Julie Roberts – Same – CD-Review

Sie ist zweifellos, rein optisch betrachtet, eine ‚Pretty Woman‘ und auch ihr Einstieg ins Musikbiz in Nashville hört sich zunächst einmal wie aus einem Film an. Die Rede ist von Julie Roberts, weder verwandt noch bekannt mit ihrer berühmten Nachnamensvetterin aus Hollywood. Hier die Kurzversion des Drehbuchs. die schon immer musikbegeisterte Studentin aus South Carolina wechselt an die ‚Belmont Universität‘ in Nashville, wo sie mit einigen Kollegen auch bald eine Band formt, und versucht in der hiesigen Clubszene Fuß zu fassen.

Sie nimmt parallel ein paar Demobänder auf. Nach ihrer Promovierung erhält sie eine Anstellung als Empfangsassistentin bei ‚Mercury Records‘. Über einen Freund gelangen die Aufnahmen zu einem der Stargitarristen der Studiomusikergilde. Brent Rowan. Der wiederum nimmt einige weitere Sachen mit Julie auf, und spielt das Geleistete dem Präsidenten der ‚Universal Music Group Nashville’‚ Luke Lewis vor, der zum Zeitpunkt an der Verpflichtung einiger neuer Künstler interessiert war.

Dieser ist sofort hellauf begeistert und erklärt Rowan, dass er Julie unbedingt kennen lernen möchte. Der erwidert trocken, dass er sich nur eine Etage tiefer bewegen müsse, denn die Gute arbeite bereits für ihn… Kommen wir aber zu ihrem Werk, das bereits aus 2004 stammt.

Julie Roberts präsentiert auf ihrem Debüt elf Stücke, die größtenteils im Balladen- und Midtempobereich anzusiedeln sind, fernab der schnelllebigen und kommerziell orientierten Mainstream-Schiene, die doch größtenteils in Nashville marktbeherrschend vorzufinden ist.

Jeder Song erzählt seine kleine Geschichte und lebt von der Atmosphäre, die einerseits durch Julie’s rauchig ausdrucksvolle Stimme sowie die exzellente Leistung eines relativ eng bestückten, aber qualitativ auf unglaublich hohem Niveau agierenden Musikerkreis, erzeugt wird.
Hier gilt es sich Zeit zu nehmen, man schnappt sich am besten einen Kopfhörer, lässt sich mit einem Gläschen Wein in einen gemütlichen Sessel bei gedämpften Licht herabsinken, und von den liebevoll, aber sehr kraftvoll durch Produzent Brent Rowan abgemischten Details verwöhnen.

Auffällig trotz des gemäßigten Tempos der meisten Stücke, eine sehr knackige Drum- und Percussionarbeit (Shannon Forrest und Eric Darken), sehr klares Akustikgitarrenspiel durch Bryan Sutton, dezente, aber immer zum richtigen Zeitpunkt einsetzendes Piano eines meiner Lieblingskeyboarder Gordon Mote, und natürlich die erdigen E-Fills oder auf den Punkt gebrachten Soli von Brent Rowan.

Für den Steelbereich zeichnet sich Legende Al Perkins verantwortlich und im Background stellten keine geringeren als Vince Gill und Delbert McClinton ihre charismatischen Stimmen für den einen oder anderen Song zur Verfügung. Zu den Earcatchern dieser durchgängig guten CD ohne Lückenbüßer sind die beiden erfolgreichen Singles „Break Down Here“ und „Wake Up Older“ zu zählen, „Pot Of Gold“ ein durch Akkordeon (Tim Lauer) dominiertes peppiges Midtempostück, das leicht karibisch anmutende „Just ‚Cause We Can“ und ein fetziger Countryrocker mit Southern-Feeling „No Way Out“, von Julie mit dreckiger Stimme im Stile Bonnie Raitts vorgetragen, veredelt mit schönen Akustikslides, Honkytonkpiano und rockiger E-Gitarre, die in Form eines kleinen Schlagabtausches weitere Akzente zu setzen wissen.

Das in rot/braunen Tönen gehaltene, umfangreich und schön gestaltete Cover, enthält jede Menge Bilder der hübschen Julie, sowie reichhaltige Infos und natürlich alle Texte. Bewiesen hat Julie mit ihrem Erstwerk allerdings eines ganz sicher. wie sang Shania Twain doch noch vor kurzem so treffend auf ihrer letzten CD. „She’s Not Just A Pretty Woman“ oder so ähnlich…? Vielleicht verdreht Julie Euch ja auch mit ihrer tollen Stimme den Kopf.

Mercury Records (2004)
Stil: New Country

01. You Ain’t Down Home
02. Break Down Here
03. Pot Of Gold
04. Unlove Me
05. Just ‚Cause We Can
06. Wake Up Older
07. If You Had Called Yesterday
08. No Way Out
09. I Can’t Get Over You
10. Rain On A Tin Roof
11. The Chance

Julie Roberts
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Bärchen Records

Eileen Rose & The Holy Wreck – Luna Turista – CD-Review

Eileen Rose & The Holy Wreck, die in meinem musikalischen Spektrum bisher unter der Kategorie ‚Unbekannt‘ firmierten, erlangten meine Aufmerksamkeit, als ich neulich das Programm meines Lieblingsclubs Karo in Wesel studierte. Dort tritt die Dame mit ihren Begleitmusikern Rich Gilbert (Guitars, Pedal Steel, Keyboards) und Nate Stalfa (Drums) am 30.10. 2009 im Rahmen einer Tour durch diverse deutsche Städte auf, Grund genug also, sich etwas näher mit ihr zu beschäftigen, zumal das Karo eigentlich immer einen Garanten für gute Musik darstellt.

Wie der Zufall es wollte, fand ihr aktueller Silberling „Luna Turista“ (ihr bereits fünftes Werk) noch am gleichen Tag in mir einen dankbaren Abnehmer. Eileen Rose stammt aus dem amerikanischen Boston, hat aber nach einem abgebrochenem Jura-Studium für längere Zeit in England gelebt und dort eigentlich auch ihre musikalische Karriere begonnen. Mittlerweile ist sie in die Staaten zurückgekehrt und lebt dort in ihrer neuen Wahlheimat Nashville, Tennessee.

Auch wenn „Luna Turista“ (die Inspiration des Titels rührt übrigens daher, als Eileen in Italien in einer wunderschönen mondklaren Nacht als Support von Joe Ely auftrat) zu Großteilen im Country verankert ist, hat das Ganze mit dem in Music City alles beherrschenden und angesagtem Mainstream äußerst wenig am Hut und ist letztendlich kaum exakt zu kategorisieren.

Das liegt vor allem im doch recht unkonventionell wirkenden Zusammenspiel ihrer ziemlich außergewöhnlichen Stimme (teilweise von maskulin bis piepsig variierend) und einem recht traditionell ausgelegten Countrystoff mit viel Steel, Fiddle und E-Bariton-Klängen („Trouble From Tomorrow“ – ein fröhlicher Waltz, „Luckenbach Texas“ ein Schwofer im Duett mit Gastmusiker Joshua Hedley als Hommage an Waylon Jennings, Willie Nelson und Hank Williams, das rhythmische „Why Am I Awake?“), das aber auch immer wieder sporadisch in Roots Rock/Pop-Gefilde („Strange“ – Petty-mäßig, das sehr emotionale, an „Please Forgive Me“ von Melissa Etheridges „Skin“-Album erinnernde „The One You Wanted“) abdriftet.

Eine sehr eigenwillige, manchmal auch nicht einfach zu hörende („Third Time’s A Charme“ – mit teilweise sehr monotonen Refrainpassagen, „Silver Ladle“ – ziemlich schräger Gesang) Mischung also. Klasse der recht flott, dezent punkig abgehende, mit Harp-Einlagen bestückte Opener „Simple Touch Of The Hand“ und das finale „All These Pretty Things“, bei dem plötzlich im Mittelteil schwere, wie im Desert-Rock typische, Gitarrengeschütze aufgefahren werden.

Mit „Luna Turista“ ist Eileen Rose & The Wreck ein unbestritten eigenwilliges Werk gelungen, das vor allem seine Sympathie daraus schöpft, unbeirrt aller Trends, konsequent und unbiegsam einer eigenen Linie zu folgen. Für meine, eher der Eingängigkeit frönenden und nicht unbedingt traditionellen Country bevorzugende Gehörgänge, teilweise allerdings etwas anstrengend. Ich vermute mal, dass sie aller Voraussicht nach hauptsächlich in der weiblichen Gemeinde ihre Anhängerschaft finden wird. Im Prinzip müsste so was Ähnliches rauskommen, wenn Lucinda Williams, Melissa Etheridge, Reba McEntire, Emmylou Harris, Patti Smith und Kate Bush sich zu einem imaginären gemeinsamen CD-Projekt zusammenfinden würden. Alles klar?

Floating World Records (2009)
Stil: Country Rock

01. Simple Touch Of The Hand
02. Sad Ride Home
03. Trouble From Tomorrow
04. Third Time’s A Charme
05. Silver Ladle
06. Luckenbach Texas
07. Strange
08. Why Am I Awake?
09. The One You Wanted
10. All These Pretty Things

Eileen Rose & The Holy Wreck
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Music Matters

Gary Rossington – That’s Me – CD-Review

Manchmal gibt es Dinge, die selbst einen hartgesottenen Musikliebhaber wie mich noch umhauen. Ich habe ja im Leben schon mit so einigem gerechnet, aber, dass Gary Rossington mal ein echtes Soloalbum herausbringen würde und darauf auch noch großartig singen würde, hätte ich, ehrlich gesagt, dem ansonsten immer so grimmig, wortkarg und abwesend wirkenden Musiker nie zugetraut.

Aber das am 04.12.1951 in Jacksonville geborene, einzige noch lebende Gründungsmitglied der legendären Southern Rock-Band Lynyrd Skynyrd scheint ein wahres Stehaufmännchen zu sein. Was hat der Mann nicht schon alles mitgemacht? Drogenprobleme, Autounfälle (GR ist ja quasi der Protagonist von „That Smell“), der unsägliche Flugzeugabsturz im Jahr 1977 (bei dem er sich Arme und Beine, nebst schwerster anderer Verletzungen, gebrochen hatte – mit Folgen bis in die heutige Zeit reichend), der Verlust unzähliger Bandkumpanen und Freunde, eine Operation am Herzen – und doch war es immer wieder Gary Rossington, der wie ein harter Fels in der Southern Rock-Brandung stehen blieb. Ein äußerst zäher Bursche, wie es scheint.

Im vorliegenden Falle wird Gary sich gedacht haben, was die beiden Van Zant-Brüder können, müsste ich doch eigentlich auch hinkriegen. Pat Buchanan, Ausnahmegitarrist in der Nashville-Studiomusikerzunft, Songwriter und auch Produzent, der Rossington (krankheitsbedingt) 2007 schon mal bei Skynyrd sporadisch für einige Gigs ersetzte, hatte wohl den Anstoß gegeben, es doch mal mit einer New Country-Platte zu versuchen.

Pat ließ seine Beziehungen spielen und brachte Gary mit einigen namhaften Songschreibern wie u.a. Hillary Lindsey, Rivers Rutherford, Brett James, Bobby Pinson und David Lee Murphy zusammen. Dazu stellte er ihm einen exklusiven Kreis von Instrumentalisten (Greg Morrow, Mike Brignardello, Gordon Mote, Tom Bukovac, Ilya Toshinsky, Jerry Douglas, Bryan Sutton, Dan Dugmore, Paul Franklin, Hillary Lindsey, Jon Randall) zur Verfügung und recht zügig war das Teil fertig. Buchanan zeigt sich natürlich mit Gary auch für die außerordentlich knackige Produktion verantwortlich.

Und selbst für ein Duett mit Megastar Taylor Swift reichte das von SRN üppig veranschlagte Budget. Klasse, wie das Mädel hier bei „Monday’s Gone“ unter Beweis stellt, dass sie auch gestandenen Rockgrößen Paroli bieten kann. Ein weiteres Duett liefert sich Gary auf dem aus der Rossington Collins Band-Zeiten bekannten „Misery Loves Company“ mit Ehefrau Dale Krantz (auch bei vielen Backgesängen involviert), welches diesmal sehr Steel- und Fiddle-betont (klasse Soli von Dugmore und Franklin) auf Country getrimmt wurde. Schön auch das flotte „Jacksonville Jaguars“, das Gary seinem Lieblings-Football-Club gewidmet hat. Erste Single ist das flotte und eingängige „Love Your Wife“ (gurgelnde Orgel, HT-Piano, tolle E-Soli von Gary und Tom Bukovac), dank des markanten Refrains mit sehr guten Chancen, in die Top-20 der Billboard Country Charts zu gelangen.

Das Highlight ist natürlich das sich (wie gewohnt) am Ende befindende „Free Bird“. Der Skynyrd-Klassiker wurde diesmal jedoch in eine mitreißende Bluegrass-Version verwandelt Das berühmte E-Gitarren-Finish wurde hierbei durch eine ebenso faszinierende Solopassage ersetzt, bei der sich Ilya Toshinsky am Banjo, Jerry Douglas (auch bekannt durch Alison Krauss & Union Station) an der Dobro, Bryan Sutton an der Mandoline und Buchanan an der Akustikgitarre in filigranster Weise die Finger wundspielen. Das ist Musik auf allerhöchstem Niveau. Herrlich!

Aber die wohl größte Überraschung des Albums ist der Lead-Gesang von Gary Rossington. Was hat der Typ für ein markantes Organ! Irgendwo zwischen Eddie Montgomery (Montgomery Gentry), Bill McCorvey (Pirates Of The Mississippi) und Hank Williams jr. liegend, besticht Gary immer wieder mit äußerst einfühlsamen, songdienlichen, aber vor allem auch sehr kräftigen und ausdrucksstarken Vocals. Keine Ahnung, warum man ihn nie vorher am Mikro hat singen gehört. Ich komme teilweise immer noch nicht aus dem Staunen heraus. Soviel Authentizität kann man nicht am PC nacherzeugt haben. Würde ich den Silberling nicht tatsächlich in der Hand halten, könnte man glatt meinen, es handele sich hier um einen Scherz! Der helle Wahnsinn!

Mit „That’s Me“ hat Gary Rossington ohne Zweifel wohl eine der größten Überraschungen des Jahres 2012 abgeliefert. Das Album, das am 1. April in den Handel kommen wird, verbindet modernen New Country glänzend mit auch durchaus traditionellen Klängen, ein gewisses Southern Rock-Ambiente ist ebenfalls omnipräsent. Neben seinen allseits bekannten Fähigkeiten als Gitarrist fördert es auch einen Gary Rossington als richtig guten Sänger zu Tage. Dazu ist es noch eine schöne Überbrückung bis zum nächsten Skynyrd Album und, wer weiß, vielleicht gibt es dort ja dann sogar ein Duett mit Gary und Johnny…

South Records Nashville (2012)
Stil:New Country & More

01. One Bad Man
02. Love Your Wife
03. Monday’s Gone
04. Honky Tonk Night Time Girl
05. Are You Loving Me
06. Still Alive
07. Jacksonville Jaguars
08. Misery Loves Company
09. Country’s Where The Heart Is
10. No More Time
11. Free Bird

Gary Rossington
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Rockie Lynne – Same – CD-Review

Einer der in Nashville ganz heiß gehandelten Newcomer ist Rockie Lynne, der nun, und das direkt auf einem Major-Label, sein Debüt abgeliefert hat. Lynne wuchs, streng religiös erzogen, in North Carolina auf. Erste musikalische Erfahrungen erwarb er in einem Jazz-Ensemble auf der Highschool. Danach begann er in verschiedenen Bands zu spielen. Nach dem Militärdienst folgte eine fundierte Gitarrenausbildung an einer Akademie in Los Angeles. Es folgt die Bekanntschaft mit dem Entertainer Mike Shane, der Rockie für diverse Aufnahmen mit nach Nashville begleitet.

Lynne nimmt einige Engagements in Country Touring-Bands an und verbleibt einige Jahre in Music-City. Mitte der Neunziger Jahre beginnt er sich auf seine Solo-Aktivitäten zu konzentrieren und geht aufgrund der zentralen geografischen Lage nach Minnesota, wo er sich mit ein paar in Eigenregie erstellten CDs und zahlreichen Live-Auftritten eine große Anhängerschaft aufbaut. Eines Abends wird er bei einem Gig vom Warner Brothers Marketing Mitarbeiter Bruce Larson begutachtet, der sofort eine CD an den Präsidenten von Universal Records schickte.

Die Vertragsunterzeichnung war dann nur noch Formsache. Für seinen Erstling wurden zwölf Stücke ausgewählt, die Rockie bereits zwischen 2002 und 2005 in Kooperation mit diversen Songwritern oder alleine komponiert hatte. Wie für ein Major-Label üblich, wurde ihm natürlich ein exzellentes Musikerpotential, wie u. a. Billy Panda, John Willis, JT Corenflos, Chris Leuzinger, Steve Nathan, Paul Franklin, Greg Morrow, Aubrey Haynie, zur Seite gestellt. Rein äußerlich einer Mischung aus Keith Urban und Jon Bon Jovi ähnelnd, könnte man vielleicht eine recht wilde, country-pop-rockige musikalische Gangart vermuten. Aber weit gefehlt, Rockie Lynne fühlt sich, zumindest auf seinem Debüt, in mehr traditionellen Country-Bahnen mit gemäßigtem Tempo zuhause, wobei er aber durchaus geschickt auch mal den ein oder anderen rockigeren Song einzustreuen weiß.

Mit der Single „Lipstick“, die sich durch eine klare Instrumentierung aus Akustik-, E-, und Steelgitarren (schönes E-Gitarren-Solo von JT Corenflos), ergänzt durch feine Piano- und Orgel-Tupfer, sowie Rockies kraftvolle, angenehme Baritone-Stimme auszeichnet, beginnt der Reigen dreier im Midtempo anzusiedelnder Songs. Erstmalig wird die Gangart bei „Super Country Cowboy“ etwas „rockiger“, einer knackigen, flotten Country-Rock-Nummer mit satten E-Gitarren-Riffs, Steel-Untermalung und dezentem Southern-Flair.

Im Strophenbereich entdeckt man sogar leicht angerappten, schnellen, funkigen Sprechgesang, wie man ihn auch schon mal bei Chris Cagles Paradestücken der Sorte „Country By The Grace Of God“ vorfindet. Stark, das ein wenig an Garth Brooks erinnernde „Do We Still“, das im Midtempobereich beginnt, sich aber im Verlauf des Songs bei guter Gitarrenarbeit sehr kraftvoll entwickelt. Gar ein wenig John Mellencamp-Atmosphäre vermittelt der Country-Heartland-Rock-Song „Big Time In A Small Town“. Knackige Drums, das typische Orgel-Pfeifen und wiederum tolle Gitarren (Skynyrd-mäßiges Riff) bestechen auf diesem Highlight des Werkes.

Ein weiterer Höhepunkt ist sicher auch das mit Fiddeln und Harmonika (stark hier Terry McMillan) durchzogene „Every Man’s Got A Mountain“, wobei auch die eingefügten Background-Vocals von Harry Stinson prächtig mit Rockies Gesang harmonieren. Überhaupt wird auf diesem Album meist in den Refrains mit großartigen „Backs“ vieler namhafter, meist weiblicher Akteure gearbeitet. Das sonnig relaxt dahin groovende „Holding Back The Ocean“ glänzt in toller Country-Goodtime-Manier (schöne Mandolinen-Fills), während das abschließende „Red, White And Blue“ balladeskes, patriotisch angehauchtes‚typisch amerikanisches „Country-Gefühlskino“ bietet.

Das Debüt von Rockie Lynne beeindruckt durch seine angenehme, ausgeglichene, instrumentell hochwertige Aufbereitung und gutes Songwriting, wobei hier zunächst der Fokus auf die sichere Etablierung des Künstlers in die Szenerie Nashvilles gerichtet gewesen sein dürfte. Prima, sehr solider, guter Stoff für Freunde von Billy Dean, Brian McComas, Tracy Byrd, Buddy Jewell, Tracy Lawrence, Garth Brooks & Co.!

Universal Records (2006)
Stil: New Country

01. Lipstick
02. The Only Reason
03. More
04.Super Country Cowboy
05. That’s Where Songs Come From
06. Do We Still
07. Big Time In A Small Town
08. Don’t Make This Easy On Me
09. Love Me Like You’re Gonna Loose Me
10. Every Man’s Got A Mountain
11. Holding Back The Ocean
12. Red, White And Blue

Rockie Lynne
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Bärchen Records

Bob Seger – Against The Wind – CD-Review

Bei Bob Seger hat man bei der Wahl seines Lieblingsalbums von ihm die Qual der Wahl. Mit seinen Werken „Night Moves“ und „Live Bullet“ gelang dem begabten Rockmusiker aus Detroit zwar der kommerzielle Durchbruch, mir als großem Balladen-Verfechter (wie Seger selbst übrigens auch) gefällt aus diesem und noch weiteren Gründen allerdings „Against The Wind“ am besten, auch wenn diese Scheibe beim jetzigen Hören aufnahmetechnisch im Vergleich zu heute doch schon ein wenig Staub angesetzt hat.

Auf furiose Rocker braucht man allerdings auch hier nicht zu verzichten. Mit „The Horizontal Bop“, „Her Strut“, „Long Twin Silver Line“ und „Betty Lou’s Gettin‘ Out Tonight“ bekommt man durchaus kräftige Kost dazwischen geworfen, ein Anteil von immerhin 40%. Interessant vor allem, dass Bob nicht nur seine Silver Bullet Band (Drew Abbott, Alto Reed – natürlich mit einigen exzellenten Sax-Soli vertreten, Chris Campbell) zum Einsatz kommen lässt, sondern bei einigen Stücken auch die fantastischen Musiker des berühmten Muscle Shoals-Studios (u.a. David Hood, Jimmy Johnson und Pete Carr, der ja mal bei den Allman Brothers als Nachfolger von Duane Allman hoch gehandelt wurde und auf Simon & Garfunkels berühmten Central Park-Konzert die E-Gitarre zupfte – klasse E- Solo bei „Long Twin Silver Line“) mit eingebunden hat.

Und als besonderes Schmankerl wartete noch weitere Prominenz wie Little Feat-Pianist Bill Payne („You’ll Acomp’ny Me“) und vor allem die geballte Eagles-Harmonies-Power mit den Herren Henley, Frey und Schmidt bei „Against The Wind“ und „Fire Lake“ auf, zudem noch unter Zuhilfenahme ihres etatmäßigen Produzenten Bill Szymczyk.

Mein absoluter Favorit auf dem Album ist das von Seger wunderbar emotional besungene „No Man’s Land“, das für meine Begriffe eigentlich immer so ein wenig im Schatten von Hits wie „You’ll Acomp’ny Me“, „Against The Wind“ (schöne Kombi übrigens von Piano und Organ) und „Fire Lake“ stand. Das von Bob Seger selbst eingestreute E-Solo am Ende des Stückes zählt für mich zu den schönsten und gefühlvollsten seiner Art überhaupt. Auch das abschließende „Shinin‘ Brightly“ mit den herrlich souligen weiblichen Backs lässt keine Wünsche offen. Insgesamt eine starke Scheibe mit vielen Ohrwürmern, abwechslungsreich und ohne jeden Ausfall.

Das Werk kam 1980 als starker Start in die Dekade heraus und im Prinzip erahnte man noch nicht, dass ein relativ schlimmes Jahrzehnt der Rockmusik folgen würde. Nachdem es im neuen Jahrtausend doch recht ruhig um Bob Seger geworden war, feierte er mit „Face The Promise“ nach über zehn Jahren ein starkes Comeback, das auch mit ausverkauften Konzerten in den Staaten frenetisch gefeiert wurde. Der Wunsch, ihn einmal in unserem Lande bewundern zu können, dürfte allerdings utopisch bleiben.

Capitol Records (1980)
Stil: Rock

01. The Horizontal Bop
02. You’ll Accomp’ny Me
03. Her Strut
04. No Man’s Land
05. Long Twin Silver Line
06. Against The Wind
07. Good For Me
08. Betty Lou’s Getting‘ Out Tonight
09. Fire Lake
10. Shinin‘ Brightly

Bob Seger
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Eve Selis – Long Road Home – CD-Review

Wer zum Teufel ist Eve Selis, fragte ich mich wieder einmal, wie schon so oft bei vielen Künstlern, die mittlerweile in mein Leben getreten sind, seit ich als Online-Rezensent tätig bin. Und die hübsche Kalifornierin scheint ein weiterer Beweis dafür zu sein, dass das Reservoir an guten Musikerinnen und Musikern in Amerika unerschöpflich zu sein scheint.

Eingefleischten Fans wird meine Unwissenheit wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln entlocken, denn die gute Frau hat mittlerweile ihren vierten Silberling veröffentlicht und ist bei mp3.com mit fast einer Million Downloads eine der begehrtesten Rockladies.

In Amerika hat sie sich durch zahlreiche Nominierungen, Auszeichnungen (u. a. beim San-Diego-Music-Awards) und vielen Konzerten zusammen mit namhaften Leuten wie Travis Tritt, Chris Isaak, Doobie Brothers, Jewel sowie vielen anderen eine große Fangemeinde erarbeitet.

Die CD beginnt mit dem Titelstück und fegt los wie ein Hurrikan. Eve kreischt und brüllt ins Mikro mit dem Temperament eines Vulkans. So in etwa stelle ich mir einen Ehekrach im Hause Rossington vor, bei dem die gute Dale ihrem weggetretenen Ehemann einmal mehr vergeblich versucht, gewisse Dinge lautstark begreiflich zu machen…

Im weiteren Verlauf geben sich wunderschöne peppige Balladen, mit teilweise herrlicher Akkordeonbegleitung („The Lucky One“, „Sweet Companion“), und Uptempostücke mit viel Gitarren und Honkytonkpiano die Klinke in die Hand („Dog House“, „Hit The Road“), getragen von Eves sehr variabler und faszinierender Stimme. Langeweile und Aussetzer sucht man hier vergeblich.

Für den, der den charismatischen Gesang einer Melissa Etheridge mag, Americanasongs in Richtung Steve Earle gut findet, Countryeinflüsse a la Patty Loveless bejaht und Southernrockanleihen bei der Rossington Collins Band gegenüber nicht verschlossen ist, dürfte der Kauf dieser Scheibe eine gut getroffene Entscheidung bedeuten. Die Künstlerin selbst bezeichnet übrigens ihren Musikstil als Roadhouse Rock.

Stunt Records (2000)
Stil: Roadhouse Rock

01. Long Road Home
02. What I Mean To Say
03. Just 3 Words
04. The Lucky One
05. Happy To Be With You
06. Folsom Prison Blues
07. Hearts On Fire
08. Sweet Companion
09. Can’t Get You Out Of My Mind
10. Dog House
11. Hit The Road
12. Christmas In Washington
13. Far, Far From Home/Hot Dog (That Made Him Mad)

Eve Selis
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Bärchen Records

SevenMoore – Same – CD-Review

sevenmoore

Obwohl die Bandmitglieder von SevenMoore aus Spartanburg, South Carolina stammen, entschloss man sich das nahe gelegene Städtchen Moore in den Bandnamen zu nehmen. Weshalb, wieso aber dann etwas später. Spartanburg, South Carolina, war da nicht was? Richtig, das ist doch die Heimatstadt der allseits bekannten Marshall Tucker Band, die in den Siebziger-Jahren eines der großen Aushängeschilder des Southern Rocks darstellte. Wir erinnern uns an Capricorn Records, die Caldwell Brothers und Hits wie „Can’t You See“, Take The Highway“, „Heard It In A Love Song“ oder „I’ll Be Loving You“, die sich in der Seele eines jeden Südstaaten-Rock-Fans gebrandmarkt haben. Seit dem Tod von Tommy und Toy Caldwell existiert die Truppe zwar weiter, übrig in der heutigen Besetzung ist allerdings nur noch Sänger Doug Gray. Der musikalische Stellenwert tendiert aber mittlerweile im Southern-Rock-Bereich in Richtung Bedeutungslosigkeit.

Zwei Leute, die bei MTB zwar nicht unbedingt zu den ganz auffälligen Erscheinungen zählten, aber dem Sound der Band auch immer wieder ihren Stempel aufdrückten, waren Drummer Paul T. Riddle, sowie Flötist und Saxophonist Jerry Eubanks. Letztgenannter spielte nach dem Ausstieg beider in zwei Bands namens The Throbbers, in der neben Paul auch Rick Willis (lead vocals, guitars) tätig war, und den Lippnikies, denen Mike Rogers (lead vocals, acoustic guitar) und Tim Clement (bass) angehörten.

So ist dann auch der Bogen zu SevenMoore gespannt. Denn alle Musiker sind mittlerweile als SevenMoore zusammen vereint. Mit von der Partie noch Gitarrist Bobby Gaines (lead guitar) und Keyboarder Steve Keeter. Und damit wären wir wieder beim Namen. Die Band ist ein Septett, das Postfach, unter dem die Jungs in Moore ihre Korrespondenzen abholen, hat die Nummer Sieben, und inspiriert wurde man von einem Straßenschild, als Paul und Jerry die Beerdigung von Ex-Allman/Gov’t Mule Allen Woody besuchten, das die Aufschrift „Moore, 7 Miles“ enthielt, und man sich spontan zur Fortsetzung einer musikalischen Zusammenarbeit entschloss.

Allerdings ohne jeglichen kommerziellen Hintergedanken. So ist es auf ihren Gigs ohne Genehmigung erlaubt zu filmen oder auch aufzunehmen. Man wollte einfach nur Spaß am Musizieren haben und freut sich über jeden, der zur Verbreitung ihres Namens im positiven Sinn beiträgt. Bei der jetzt erschienenen Debüt-CD legte man großen Wert darauf, das Werk in Eigenregie zu erstellen, man wollte von vorn herein kein Druck seitens irgendeiner Plattenfirma oder eines Management aufkommen lassen. Gut so.

Man merkt es denn Songs auch einfach an. Hier wird unbekümmert frei von der Seele weg gezaubert, radiotaugliche 3-Minüter, sucht man vergebens. Trotzdem leben die Lieder von herrlichen Melodien, traumhaftem, ja blindem Spielverständnis der Beteiligten untereinander und ihrem individuellen instrumentellen Können, dass zu Haufe, zum Teil jam-artig, zur Schau gestellt wird.

Der Opener „Childhood“ mit seinem Doobie Brothers-Flair, das dezent soulige „Smells Like Rain“, das zehn-minütige Instrumental „Barnyard“ (als Gastmusiker mit dabei Piano-Legende Chuck Leavell und die Nashville-Asse Randy Kohrs, Dobro und Aubrey Haynie, Fiddle), der Slow-Blues „No Time“ oder das auch über neun Minuten währende „Drop Your Rock & Roll“, das unter dem Motto ‚Van Morrison meets Marshall Tucker Band‘ laufen könnte, sind nur ein paar Beispiele eines mit über 73 Minuten voll bepackten Silberlings (Nimm Dir Zeit für gute Musik!), wie er mir schon lange nicht mehr unter gekommen ist.

Glasklares Piano, tolle Akustikgitarren, zwei tolle Sänger, deren unterschiedliche Stimmen hervorragend den Stücken angepasst wurde, Organ-Fills, Flöten-, Saxophon-Soli, die unter die Haut gehen, und Gitarrenriffs der Marke Toy Caldwell von einst und in eigenständiger Ausführung, Dobro, Fiddle, pulsierende Bass-Linien, und Riddle-typisches kräftiges Schlagzeug, alles in Hülle und Fülle. Bei „Smells Like Rain“ geht das abschließende Sax-Solo durch Mark und Bein, bei „Barnyard“, das ein wenig Erinnerungen an die „Highway Call“ Zeit von Dickey Betts (damals noch Richard) aufkommen lässt, schießt ein Geträller aus Jerries Querflöte, wie wenn ein Rotkehlchen den kompletten Vogelpark eines Waldes zur Balz für sich gewinnen wollte, das anschließende grandiose E-Solo in Caldwellscher Manier treibt einem die Tränen in die Augen.

Bevor ich mich jetzt noch in einen Rausch schreibe, kann ich nur jedem Freund niveauvoller Rock-Musik wirklich empfehlen, sich diese Bärchen-, ähm bärenstarke Scheibe zuzulegen. Ein geniales Debüt, gestandener Musiker, die hoffentlich noch weitere Register ihres Könnens ziehen mögen.
Marshall Tucker Band war gestern, die Zukunft heißt ohne Zweifel SevenMoore!

Eigenproduktion (2005)
Stil: Southern Rock

01. Childhood
02. Smells Like Rain
03. Spring Street
04. Another Chance
05. Sunday Morning
06. Barnyard
07. No Time
08. Eight Days
09. 406 Whisnant St.
10. Touch
11. Drop Your Rock & Roll
12. Childhood (Reprise)

Bärchen Records

SHeDAISY – Sweet Right Here – CD-Review

She

Eine feste Größe im New-Country-Business zu werden, schicken sich die drei, wie immer super hübsch anzuschauenden, Osborn-Schwestern Krystin, Kelsi und Kassidy an, gleichzusetzen mit SHeDAISY (ein Begriff aus der Sprache der American Natives, bedeutet soviel wie My Sisters).

Nach ihrem überaus erfolgreichen Debüt „The Whole SheBang“ mit über einer Million verkaufter Tonträger, strafte das New-Country-Publikum ihren Nachfolger „Knock On The Sky“ aufgrund geänderter Strategie zu mehr Pop und technischen Spielereien mit knapp unter 100.000 Stück rigoros ab.
Ich persönlich empfand die Geschichte nicht ganz so dramatisch, enthält es doch auch einige sehr schöne Stücke und mit „Man Goin‘ Down“ sogar einen echten Knaller. SHeDAISY stehen nun mal eher für New-Country-Light. Aber die Fakten sprachen für sich, und so reagierte Profi-Produzent Dann Huff natürlich und knüpft jetzt wieder mit „Sweet Right Here“ an Bewährtem an.

Die Songs stammen wie immer aus Krystins Feder unter Zuhilfenahme diverser Co-Writer, die auch schon in der Vergangenheit ihren Beitrag geleistet hatten. Kassidies Stimme klingt klarer denn je, ja sogar zum Teil mit sehr erotischer Ausstrahlung. Die Harmoniegesänge sind traumhaft sicher und zuckersüß anzuhören. Gebaut auf einem soliden Fundament von Klasse-Musikern, diesmal allen voran der überragende Multiinstrumentalist Yonathan Yudkin, dürfte diesmal eigentlich nichts anbrennen.

Platz sieben in den Billboard-Album-Charts erscheint als logische Konsequenz. Überrascht hat mich ein wenig die Auswahl der ersten Single mit dem leicht orientalisch angehauchten „Passenger Seat“. Ist zwar ein ganz passables Stück, aber ich hätte da gleich vier flottere Nummern im Angebot. Das dahinrockende „5432 Run“ mit seiner flippigen Mundorgelbegleitung; „360° Of You“ für mich der Sommerhit schlechthin und legitimer Nachfolger von Shanias „That Don’t Impress Me Much“ mit kratzigem Akustikgitarrenrhythmus und seinem fröhlichen, einfach nachzusingendem Oooo-Refrain; die temporeiche Country-Tanznummer „Good Together (Bucket And Chicken)“ oder das bumpige „Don’t Worry ‚Bout A Thing“ mit toller Harmonika und schöner Banjountermalung, wie häufig bei Keith Urban eingesetzt.

Der alles überragende Song ist jedoch das atmosphärische „Love Goes On“. Wer kann stimmlich einem Verflossenem hingebungsvoller nachtrauern als es hier die gute Kassidy tut? Starke Melodie, tolle Instrumente, klasse Breaks, wunderbare Harmonies und ein markantes E-Solo runden dieses perfekte Lied ab.

Ansonsten kein Ausfall, dazu gibt es ein umfangreiches und schön zu betrachtendes Booklet mit allen Texten. Mein Fazit. Die Osborn-Sisters reifer geworden, und somit sind SHeDAISY wieder in der Spur. Gut gemacht, Mädels!

Lyric Street Records (2004)
Stil: New Country

01. Passenger Seat
02. 5432 Run
03. 360° Of You
04. Love Goes On
05. I Dare You
06. Good Together (Bucket And Chicken)
07. Come Home Soon
08. Don’t Worry ‚Bout A Thing
09. Without A Sound
10. Borrowed Home
11. A Woman’s Work
12. He’s A Hero

SHeDAISY
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Bärchen Records

ShutDownTown – Flush – CD-Review

Bis vor geraumer Zeit wurde die Red Dirt-Szene so gut wie ausschließlich von Männerhand dominiert, wobei man allerdings fairer Weise konstatieren muss, dass kaum ein Interpret oder irgendeine Band hier durch übertriebenes Machotum aufgefallen wäre. Buster Jiggs waren die ersten, die sich entschlossen, auf ihrem zweiten Album „Heartache Jubilee“ ihre bis dato im Background und Harmoniegesang (trotzdem) recht markant wirkende Sängerin Kristin Muennink an der Front zu positionieren, nachdem ihr standesgemäßer Sänger Will Dodson aus privaten Gründen passen musste.

Jetzt betritt mit der recht wohlbeleibten Amanda Graves (Lead Vocals) und ihrer Partnerin Cari Smith (Vocals, Rhythm guitar) alias Shutdowntown ein Duo diese Männerdomäne, das erhebliches Potential inne hat, um im Genre für Furore zu sorgen. Nicht umsonst hat sich ein höchst prominentes Gespann die beiden Damen unter die Fittiche gekrallt. Und zwar Mr. Red Dirt himself, Mike McClure (als Musiker früher The Great Divide, mittlerweile Mike McClure Band sowie oft auch als Produzent mit feinem Gespür für viele genrespezifische Bands tätig) und Texas-Legende Joe Hardy (u.a. ZZ Top, Steve Earle, Jeff Healey, Georgia Satellites, 38 Special, Little Caesar, Laidlaw – seine komplette Vita hier aufzuführen würde sicherlich den Rahmen sprengen), die sich auf diesem Debüt beide musikalisch (sie spielen fast alle Instrumente) wie aufnahmetechnisch so richtig austoben konnten.

Als dritter Musiker (neben McClure, Hardy und den beiden Protagonistinnen) wurde lediglich mit ‚Steel-Ikone‘ Lloyd Maines (Vater von Dixie Chicks-Sängerin Natalie Maines) an seinem Paradeinstrument eine weitere Koryphäe seines Fachs eingebunden, der mit seinem unwiderstehlichen Spiel bei einigen Tracks für die Countrynote im ansonsten doch recht rockigen Restrepertoire sorgen durfte.

Beeindruckend auf diesem durchgehend starken, zehn Songs (sieben davon durch Graves und Smith kreiert, zwei von McClure) umfassenden Werk ist natürlich vor allem die Gesangsleistung von Amanda Graves. Die präsentiert sich trotz aller geballter musikalischer Kompetenz und Erfahrung um sich herum, absolut selbstbewusst und weiß mit ihrer kräftigen, sehr klaren, dezent rotzigen und mit einem Southern Twang (ähnlich dem von Sugarlands Jennifer Nettles) belegten Stimme in allen Tempobereichen absolut zu überzeugen. Stark das Mädel!

Dass die knapp vierzig Minuten Spielzeit wie im Flug vergehen, liegt neben der instrumentellen und gesanglichen Brillanz vor allem an der abwechslungsreichen Struktur und unterhaltsamen Anordnung der Stücke. Der (southern-) bluesrockige Opener „Bury Me“ (herrlich die satte E-Gitarre von McClure, dazu sein einfühlsames, Marshall Tucker-inspiriertes Solo, fette Orgel) macht mächtig Dampf, das folgende, dezent rootsig und leicht psychedelisch anmutende „6 A.M.“ wirkt im Gegensatz dazu fast introvertiert und wird vom in ‚Crying in my beer‘-Manier gebrachten Countryheuler „“He Ain’t Coming Back“ (dazu herrlich passendes, jammerndes Steelspiel plus Solo von Maines und ein atmosphärisches Grandpiano von Hardy) abgelöst. Ein recht unterschiedliches, aber gekonntes Song-Trio direkt zu Beginn.

Danach gibt es einen Reigen von vier Tracks, der mich absolut begeistert. Das bluesige „Dark Skies“ groovt richtig schwer in Mark und Bein gehend, ist dazu mit einem grandiosen Mix aus E- und Slidegitarren und Skynyrd-mäßigem Solo bestückt, das herrlich melodische „Downhill“ mit dieser unwiderstehlich klirrenden Mandoline als Untermalung (wie Fleetwood Mac goes Red Dirt) erzeugt durchgehende Gänsehaut, das freche „Echo“ bietet flockigen New Country (im Sugarland-Style – man fragt sich fast, was passieren würde, wenn ShutDownTown deren Marketing-Maschinerie hinter sich hätten…) und das flockig fröhliche, cabriotaugliche „Get Out“, bei dem McClure in zweieinhalb Minuten Songlänge auch ohne gebärdenhafte Frickelei auf den Punkt gebrachte E-Gitarrenarbeit der Extraklasse abliefert. War mir bisher gar nicht so bewusst, wie hervorragend und filigran der die sechs Saiten bearbeitet.

Zwei wieder recht countrylastige, unter starkem Maines-Einfluss stehende Lieder, „5 Card Draw“ (balladesk, atmosphärisch) und „Goodbye To Me“ (etwas poppig, wieder an Sugarland erinnernd), rahmen das fette, raue, southern-rockige von McClure komponierte „Bad With You“ (fast punkig polternde Drums, surrendes Slide-Solo) zwischen sich ein und bilden einen standesgemäßen, dem hohen Niveau der Restsongs in nichts nachstehenden Abschluss. Fazit. ShutDownTown haben mit ihrem von Mike McClure und Joe Hardy glasklar produzierten Debüt „Flush“ einen fast sensationell zu bezeichnenden Einstand abgeliefert. Fulminante texanischer Girlpower in der Red Dirt Szene – wow – herzlich willkommen!

Eigenproduktion (2009)
Stil: Red Dirt

01. Bury Me
02. 6 A.M.
03. He Ain’t Coming Back
04. Dark Skies
05. Downhill
06. Echo
07. Get Out
08. 5 Card Draw
09. Bad With You
10. Goodbye To Me

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Bärchen Records

Sister Speak – Rise Up For Love – CD-Review

sis

Zwei Kanadierinnen versuchen ihr musikalisches Glück im amerikanischen San Diego! In einem für mich, reviewtechnisch gesehen, recht überschaubaren Jahr bisher, stellen Sister Speak mit ihrem Debütwerk „Rise Up For Love“ bisher eine der ganz positiven Überraschungen dar.
Das Grundgerüst der Band bilden die aus British Columbia stammende Sängerin und Songwriterin Sherri Anne (lead vocals, acoustic guitar) und ihre Landsmännin Lisa Viegas (drums, percussion). Diese beiden talentierten Damen haben letztendlich intensiv in der musikalischen Szene von San Diego gewirkt, sich umgeschaut und sind mit Tolan Shaw (guitars, vocals), Jacob ‚Cubby‘ Miranda (bass) und Leo Dombecki (keys) als Mitstreiter für ihr Sister Speak-Projekt fündig geworden.

Mit Produzent Alan Sanderson (Fiona Apple, Rolling Stones) und Mastering-Experte Brian Lucey (Black Keys, Arctic Monkeys) hat man zudem zwei Leute gefunden, die für ein tolles Klangerlebnis im Hintergund verantwortlich zeichnen. Star auf diesem Album ist eindeutig die Charisma versprühende Stimme von Frontfrau Sherri Anne, die nicht nur sämtliche Tracks komponiert hat, sondern auch ein filigranes Können an der Akustikgitarre offenbart. Eine Art Americana-Stevie Nicks, die ihren Songs eigentlich durchgehend den Stempel aufdrückt, ohne dabei aber komischerweise absolut dominant zu wirken. Sicherlich ein Resultat der wunderbar transparent und klar herausgearbeiteten Instrumente, auf der sie ihr eigenwilliges vokales Repertoire und Saitenspiel betten kann.

Die Songs bewegen sich allesamt in Roots-, Folk-, Country-Ambiente vermischt mit dezenten Pop/Rock-Zutaten, sodass der Überbegriff Americana wohl am passendsten erscheint. Vom radiotauglichen Opener „Chicago Dream“ (Sherri Anne hat in dieser Stadt auch fünf Jahre ihres Lebens verbracht) bis zum abschließenden, lässig groovenden „Honestly“ darf man sich zum, in unterschiedlichen Stimmungslagen (von melancholisch bis forsch-fröhlich) konzipierten, Treiben der Musiker entspannt dazugesellen. Lucinda Williams, Madison Violet oder Sundy Best sind Interpreten, die mir spontan aus meiner Sammlung als etwaige Referenzgrößen einfallen.

Das Grundgerüst bildet fast ausnahmslos Sherri Annes Gesang im Kombination mit ihrem markanten Akustikgitarrenspiel. Lisa Viegas entweder mit klassischen Drums oder nur der Cajon und Jacob ‚Cubby‘ Miranda mit seinem pumpenden Bass bilden das rhythmische Fundament, in das Tolan Shaw seine klug angelegten E-Fills (z. T. auch kurze Slidetupfer) eingestreut und Leo Dombecki mit tollen Keyboardvariationen (E-Piano, schöne B3-Klänge) zu überzeugen weiß.

Ein enger Rahmen von Gastmusikern (Meir Shitrit, Pedro Talerico, Angela Cutrone und Adrian Salas) sorgt mit zusätzlichen Saiten-, Percussion- und Harmoniegesangseinlagen (z. B. bei „Lady Luck“) für zusätzliche Belelebung. Meine Favoriten sind das von leichter Melancholie umwehte „Goodbye My Lover“ (klasse erneut die Piano- und B3-Arbeit von Dombecki), das mit herrlich klarem und pfiffigem Akustikgitarrenspiel ummantelte Titelstück „Rise Up For Love“ und der mit einer bluesig infizierten E-Gitarre groovende „Mountain Song“.

Einziger kleiner Kritikpunkt. Zwei Stücke mehr hätten es allerdings aufgrund der Kürze des Albums (nur knappe 34 Minuten) noch gerne sein dürfen.
Fazit: Ein tolles Debüt eines starken und musikalisch höchstversierten Quintetts, das mit Frontfrau Sherri Anne einen echten Rohdiamanten sein Eigen nennen darf. Sicherlich ein Geheimtipp des Jahres 2014. Reichhaltige Hörproben gibt es auf der Homepage der Band zu begutachten. Also liebe Leser, ran an den Speck, ähm, an Sister Speak!

Eigenproduktion (2014)
Stil: Americana

01. Chicago Dream
02. Goodbye My Lover
03. Lady Love
04. Mirror I
05. Mirror II
06. Rise Up For Love
07. Mountain Song
08. Comin‘ Back
09. Say You Will
10. Honestly

Sister Speak
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Hemifran