Henrik Freischlader – 11.01.2019, Alte Molkerei, Bocholt – Konzertbericht

Frei_Haupt

Im Rahmen der aktuellen „Old School“-Tour machte Henrik Freischlader mit seiner Band auch Halt in Bocholt. Im gemütlichen Foyer der Kulturstätte Alte Molkerei, mit Bar und diversen Ausstellungsbildern an den Wänden, hatten sich schon einige Fans zum Klönen eingefunden. Um kurz vor Neun füllte sich die Halle dann relativ schnell. Der verantwortlichen Kulturinitiative ist es gelungen ein kleines Schmuckstück für Konzerte dieser Größenordnung zu bieten, denn  jeder der Besucher hatte durch den mehrstufigen und tribünenartigen Aufbau, einen tollen Blick auf die gut ausgeleuchtete Bühne.

Mit sichtlichem Stolz kündigte der Veranstalter püntklich um neun Uhr an, dass es endlich, nach mehrmaligen Versuchen in den letzten fünf Jahren, gelungen ist, einen Termin zu finden, an dem der aus Wuppertal stammende Bluesmusiker, auch der Alten Molkerei endlich mal einen Besuch abstattet.

Ein sichtlich gut aufgelegter Henrik Freischlader betrat mit seinen Mitstreitern die Bühne und fragte in seiner charmanten Art, wie es den Leuten geht, wünschte noch einmal alles Gute für das neue Jahr und kündigte direkt an, dass er einiges aus dem aktuellen Album „Hands On The Puzzle“ promoten werde.

Diesen Ausdruck benutzte er augenzwinkernd, da er nach dem Konzert einiges auf CD, aber auch richtig  ‚oldschool‘ auf Vinyl anzubieten habe. Doch damit genug der Vorrede.

Mit „Community, Imunitty“ und „Love Straight“ bot die Band zu Beginn direkt zwei Songs vom aktuellen Tonträger, welche eher ruhig, swingend und mit einem Hauch von Jazz daherkamen. Auffällig war das sehr harmonisch aufeinander abgestimmte Gitarren- und Saxofonspiel. Hier geht Freischlader mit dem derzeitigen Werk scheinbar bewusst auch etwas neue Wege, was beim Publikum aber sichtbar gut ankam.

Mit „Too Cool For Me“ legte Freischlader dann eine für ihn typische Bluesnummer von „Get Closer“ nach. Schmunzelnd merkte er bei der Anmoderation an, dass dieser tolle Song eigentlich nie ein Hit war. Vielleicht ist es auch gut so, dass Freischlader nie den Weg des radiotauglichen Mainstreams gegangen ist und somit nicht im Moloch der auswechselbaren Musiker landete.

Mit diesem ‚Nichthit‘ nahm das Konzert an Fahrt auf und Freischlader legte mit „Master Plan“ aus dem Jahr 2016 direkt einen Song aus „Openess“ nach, in dem er das Publikum zum Mitsingen und Klatschen einlud. Dem wurde gerne nachgegangen. und es entwickelte sich eine schöne Interaktion zwischen Bühne und Audienz. Henrik merkte am Ende des Tracks über sich selbst an, wie schwer es ihm persönlich fällt, bei anderen Konzerten mitzusingen.

Mit „Cuttin‘ In“ von Johnny Guitar Watson folgte eine von insgesamt drei Covernummern, die er gekonnt in seine eigenen Songs einbettete. Nach diesem Intermezzo alter Stücke widmeten sich Henrik und seine Mitstreiter, bis auf die beiden letzten Lieder, nur noch dem aktuellen Longplayer, welcher somit fast komplett vorgestellt wurde. Für meinen Geschmack kamen die Songs live auch mit mehr Pep rüber, was ich persönlich als sehr positiv empfand.

Die folgenden Songs „Share Your Money“ „Rat Race Carousel“, “Those Strings”, “Animal Torture”, “I Don`t Work” und “Winding Stair” bot das Quintett in einer begeisternden Form, wobei Freischlader an der Gitarre und Marco Zügner am Saxophon sich entweder die Melodien gegenseitig ‚zuschmissen‘ oder gemeinsam im Einklang darboten. Dieses Interagieren der beiden Instrumente stand sowohl visuell im Vordergrund (da sich die beiden Musiker auf der Bühne auch meist vorn im Rampenlicht bewegten), wie auch auditiv, da dieses Zusammenspiel eine Art musikalisches Skelett des neuen Albums darstellt.

Das bedeutete aber nicht, dass die drei restlichen Musiker hinten anstehen mussten. Moritz Meinschäfer am Schlagzeug, Armin Alic am Bass und Roman Babik an den Keyboards hatten genügend Zeit, in kürzeren oder auch längeren Soloeinlagen, ihr spielerisches Können unter Beweis zu stellen.

Beim letzten Song, einem weiteren Johnny Guitar Watson-Cover. “Ain’t That A Bitch”, stellte Henrik in seiner angenehmen Art noch einmal einen Zusammenhang zu „I Don’t Work“ her, insofern, dass Arbeit manchmal die sprichwörtliche ‚Bitch‘ sei. Er und seine Bandkollegen sehen ihr Treiben allerdings auf der Bühne nicht als Arbeit, da ihnen auch dieser Abend sichtlich Spaß machte. Bei diesem Song glänzten alle Musiker mit diversen Soli, wobei das ausladende Gitarrensolo des Hauptprotagonisten in seiner Intensität und Variabilität schon beeindruckend war.

Jeder Abend geht leider einmal zu Ende. Das Quintett ließ sich, nachdem es die Bühne verlassen hatte, jedoch  nicht lange bitten, um als Zugabe noch eine Version der Extraklasse des Donny Hathaway-Klassikers “I Love You More Than You’ll Ever Know” nachzulegen. Das Publikum war restlos begeistert. Nach ziemlich genau zwei Stunden abwechslungsreicher Blues Rock-Musik war dann endgültig Schluss. Freischlader verlegte den Verkauf der Merchandise-Artikel dann kurzerhand auf die Bühne, wo zudem mit der  gesamten Band gefachsimpelt und diverse Musikträger unterzeichnet wurden.

Fazit: Freischlader und Band konnten das bluesbegeisterte Publikum in der Alten Molkerei in Bocholt absolut zufrieden stellen und offerierten, dass ein Liveerlebnis doch ganz andere Dimensionen hat, als ein im Studio abgemischtes Album zu Hause zu hören. Einen gehörigen Anteil hatte auch die ausgesprochen schönen Location samt ihrem zuvorkommenden Personal.

Ein in allen Punkten gelungener Abend hatte so einen schönen Abschluss gefunden. Fans handgemachter Bluesmusik kann nur geraten werden zu schauen, ob Konzerttermine der Freischlader Band auch in deren Nähe zu finden sind. Nähe kann manchmal dabei auch relativ gesehen werden, ich erinnere mich an den Fan, mit dem ich nach dem Konzert ein nettes Gespräch hatte, der eigens hierfür aus Alkmaar angereist war, um später hocherfreut die Rückfahrt anzutreten.

Solange es solch einen Typus Mensch noch gibt, braucht man sich über Livemusik keine Sorgen zu machen. In dem Sinne, besucht weiter Konzerte! Mein Dank an Florence Miller für die, wie immer, unproblematische Akkreditierung.

Line-up:
Henrik Freischlader (lead vocals, electric guitar)
Roman Babik (keys)
Armin Alic (bass)
Moritz Meinschäfer (drums)
Marco Zügner (saxophone)

Text+Bilder: Gernot Mangold

Henrik Freischlader
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Alte Molkerei Bocholt

Henrik Freischlader Band – Hands On The Puzzle – CD-Review

Review: Michael Segets

Der Wuppertaler Henrik Freischlader bringt mit „Hands On The Puzzle“ sein 15. Album auf den Markt. Begleitet wird er auf dem Longplayer von der neu formierten Henrik Freischlader Band. Der Blues-Gitarrist und -Sänger nennt als musikalische Vorbilder neben Stevie Ray Vaughan und Jimi Hendrix auch Gary Moore, dem er 2017 mit „Blues For Gary“ ein Tribute-Werk widmete.

Das Album “Hands On The Puzzle” steigt entspannt mit „Community Immunity“, „Love Straight“ und „Those Strings“ ein. Erstes Highlight ist die Uptempo-Nummer „Winding Stair“. Hier rockt die Henrik Freischlader Band den Blues. Am Ende des Songs lässt Roman Babik ausgiebig seine Finger über die Tasten des Keyboards gleiten und sorgt für einen sanften Ausklang des Stücks. Noch einen Deut stärker ist der zweite schnelle Song „Stand Up, Little Brother“. Unter den Mitempo-Stücken gehört „Share Your Money“ zu meinen Favoriten. Saxophon und Keys erzeugen dort eine gehörige Portion Swing.

Moritz Meinschäfer am Schlagzeug und Armin Alic am Bass geben den Rhythmus, vor dessen Hintergrund die Soli von Gitarre, Saxophon oder Keys zur Geltung kommen. Die Bandmitglieder nehmen sich den Raum, ihre Fähigkeiten an ihren Instrumenten mit viel Spielfreude auszuleben. So kratzt beispielsweise „Where Do We Go“ an der acht Minuten Marke und „Animal Torture“ überschreitet sie sogar. Die erstgenannte Ballade wird von Marco Zügner mit seinem Saxophon stimmungsvoll begleitet.

Freischlader steuert hier ebenso wie auf „Rat Race Carousel“ gelungene Gitarrenpassagen bei. Eingängig und unaufgeregt ist „I Don’t Work“. Das langsam beginnende „Mournful Melody“ kehrt nach einem dramatischen Zwischenspiel mit langen Gitarrensoli wieder in sanfte Gefilde zurück. Freischladers Gitarre erinnert dabei durchaus an die von Gary Moore.

Die ausgeprägten Instrumentalanteile bei „Creactivity“ rücke ich bereits in Jazz-Nähe. Nach einer Ausblendung legt die Band nochmal los und ich vermute mal, dass es sich dabei nicht um eine Fortführung des Stücks, sondern um einen Hidden Track handelt, da die Texte nicht in dem Booklet aufgeführt sind. Wie dem auch sei: Die Scheibe überrascht zum Abschluss mit einem Gastauftritt von Helge Schneider, der unnachahmliche Shouter-Qualitäten offenbart.

Die CD ist sehr schön aufgemacht und erscheint auf Freischladers eigenem Label Cable Car Records. Ihr liegt ein haptisch ansprechendes Booklet aus dickem Papier bei, in dem die Texte abgedruckt sind. Aufgenommen wurden die Tracks in den Arnsberger Megaphon Tonstudios, in denen auch Chris Kramers aktuelles Werk entstand.

Die Henrik Freischlader Band agiert technisch sicherlich auf einem hohen Niveau. Die Musik ist handgemacht und kommt ohne technische Effekte aus. Die Verspieltheit der Truppe – hier ein Saxophon-Sprengsel und da noch eine Keyboard-Einlage – geht für mein Empfinden etwas auf Kosten des Blues-Feelings.

Ich bin in musikalischer Hinsicht aber eher einfach gestrickt und gradlinige Stücke sprechen mich mehr an als verschachtelte Kompositionen oder gar Improvisationen, wie sie im Jazz vorkommen. Für den, der da aufgeschlossener ist, kann die Auslegung des Blues auf „Hands On The Puzzle“ durchaus eine lohnende Entdeckung sein.

Cable Car Records
Stil: Blues

Tracks:
01. Community Immunity
02. Love Straight
03. Those Strings
04. Winding Stair
05. Rat Race Carousel
06. Where Do We Go
07. Stand Up, Little Brother
08. Share Your Money
09. Animal Torture
10. I Don’t Work
11. Mournful Melody
12. Creactivity (+ Hidden Track)

Henrik Freischlader
Florence Miller Agency
Cable Car Records