Jesse Dayton – Country Soul Brother – CD-Review

Einen hervorragenden Ruf, nicht nur bei den Kritikern, hat sich der aus Beaumont, Texas stammende Jesse Dayton bereits mit seinen drei ersten Alben „Raisin’ Cain“ (1995), „Tall Texas Tales“ (2000), und „Hey Nashvegas“ (2001) erspielt. Auch im Umfeld vieler anerkannter Größen der Marke Cash, Jennings, Haggard & Co. gilt der junge Gitarrist und Sänger als Ausnahmetalent. So verpflichtete ihn Waylon Jennings beispielsweise für sein Werk „Right For The Time“als Lead-Gitarristen und ließ es sich auch nicht nehmen, mit Jesse einige Gigs zu absolvieren. Nach dreijähriger Kreativpause liegt nun sein viertes Werk „Country Soul Brother“ vor.

Wieder ist ihm eine klasse, äußerst abwechslungsreiche Scheibe gelungen. Ein bunter Mix aus traditionellem Country, mit zum Teil leicht mexikanischer Note, sowie texanischem Roadhouse Rock, Blues und diesmal recht sparsam gehaltenen Rockabilly-Elementen. Das eröffnende Titelstück fegt dann direkt mit hohem Tempo los, fast wie ein wild gewordener Hengst, der durch die Prärie heizt. „Country Soul Brother“ ist in toller, feuriger Countryrocker mit kraftvollen Breaks, klasse E-Solo und einsetzendem Banjospiel im zweiten Teil des Songs.

Nach dem fröhlich tanzbaren, von Akkordeon und Steelgitarre dominierten Tex-Mex Countrysong „All Because Of You“, folgen drei recht ruhige und leicht ins Ohr fließende Countrynummern (darunter das Cars-Cover „Just What I Needed“), die trotz ihrer Eingängigkeit nie ihren Alternate Country-/Independent-Touch einbüßen. Überragend davon das rootsig gehaltene, aber umwerfend melodische „Ain’t Grace Amazing“, mit wunderbar heulender Mundharmonika, seichter Banjo- und Akustikgitarrenuntermalung. „Jesus Pick Me Up“ löst als temperamentvoller Hillbilly Blues unweigerlich das berühmte Wippen des Cowboystiefels aus. Ein flotter Song mit Spielraum für viele Soli, der im Studio aber nicht bis auf’s Letzte ausgereizt wurde.

Unaufdringliche und das Gesamtbild gut ergänzende Bläsereinsätze, die jedoch eher in Richtung Memphis, denn gen Nashville anmuten, findet man bei „It Won’t Always Be Like This“, „Just To Get You Off My Mind“ und dem recht rockig geratenen Stück „Talkin’ Bobby Dale’s Hard Luck Blues“. Fazit. 12 Songs, bis auf zwei, alle selbst geschrieben, mit kaum einem Schwachpunkt.

Man spürt regelrecht, wie sich der Texaner mit Leib und Seele in seine Musik reinhängt. Seine Stimme ist variabel, das Gitarrenspiel klar und auf den Punkt gebracht. Dem Burschen umschwebt bereits, dank seines nicht alltäglichen Schaffens, ein Hauch von Kult. Und wenn er sich bei „Tall Walkin’ Texas Trash“ mit den Sätzen „All I need is an amplifier and a warm little Whiskey glass“ outet, dann klingt das aus der Stimme dieses Vollblutmusikers glaubwürdig und absolut authentisch. Jesse Dayton ist eben ein wahrer „Country Soul Brother“!

Stag Records (2004)
Stil: Tex Mex Country

01. Country Soul Brother
02. All Because Of You
03. Ain’t Grace Amazing
04. Just What I Needed
05. Daily Ritual
06. Jesus Pick Me Up
07. It Won’t Always Be Like This
08. Tall Walkin‘ Texas Trash
09. Just To Get You Off My Mind
10. Moravia
11. One Of Them Days
12. Talkin‘ Bobby Dale’s Hard Luck Blues

Jesse Dayton
Bärchen Records

Kevin Fowler – How Country Are Ya? – CD-Review

Der Albumtitel „How Country Are Ya?“ verrät es schon. Hier geht’s um echte Countrymusic – authentisch, ehrlich, knackig, jung, ungemein frisch, vollgepackt mit herausragendem Songmaterial! Kevin Fowlers 7. Studioalbum serviert eine richtig „pfiffige“, jede Menge blendende Laune verbreitende, von tollen Musikern in Szene gesetzte Texas Traditional Country-Show vom Feinsten.

Auf den Punkt bringt es direkt das Alter-Ego von Texas Musik-Kumpel Granger Smith, Earl Dibbles jr., beim Intro. “This ain’t some old tard sitting on the front porch with your grandpa drinking unsweetened sweet tea kinda music. It’s Kevin Fowler, Y’ALL! It’s country that’s rockin’. The kinda music that makes you crack a cold one and put a good dip in. You see, it’s beer drinkin’, hell raisin’, even lovin’ up on country girl kinda music. Yup, he’s got it all.”

Es folgt auf dem Fuße der launige, großartige Titelsong des Albums (rockiger, purer Country-Rhythmus, wiehernde Fiddle, Mandolinen-Tupfer, tolles E-Gitarren-Picking), der Ende letzten Jahres prompt auch Platz 1 der Texas Music Charts eroberte. Das folgende „Guns And Guitars“ lässt kein Zweifel daran, wie in Texas die Uhren ticken. Tolle, knackige Uptempo Country-Nummer, die Fowler zusammen mit seinem Freund Cody Johnson komponiert hat, der nicht nur bei diesem Song mit von der Partie ist, sondern auch als Solist gerade in Texas, im übrigen völlig zu Recht (macht tollen Country), mächtig für Furore sorgt.

Der erste etwas mainstreamigere, Steelguitar-durchtränkte Track „Before Somebody Gets Hurt“ besticht durch seine schöne Melodie und die bezaubernden Co-Vocals von Amy Rankin (von den Rankin Twins). Ganz starken, gitarrenbetonten Red Dirt-Countryrock bietet „The Weekend“. Mit John Carroll und David Grissom hat Kevin Fowler zwei absolute Paradegitarristen dafür mit an Bord. Songs wie „If I Could Make A Livin’ Drinkin’“, „Love Song“ oder „Beer Me“ verbreiten mit ihren humorvollen Texten, dem tanzbaren musikalischen Honky Tonk-Drive (zuweilen sogar mit einem Hauch von Bakersfield-Anleihen) einfach nur gute Laune und dürften in entsprechender Trinkatmosphäre für reichlich Stimmung bei Fowlers Konzerten sorgen.

Die ruhigere Schiene bedient Kevin dann mit dem autobiografischen „Panhandle Poorboy“, der Marshall Tucker-umwehten (mit reichlich Steel) Countryballade „Habit I Can’t Break“ oder „Whiskey And I“ (Fiddle, Steel, dezente Mandoline). Dass Fowler seine Songs auch immer mit einem kleinen Augenzwinkern sowie einer gewisser Selbstironie kreiert, beweist das verrückte Tex-Mex-Lied „Borracho Grande“ (Übersetzung. Großer Trunkenbold), das dank der Gastmusiker Maz Baca und den Los Texmaniacs samt Mariachi-Trompeten und Akkordeon den passenden Rahmen verliehen bekommt. Ein herrlich durchgeknallter Track!

Eine kleine Kostprobe ihres Könnens dürfen dann seine Tourbegleitmusiker in Form des Instrumentals „Mousturdonus“ abliefern. Hier geben sich die country-typischen Instrumente mit aufeinanderfolgenden Soli die Klinke in die Hand. So launig wie schon der Beginn endet das Album mit dem lustigen „Chicken Wing“, wo sich Kevin und Davin James zu Akustkslide-Klängen textlich die Bälle zuspielen und sich gegenseitig aufs Korn nehmen. Bei allem Klamauk hier, trotzdem ein klasse gespielter und von beiden toll gesprochen und gesungenes Lied.

Insgesamt ein prall gefülltes Album und einer Spielwiese vor allem für Leute, die es gerne zwar knackig mögen, dabei aber auf absolut trditionelle Wurzeln stehen. Herrlich dazu auch die passende, ländliche und klischeebehaftete Covergestaltung der Dodd-Sisters. Kevin Fowler mit einer absoluten Bravourleistung! Der Mann aus Amarillo/Texas zeigt eindrucksvoll, wie man zündenden Texas-Country, New Country und Honky Tonk heute spielt. Macht das Laune! Bärenstarke Vorstellung! Jetzt heißt es nur noch. Wie viel Country steckt in Euch?

Kevin Fowler Records (2014)
Stil: Country

01. Intro
02. How Country Are Ya?
03. Guitars And Guns
04. Before Somebody Gets Hurt
05. The Weekend
06. If I Could Make A Livin‘ Drinkin‘
07. Panhandle Poorboy
08. Borracho Grande
09. Love Song
10. Habit I Can’t Break
11. The Girls I Go With
12. Beer Me
13. Mousturdonus
14. Whiskey And I
15. Chicken Wing

Kevin Fowler
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Bärchen Records

Stoney LaRue – Velvet – CD-Review

Weich und geschmeidig ist an Stoney LaRues neuem Album „Velvet“ eigentlich nur der rotfarbene Samtüberzug des Digipacks (von daher lohnt es sich in jedem Fall hier eine physikalische Version zu erwerben) und vielleicht noch der wunderschöne, entspannte Titeltrack am Ende des Albums. Ansonsten ist „Velvet“ keine leichte Kost (eher anspruchsvoller Roots-Stoff), Red Dirt–Anhänger werden sogar vermutlich damit ihre Schwierigkeiten haben, denn unter diesem ‚Label‘ hat der ursprünglich aus Taft, Texas stammende 34-jährige Stoney LaRue ja seinen musikalischen Weg vor sechs Jahren (sein Debütwerk hieß sogar „The Red Dirt Album“) angetreten.

Es folgte noch ein in dieser Szene quasi als Muss aufgenommenes Live-Dokument im Kulttempel Billy Bob’s Texas (DVD/CD), ansonsten tauchte LaRue in der Zwischenzeit eher als Co-Writer und Gastmusiker bei befreundeten Interpreten wie z.B. bei Brandon Jenkins grandiosem „Brothers Of The Dirt“-Longplayer auf (LaRue war irgendwann von Texas nach Stillwater, Oklahoma gezogen und traf sich meist im dortigen Yellow House mit besagtem Brandon Jenkins, Jason Boland, Cody Canada und Mike McClure zu regelmäßigen Sessions).

Sein neues Werk „Velvet“ beinhaltet nur noch Red Dirt-Fragmente. Lediglich das locker dahinfließende „Look At Me Fly“ (flockige Gitarrenuntermalung, Fiddleeinlagen, E-Slide-/Fiddle-Solo-Kombi), im Stile der Randy Rogers Band, kann man als klassischen Song dieser Sparte ‚identifizieren‘, ansonsten begibt sich LaRue deutlich in rootsige Americana-Gefilde, vermutlich auf eine beschränkte Kategorisierung seiner Person pfeifend.

Das ist mutig und risikoreich zugleich, zeugt in diesem Fall aber vom Anspruch des Künstlers, sich weiterzuentwickeln. Auf diesem Werk geht es spürbar darum, hochwertige Musik abzuliefern, als um irgendwelche Rücksichten im kommerziellen Sinne. Die Stücke stammen alle aus der gemeinsamen Feder von Stoney und Mando Saenz, lediglich an „Wiregrass“ war Adam Hood beteiligt. Beide Co-Writer sind ebenfalls eigenständige Singer/Songwriter aus dem Roots-/Americana-Dunstkreis.

Da zudem ein elitärer Musikerkreis wie bestehend aus u.a. Randy Scruggs (Sohn von Bluegrass-Legende Earl Scruggs), Glenn Worf, Chad Cromwell, Glen Duncan, Jim Hoke (alles bekannte Nashville-Studiomusiker), Fred Eltringham (mittlerweile Drummer bei den Wallflowers), Oran Thornton, Ian McLagan und Kevin Webb zur Einspielung des Werkes gewonnen werden konnte, war ein anspruchsvolles, filigranes musikalisches ‚Gebräu‘ eigentlich vorprogrammiert.
Stücke wie „Travellin‘ Kind“ (klasse Harmoniegesänge von Nashville-Diva Lee Ann Womack), „Has Been“ (steelbetont) und „Way Too Long“ (ein recht fröhlicher Song, mit einer kirmesartig gluckernden Orgel) könnten alle auch gut auf Neil Youngs akustisch motivierte und dominierte Alben passen.

Lieder der Marke „Wiregrass“ (ziemlich düster, swampig, mit markanten, an die frühe Marshall Tucker Band erinnernden Querflöteneinlagen von Jim Hoke), das recht monoton verlaufende „Scarecropper“ (rauer, recht bluesig stampfender Gitarrenrhythmus, quäkende Mundharmonika, filigrane Akustikgitarre) und das (wie der Titel schon andeutet) mit teilweise sirenenartigen Fiddlepassagen bestückte „Sireens“ sind auch für mich recht schwer verdaulicher, aber höchst anspruchsvoll instrumentierter Stoff. Man merkt den Musikern den Spaß beim Experimentieren richtig an. Etwas aus der Reihe fällt „Te Amo Mas Que La Vida“, ein recht euphorischer, mit Akkordeon unterlegter Tex-Mex-Schunkler, passend zum Tequila-Genuss in der Tapas-Bar.

Am Ende darf man sich aber dann aber doch beim längsten Track und Namensgeber der CD „Velvet“ in absoluter Wohlfühlatmosphäre laben. Eine wunderbare, sehr melodische und auch dezent melancholische Ballade. Klasse hier die vorzüglichen Backs von Aubrie Sellers und Sarah Buxton. Mein persönlicher Favorit eines Longplayers, den man nur an ganz bestimmten Tagen hören kann.

Stoney LaRue hat seine bisherige Klientel mit „Velvet“ zunächst erst mal auf eine harte Probe gestellt, dafür aber ein höchst anspruchsvolles und hochklassig instrumentiertes Album mit Ecken und Kanten abgeliefert. Der Bursche scheint auf Experimentierfreudigkeit und Weiterentwicklungsfähigkeit gepolt zu sein. Man darf auf sein nächstes Werk gespannt sein.

B Side Music Group (2011)
Stil: Red Dirt

01. Dresses
02. Wiregrass
03. Look At My Fly
04. Travelin‘ Kind
05. Sharecropper
06. Sirens
07. Te Amo Mas Que La Vida
08. Has Been
09. Way Too Long
10. Velvet

Stoney LaRue
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Bärchen Records

Aaron Lewis – The Road – CD-Review

Sowohl der YouTube-Clip des Songs „Forever“ aus Aarons Lewis‘ im letzten Jahr veröffentlichten Solo-Album „The Road“ als auch sein kontrovers diskutierter Gesang aufgrund seines Mitwirkens in einer Grunge Band namens Staind hatten mich neugierig gemacht. Glücklicherweise hatte Bärchen Records die Scheibe auch noch in seinem Programm, sodass die Motivation zu einem Review angeheizt war.

Jetzt liegt mir sein Werk vor und ich bin von diesem bis an den Hals tätowierten Redneck-Typen (so einen möchte man bei Handgreiflichkeiten sicher nicht auf der Gegenseite haben…) ziemlich positiv überrascht. Ich habe mir parallel natürlich auch diverse Beispielsongs mal von Staind angehört, wo Lewis sich vokal dann auch tatsächlich zum Teil in ganz anderen Sphären bewegt.

Bei normalem Gesang finde ich die Stimme für die Art von Musik durchaus okay und würde sie irgendwo zwischen Metallicas James Hetfield und Nickelbacks Chad Kroeger ansiedeln (also alles andere als schlechte Referenzen), das zwischenzeitliche Gebrülle gehört zum Genre und Stil der Band vermutlich mit dazu, empfinde ich auch als weniger gelungen. Auf dem Country-Album meint man dann tatsächlich, ein ganz anderer Mensch stünde da hinterm Mikro. Als stimmliche Vergleichsgrößen fallen einem hier spontan eher Leute wie Charlie Daniels, Billy Ray Cyrus, Bobby Pinson oder Bill McCorvey (Pirates Of The Mississippi) ein.

Lediglich einmal, ganz kurz bei der schönen, ansonsten sehr melancholisch gehaltenen Ballade „Anywhere But Here“, geht er im Staind-Stil (allerdings viel gemäßigter) aus sich heraus und lässt, so hat man den Eindruck, den im Text beschriebenen Frust lauthals heraus. Wirkt hier sogar richtig authentisch. Widersprechen muss ich dem Kollegen in meinem Gesamtfazit auf jeden Fall, dass dieser Mann eine stimmliche Fortbildung benötigt. All das bisher Formulierte weist eher auf eine recht hohe vokale Variabilität hin, und gerade für’s Country-Parkett ist der Mann fast wie geschaffen.

Die Songs von „The Road“ sind alle bis auf einen (nur das patriotische „Red White & Blue“ stammt nicht von ihm – ist aber nicht der Skynyrd-Song) von Ihm selbst komponiert (übrigens ist Lewis als Songwriter auch schon Grammy-nominiert gewesen) und überwiegend sehr traditionell angesiedelt. Im Vergleich zum Rest ist lediglich die Single „Endless Summer“ fast überschwänglich fröhlich gestaltet. Sie hat aufgrund ihrer eingängigen Art und dem schönen Refrain das Zeug zu einem New Country-Hit oder zumindest für gesteigerte Radio-Präsenz.

Ansonsten behandelt Aaron die typischen Country-Themen, wie die Straße, Erlebnisse aus dem Musikerleben, Einsamkeit, Trinken, verlorene Chancen, Probleme mit Frauen und sich selber, etc. Die Texte sind im eingesteckten Booklet des DigiPaks mitgeliefert. Und bei „Granddaddy’s Gun“ outet er sich beileibe nicht als potenzieller Unterstützer von Obamas Plänen, die Macht der Waffenlobby einzuschränken. So sind’se halt, die Amis – scheint irgendwie genetisch bei ihnen verankert zu sein – einfach unbelehrbar und bekloppt, was dieses Thema betrifft!

Ich bin zwar im Prinzip nicht der traditionelle Country-Typ, aber hier stimmt einfach das Gesamtpaket. Vor allem die beteiligten, durchgehend exzellenten Musiker, u. a. besonders zu erwähnen, Brent Mason an der Bariton-E-Gitarre, Ben Kitterman an der Dobro und Paul Franklin an der Steel-Gitarre zeigen bei glasklarer, moderner Produktion von Lewis und Veteran James Stroud (in den Achtzigern mal Mitglied der Marshall Tucker Band) ihr außergewöhnliches Können. Gerade Masons famoses Gitarrenspiel hat so etwas wie Lehrbuchcharakter. Wahnsinn, was der an Soli und Fill-Arbeit im Zusammenwirken mit Sol Littlefield leistet.

Nicht zu vergessen nochmals Lewis‘ perfekt zu den Songs passende Stimme zu erwähnen – 1a! Was seine Qualitäten im Country-Genre angeht, muss ich Aaron Lewis für „The Road“ somit eine Meisterleistung attestieren. Nachschlag hier in jedem Fall erwünscht, weiter rumgegrowlt darf dann ruhig bei seinem Staind-Projekt werden – und alle sind glücklich…!

Blaster Records, Warner Music Nashville (2012)
Stil: New Country

01. 75
02. The Road
03. Endless Summer
04. Red, White & Blue
05. Lessons Learned
06. Forever
07. Granddaddy’s Gun
08. State Lines
09. Anywhere But Here
10. Party In Hell

Aaron Lewis
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Bärchen Records

Madison Violet – No Fool For Trying – CD-Review

Mad

Madison Violet sind ein Duo, bestehend aus zwei hübschen kanadischen Damen namens Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac, das jetzt mit „No Fool For Trying“ sein drittes Album veröffentlicht. Zuvor firmierten die Mädels noch unter Mad Violet, was sie aber irgendwann leid waren, weil sie ständig mit der psychedelischen Rockband Mad Violets verwechselt wurden.

Mit psychedelischem Rock haben die beiden allerdings (Gott sei Dank) auch überhaupt nichts am Hut, sie konzentrieren sich auf ihrem aktuellen Werk auf recht organisch gehaltenen, grassig angehauchten Country. Brenley und Lisa haben sämtliche Stücke komponiert, produziert hat Les Cooper, ein Folk-Spezialist aus ihrer Wahlheimatstadt Toronto. Beide wechseln sich mit ihren angenehm und klar klingendem Front-Gesang ab, wobei der Partner jeweils, je nach Situation, äußerst harmonisch, fast twinförmig wirkende Harmony-Vocals ergänzt.

MV sind auch instrumententechnisch recht beschlagen. Diverse Gitarren (meist Akustikgitarre), Fiddle und Mundharmonika zählen zum Gesamtrepertoire. Centersong des Albums ist der recht rhythmische, mandolinenbestückte Titeltrack „No Fool For Trying“, der gleich in zwei Versionen präsentiert wird. Bei der zuerst gebrachten Variante legte der bekannte britische Produzent John Reynolds (Sinead O’Connor, U2) mit Hand an (spielt hier auch Schlagzeug), der ihre zwei Vorgängerwerke betreut hatte. Sie unterscheidet sich zur am Ende gebrachten Fassung im Wesentlichen darin, dass sie soundmäßig etwas kräftiger ausgesteuert ist und um zwei kurze falsettartig anmutende Harmoniegesangspassagen erweitert wurde.

Der Rest der Stücke bewegt sich zwischen balladesk, Midtempo und Uptempo mit angezogener Handbremse. Bei fast allen Stücken hat man das Gefühl, dass, wenn überhaupt, nur ein Mikro vor die Instrumente positioniert wurde und im Kreis sitzend zusammen filigran drauflos musiziert wurde. Im Vordergrund stehen eindeutig die Gesangparts der beiden Protagonistinnen, lediglich Fiddle und Mandoline, heben sich aus der Basisuntermalung mit Drums, Standbass, Akustikgitarre und Banjo etwas prägnanter heraus.

Meine Lieblingstücke sind der Opener „The Ransom“ (mit Steel, Akustikgitarrenquietscher), das flotte und sehr melodische „Lauralee“ (Fiddle-Solo), das atmosphärische und textlich packende „The Woodshop“ (schöne Slide-fills) und das mit einer an Neil Young erinnernden Harmonika bestückte „Darlin'“ (in Storyteller-Manier, mit Pianoergänzung).

Letztendlich bieten die beiden Macs eine durchaus qualitativ hochwertige Country-Mixtur, die absolut gefällt, vom Stil her aber aufgrund meiner vordergründigen New-Country- und Southern Rock-Passion eher selten bei mir im Player liegt und auch vermutlich nur immer wieder mal in gewissen Gemütslagen dort landen wird. Da geht es den beiden Damen sicherlich ähnlich wie Kathy Mattea (vorliegende Scheibe erinnert mich ein wenig an ihre CD „Right Out Of Nowhere“), Lucinda Williams, Dixie Chicks (ganz dezent), Tish Hinojosa, Alana Levandoski oder Lisa Brokop, die mir im weitesten Sinn als Bezugsgrößen meiner Sammlung einfallen. Nichtsdestotrotz werde ich mir Madison Violet demnächst mal voraussichtlich im gern und oft besuchten Weseler Karo musikalisch einverleiben. Live dürfte das (nicht nur optisch) eine spannende und ansprechende Sache werden!

Big Lake Music (2009)
Stil: Country / Bluegrass / Americana

01. The Ransom
02. Lauralee
03. No Fool For Trying (Reynolds remix)
04. Small Of My Heart
05. Baby In The Black & White
06. Hallways Of The Sage
07. Crying
08. The Woodshop
09. Darlin‘
10. Best Part Of Our Love
11. Time And Tide
12. No Fool For Trying

Madison Violet
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Bärchen Records

Melanie Dekker – 30.05.2009, ABC-Keller, Kamp-Lintfort – Konzertbericht

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Dinge gibt es! Da muss man erst rein zufällig ein Review über eine bis dato mir völlig unbekannte kanadische Künstlerin schreiben, um mit der Nase auf einen tollen Club gestoßen zu werden, der quasi nur einen Katzensprung von der heimatlichen Wohnung entfernt liegt.
Und so war es halt auch im Falle Melanie Dekker. Da lag vor längerer Zeit ihr letztes Werk „Acoustic Ride“ ohne vorherige Order im Briefkasten. Die Scheibe gefiel mir von Anfang an sehr gut und bekam demnach auch die verdient löbliche Kritik. Umso schöner, als ich neulich dann einige Konzerttermine der netten Dame in unserem Lande zur Kenntnis nehmen durfte. Etwas ungläubig sah ich, dass ein Gig in Kamp-Lintfort, eine direkte Nachbarstadt meines Heimatortes Rheinberg, stattfinden sollte. Wie um Himmelswillen kommt dieses Mädel nach Kamp-Lintfort, in einen Club mit dem ominösen Namen ABC-Keller, dachte ich spontan.

Wie die übliche Recherche im Vorfeld dann ergab, existiert die Location schon einige Jahre und auch Melanie Dekker wie auch die mir bestens geläufige Steve Schuffert Band gaben dort bereits ihr Stelldichein. Es folgte die unweigerliche Akkreditierungsanfrage, die wenige Tage später bestätigt wurde. Am Tage des Geschehens fuhren meine Gattin und ich, ehrlich gesagt, trotzdem mit recht gemischten Gefühlen los, weil der Termin Pfingsten in Kombination mit dem DFB-Pokalendspiel bei solch speziellen Acts nicht gerade Unmengen an Publikum verheißen ließ. Aber weit gefehlt. Es fanden sich immerhin 110 Leute in dem mit viel Liebe, wunderbar schummrig mit Kerzenlicht, ausgestatteten Kellergebäude ein und trugen zu einer ausgelassenen Stimmung für einen gelungenen Singer-/Songwriter-Abend bei.

Wir wurden sofort vom Mitinhaber des ABC-Kellers, Ulrich op de Hipt, nett begrüßt und wie die Welt dann so klein ist, lief ich direkt auch noch seinem Schwager Mathias in die Arme, der mit mir lange Jahre recht hochklassig die Tischtenniskeule geschwungen hatte (ich meine, wir hätten in grauer Vorzeit auch mal einen gemeinsamen Doppeltitel errungen). 20:20 Uhr betraten dann Melanie Dekker (in Adidas-Trainingsjacke und Stöckelschuhen, das hatte schon was…) und ihr langjähriger musikalischer Partner Jason Nett die Bühne und wurden vom augenscheinlich fachkundigen Publikum schon fast wie alte Bekannte aufgenommen. Der eröffnende Ohrwurm „Haven’t Even Kissed U Yet“ von ihrem „Revealed“-Album trug dabei direkt zu einer Wohlfühlatmosphäre bei, die sich wie ein roter Faden durch die knapp zwei Stunden Nettospielzeit, inklusiv dreier Zugaben (u.a. „Lullaby“, „Sweet Bitter“), ziehen sollte.

Semiakustische Abende mit nur zwei Protagonisten sind meist sehr speziell, ja fast persönlich und von ihren Möglichkeiten naturgemäß recht begrenzt. Von daher sind absolutes Können und hohe Entertainerqualitäten schon fast ein unbedingtes Muss, um solch eine Performance bei Laune zu halten. Dekker trug viel mit ihrer charmanten Art dazu bei, glänzte mit einer sehr variablen Gesangsbreite, die sich in Sphären von einer
Melissa Etheridge bis hin zu ihrer berühmten Landsmännin Shania Twain erstreckte. Des weiteren beschränkte sie sich auf ein konsequentes Gitarren-Rhythmusspiel, für die filigrane Feinarbeit mit virtuosen Fill- und Solo-Einlagen zeigte sich ihr männliches Pendant Jason Nett verantwortlich, der auch diverse, gut passende Harmoniegesänge mit beisteuerte.

So verlief der erste Part über „Meant To Be“ , „Shakespeare Says“, dem vom Tempo variantenreich gestalteten „Blush“, dem autobiografischen „Calling“, das der Mutter gewidmeten „Speechless“ bis zur ersten Solodarbietung von Jason (grandiose mehrstimmig allein gespieltes Akustikinstrumental – man hatte vom Klang her das Gefühl, nicht er alleine, sondern mindestens fünf weitere Gitarristen wären auf der Bühne, Jason ergatterte dafür tosenden Applaus) wie im Fluge. Nach einer kurzen Pause ging es mit dem flockigen „I Said I“ (laut Melanie in Kanada ein kleiner Hit) weiter. Es folgte dann die wohl stärkste Phase. Erst das herrlich groovige „This Song“, dann der wunderschöne Opener von ihrem „Acoustic Ride“-Album „We’re The Angels“ und mein persönliches Lieblingslied „Can’t Stop Laughing“ (fulminantes Solo von Jason), bei dem das Herz des Rezensenten einfach lacht.

„Somebody’s Baby“, „Hollow“, das fröhliche „Wishful Thinking (Echo Song)“, „Fall In (Wounded Soldier)“, ein weiteres umjubeltes Jason Nett-Solo-Special, ein herrlich grooviger Song, der mich ein wenig an den Stretch-Klassiker „Why Did You Do It“ erinnerte (war es „Flirtin'“?), das poppige „Little Miracle“ bis zum finalen, sehr ruhigen „Stare At The Rain“ waren dann die Stationen eines sehr überzeugenden zweiten Parts. Die heftig eingeforderten o.a. Zugaben rundeten eine in sich stimmige, abwechslungsreiche und qualitativ hochwertige Singer-Songwriter-Performance mit viel Augenmaß ab.

Melanie Dekker und Jason Nett bewiesen einmal mehr, dass man für kleines Geld oftmals sehr viel mehr geboten bekommt (vor allem die persönliche Nähe zum Künstler) als das heute übliche, anonyme Abzocke der sogenannten großen Bands, die aber leider von Otto-Normalhörer weiter protegiert werden, koste es, was es wolle. Von daher nochmals auch von unserer Seite ein großes Lob an Leute wie Ulrich op de Hipt, die mit ihrem Engagement solche Events erst möglich machen. Dieser gewährte uns nach dem Konzert noch einen interessanten Einblick in die Katakomben des ABC-Kellers (ein ehemaliger Schutzbunker im 2. Weltkrieg), den er selbst als begeisterter Musiker (Keyboarder der Funk-Soul-Band 9 Men High) sich zu einer Art Spielwiese (Jam-Studio/VIP Bereich/ eigenes Tonstudio mit modernster Technik) in eigener Sache umgebaut hat, und damit (laut eigener Aussage) so manche, im Keller auftretende Künstler in ungläubiges Staunen versetzt hat.

Im Anschluss hatte ich sogar noch die Gelegenheit mit Melanie einen kurzen Smalltalk zu führen. Wir tauschten unsere E-Mailadressen aus und sie schenkte mir dankenswerter Weise dazu noch ihr ebenfalls sehr zu empfehlendes Album „Revealed“. Ein rundum gelungener Abend also, wobei ich den hoffentlich meinem Geschmacksspektrum kompatiblen nächsten Gigs (Melanie mal mit kompletter Band oder The Band Of Heathens als absoluter Knaller vielleicht…?) schon jetzt entgegenfiebere. Hat richtig Spaß gemacht!

Line-up:
Melanie Dekker (lead vocals, guitars)
Jason Nett (guitars, vocals)

Melanie Dekker
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ABC-Keller

Willie Nelson – The Great Divide – CD-Review

Tja, eigentlich waren die Countrybarden a la Johnny Cash, Merle Haggard, Waylon Jennings und wie sie alle heißen, wenn ich ehrlich bin, nie so mein Ding. Gut, irgendwie hat man ihre Konstanz in diesem Geschäft ehrfürchtig, aber distanziert bewundert, immerhin gelten sie heute noch als oft angeführte Vorbilder für viele Musiker, die ich gerne höre. Mehr aber eigentlich auch nicht. Ihre Songs waren mir immer zu staubig, zu trocken, es fehlte der gewisse Pep.

Und plötzlich landet in meinem Player der gute alte Willie Nelson, mit seiner neuen Scheibe „The Great Divide“; er ist eine der unbestrittenen Größen der Szene, als Schauspieler, Leiter vieler Projekte wie z. B. Farm Aid und natürlich als Musiker auf unzähligen Alben, schon zu einer Zeit, wo ich noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt bin.

Auffällig direkt die schöne Digipackaufmachung, wo man viel zu blättern, lesen und anzugucken hat. Und zu meiner eigenen Überraschung scheint der kauzige Altstar eine musikalische Frischzellenkur hinter sich zu haben. Er präsentiert jedenfalls eine New-Country-Pop-Rock-Platte auf Höhe der Zeit, nicht zuletzt auch ein Resultat der Idee, viele Künstler einzubinden, die momentan up to date sind, sowie mit Matt Serletic einen der angesagten Produzenten zu engagieren.

Ursache dafür wahrscheinlich Willies schon immer währender Hang zu Duetts. Wir erinnern uns beispielsweise noch mit Schaudern an seinen Song „To All The Girls I’ve Loved Before“ mit der notgeilen Schmalzlocke, oder im Volksmund auch als Latin-Lover bezeichneten, Julio Iglesias in grauer Vorzeit.
Aber keine Angst, auf dieser CD hat er viel Fingerspitzengefühl mit der Auswahl der Interpreten bewiesen: Country-Music-Awards-Titelträgerin Lee Ann Womack, Sheryl Crow, Bonnie Raitt, Brian McKnight oder Kid Rock. Mit Letztgenanntem liefert er auch den Höhepunkt des Albums. „Last Stand In Open Country“, eine Art Country-Metal-Ballade vom Feinsten, wo der gute Pamela Anderson-Bekannte immer wieder dreckig zwischen den Leadgesang von Willie röhrt, ähnlich wie Gregg Allman beim Dickey Betts-Klassiker „Seven Turns“.

Schön auch das melodische Midtempoauftaktstück „Maria (Shut Up And Kiss Me)“, das irgendwie gut gelaunt daherplätschert oder auch die nett gemachte Coverversion des Cyndie Lauper-Megahits „Time After Time“. Überhaupt zeigt sich der bald 69-jährige passionierte Golfspieler in einer ausgelassenen und relaxten Stimmung, der man in ebenso entspannter Weise gerne Folge leistet. Das Werk lohnt sich auf jeden Fall für Leute, die es lieber etwas ruhiger und melodisch haben.

Apropos Golf. Eine amüsante Vorstellung, den stoppelbärtigen Willie mit seinen baumelnden rot geflochtenen Zöpfen unter dem Käppi, in bunt karierten Knickerbockern in einem Flight zum sicheren Schlag aufs Green ausholen zu sehen, während die statusgeplagten Herr Rechtsanwalt und Frau Doktor ihren Ball verzweifelt im Gebüsch suchen…

Lost Highway Records (2002)
Stil: Country & More

01. Maria (Shut Up And Kiss me)
02. Mendocino County Line
03. Last Stand In Open Country
04. Won’t Catch Me Cryin‘
05. Be There For You
06. The Great Divide
07. Just Dropped In (To See What My Condition Was In)
08. This Face
09. Don’t Fade Away
10. Time After Time
11. Recollection Phoenix
12. You Remain

Willie Nelson
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Wilco – Ashes Of American Flags – DVD-Review

Manchmal ist es als Online-Redakteur gut, seinen Intuitionen Folge zu leisten. So bei der Kult umwobenen Chicagoer Band Wilco, über die ich zwar schon viel gelesen habe (im Feuilleton der von mir abonnierten Tageszeitung werden oft Scheiben von ihnen und aus ihrem musikalischen Dunstkreis besprochen), an die ich mich trotz interessanter Kritiken aber nie so richtig herangetraut habe. Ihr Hang zu Klangexperimenten hatte mich immer davon abgeschreckt. Mittlerweile habe ich aber schon des öfteren mal Sachen aus dem Indie-, Roots- und Alternative Country-Bereich im Player liegen, so dass sich die Hemmschwelle deutlich verringert hat.

Jetzt erschien mir die Zeit reif zu sein, mich an ein Review heranzuwagen, als sich ihre neue DVD „Ashes Of American Flags“ in unserem Angebotstool befand. Ohne es wirklich zu wissen, hatte ich (eigentlich als Vertreter harmonischer Klänge) es ins Kalkül gezogen, dass sie gerade bei einer Live-Präsentation, den Geschrammel-Anteil vermutlich nicht allzu intensiv in den Vordergrund stellen würden. Damit sollte ich im Großen und Ganzen recht behalten.

Die DVD wurde an fünf verschiedenen Locations in fünf verschiedenen Staaten (Cain’s Ballroom, Tulsa, OK – Tiptina’s, New Orleans, LA – Mobile Civic Center, Mobile, AL – Ryman Auditorium, Nashville, TN – 9. 30 Club, Washington,DC) gefilmt. Veröffentlicht wurde sie in den Staaten am so genannten Music Store Day (18. April), der den vielen kleinen Plattenläden im Lande zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen soll. Gerade Wilco-Frontmann Jeff Tweedy engagiert sich hier sehr stark, der (wie wir wohl alle) diese Läden quasi als Anlaufpunkt und Antriebsfeder für sich sah, sich mit Musik zu beschäftigen, bzw. auch aktiv zu betreiben.

Apropos Jeff Tweedy. Er steht ganz klar, trotz seiner hervorragend instrumentell agierenden Mitstreiter (vor allem der sich mit seiner eigenwilligen Schlagtechnik voll verausgebende Drummer Glenn Kotche, der unkonventionell spielende Lead-Gitarrist Nels Cline, Tweedy-Langzeit-Kumpel John Stirratt, Mikael Jorgensen und der vielseitige Pat Sansone), im Mittelpunkt dieser Dokumentation. Er wirkt in seiner juvenilen, dezent introvertiert wirkenden Charismatik schon jetzt wie eine geistesverwandte Mischung aus Johnny Cash, Van Morrison und Bob Dylan. Er besitzt neben seinen außergewöhnlichen Songwriterqualitäten eine in den Bann ziehende Stimme und Gestik. Dazu spielt er auch hervorragend Gitarre.

Das ausgewählte Songmaterial bietet schwerpunktmäßig einen Querschnitt ihrer letzten Alben „Sky Blue Sky“, „A Ghost Is Born“ und dem damals gefeierten „Yankee Hotel Foxtrot“ (Wilco kauften dem Label aufgrund strategischer Differenzen die Rechte für dieses Werk ab, um es dann mit großen Erfolg nach eigenen musikalischen Vorstellungen zu veröffentlichen). Die Musik ist über weite Phasen sehr eingängig und angenehm präsentiert (z.B. das soulige „Impossible Germany“ oder das beim Proben gefilmte, balladeske „Wishful Thinking“). Lediglich Clines manchmal kreischend gespielte Solopassagen (u.a. bei „Handshake Drugs“) und einige Synthie-unterstützte, psychedelisch anmutende Momente („Side With Seeds“, „Via Chicago“) unterbrechen die vorwiegend im Vordergrund stehende musikalische Harmonie (in einem zeitlich aber vertretbaren Rahmen).

Komischerweise gefällt mir der Extrateil sogar noch besser als der Hauptpart, weil hier die Countrynote doch ein wenig deutlicher in den Vordergrund gerückt wird. Bei „I’m The Man Who Loves You“ darf man sich an einem Honky Tonk-Piano erfreuen, beim Steel-untermalten „It’s Just That Simple“ erhält Basser John Stirratt Gelegenheit, seine gesanglichen Qualitäten und auch sein Akustikgitarrenspiel unter Beweis zu stellen (Tweedy bedient dafür im Gegenzug den viersaitigen Tieftoner). Auch Bläsereinsätze (wie bei „The Late Greats“ und „Hate It Here“) sind durchaus mit Wilco-Stücken wunderbar in Einklang zu bringen (passender Weise in New Orleans mit eingebracht).

Fazit:  Das von Brendan Canty und Christoph Green gefilmte Wilco-Dokument „Ashes Of American Flags“ macht beim Anschauen (u.a. auch noch mit atmosphärischen Landschafts- und Städteimpressionen, sowie einigen Statements und Backstage-Aufnahmen der Musiker aufgepeppt) und vor allem beim Zuhören großen Spaß. Nicht nur der brillante Klang weiß zu überzeugen, auch die Songauswahl und ihre interessante musikalische Umsetzung begeistert. Im Gegensatz zu vielen anderen Acts kann der Rezensent (auch Tweedys Ausstrahlung sei Dank) den Kultstatus von Wilco mittlerweile gut nachvollziehen. Ein wirklich beeindruckender Konzertfilm über eine extravagante Band! Klasse!

Nonesuch Records (2009)
Stil: Rock / Alternative Country

01. Ashes Of American Flags
02. Side With The Seeds
03. Handshake Drugs
04. The Late Greats
05. Kingpin
06. Wishful Thinking
07. Impossible Germany
08. Via Chicago
09. Shot In The Arm
10. Monday
11. You Are My Face
12. Heavy Metal Drummer
13. War On War

Extras.
14. I’m The Man Who Loves You
15. Airline To Heaven
16. It’s Just That Simple
17. At Least That’s What You Said
18. I Am Trying To Break Your Heart
19. Theologians
20. Hate It Here

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Nonesuch Records
Warner Music Group Germany

Billy Bob Thornton – Private Radio – CD-Review

Thornton

Der Typ sieht wie einer aus, dem man nicht im Dunkeln begegnen, geschweige denn zum Feind haben möchte. Und doch zählt der in Hot Springs, Arkansas geborene 46-jährige Billy Bob Thornton, nicht nur durch die Heirat mit Lara-Croft-Darstellerin Angelina Jolie, zu den schillernden Lichtgestalten des aktuellen Showbusiness. Vier Scheidungen, jede Menge Tätowierungen, Blutschwur und extravagantes Auftreten; ein gefundenes Fressen für die Boulevardmedien der heutigen Tage.

Zwei aktuelle Filme, ‚The Man, Who Wasn’t There‘, eine Homage an die Filme der 40er Jahre, in dem er einen wortkargen Barbier spielt, der letztendlich auf dem elektrischen Stuhl landet, und die Krimi-Liebeskomödie ‚Banditen‘, in der er mit Bruce Willis um die Gunst von Cole Blanchett buhlt, dienen als Beleg dafür, dass der Mann in der momentanen Szene angesagt ist.

Zu den Wurzel zu Beginn seiner Künstlerkarriere zurückkehrend – Thornton startete als Sänger und Schlagzeuger – veröffentlichte Billy Bob jetzt, zu einem nicht ganz unpassenden Augenblick, unter dem US-Label Lost Highway Records, hier vertrieben durch die Firma UMIS, seine erste CD „Private Radio“.
Und der Typ scheint es wirklich nicht nur schauspielerisch drauf zu haben. Er bietet zwölf unaufdringliche Songs, die schwerpunktmäßig durch seine angenehm raue Stimme und gitarrenmäßig durch Freund und Produzent Marty Stuart ihren Stempelaufdruck erhalten.

Teils im Erzählstil eines Johnny Cash („Dark And Mad“, „Forever“, „Beauty At The Backdoor“), oder leicht Tom Petty-beeinflusst („Walk Of Shame“, „He Was A Friend Of Mine“), mal als Ballade mit persönlichem Bezug („Angelina“, „Your Blue Shadow“), einmal im Duett mit Holy Lamar („Starlight Lounge“) dargeboten, ergänzt durch ein paar traditionelle Rock’n’Roll-, Blues- und Hillbilly-Elemente („Smoking In Bed“, „That Mountain“, „Lost Highway“) zeugt davon, dass Mr. Thornton auch im musikalischen Bereich auf Flexibilität steht.

Die Scheibe wird sicher nicht unbedingt zu einem großen Favoriten in meiner Sammlung avancieren, aber man kann sie als insgesamt recht ordentlich bezeichnen. Der „Bad Boy“ hat sich einen Herzenswunsch erfüllt, die Sache scheint ihm großen Spaß bereitet zu haben, das nötige Kleingeld ist ohnehin dafür vorhanden und das Ergebnis liegt im grünen Bereich. Warum also eigentlich nicht?

Universal Records (2001)
Stil: Country & More

01. Dark And Mad
02. Forever
03. Angelina
04. Starlight Lounge
05. Walk Of Shame
06. Smoking In Bed
07. Your Blue Shadow
08. That Mountain
09. He Was A Friend Of Mine
10. Private Radio
11. Beauty At The Backdoor
12. Lost Highway

Billy Bob Thornton
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Porter Wagoner – Wagonmaster – CD-Review

Wago

Dass Rot-Weiß Essen-Sympathisanten der Ruf vorauseilt, besonders leidensfähig zu sein, ist längst kein gut gehütetes Geheimnis mehr, aber dies auch auf andere Bereiche des Lebens dieser armen Menschen bedenkenlos zu übertragen, wäre dann doch ein wenig gemein. Dieses Werk sollte eine Country-CD sein, die mir angeblich auf den Leib geschrieben wäre. Ich, Liebhaber des modernen New-Country, dachte mir in meinem Vorurlaubs-Stress beim Namen Porter Wagoner erst mal nichts, und ging davon aus, dass das sicher wieder einer der vielen jungen, wilden Nashville- oder Texas-Interpreten wäre, die dort jede Woche von neuem wie Pilze aus dem Boden schießen.

Irgendwann klickte ich dann doch auf die Homepage, und bekam direkt ein flaues Gefühl im Magen. Ein grinsender Herr mit typischem zurückgekämmten 50/60er-Jahre-Haarschnitt von ‚anno dazumal‘, kitschig bestickte Hemden mit großen Kragen, und jede Menge CD-Cover mit Wühltisch-Flair auf der Startseite. Aha, Traditional-Country also! Ein Künstler mit der Erfahrung von einem halben Jahrhundert. Country Hall Of Fame-Schwarz/Weiß-Bilder, Grand Ole Opry, diese Uralt-Schinken, die in Vierer-Boxen auf unseren Privat-TV-Sendern in ihren Werbeblocks ans Volk verscherbelt werden sollen, und eben die Befürchtung von altbackener Musik schossen mir als erste Assoziationen durch den Kopf. Nach dem mir immer noch im Magen liegenden RWE-Abstieg also auch das noch…

Das Cover-Bild im Annie Leibovitz-Stil (fotografiert aber von Produzent und Nashville-Musiker Marty Stuart) und die gesamte Aufmachung in trockenem Schwarz-Weiß und ebenso nüchternen Bildern erinnert sofort an den allseits berühmten Johnny Cash . Und so findet man auch einen Song aus seiner Feder in der Tracklist, dem dann, wie auch sonst im Blues so üblich, direkt eine außergewöhnliche Legende angehaftet ist. Stuart, 1981 in Cashs Tourband, hatte damals dem guten Johnny über Porter berichtet, und Kassetten mit seiner Musik vorgespielt. Cash zückte kurze Zeit später einen Song aus der Tasche über ein Krankenhaus, in dem wohl beide mal hospitiert hatten, mit der Bitte, ihn an Porter zu übergeben. Stuart, scheinbar mit der üblichen Musiker-Zuverlässigkeit ausgestattet, vergaß dies allerdings. Als er seine Bude im Vorfeld dieses Albums aufräumte (seit wann werden Künstler in dieser Hinsicht in so kurzen Zeitabständen aktiv…?) fiel ihm das Teil wie durch ein Wunder wieder in die Hände.

Kommen wir zum musikalischen Inhalt. Zunächst muss man sagen, dass die Stücke von gestandenen Nashville-Studio-Musikern in gewohnter Qualität eingespielt wurden, ich entdecke neben arrivierten Leuten wie Stuart Duncan, Mike Johnson, Kenny Vaughn, Harry Stinson sogar meinen Lieblingspianisten Gordon Mote, der allerdings recht zurückhaltend agiert. Zudem sehe ich noch einen mir bekannten Song („Hotwired“) eines Shawn Camp, dessen Album „Fireball“ ich neulich für Bärchen Records mal besprochen habe, der aus meiner Sicht auch den Höhepunkt darstellt, da er noch am modernsten rüberkommt.

Ansonsten traditioneller, staubiger Country alter Schule mit heulenden Steelgitarren und sägenden Fiddeln am Fließband, die Porters doch in die Jahre gekommenen Gesang (z.T. im Erzählstil) in gewohnter Manier unterstützen. Puristen werden natürlich jubeln. Stoff für Freunde des ewig gestrigen Country der Marke Cash, Williams, Jones & Co. Porter Wagoner, bei allem Respekt, aus meiner Sicht ein Fall für den musikalischen Rentenbescheid!

Anti Inc. (2007)
Stil: Country

01. Wagonmaster (#1)
02. Be A Little Quieter
03. Who Knows Right From Wrong
04. Albert Erving
05. A Place To Hang My Hat
06. Eleven Cent Cotton
07. My Many Hurried Southern Trips
08. Committed To Parkview
09. The Agony Of Waiting
10. Hotwired
11. Brother Harold Dee
12. Satan’s River
13. Wagonmaster (#2)

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