It Don’t Come Easy
06. Fait Accompli
07. A Damn Fine Way To Go
08. Wonder Wheel
09. Down In The Suck
10. Back In The Day
11. Martha
12. Romeo & Juliet
13. Another New Years Eve
14. The Hang

Michael Stanley
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Line Level Music
Bärchen Records

Jeffrey Steele – Hell On Wheels – CD-Review

Jeffrey Steele zählt zu den großen Hitlieferanten in Nashville. Jeder, der sich etwas intensiver mit CDs aus dem New Country-Genre beschäftigt, stößt mit 100%iger Garantie irgendwann, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar mehrfach auf seinen Namen, bei dem, was meist in der Klammer hinter dem Song steht. So ernteten bereits klingende Interpreten wie Montgomery Gentry, Tim McGraw, Faith Hill, Lonestar, Trace Adkins, Diamond Rio und viele andere die Lorbeeren seiner kompositorischen Inspirationen.

Als Musiker dürfte Steele, der übrigens eine auffallende äußerliche Ähnlichkeit mit Rot-Weiss Essen-Ex-Sturmführer Alex Löbe besitzt, und von daher eh schon sympathisch erscheint, Insidern als Bassist und Sänger der Gruppe Boy Howdy vielleicht noch bekannt sein, die Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre ihren Zenit hatten. Wehe aber, wenn der gute Jeffrey mal nicht ans tantiementrächtige Geldverdienen denkt, sondern sich seinem eigenen Solo-Projekt, unabhängig vom Nashville-Mainstream, widmet. Was er so drauf hat, bewies er eigentlich schon vor zwei Jahren auf seinem überragenden Album „Outlaw“, einer Mischung aus schönem, melodisch modernem, angerocktem Country und einer ordentlichen Portion Southern-Rock. Mittlerweile hat Jeffrey erneut Lust verspürt, sich selbst ein paar Stücke auf den Leib zu schreiben und herausgekommen ist mit „Hell On Wheels“ eine weitere Sternstunde (im wahrsten Sinne des Wortes, die Spielzeit beträgt knapp 58 Minuten!), die zeitgenössische Countryfreunde und Südstaaten Rocker zugleich begeistern wird.

Es geht gleich deftig los mit einem harpgetränktem, bluesigen Countrystomper „Your Tears Are Comin'“ mit recht amüsantem Text, den Steele mit dem bei Insidern ebenfalls recht beliebten Musiker Tom Hambridge komponiert hat (wie auch noch drei weitere Nummern). Ebenfalls aus der Feder der beiden „Sweet Salvation Of Southern Rock And Roll“, eine famose, emotional aufgeladene Southern-Rock-Hymne, die alles, was dieses Genre ausmacht, beinhaltet. Satter Drive in den Strophen, wunderbare E-Gitarren (inkl. ruhigem, warmen Slide-Bridge), Akustik-Piano und freche weibliche Backgrounds von Crystal Taliefero und K. K. Faulkner. Dazu gibt es, wie auch beim folgenden Mix aus Southern-Blues und dezentem Rockabilly, „Itchin'“, eine simulierte Live-Atmosphäre, die beide Songs noch peppiger erscheinen lässt. Überhaupt glänzen diesmal vor allem die fetzigeren Sachen, die Steele mit gewohnt rotziger Röhre vokal begleitet.

Weitere Highlights sind Sachen wie „Hollywood Girl“, ein swingender Southern-Boogie mit Bakersfield-Sound-Anleihen (lustiger Text, herrlich wie Background-Röhre Bekka Bramlett einmal „I love Jim Morrison“ dazwischenbölkt), „Georgia Boy“, eine Hommage an den guten Charlie Daniels (bei dem dessen eigene Stilmittel wie Sprechgesang und wieselflinken, filigranen E-Führungsriffs integriert wurden), oder „Down Here“ (mit tollem Banjo, bluesiger E-Gitarre, funkigen Breaks, Ooh-Ooh- Backs). Dazwischen immer mal wieder ein paar Balladen, die ohne jeden Schmalz auskommen und von Steele wunderschön, mal rauchig entspannt oder kratzig introvertiert, dargeboten werden. „Tryin‘ To Find It“ fand davon als Cover auf das neue Album vom in Nashville im Moment wieder stark auftrumpfenden Texas-Musiker Pat Green. Ebenfalls recht humorvoll dargeboten, wird hier das an John Mellencamp erinnernde „Drunk Girl“. Ein kurzes jazziges Boogie-Piano-Intermezzo ist dann noch meinem Nashville-Lieblings-Keyboarder Gordon Mote bei „Hit It Gordon“ vergönnt.

Mit „Hell On Wheels“ hat Jeffrey Steele wirklich nahtlos an sein ebenfalls sehr zu empfehlendes Vorgänger-Album „Outlaw“ angeknüpft, vielleicht sogar noch ein Schüppchen draufgelegt. Southern-Rocker, die immer noch leichte Berührungsängste haben, sollten sich jetzt wirklich einen Ruck geben. Die ganzen Klassemusiker, die auch diesmal wieder im Großen und Ganzen dabei sind (u. a. Pat Buchanan, Tom Bukovac, Greg Morrow, Tony Harrell, Gordon Mote, Russ Pahl), finden sich auch auf diesem Parkett spielend zurecht. Also, wenn nicht bei diesem Werk, wann dann? Lasst Euch musikalisch von Jeffrey Steele mit qualmenden Reifen durch die Southern-/Countryhölle fahren! Echt heiß!

Eigenproduktion (2006)
Stil: New Country

01. Your Tears Are Comin‘
02. Suite Natural Girl
03. Sweet Salvation Of Southern Rock And Roll
04. Itchin‘
05. Not That Cruel
06. Tryin‘ To Find It
07. Hit It Gordon
08. Hollywood Girl
09. Helldorado
10. Drunk Girl
11. Georgia Boy
12. Sad Situation
13. Down Here
14. Hey God

Jeffrey Steele
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Bärchen Records

Sugarland – Twice The Speed Of Life – CD-Review

Das Debüt von Sugarland ist zwar von Oktober letzten Jahres, trotzdem denke ich, dass die Scheibe es angesichts ihrer Klasse verdient hat, in Sounds of South vorgestellt zu werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sowohl das komplette Album als auch ihre sensationelle Single „Baby Girl“ monatelang bis zum aktuellen Tage in den Country Billboard Charts vertreten sind (Platz15, bzw. Platz 4, Stand 02.04.2005).

Aber wer sind Sugarland überhaupt? Dahinter verbirgt sich ein Trio von Musikern, die sich nicht nur bei Insidern in der Szene um Atlanta herum bereits zu früheren Zeitpunkten einen Namen gemacht haben.

Kristen Hall (Akustikgitarre, Background Vocals), eine Singer und Songwriterin, die bereits zwei Solowerke herausgebracht hat und Kristian Bush (Mandoline, Background Vocals), Part des Duos Billy Pilgrim (immerhin Inhaber eines Major Record Deals), waren an einem Punkt in ihrer Karriere angelangt, wo der Spaß an ihrem Treiben in Richtung Nullpunkt gesunken war. Nach einem intensiven Gespräch, beschloss man gemeinsam Stücke zu schreiben, spürte aber von Anfang an, dass man, um die entstandenen Synergien optimal ausnutzen zu können, eine zu ihnen passende Sängerin brauchte.

Die fand man in Jennifer Nettles, die bereits mit Soul Miners Daughter und der Jennifer Nettles Band den Atlanta-Club-Circuit aufgemischt hatte.
Eine exzellente Wahl, wie ihr Album „Twice The Speed Of Life“ eindrucksvoll beweist. Denn hier passt wirklich alles punktgenau zusammen, nicht auch zuletzt ein Verdienst vom erfahrenen Produzenten Garth Fundis an den Reglerknöpfen (Trisha Yearwood, Alabama, Collin Raye), der sämtliche Songs herrlich knackig abgemischt hat.

Kirstens flockiges Akustikgitarrenspiel, Kristians wunderbare Mandolinendarbietungen, ergänzt durch Klasseinstrumentalisten wie Tom Bukovac an der E-Gitarre, Glenn Worf am Bass, Greg Morrow an den Drums, Bob Hajacos an der Fiddle und Dan Dugmore, Steel Gitarre und Dobro, bilden den Nährboden für Jennifers angriffslustigen, mit grandiosem Temperament ausgestatten Gesang, mit echtem southerntypischem Twang. Mein Gott geht das Mädel ab, dabei sieht die unschuldig aus wie ein Engelchen!

Sämtliche Songs sind ein Genuss, eine Schwachstelle sucht man in der knappen Dreiviertelstunde vergebens. Vom knackigen New-Country, ohne auch traditionelle Elemente des Genres aus den Augen zu lassen, Pop, Rock, bis zu Westcoasteinflüssen ist hier alles in einem gesunden Verhältnis mit viel Power zusammengefügt worden.

Herausragend die beiden fetzigen Opener „Something More“ und „Baby Girl“; „Tennessee“ mit diesen leichten, an Fleetwood Mac erinnernden, Harmoniegesängen; „Just Might (Make Me Believe)“, eine wunderbare Countryballade ohne jeden Schmalz, dafür mit phantastisch eingestreuten Gitarrenparts von Tom Bukovac, oder das schweißtreibende, mit Rockabilly-Flair umgarnte Uptempostück „Down In Mississippi (Up To No Good)“. Wahnsinnig hier Jennifers dreckiger Speed-Sprechgesang und ein tolles Fiddle-Steel-Duell.

Fazit. Sugarland haben sich gesucht und gefunden. Ich habe selten so einen frischen Einstieg ins Haifischbecken Nashville erlebt. Ich bin mir sicher, dass das Trio, auch wenn die Messlatte für ihr Nachfolgewerk sehr hoch gelegt wurde, bei dem vorhandenen kreativen Potential, es zu mehr als einem One-Night-Stand bringen wird. Ein von vorn bis hinten wirklich gelungener flotter Dreier…!

Mercury Records, (2004)
Stil: New Country

01. Something More
02. Baby Girl
03. Hello
04. Tennessee
05. Just Might (Make Me Believe)
06. Down In Mississippi (Up To No Good)
07. Fly Away
08. Speed Of Life
09. Small Town Jericho
10. Time, Time, Time
11. Stand Back Up

Sugarland
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The Sulentic Brothers Band – South Bend – CD-Review

Sul

Eigentlich kann man die momentane Situation für die Southern-Rock-Fraktion als recht zufriedenstellend bezeichnen. Gut, die etablierten Bands gönnen sich zum Teil immer längere kreative Ruhephasen, aber zur Zeit schießen doch einige, noch etwas jüngere Truppen immer wieder ganz ordentliche Alben dazwischen.

Auch so ein Fall ist die Sulentic Brothers Band, 1993 gegründet, die Ende letzten Jahres ihre Scheibe „South Bend“ rausbrachte und jetzt auch bei Bärchen Records käuflich zu erwerben ist. Besonders toll der Auftakt: Ein kurzer Spruch ‚…, God may show you mercy, we will not!‘ und dann rockt die Band mit dem knallharten aber trotzdem melodischen „Old Glory“ der Marke Blackfoot/Molly Hatchet los, was das Zeug hält. Im weiteren Verlauf der CD orientieren sich die Mannen um Tom und Dave Sulentic zwar an Songmustern der Urgesteine des Genres, dies aber ziemlich niveauvoll.

Weitere Highlights: Das relativ langsam beginnende „13 Years“, mit Double-Lead-Intro und starken Gitarrenparts, die den Riffs bei „Hotel California“ ähneln, allerdings mit viel mehr Dampf präsentiert werden; das Harmonica begleitete „Roll The Dice“ erinnert an einen Cocktail aus „Whiskey Man“ und „Flirtin‘ With Desaster“; „Faded Glory“ kommt, bedingt durch den Wechsel bei den Lead Vocals zu Cliff Scholer, dessen Stimme der von Ron Young gleicht, wie eines der vielen temporeichen Little Caesar-Stücke rüber; das Titelstück „South Bend“ hat ein leichten Touch der Molly-Akustikversion von „Dreams I’ll Never See“ und „The Madness“ glänzt durch tolle Tempowechsel und ausgezeichnete Gitarrensoli.

Ob über diese Lieder noch in zwanzig Jahren gesprochen wird, wird der Zahn der Zeit zeigen, in jedem Fall ein vielversprechendes Werk, ich denke auf dem Level der Debütscheibe von Copperhead vor einigen Jahren. Solide Southern-Bundesliga, für den UEFA-Cup reicht’s aber noch nicht!

Eigenproduktion (2003)
Stil: Southern Rock

01. Old Glory
02. 13 Years
03. Roll The Dice
04. Free Ride
05. Faded Glory
06. It’ll Be Alright
07. Close Your Eyes
08. South Bend
09. The Madness
10. See You In My Dreams

Bärchen Records

Storyville – Portrait

Stor

Eigentlich liegen meine Vorlieben ja mehr im New Country-/Southern Rock-Bereich, möchte mich hier aber mit einer Band aus einem anderen Genre auseinandersetzen, die mir in nur kürzester Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Es geht um ein Quintett aus Austin, Texas, namens Storyville (Widmung an den historischen Rotlichtbezirk von New Orleans), bestehend aus arrivierten Musikern mit bewegter Vergangenheit, angeführt von einem relativ unbekümmerten, aber hoch-charismatischen Sänger.

Ihren Stil würde ich als die perfekte Symbiose aus schwarzer und weißer Rockmusik bezeichnen: Texas-Gitarrenrock, gemixt mit Blues, Gospel, Soul, Country und Southernelementen vom Feinsten. Als Beginn der Band-Historie muss das Jahr 1994 gesehen werden, als sich alle Beteiligten bei einer Bluessession im Club Antone’s auf der Bühne zusammenfanden. Sänger Malford Milligan stand kurz vor Abschluss der ersten CD-Produktion „Bluest Eyes“ und hatte sich vom Original-Band-Line-Up getrennt, jedoch das Recht den Namen weiterzuführen, erworben. Dokumentiert durch ein fett gedrucktes Statement im Innencover: ‚Storyville is Malford Milligan!‘ Mit diversen Studiomusikern und einem Teil seiner neuen Gefährten wurde das Projekt dann zum Abschluss gebracht.

Kommen wir doch zu den Musikern im Einzelnen:

Malford Milligan (lead vocals):
Wie schon erwähnt der einzige, der nicht langjährige Erfahrung in namhaften Bands aufzuweisen hatte; aber nach kurzem Hören seiner Stimme dürfte jedem klar sein, dass hier einer am Werk ist, der das Zeug haben müsste, ein ganz Großer in diesem Geschäft zu werden. Sein tiefverwurzeltes Gefühl für Soulmusik kommt besonders in den tollen Balladen der Gruppe zum Ausdruck. Albino-negrid und mit den damit verbundenen harten Lebensrealitäten aufgewachsen, charakterisiert er sich mit einem Schuss Selbstironie: Die Erfahrungen durch meinen Albinismus haben mich abgehärtet und dahin geführt, wo ich jetzt bin. In einem Geschäft, bei dem heute jeder versucht, anders auszusehen, um Aufmerksamkeit zu erringen, brauche ich da keine Anstrengungen zu unternehmen. Über seine Kollegen: Die Band ist mein Dream-Team. Ich bin sehr stolz, sagen zu können, dass wir das Zeug zu was ganz Besonderem haben.

David Grissom (guitar):
Spielte für Lucinda Williams und Ann Lou Barton, bis das erste langjährige Engagement für Joe Ely zustande kam. Schweren Herzens wechselte er 1991 für drei Jahre zu John Mellencamp und stieg damit in die Liga der Großen auf. Von da an spielte er fast immer in Riesenhallen, selten unter 15.000 Zuschauern. Laut Grissom war die Band exzellent, Kenny Aranoff einer der besten Drummer, mit denen er je zusammengearbeitet hat. Das Problem lag jedoch in der Person Mellencamp selbst. Ich zahle, du machst, was ich möchte. Zu sehr in ein enges Gerüst gepresst, nutzte David eine unannehmbare Offerte von Mellencamps Manager für ein weiteres Album zum Absprung.
Einige Zeit später erfolgte die Erfüllung eines Kindheitstraums in Gestalt eines Kurzeinsatzes als Ersatz für Dickey Betts bei den Allman Brothers bei einigen Konzerten. Grissom beginnt, sich ein Heimstudio einzurichten und einige Songs zu schreiben. Ein weiteres, finanziell lukratives Angebot von Rod Stewart schlägt er aufgrund der Mellencamp-Erfahrung aus. Er geht nach Austin, es kommt zum denkwürdigen Treffen im Antone’s.
Plötzlich war ich in einer Band mit Freunden, dem gleichen Musikgeschmack und den gleichen Interessen. Storyville ist ein Ding, dass dir in die Augen schaut, und du musst zugreifen. Eine Band von Anfang an zu starten ist zwar harte Arbeit, aber auch eine einzigartige Gelegenheit, was Besonderes zu entwickeln. Bei Mellencamp sangen 25.000 Leute, sicherlich ein tolles Feeling, aber es waren nicht meine Songs.

David Holt (guitar):
Geboren in Dallas, machte er eine ähnliche Entwicklung wie sein Gitarrenkollege und Namensvetter durch. Beeinflusst durch Bands wie ZZ Top, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Johnny Winter oder den Allman Brothers bekommt er sein erstes größeres Angebot, vermittelt durch Nick Lowe, bei Carlene Carter. Es war schon sehr amüsant, betont er, plötzlich völlig unverhofft in der Country-Szene zu landen. Aber dort habe ich viel über Selbstdisziplin und Professionalität vermittelt bekommen. Zwischenzeitlich übernimmt Holt die Gitarrenparts auf dem Debütalbum der Mavericks.
Kurze Zeit später geht er nach Austin und schließt sich Joe Ely an, den er Ende 1993 wieder verließ, um eine neue Band zu gründen. Nach einem Anruf von Susan Antone landet er in ihrem Club zur eingangs erwähnten Blues-Session, bei der praktisch der Grundstein von Storyville gelegt wurde.

Tommy Shannon (bass):
Herkömmlich aus Dumas, Texas, arbeitete er drei Jahre und drei Alben lang für Johnny Winter, bis er durch Stevie Ray Vaughans Double Trouble angeheuert wird.
Spielte und jammte mit Bluesgrößen wie Muddy Waters, B. B. King, Albert Collins, Jeff Beck, Eric Clapton und vielen anderen.
Trotz dieser großen Erfahrung betrachtet er Storyville als etwas ganz Spezielles. Als ich Malford singen hörte, wusste ich, dass ich mit ihm spielen muss, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Es war eine Art natürliches Aufeinandertreffen, das an Größe gewinnen sollte. Ich liebe es, mit den Jungs Musik zu machen.

Chris Layton (drums):
Aus Corpus Christi, Texas, stammend, geht er 1975 nach Austin, um drei Jahre später bei Double Trouble einzusteigen. Zusammen mit Shannon spielt er dort fast zehn Jahre bis zum tragischen Tod von Stevie Ray Vaughan. Die Säule in meinem Leben war natürlich Stevie, konstatiert er. Sein Glaube, Werte und Gefühl für Musik waren so stark, wie ein Hund, der einen Knochen im Maul hat. Ähnliches erlebte ich bei Malford. Schon nach einigen Wochen wusste ich, dass ich hier den richtigen Typ am richtigen Ort getroffen habe. Zu erwähnen sei noch, dass Layton und Shannon ein hervorragendes Album mit den Arc Angels eingespielt haben.

Die Band spielte nach der bereits erwähnten CD „Bluest Eyes“ (meine Lieblingssongs: „Bluest Eyes / Wanted A Miracle / Carry Me Home“) von 1993, noch zwei weitere Alben „A Piece Of Your Soul“ (Lieblingssongs: „Good Day For The Blues / Don’t Make Me Cry / Share That Smile“) von 1996 und „Dog Years“ (Lieblingssongs: „Don’t Make Me Suffer / Talk To Me / Keep A Handle On It“) 1998 ein, wobei der Titel der zuletzt erwähnten Scheibe schon nichts Gutes erahnen lässt.

Milligan & Co. tourten unentwegt und räumen haufenweise Auszeichnungen bei den Austin Music Awards ab. Trotz vieler Vorschusslorbeeren sowie großen Lobes der Beteiligten untereinander und Beschwörungen, so gut wie nie zuvor zusammenzuspielen, trennt sich die Gruppe im Januar 1999. Ja, was sind Musikerworte in der heutigen Zeit noch wert, fragt man sich? War es wie immer das liebe Geld und die damit verbundene grausige Vorstellung des Künstlers, nebenbei einer geregelten Arbeit nachgehen zu müssen, mit all diesen unangenehmen Pflichten wie frühem Aufstehen zum Beispiel?

Bei meiner Recherche stieß ich auf eine äußerst schlechte Vermarktung der Band, in Verbindung damit auf für die USA relativ geringe Verkaufszahlen („A Piece Of Your Soul“ beispielsweise 80.000 Stück) sowie harten Tourstress, bei mangelnder Akzeptanz durch das Publikum.

Als weitere Last entpuppte sich auch das Vermächtnis, das Double Trouble hinterließ. Grissom beklagte oft das Gefühl gehabt zu haben, dass die Leute nur kamen, um ein paar ‚Stevie-Ray-Vaughan-Klone‘ zu begutachten. Ich ertappte mich manchmal sogar während eines Konzertes dabei, meinen Gitarrenstil in diese Richtung zu verändern. Aber letztendlich können dies natürlich nur die Musiker selbst beantworten. Aus meiner Sicht ist ihre Trennung auf jeden Fall schade. Comeback wünschenswert.

P.S.

Die Band fand sich im Jahr 2007 zu einer Re-Union bei einem Heimspiel im Antones in Austin, Texas zusammen, bei der ein grandioses CD/DVD-Package aufgenommen wurde, das natürlich auch hier in einem separaten Beitrag ausführlich beleuchtet ist.

„Bluest Eyes“

 

Varèse Sarabande Records (1994)
Stil: Blues Rock

01. Bluest Eyes
02. Wanted a Miracle
03. Carry You Home
04. One Rock at a Time
05. Wings Won’t Let Me Fly
06. Mercy Street
07. Long Way to Midnight
08. Water
09. Rain of Love
10. Where We Are Now
11. A Change Is Gonna Come
12. Writing on the Wall
13. Darkness

„Piece Of Your Soul“

 

Atlantic Records (1996)
Stil: Blues Rock

01. Bitter Rain
02. Good Day for the Blues
03. Blind Side
04. Don’t Make Me Cry
05. What Passes for Love
06. Solid Ground
07. A Piece of Your Soul
08. Cynical
09. Luck Runs Out
10. Can’t Go There Anymore
11. Share That Smile

„Dog Years“

 

Atlantic Records (1998)
Stil: Blues Rock

01. Enough
02. Searching Understone
03. Don’t Make Me Suffer
04. Who’s Left Standing
05. Two People
06. Born Without You
07. Talk To Me
08. Keep a Handle on It
09. There’s a Light
10. Fairplay
11. It Ain’t No Fun to Me
12. Luck (One More Time)

David Grissom
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The Warren Brothers – Portrait

Eine weitere Band, die sich, ähnlich wie die Sons Of The Desert, in angenehmer Weise vom alten Countryklischee „Meine Frau hat mich verlassen und mein Hund wurde von einem Truck überfahren“ abhebt, sind die aus Tampa, Florida, stammenden Warren-Brüder.

Aufgewachsen in „Amish-People ähnlicher Art“ – so gab es bis zum 17. Lebensjahr kein Fernsehen – in der Realität einer modernen Großstadt, schöpften Brett Warren (lead vocals, acoustic guitars, keyboards, harmonica, mandolin) – äußerlich ein wenig dem jungen Elvis ähnelnd, und Brad Warren (electric-/acoustic guitars, harmony vocals), ein wenig sensibler und intellektueller wirkend, schon frühzeitig viel ihres zwiespältigen Humors, der heute größtenteils in ihren Songs reflektiert wird.

Nach dem Motto „die Rolling Stones oder Missionare werden“, beginnen sie ihr Leben nach dem High School-Abschluss als Full Time-Musiker. Es folgten um die 300 Gigs jährlich, meist in den Beach Clubs Floridas Küste entlang, bis beide eines Tages zur Einsicht gelangten, dass dies nicht die geeignte Atmosphäre für echte Songwriter ist.

Sie beschließen, nach Nashville zu gehen, um Platten zu verkaufen mit dem Anspruch, nicht zu sein, wie die meisten anderen. Man wird ansässig in einem Vorstadt-Club, namens „The Bunganut Pig“ und lernt den Songwriter Tom Douglas kennen, über den Kontakte zu „RCA“-Frau Renee Bell und „RLG-Nashville“-Chef Joe Galante geknüpft werden.

Die beiden letztgenannten sind nach einem ihrer Konzerte von der enthusiastischen Atmosphäre so angetan, dass sie schon einen Tag später einen Plattendeal mit beiden unter dem „RCA“-Schwester-Label „BNA“ abschließen. Und so entsteht 1998 ihr Debutalbum „Beautiful Day In The Cold Cruel World“, unter der Regie von Deanna Carter-Produzent Chris Farren.

Beautiful Day In The Cold Cruel World Die CD startet direkt mit dem funkigen Hammerstück „Guilty“ und bietet zwölf abwechslungsreiche Songs, allesamt aus der eigenen Feder. Die Scheibe ist sehr von Eeagles-Einflüssen geprägt, allerdings ohne damit die eigene Note zu sehr zu übertünchen. Höhepunkte sind für mich, neben dem erstgenannten Stück, das nachdenkliche „Better Man“, das selbstironische und für ihren Humor typische Gute-Laune-Stück „Just Another Sad Song“, dass alles andere als traurig rüberkommt, übrigens das einzige Stück über und aus ihrer Beach Club-Zeit und der Abschlussknüller „Nowhere Fast“, das ein wenig an John Mellencamp erinnert und in echter Manier der großen Songwriter geschrieben ist.

Die CD besticht durch ihren klaren Sound, die schöne Instrumentierung sowie die unglaublich angenehm ins Ohr gehende Stimme von Brett Warren, bei der immer wieder die Assoziation mit Don Henley in meinem Kopf herumschwirrt. Die Resonanz auf dieses tolle Werk lässt nicht lange auf sich warten: Es gibt jeweils eine Nominierung für das „Vocal Duo Of The Year“ von der „Country Music Association“ als auch für das ‚Top New Vocal Duo/Group‘ von der „Academy Of Country Music“.
Der Verkauf wird durch große Touren mit dem Faith Hill/Tim McGraw-Clan und den Dixie Chicks nachhaltig gepuscht.

Eine weitere positive Synergie ist die professionelle Einstellung, die beide mit ihrer Band, laut eigener Aussage, aus diesen „Majoracts“ für sich und ihre Entwicklung mitnahmen. Darin liegt für mich auch einer der Gründe, warum es beiden gelingt, mit ihrem zweiten Album, „King Of Nothing“, die Qualität ihres Erstlingswerkes noch zu toppen.

King Of Nothing Produziert wieder von Chris Farren, diesmal coproduziert von Brett und Brad, neun von elf Songs wieder selbst geschrieben, mit Beteiligung namhafter Leute, wie Bob DiPiero, Danny Wylde (The Rembrandts) und Benmont Tench (Tom Petty & The Heartbreakers). Alles klingt noch einen Tick moderner, rauer und rockiger. Bei den zwei Honky-Tonk-Stücken „Strange“ und „It Ain’t Me“ kommt ihre Liebe zu Lynyrd Skynyrd-Songs deutlich zum Tragen. Gerade bei „It Ain’t Me“ glänzt Keyboarder Rob Stoney in Billy Powell-typischer Art und im Break nach dem zweiten Refrain könnte man meinen, Johnny Van Zant persönlich wäre hinters Mikro geschritten.

Bei einigen Liedern wie z.B. „Do Ya“, „Superstar“, „That’s The Beat Of My Heart“, aus dem Soundtrack zum Film „Where The Heart Is“ und der größte Singleerfolg bisher, oder dem starken Titelstück „King Of Nothing“ drängt sich komischerweise immer wieder der Vergleich ,Bryan Adams plays New-Country“ in mein Hinterstübchen.

Ein weiterer Höhepunkt: die Killerballade „Waiting For The Light To Change“, bei der Brad Warren eine Kostprobe seines vorzüglichen Gitarrenspiels abliefert.
Alles in allem ein toll gelungenes, sehr abwechslungsreiches Werk mit wunderbaren Gitarrenpassagen und herrlichen Melodien. Auch Brett Warrens wandlungsfähige Stimme verleiht der CD ihren besonderen Touch und den erneuten kleinen Kick nach vorne. Man darf schon jetzt auf ihre nächste Scheibe gespannt sein, die Messlatte liegt jedenfalls ungeheuer hoch.

Die beiden haben, nach Meinung vieler Experten, bisher dem Anspruch, frischen Wind nach Nashville zu bringen, in allen Bereichen Genüge getan und der New Country Musik der heutigen Zeit, gerade auch was ihre Live Shows angeht, die Richtung vorgegeben.

Typisch Brett Warrens Statement in einem Interview dazu, was ihre Art, Musik zu machen bewirken sollte: „Tanzende, singende und trinkende Leute sowie gutaussehende Girls überall, Cowboys, die sich fragen ‚Was geht denn hier ab?‘, wenn wir plötzlich Songs von Jimi Hendrix, Stevie Ray Vaughan oder Lynyrd Skynyrd am Ende der Show auspacken, das ist, was wir wollen!“

The Warren Brothers: Brüder, die ernste Songs schreiben wollen, für die das Leben aber zu kurz ist, um ernst zu sein. Engel und Bengel gleichzeitig. Möge uns ihre flapsig-zwiespältige, selbstironische Art und ihre tolle Musik noch lange auf diesem hohen Niveau erhalten bleiben. Von mir aus bis in alle Ewigkeit!

P.S.
Die beiden brachten 2004 eine weitere starke CD „Well-Deserved Obscurity“ heraus (dazu 2005 auch noch eine ‚Best Of‘), die in diesem Magazin separat beleuchtet ist.

„Beautiful Day in The Cold Cruel World“

RCA Country (Sony Music) (1998)
Stil: New Country

01. Guilty
02. Surviving Emily
03. Better Man
04. Greyhound Bus
05. The Enemy
06. Loneliest Girl In The World
07. Cold Cruel World
08. She Wants To Rock
09. I Tried
10. The One I Can’t Live Without
11. Just Another Sad Song
12. Nowhere Fast

„King Of Nothing“

BNA Records (2000)
Stil: New Country

01. Strange
02. Waiting For The Light To Change
03. Where Does It Hurt
04. Superstar
05. Move On
06. No Place To Go
07. Do-Ya
08. What We Can’t Have
09. King Of Nothing
10. It Ain’t Me
11. That’s The Beat Of A Heart

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