Melanie Dekker – Lekker Dekker Live 2010 – CD-Review

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Ich hatte ja bereits 2009 das Vergnügen, die äußerst sympathische Musikerin aus Vancouver, Kanada, live erleben zu dürfen, als sie mit ihrem langjährigen musikalischen Weggefährten Jason Nett im Lintforter ABC-Keller eine feine Vorstellung gab.

Melanie wurde im Rahmen dieser Europa-Tournee von Elyse Jacobsen (Violine, Harmonies) und Mike Bell (Keyboards, Perkussion, Harmonies) begleitet, das hier zu besprechende Live-Album, enthält allerdings Mitschnitte von Auftritten aus Wien (Österreich), Ahaus (Deutschland) und Ebeltoft in Dänemark. Ein sehr spezielles Live-Album, wie ich finde. Gut, rein von der Besetzung und der Tatsache, dass Melanie noch vornehmlich einem Insider-Publikum vorbehalten ist, war klar, dass hier nicht ein Überschäumen an musikalischen Emotionen aufgezeichnet werden würde.

Aber dass dieses Dokument ein so derartig intimes Flair aufweisen würde, war für mich doch recht überraschend, denn die gute Melanie ist an sich ein recht temperamentvoller Mensch. Sehr minimalistisch vorgetragene Stücke, ganz wenig Ansagen von Melanie vor den Tracks und kaum Applaus nach den Stücken, gediegene Wohnzimmeratmosphäre omnipresent, fast eher aber wie im Studio. Ein Erklärungsansatz wäre, dass ein Großteil der Lieder vom Wiener Auftritt aufgezeichnet wurde, wobei man den Anwesenden wohl vorher vergessen hatte, explizit mitzuteilen, dass nach dem Songende auch geklatscht werden darf…

Aber Spaß beiseite, von einer Live-Scheibe erwarte ich halt auch ein wenig Lärm drum herum. An der Musik gibt es natürlich nichts zu deuteln. Melanies variable Stimme, ihr flockiges Gitarrenspiel, sowie das oftmals kammermusikartige Violinieren der Jacobsen und auch die filigranen Pianotupfer von Bell lassen keinen Zweifel daran, dass man es mit Könnern der Materie zu tun hat. So sind es auch letztendlich die flotteren Stücke wie „Saturday Night Show“ (mit ein bisschen Gypsy-Touch), „Little Miracle“ (schöne Tempowechsel), die ein wenig Shania-angehauchten „Hype (Somebody’s Baby)“ und „I Said I“, das recht rockige „Oh Yeah!“ (hier kommuniziert Melanie mal vor Songbeginn mit dem Audtorium) und das mit frechem Gesang bedachte „Soul Back“, die für etwas Schwung sorgen.

Schöne Beispiele für Mels gesangstechnische Variabilität bieten „Hollow“ (im Stile von Melissa Etheridge), „Here & Now“ (ein leichter Bon Jovi-Teint im Refrain) und oder das Elfenhafte, Marke Kate Bush, beim Titel „Flowers“ und dem dazu sehr gut passenden blumigen Gitarrenspiel. Ingesamt ist Melanie Dekkers „Lekker Dekker Live 2010“ eher ein Tondokument zum Besinnen, ein schönes Teil für Genießer ruhigerer, reduzierter Töne. Teilweise fehlt mir dann doch mal eine E-Gitarre.

Ich persönlich hätte aus diesem Stoff eher ein Akustik-Studio-Album fabriziert, für ein Live-Album wäre ein elektrischer Rahmen, mit tosendem Applaus und Zugaberufen am Ende sicherlich die bessere und zu ihrem Naturell passendere Wahl gewesen, denn irgendwie ist Melanie doch eher ein ‚flotter Feger‘! Die CD kann über Mels Homepage im Store für 15 Dollar geordert werden.

Elephant Ears Entertainment (2010)
Stil:  Singer / Songwriter

01. Lullaby
02. Shakespeare Says
03. Maybe We’re The Angels
04. Saturday Night Show
05. Little Miracle
06. Somebody’s Baby (Hype)
07. Hollow
08. Oh Yeah!
09. Soul Back
10. Blush
11. Wounded Soldier
12. Wishful Thinking (Echo Song)
13. I Said I
14. Here & Now
15. Flowers

Melanie Dekker
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Melanie Dekker – 30.05.2009, ABC-Keller, Kamp-Lintfort – Konzertbericht

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Dinge gibt es! Da muss man erst rein zufällig ein Review über eine bis dato mir völlig unbekannte kanadische Künstlerin schreiben, um mit der Nase auf einen tollen Club gestoßen zu werden, der quasi nur einen Katzensprung von der heimatlichen Wohnung entfernt liegt.
Und so war es halt auch im Falle Melanie Dekker. Da lag vor längerer Zeit ihr letztes Werk „Acoustic Ride“ ohne vorherige Order im Briefkasten. Die Scheibe gefiel mir von Anfang an sehr gut und bekam demnach auch die verdient löbliche Kritik. Umso schöner, als ich neulich dann einige Konzerttermine der netten Dame in unserem Lande zur Kenntnis nehmen durfte. Etwas ungläubig sah ich, dass ein Gig in Kamp-Lintfort, eine direkte Nachbarstadt meines Heimatortes Rheinberg, stattfinden sollte. Wie um Himmelswillen kommt dieses Mädel nach Kamp-Lintfort, in einen Club mit dem ominösen Namen ABC-Keller, dachte ich spontan.

Wie die übliche Recherche im Vorfeld dann ergab, existiert die Location schon einige Jahre und auch Melanie Dekker wie auch die mir bestens geläufige Steve Schuffert Band gaben dort bereits ihr Stelldichein. Es folgte die unweigerliche Akkreditierungsanfrage, die wenige Tage später bestätigt wurde. Am Tage des Geschehens fuhren meine Gattin und ich, ehrlich gesagt, trotzdem mit recht gemischten Gefühlen los, weil der Termin Pfingsten in Kombination mit dem DFB-Pokalendspiel bei solch speziellen Acts nicht gerade Unmengen an Publikum verheißen ließ. Aber weit gefehlt. Es fanden sich immerhin 110 Leute in dem mit viel Liebe, wunderbar schummrig mit Kerzenlicht, ausgestatteten Kellergebäude ein und trugen zu einer ausgelassenen Stimmung für einen gelungenen Singer-/Songwriter-Abend bei.

Wir wurden sofort vom Mitinhaber des ABC-Kellers, Ulrich op de Hipt, nett begrüßt und wie die Welt dann so klein ist, lief ich direkt auch noch seinem Schwager Mathias in die Arme, der mit mir lange Jahre recht hochklassig die Tischtenniskeule geschwungen hatte (ich meine, wir hätten in grauer Vorzeit auch mal einen gemeinsamen Doppeltitel errungen). 20:20 Uhr betraten dann Melanie Dekker (in Adidas-Trainingsjacke und Stöckelschuhen, das hatte schon was…) und ihr langjähriger musikalischer Partner Jason Nett die Bühne und wurden vom augenscheinlich fachkundigen Publikum schon fast wie alte Bekannte aufgenommen. Der eröffnende Ohrwurm „Haven’t Even Kissed U Yet“ von ihrem „Revealed“-Album trug dabei direkt zu einer Wohlfühlatmosphäre bei, die sich wie ein roter Faden durch die knapp zwei Stunden Nettospielzeit, inklusiv dreier Zugaben (u.a. „Lullaby“, „Sweet Bitter“), ziehen sollte.

Semiakustische Abende mit nur zwei Protagonisten sind meist sehr speziell, ja fast persönlich und von ihren Möglichkeiten naturgemäß recht begrenzt. Von daher sind absolutes Können und hohe Entertainerqualitäten schon fast ein unbedingtes Muss, um solch eine Performance bei Laune zu halten. Dekker trug viel mit ihrer charmanten Art dazu bei, glänzte mit einer sehr variablen Gesangsbreite, die sich in Sphären von einer
Melissa Etheridge bis hin zu ihrer berühmten Landsmännin Shania Twain erstreckte. Des weiteren beschränkte sie sich auf ein konsequentes Gitarren-Rhythmusspiel, für die filigrane Feinarbeit mit virtuosen Fill- und Solo-Einlagen zeigte sich ihr männliches Pendant Jason Nett verantwortlich, der auch diverse, gut passende Harmoniegesänge mit beisteuerte.

So verlief der erste Part über „Meant To Be“ , „Shakespeare Says“, dem vom Tempo variantenreich gestalteten „Blush“, dem autobiografischen „Calling“, das der Mutter gewidmeten „Speechless“ bis zur ersten Solodarbietung von Jason (grandiose mehrstimmig allein gespieltes Akustikinstrumental – man hatte vom Klang her das Gefühl, nicht er alleine, sondern mindestens fünf weitere Gitarristen wären auf der Bühne, Jason ergatterte dafür tosenden Applaus) wie im Fluge. Nach einer kurzen Pause ging es mit dem flockigen „I Said I“ (laut Melanie in Kanada ein kleiner Hit) weiter. Es folgte dann die wohl stärkste Phase. Erst das herrlich groovige „This Song“, dann der wunderschöne Opener von ihrem „Acoustic Ride“-Album „We’re The Angels“ und mein persönliches Lieblingslied „Can’t Stop Laughing“ (fulminantes Solo von Jason), bei dem das Herz des Rezensenten einfach lacht.

„Somebody’s Baby“, „Hollow“, das fröhliche „Wishful Thinking (Echo Song)“, „Fall In (Wounded Soldier)“, ein weiteres umjubeltes Jason Nett-Solo-Special, ein herrlich grooviger Song, der mich ein wenig an den Stretch-Klassiker „Why Did You Do It“ erinnerte (war es „Flirtin'“?), das poppige „Little Miracle“ bis zum finalen, sehr ruhigen „Stare At The Rain“ waren dann die Stationen eines sehr überzeugenden zweiten Parts. Die heftig eingeforderten o.a. Zugaben rundeten eine in sich stimmige, abwechslungsreiche und qualitativ hochwertige Singer-Songwriter-Performance mit viel Augenmaß ab.

Melanie Dekker und Jason Nett bewiesen einmal mehr, dass man für kleines Geld oftmals sehr viel mehr geboten bekommt (vor allem die persönliche Nähe zum Künstler) als das heute übliche, anonyme Abzocke der sogenannten großen Bands, die aber leider von Otto-Normalhörer weiter protegiert werden, koste es, was es wolle. Von daher nochmals auch von unserer Seite ein großes Lob an Leute wie Ulrich op de Hipt, die mit ihrem Engagement solche Events erst möglich machen. Dieser gewährte uns nach dem Konzert noch einen interessanten Einblick in die Katakomben des ABC-Kellers (ein ehemaliger Schutzbunker im 2. Weltkrieg), den er selbst als begeisterter Musiker (Keyboarder der Funk-Soul-Band 9 Men High) sich zu einer Art Spielwiese (Jam-Studio/VIP Bereich/ eigenes Tonstudio mit modernster Technik) in eigener Sache umgebaut hat, und damit (laut eigener Aussage) so manche, im Keller auftretende Künstler in ungläubiges Staunen versetzt hat.

Im Anschluss hatte ich sogar noch die Gelegenheit mit Melanie einen kurzen Smalltalk zu führen. Wir tauschten unsere E-Mailadressen aus und sie schenkte mir dankenswerter Weise dazu noch ihr ebenfalls sehr zu empfehlendes Album „Revealed“. Ein rundum gelungener Abend also, wobei ich den hoffentlich meinem Geschmacksspektrum kompatiblen nächsten Gigs (Melanie mal mit kompletter Band oder The Band Of Heathens als absoluter Knaller vielleicht…?) schon jetzt entgegenfiebere. Hat richtig Spaß gemacht!

Line-up:
Melanie Dekker (lead vocals, guitars)
Jason Nett (guitars, vocals)

Melanie Dekker
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