Little Steven And The Disciples Of Soul – Summer Of Sorcery – CD-Review

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Review: Michael Segets

Seit seinem Comeback mit „Soulfire“ vor zwei Jahren arbeitet Little Steven unermüdlich. Zwei Tourneen, die ihn auch durch Europa führten, ein dazugehöriges Live-Boxset und unlängst eine Doppel-BD zeugen von seinem ungeheuren Tatendrang. Daneben blieb ihm noch Zeit, ein neues Studioalbum zu produzieren.

Mit „Summer Of Sorcery“ knüpft Little Steven, der die konzeptionelle Anlage seiner Alben gerne variiert, stilistisch an das vorherige an. Der Longplayer bietet horn- und guitar-driven Rock mit Soul-, Funk- und Blues-Einflüssen, wie ihn sonst wohl derzeit niemand performt.

Die ersten Töne des Openers „Communion“ erinnern an „She’s The One“ seines Freundes und musikalischen Wegbegleiters Bruce Springsteen. Danach erhält der Song einen eigenen Charakter durch stampfenden Rhythmus mit Tempowechseln, soulige Bläser-Intermezzi, Gitarrensolo und Vokalpassage, sodass Little Steven mit ihm einen beeindruckenden Auftakt hinlegt.

Das Album schließt mit einem weiteren Highlight, das ebenfalls Assoziationen zu Springsteens Hymnen weckt. Der achtminütige Titeltrack „Summer Of Sorcery“ beginnt mit akustischer Gitarre und durchläuft anschließend einige Spannungsbögen, wobei er mit dem Einsatz eines Saxophon seinen Höhepunkt erreicht. Zwischen fulminanten Auftakt und Finale liegen stilistisch sehr abwechslungsreiche Songs.

Hinter dem Album steht die Idee, den Soundtrack zu einem zauberhaften Sommer zu liefern. Anders als auf den meisten seiner bisherigen Veröffentlichungen greift Little Steven keine politischen Themen auf. Stattdessen, will er die Energie einfangen, die ein Sommeranfang mit all seinen Möglichkeiten eröffnet. Dabei orientiert er sich an der Musik, mit der er aufgewachsen ist. Sehr deutlich wird das bei dem Rock ’n Roll „Soul Power Twist“, der die 1960er Jahre wieder lebendig werden lässt.

Old Fashion – was ist verkehrt daran? So lautet eine frei übersetzte Textzeile von „Love Again“. Hört man den starken Song, fällt die Antwort leicht: nichts. Schön entspannt und dennoch durch kraftvolle Bläser getrieben, entwickelt er einen wundervollen Soul. Der Titel könnte auch auf den frühen Alben von Southside Johnny vertreten sein, an denen Little Steven tatkräftig mitwirkte. Vergleichbares gilt für „Our Own“, bei dem der Backgroundchor einige für die Frühzeit des Rock ’n Roll typische Doo Wops beisteuert.

Dem Midtempo-Song „Gravity“ – bei dem der harmonische Wechselgesang mit den weiblichen Chorstimmen hervorzuheben ist – gibt Little Steven einen Funk-Einschlag, der auch auf dem rockigeren „Vortex“ zu hören ist. Mit „I Visit The Blues“ unternimmt Little Steven einen Ausflug in den Bluesrock. Während er auf „Soulfire“ Funk- und Bluesrock-Titel gecovert hatte, stammen sämtliche Titel auf „Summer Of Sorcery“ aus seiner eigenen Feder.

Mit Ausnahme von „Education“ sind alle Songs neu. „Education“ veröffentlichte Little Steven bereits auf „Revolution“ (1988). Anders als auf der Originalversion ersetzt er die poppige und elektronische Instrumentalisierung durch die handgemachte Begleitung seiner Disciples Of Soul. Die Neuinterpretation gewinnt durch die Unterstützung der großen Band.

Der volle Sound, den Little Steven mit seinen Disciples Of Soul im Rücken erzeugt, macht sich auch auf dem straight gespielten „Superfly Terraplane“ bezahlt. Die bereits vorab veröffentlichte Single gehört zu meinen Favoriten der Scheibe.

Die Bandbreite, mit der Little Steven den musikalischen Sommer einleitet, ist enorm. Neben Rock, Soul, Funk und Blues integriert der einstündige Longplayer bei „Party Mambo!“ ebenso lateinamerikanische Rhythmen. Die Affinität des Musikers zu Lateinamerika kam beispielsweise schon bei dem Duett mit Ruben Blades bei „Bitter Fruit“ zum Ausdruck, das sich auf „Freedom – No Compromise“ (1987) findet.

Gesanglich überrascht Steven van Zandt – alias Little Steven – auf „Suddenly You“. Die Stimme ist ungewohnt tief, sodass ich mir anfänglich nicht sicher war, ob er wirklich selbst ins Mikro singt. Bemerkenswert ist hier zudem die gelungene Begleitung durch Percussion und Trompete.

Little Steven ist in einer unglaublich produktiven Phase, in der er unterschiedliche musikalische Stilrichtungen aufsaugt und in dem stimmigen Album „Summer Of Sorcery“ einfängt. Im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen integriert Little Steven mehr Instrumentalpassagen in sein Werk.

Bei seinem kreativen Songwriting nutzt er die Möglichkeiten, die ihm die große Besetzung der Disciples Of Soul eröffnet. Er gibt seinen Begleitmusikern Raum, ihre Fähigkeiten auszuspielen. „Summer Of Sorcery“ ist ein origineller Longplayer, bei dem sich Little Steven auf die Anfänge des Rocks besinnt, diese in seiner unverwechselbaren Art interpretiert und modernisiert.

Wer die beiden letzten Touren mit der 14-köpfigen Begleitband verpasst hat, bekommt Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni nochmal die Gelegenheit, Little Stevens Energie live zu erleben, wenn er mit seinen Disicples Of Soul in Berlin und Hamburg spielt. Ich habe mir allerdings eine Karte für seinen Auftritt in Brüssel am 7. Juni besorgt.

Universal/Wicked Cool Records (2019)
Stil: Rock and more

Tracks:
01. Communion
02. Party Mambo!
03. Love Again
04. Vortex
05. A World Of Our Own
06. Gravity
07. Soul Power Twist
08. Superfly Terraplane
09. Education
10. Suddenly You
11. I Visit The Blues
12. Summer Of Sorcery

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Universal Music

Little Steven And The Disciples Of Soul – Soulfire Live – CD-Review

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Review: Michael Segets

Nach langer Pause veröffentlichte Little Steven 2017 sein Album „Soulfire“ und nutzte die Gunst der Stunde, um mit großer Band – den Disciples Of Soul – auf Tour zu gehen. Eine Bilanz seiner Konzerte hat er nun auf dem Box-Set „Soulfire Live“ mit drei fast randvollen CDs festgehalten.

Für alle Little Steven-Fans und Besucher der Live-Auftritte ist der Kauf sowieso Pflichtsache. Für alle anderen stellt das Set eine gute Gelegenheit dar, mit ihm eine Reise durch die Karriere von Steven van Zandt und der Musikgeschichte des Rock ’n Roll zu unternehmen. Stilecht wird er dann auch von Ikone Mike Stoller angekündigt.

Alle Titel von „Soulfire“ sind auf den ersten beiden Scheiben vertreten, die vorab bereits als Downloads verfügbar waren. Oftmals werden sie von einem Intro eingeleitet, bei dem Little Steven einige Worte zum Hintergrund der Stücke verliert. Gut ist, dass die Einführungen auf den CDs einzeln anzuwählen oder gegebenenfalls auch zu überspringen sind. Weitere Informationen zu den Titeln liefert das umfangreiche und mit vielen Bildern aufgepeppte Booklet. Für die Abmischung konnte Little Steven Bob Clearmountain (Bruce Springsteen, The Rolling Stones, Bryan Adams, Bon Jovi, Sheryl Crow) gewinnen, der es verstand, die Live-Atmosphäre einzufangen.

Seit seinem zweiten Album „Voice Of America“ (1984) versah Little Steven seine Texte meist mit einer politischen Aussage. In dem Intro zu „Until The Good Is Gone“, das zwar als Download zur Verfügung steht, aber aus Platzgründen keine Aufnahme auf die CDs gefunden hat, stellt er das Programm seiner Auftritte vor. Er will nicht die Politik thematisieren, sondern die ‚verrückten Zeiten‘ außen vor dem Konzertsaal lassen und stattdessen die Menschen durch die Begeisterung für handgemachte Live-Musik verbinden. In seinen über zweieinhalb stündigen Konzerten gelingt ihm das auch, wie ich im Frankfurter Batschkapp letztes Jahr miterleben durfte.

Dies ändert natürlich nichts daran, dass Little Stevens ältere Stücke dennoch politische Themen aufgreifen. Vor allem auf der zweiten CD des Sets sind diese durch ein Reggae-Intermezzo („Solidarity“, „Leonard Peltier“, „I’m A Patriot“), „Checkpoint Charlie“ und „Bitter Fruit“ vertreten.

Neben den eingängigen Rockstücken „Angel Eyes“, „Forever“ und „Out Of The Darkness“ spielt der Protagonist auch den wunderschönen Lovesong „Princess Of Little Italy“, der zu meinen absoluten Lieblingstiteln gehört. Mit „Salvation“ von seinem Album „Born Again Savage“ (1999) sorgt Little Steven dafür, dass von jedem seiner bisherigen Alben mindestens ein Titel auf seiner Live-CD erscheint.

Während bislang das Standardrepertoire seiner Setlist während der 2017er-Tour aufgenommen wurde, versammelt der dritte Silberling seltener gespielte Titel und Auftritte einiger Gastmusiker. Außer „Time Of My Life“, dem Soundtrack zu „Nine Month“, und einer alternativen Version von „I Don’t Wanna Go Home“ handelt es sich durchweg um Cover-Versionen.

„Can I Get A Witness” findet sich bereits auf Little Stevens Rockpalast-DVD. Auf der neuen Version steht Richie Sambora mit auf der Bühne. „Even The Loosers“, „Working Class Hero”, „You Shook Me All Night Long” sind Verneigungen vor Tom Petty, John Lennon und Malcom Young (AC/DC). „Tenth Avenue Freeze-Out“ performt er zusammen mit seinem Freund Bruce Springsteen.

Den Sounds-Of-South-Fans wird „It’s Not My Cross To Bear“ von Greg Allman gefallen. Die sechziger Jahre lässt Little Steven bei „Can’t Be So Bad“ (mit Jerry Miller) von Moby Grape, „We Gotta Get Out Of This Place“ von The Animals und „Freeze Frame“ (mit Peter Wolf) von der J. Geils Band aufleben. Als Abschluss gibt es „Merry Christmas (I Don’t Wanna Fight Tonight)” der Ramones.

Little Steven hat den Kraftakt vollbracht, seine vierzehnköpfige Begleitband so lange zusammenzuhalten, um in eine zweite Konzert-Runde zu gehen. Als Lehrmeister des Rock ’n Roll promotet er 2018 sein erstes Live-Album mit der Teachrock-Tour. Lehrer konnten sich für einen Workshop anmelden, der die Anregung vermittelte, jungen Menschen die Wurzeln der Musik, die sie hören, näher zu bringen.

Little Steven schöpft aus der Rockgeschichte und spürt damit seinen eigenen musikalischen Wurzeln nach. Mit den Disciples Of Soul im Rücken, erzeugt er einen kraftvollen Sound, der sich an der frühen Phase des Rock ’n Roll orientiert und sich dem derzeitigen Mainstream entgegenstellt. Er zaubert ganz verschiedene Stimmungen – „magical vibrations“ –, die viel Soul transportieren. Dies gelingt ihm, ob er nun im Rock, Blues oder Funk unterwegs ist.

Little Steven And The Disciples Of Soul sind ein grandioser Live-Act, was auch das Album einfängt. Von ihren Live-Qualitäten kann man sich ebenfalls auf WDR 4 überzeugen, der Ausschnitte des Auftritts im Kölner E-Werk Anfang Juli – bei dem ich sie erneut bejubeln durfte – am 11.10.2018 sendet.

Neben „Plain Spoken – From The Chicago Theatre ” von John Mellencamp ist „Soulfire – Live” das zweite herausragende Live-Dokument dieses Jahres, das in keiner Rock-Sammlung fehlen sollte.

Wicked Cool Records/UMG/Universal Music (2018)
Stil: Rock and more

Disk: 1
01. Mike Stoller Intro
02. Soulfire
03. I’m Coming Back
04. Blues Is My Business (Intro)
05. Blues In My Business
06. Love On The Wrong Side Of Town
07. Until The Good Is Gone
08. Angel Eyes
09. Some Things Just Don’t Change
10. Saint Valentine’s Day (Intro)
11. Saint Valentine’s Day
12. Standing In The Line Of Fire (Intro)
13. Standing In The Line Of Fire
14. I Saw The Light
15. Salvation
16. The City Weeps Tonight (Intro)
17. The City Weeps Tonight

Disk: 2
01. Down And Out In New York City
02. Princess Of Little Italy (Intro)
03. Princess Of Little Italy
04. Solidarity
05. Leonard Peltier
06. I Am A Patriot
07. Groovin‘ Is Easy
08. Ride The Night Away (Intro)
09. Ride The Night Away
10. Bitter Fruit
11. Forever
12. Checkpoint Charlie (Intro)
13. Checkpoint Charlie
14. I Don’t Want To Go Home
15. Out Of The Darkness (Intro)
16. Out Of The Darkness

Disk: 3
01. Even The Losers
02. Can’t Be So Bad (featuring Jerry Miller)
03. You Shook Me All Night Long
04. Working Class Hero
05. We Gotta Get Out Of This Place
06. Can I Get A Witness (featuring Richie Sambora)
07. It’s Not My Cross To Bear (Intro)
08. It’s Not My Cross To Bear
09. Freeze Frame (featuring Peter Wolf)
10. The Time Of Your Life
11. Tenth Avenue Freeze-Out (featuring Bruce Springsteen)
12. I Don’t Want To Go Home (featuring Bruce Springsteen)
13. Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)

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