Kid Rock – Born Free – CD-Review

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Meine Berührungspunkte mit dem in der Nähe von Detroit geborenen Robert James Ritchie, der sich selbst den Künstlernamen Kid Rock auferlegte, konnte ich bisher an einer Hand abzählen. In negativer Hinsicht, als er damals zur Verschandelung des Skynyrd-Klassikers „Gimme Back My Bullets“ seinen, nicht unwesentlichen Beitrag leistete, zum anderen durch seine regelmäßig durch die Medien gegangenen Proll-Attacken. Auch das letztendlich dann doch ziemlich nervende „All Summer Long“ ging an einem, ohne, dass man sich dagegen wehren konnte, nicht spurlos vorüber.

Positiv blieb im Hinterstübchen, dass er ‚frauentechnisch‘ mit mir auf einer Wellenlänge zu schweben scheint (ich bin, zumindest rein optisch, ebenfalls – möge sie sein, wie sie wolle – bekennender Pamela Anderson-Fan…) und sein starkes Duett mit Willie Nelson auf dessen „The Great Divide-Scheibe, als er die Country-Ikone bei „Last Stand In Open Country“ förmlich an die Wand sang. Da bewies er in jedem Fall schon sein großes Gesangstalent.

Nachdem ich das fluffige, groovige „Care“ (herrlich begleitendes Orgel-Spiel, grandiose Gesangsunterstützung von Mary J Blige – wow, was für eine Röhre! Das Stück gibt es übrigens auch noch in einer zweiten, hier nicht vertretenden Version mit Country-Diva Martina McBride als Duettpartnerin; selbst die kurze Einlage von Rapper I.T. ist erträglich und wird deshalb verziehen) im Radio gehört hatte und die nachträgliche Recherche ihn (Kid Rock) als ausführenden Künstler outete, klickte ich bei Amazon mal in die Soundschnipsel des dazu gehörenden Albums „Born Free“ rein. Die machten allesamt einen vielversprechenden Eindruck und auch die Tatsache, dass so namhafte und für Qualität bürgende Künstler wie u.a. Bob Seger, Sheryl Crow, Zac Brown, Trace Adkins, Los Lobos-Chef Dave Hidalgo, Red Hot Chilli Peppers-Drummer Chad Smith, Chavez-Gitarrist Matt Sweeney und Heartbreaker-Klimperer Benmont Tench mit an Bord waren, ließ eine Kaufentscheidung in unmittelbar greifbare Nähe rücken.

Als der bald in Rheinberg, meiner Heimatstadt, ansässige Konzern (die bauen dort zur Zeit ein riesiges Logistikcenter), den Preis für den Download auf 4,23 Euro runtergesetzt hatte (mittlerweile wieder auf 9,94 hochgestuft), griff ich zu und habe es nicht bereut. Eine wahre Sternstunde des Mainstreamrocks, die ich diesem Kid Rock nie und nimmer zugetraut hätte. Ein Ohrwurm reiht sich an den nächsten, kein Hänger über die gesamte Spielzeit.

Klaro, viele werden die Scheibe mit rümpfender Nase als Anbiederung ans gemeine, oberflächliche und konsumorientierte Musikvolk abtun. Ich sehe es, als jemand mit nicht gerade kleinem Horizont in dieser Hinsicht, der immer mal wieder durchaus auch den Blick über den Tellerrand wirft, aber etwas anders. Wenn ein Interpret eine erstklassige Leistung abliefert und hier stimmt von Rocks Songwriting, seinem grandiosen Gesang, den eingebundenen, songdienlich spielenden und mitsingenden Musikern bis hin zur knackigen Produktion, von keinem geringeren als Rick Rubin betreut, einfach alles, sollte man das auch honorieren. Lediglich für die unverbesserliche, Ami-typische zur Schau-Stellung der Knarren auf dem ansonsten lässigen Titelfoto gibt es marginale Abzüge.

Die Stücke sind allesamt abwechslungsreich gestaltet (gut abgestimmte Songanordnung), von der Slow- (das wunderbare „Collide“ mit Bob Seger am Piano; das bluesige „Rock On“), über die Midtempo- („Care“; die beiden mit unterschwelliger Countrynote versehenen „When It Rains“ Richtung Eli Young Band und „Flyin‘ High“ im Duett mit Zac Brown; die melancholisch anmutende Detroit-Hommage „Times Like These“ im Bereich zwischen Bob Seger, den Eagles und Poco und das abschließende „For The First Time In A Long Time“ in Quireboys-Manier) bis hin zur launigen Uptempo-Variante (der heartlandträchtige, stadiontaugliche Titeltrack mit tollen Slidepassagen, der furiose Southern Rocker „Slow My Roll“, mit herrlichen weiblichen Backs und starker E-Gitarrenuntermalung plus Solo, das fröhliche „Purple Sky“, das treibende, nicht nur für Rednecks konzipierte, mitgröhlbare „God Bless Saturday“ im Black Crowes-Stil oder das shufflige, fußwippende, honkytonkeske „Rock Bottom Blues“) ist alles vertreten.

Kid Rock hat mit „Born Free“ zweifellos eine Meisterleistung hingelegt. Eine Art Karrierealbum, das in Zukunft nur schwer zu toppen sein wird. Trotz seiner simplen, eingängigen und radiokompatiblen Strukturen, eine klare Bereicherung meiner Musiksammlung, gerade zu den jetzt wieder steigenden Temperaturen. Irgendein vertracktes musikalisches Konstrukt hinzubekommen, mag für den einen oder anderen zwar spannender und anspruchsvoller sein, der kann dann ja bei Bedarf auch gerne zu den reichhaltigen Alternativen greifen. Mal ehrlich. Wer an meiner Stelle würde zu dieser Jahreszeit (oder auch generell) nicht tausend Mal eher ein, von einem flotten Feger Marke Pamela Anderson serviertes, banales kaltes Bier und ein erstklassig gegrilltes Nackensteak, einem filigranen, von Johann Lafer kredenzten 3-Sterne- Salatteller mit raffiniert begleitendem Früchtecocktail vorziehen? Und wenn es noch so ungesund sein und primitiv erscheinen sollte…!

Atlantic Records (2010)
Stil: Rock

01. Born Free
02. Slow My Roll
03. Care
04. Purple Sky
05. When It Rains
06. God Bless Saturday
07. Collide
08. Flyin‘ High
09. Times Like These
10. Rock On
11. Rock Bottom Blues
12. For The First Time (In A Long Time)

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Kid Rock – Rebel Soul – CD-Review

»Not the greatest record ever made, but it’s pretty f****** good in my humble opinion« – ein nahezu voll vornehmer Zurückhaltung anmutendes Statement für die Verhältnisse eines Robert James Ritchie alias Kid Rock (von dem man ja normalerwiese gewohnt ist, dass er ganz gerne auf dicke Hose macht), das da als Aufkleber sein neues Werk „Rebel Soul“ ziert!

Ritchie hatte mit seinem Silberling davor, „Born Free„, in Zusammenarbeit mit Kultproduzent Rick Rubin so was wie ein Karriere-Album hingelegt, das nun als immens hohe Messlatte zurückblieb. Viele Künstler würden vermutlich versuchen, erst einmal das erfolgreiche Konzept mit marginalen Änderungen weiter fortzuführen, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Das trifft in diesem Fall nicht so ganz zu.

In Nashville z. B. gestaltet sich für viele der führenden Interpreten mit Major-Vertrag die Sache relativ leicht, denn da werden die Songs dann von arrivierten Songschreibern maßgeschneidert ausgesucht und eingekauft. Robert James Ritchie stellt in der Regel aber weitestgehend den Anspruch an sich, seine Stücke selbst zu schreiben und ist dadurch in kreativer Hinsicht deutlich höher gefordert. Solch starke Tracks am Fließband wie auf „Born Free“ muss man erst einmal wieder hinbekommen.

Was die Quantität angeht, ließ er sich erneut nicht lumpen und präsentiert auf „Rebel Soul“ satte 14 neue Lieder. Ritchie hielt zwar den Kontakt zu Rubin (hier nur noch in beratender Funktion), produzierte aber das Werk diesmal in Eigenregie und griff zur Einspielung, statt wie zuvor auf Allstar-Studiomusiker und prominente Gäste, auf seine Tourbegleiter The Twisted Brown Trucker Band (Marlon Young, Jason Krause, Stefanie Eulinberg, Jimmie Bones, Freddie ‚Paradime‘ Beauregard, Jessica Wagner-Cowan, Dave McMurry, Shannon Curfman, Aaron Julison und Larry Fratangelo) zurück.

Die Qualität der Tracks kann mit dem Vorgänger allerdings nicht ganz auf diesem absolut hohen Niveau mithalten, es sind jedoch zu Genüge kleiner Songperlen vorhanden. Von daher liegt alles durchaus immer noch mehr als im grünen Bereich. Dass Ritchie, der ja aus Michigan stammt, sich mit der bröckelnden, einstigen Autometropole der Staaten, Detroit stark verbunden fühlt, hatte er ja bereits auf „Times Like These“ verkündet, hier mittels „Detroit Michigan“, und auch noch öfter in Texten von anderen Tracks („God Save Rock N Roll“, „Midnight Ferry“). Danke, Herr Ritchie, wir haben es jetzt verstanden!

Der eine oder andere Song lehnt sich auch wieder an das Bewährte in Form von leicht countryinfizierten / Memphis Soul-beeinflussten (Southern-) Rocknummern Richtung Stones, Quireboys, Bob Seger, Crowes etc. an (u. a. „Let’s Ride“, „Catt Boogie“, „Mr. Rock N Roll“, „Redneck Paradise“ – mit teilweise herrlichen weiblichen Backs), im Großen und Ganzen fährt Kid Rock aber wieder mehr die unstrukturiertere Linie der Anfangstage.

Da geht es auf „Chickens in The Pen“ und „Celebrate“ in der Manier eines Lenny Kravitz etwas frecher zugange und auf „Gucci Galore“ wird auch wieder rüpelhafter und härter gerappt. Der Titeltrack „Rebel Soul“ versucht in den Strophen noch ganz vereinzelt an die „All Summer Long“-Erfolgstage anzuknüpfen. Mit „Happy New Year“ gibt es dazu einen richtig launigen Song für die anstehende Silvester-Party zu verzeichnen. „The Mirror“ entpuppt sich dafür als atmosphärische Ballade mit toller Slide-/E-Gitarrenarbeit.

Insgesamt ist „Rebel Soul“ ein absolut hörenswertes Album mit satter Spielzeit geworden, das man sich unbedenklich zulegen kann. Der einstige Pamela Anderson-Gatte hat in kreativer Hinsicht erneut alles gegeben, Kompliment dafür. Aufgrund der etwas höheren Homogenität und der insgesamt besseren Songs bleibt „Born Free“ aus meiner Sicht allerdings zunächst einmal das Maß aller Dinge. So lautet mein bescheidenes Abschlussfazit in Richtung Kid Rock. »Not your greatest record ever made, but it’s pretty f****** good!«

Top Dog Records (Atlantic) (2012)
Stil: Rock

01. Chickens In The Pen
02. Let’s Ride
03. Catt Boogie
04. Detroit, Michigan
05. Rebel Soul
06. God Save Rock N Roll
07. Happy New Year
08. Celebrate
09. The Mirror
10. Mr. Rock N Roll
11. Cucci Galore
12. Redneck Paradise
13. Cocaine And Gin
14. Midnight Ferry

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Richard Marx – My Own Best Enemy – CD-Review

Wissen möchte ich nicht, wie viele Beziehungen beim Hören allseits bekannter Balladen von Mainstream-Ikone Richard Marx entstanden, aber wohl auch in gleichem Maße wieder zerbrochen sind.

Ich behaupte, dass selbst die hartgesottensten Rocker im Clinch bei fummelträchtigen Songs der Marke „Angelia“, „Right Here Waiting“ oder „Now And Forever“ irgedwann mal weich geworden sind, und ich kenne auch kaum jemanden, der nicht wenigstens ein Marx-Album in seine CD-Sammlung integriert hat.
Mit „My Own Best Enemy“ präsentiert er jetzt sein siebtes Studioalbum (mittlerweile wieder mit Major-Kontrakt), wenn man seine „Greatest Hits“ Scheibe mal nicht in Betracht zieht.

Rein äußerlich ist er, wie auch seine Musik, gereift. Der 80er-David Hasselhof-Look wurde durch eine zeitgemäße, moderne Frisur ersetzt, das Cover-Layout ist in äußerst geschmackvollen Farben (inkl. aller Texte) graphisch perfekt in Szene gesetzt, die Songs wirken eine Spur ruhiger und abgeklärter.

Einzig das kehlkopflastige Timbre seiner Stimme ist nach wie vor unverwechselbar. Bei den Musikern vertraut er diesmal neben einigen alten Bekannten wie Bruce Gaitsch, Martin Landau oder Michael Thompson interessanterweise größtenteils auf Instrumentalisten, die üblicherweise im New-Country-Genre ihre Dollars verdienen.

Wahrscheinlich nicht zuletzt dank seiner Zusammenarbeit mit Interpreten wie Vince Gill, und SheDAISY, für die er Stücke geschrieben hat, oder Emerson Drive, deren letztes Album „What If“ er vor kurzem produziert hat. So steuert diesmal Keith Urban (Marx-Fans können auch ruhig mal in dessen Alben „Golden Road“ und „Be Here“ reinriechen) Gitarre und Backgrounds bei „When You’re Gone“ und „One Thing“ dazu und Sternchen Jessica Andrews addiert ihr Stimmchen bei „Love Goes On“. Klasse-Leute wie Gitarrist J. T. Corenflos , Drummer Steve Brewster oder Steel Guitar Ass Paul Franklin sind eh klingende Namen in Nashville-Studio-Musiker-Gilde.

Hitverdächtig oder zumindest radiotauglich sind fast alle Songs. Die Übergänge zwischen den Songs sind relativ fließend, vom leicht hektischem Ambiente früherer Alben keine Spur. Balladen gibt es jede Menge. „One Thing“ mit viel Power, könnte auch aus dem Repertoire von Bryan Adams stammen, „Ready To Fly“ streicherunterlegt, mit wunderschönem Akustikgitarrenspiel von Michael Thompson oder das beruhigende „Again“. Das leicht depressiv angehauchte „The Other Side“ oder „Falling“ sind weitere Beispiele balladesker Marxscher Kunst.

Überragend „Nothing Left To Say“ ein rhythmisch, melodisch dahindriftender Midtemposong und die rockigen Uptemponummern wie „When You’re Gone“ (schönes E-Solo von Keith Urban), sowie „Colder“ (hier glänzt Michael Landau an der Gitarre). Wunderschön auch das Pop-Rock-Stück „Someone Special“ mit dezenten Steel-Gitarren, dürfte als liebevolle Widmung an Richards Ehefrau gedacht sein.

Apropos Beziehungen. Mir, dem mental gefestigten Ehemann dient die Scheibe, um beim gemütlichen Gläschen Wein vom harten Alltagsleben abzuschalten. Für den suchenden Single stellt sie ohne Zweifel eine interessante Option als Hintergrundmusik beim spätabendlichen Zeigen der berühmten Briefmarkensammlung dar…

Manhatten Records (2004)
Stil: Rock & More

01. Nothing Left To Say
02. When You’re Gone
03. One Thing Left
04. Love Goes On
05. Ready To Fly
06. Again
07. Colder
08. Everything Good
09. The Other Side
10. Someone Special
11. Suspicion
12. Falling

Richard Marx
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Mezcaleros – Road To Texas – CD-Review

Ähnlich wie die Jungfrau zum Kinde, gibt es manche Dinge, die sich nicht immer rational erklären lassen. Wer anders kann, z. B. aufgrund seiner bestehenden Affinität zu Rot-Weiss Essen, besser ein Lied davon singen als ich? Ob Philippe Marseille, oder, wie er sich jetzt nennt, Phil Mezcal, kurz nach seiner Geburt in eine Neugeborenen-Station verfrachtet wurde, in der ein Krankenpfleger auf seinem Cassettenrecorder ständig ZZ Top rauf und runter laufen ließ oder ob Philippe seine Liebe zu texanisch angehauchtem Blues Rock/ Boogie gleich direkt mit der Muttermilch aufgesogen hatte, entzieht sich letztendlich meiner Kenntnis.

Fest steht aber, dass dieser französische Bursche, wie es auch immer letztendlich dazu gekommen sein mag, eine ungemeine Liebe für die Musik der drei Herren aus Houston, Texas in seinem Blut mit sich zu tragen scheint. Rein optisch, auch hier kann wild spekuliert werden, entschied er sich, vermutlich entweder aus hormonellen Zwängen heraus, der Chancen dem weiblichen Geschlecht gegenüber oder vielleicht schlichtweg auch aufgrund der komplizierteren Nahrungsaufnahme, von der Langbartvariante seiner Idole abzusehen und es in der Stevie Ray Vaughan-Ausgabe zu versuchen, was auch in einem gewissen Rahmen gelungen ist, wie das Cover von dieser zu besprechenden CD „Road To Texas“ eindeutig beweist.

Ok, weil es von ZZ Top seit „Mescaleros“, das immerhin auch schon wieder acht Jahre her ist, kein echtes kreatives Lebenszeichen mehr gibt, hat der gute Phil jetzt selbst die Sache in die Hand genommen und mit seinen Kumpels Yvan Ackermann (Schlagzeug) und Michel ‚Mitch‘ Sanchez (Bass) unter dem Bandnamen Mezcaleros selber den o.a. Longplayer im ‚Studio Tone House‘ in Paris fabriziert. Einer der Inhaber dieser Location, Jean-Etienne Loose, liefert als einziger musikalischer Gast noch eine wunderschöne spanische Akustikgitarrenarbeit bei „Eldorado“ ab.

Vom Gesang her erinnert Mezcal an eine Mischung aus J.J. Cale und Hank Shizzoe, manchmal kann er seinen französischen Akzent nicht ganz außen vor lassen, mit dezenten Abstrichen ist das aber in Ordnung. Ansonsten knarzt, stampft und rockt es in bester Gibbons & Co.- Boogie-Manier richtig fett aus den Boxen. Dazu kommen manchmal auch leichte Southern Rock-Anleihen Marke Blackfoot/Hatchet. Das macht richtig Spaß! Schön, wie es ihm bei den Stücken „Cajun River“, „My Life Is Running“ oder „Gotta Go“ zur Auflockerung gelingt, eine Dobro zu integrieren. Ähnlich seiner Heroen, lässt Phil auch immer wieder ein wenig Tex-Mex-Flair in die Stücke einfließen („Hasta La Vista“, „Eldorado“).

Hitverdächtig am ehesten sind vielleicht Tracks wie „The Fox“ (klingt wie eine Neuzeitfassung von „Legs“- toller rhythmischer Song), „Rock O’La“ oder „Breakdown Limousine“, weil sie stark an die Sachen der kommerziellen Blüte des texanischen Trios (zu Zeiten von „Eliminator“ und „Afterburner“) gelehnt wurden. Am Ende lässt Mezcal sein Werk mit „Little Jimmy“ entspannt ausklingen. Ein schöner, spartanisch gehaltener Country Blues, bei dem sein Gesang nur mit Harp, Dobro und Akustikgitarre ergänzt wird. Da kann man nach dem schweißtreibenden und intensiven Gitarrensound von zuvor den Puls ein wenig runterfahren.

„Road To Texas“ von Mezcaleros ist ein mit viel Herzblut und Liebe zum Detail eingespielter Longplayer geworden. Hier wird der Spirit der berühmten Langbärte, die sich vor zig Jahren im Rockpalast mit ihrem legendären Auftritt in unsere Herzen katapultierten (ich persönlich habe sie in Düsseldorf, Köln und Essen zu recht unterschiedlichen Phasen live gesehen), auf erfrischende und sympathische Weise sowie einem beträchtlichen Maß an kreativer Eigenständigkeit aufrecht erhalten. Somit habe ich diese Straße nach Texas sehr genossen! Chapeau, Monsieur Mezcal!

Cactus Rock Records (2011)
Stil: Texas Boogie / Blues Rock

01. Let It Down
02. Cajun River
03. The Fox
04. My Life Is Burning
05. Hasta La Vista
06. Gotta Go
07. Eldorado
08. Rock O’La
09. Love On The Screen
10. Breakdown Limousine
11. Little Jimmy

Mezcaleros

Sister Hazel – BAM! Volume 1 – CD-Review

Sis

Sister Hazel sind eine bisher lang aufgeschobene Herzensangelegenheit von mir. Ich wollte die Band aus Gainesville, Florida bestehend aus Ken Block (voc, g), Drew Copeland (g, bvoc, voc), Ryan Newell (g), Jett Beres (b) und Mark Trojanowski (dr) eigentlich schon öfter mal vorstellen, aber aus den unterschiedlichsten Gründen ist es dazu nie gekommen. Schön, dass jetzt mit „BAM Vol. 1“ die Gelegenheit da ist.

Die Band erfreut sich in den Staaten größter Beliebtheit, bei uns ist sie meist nur Insidern bekannt, doch vielen Menschen, die öfter das Radio anhaben, dürfte ganz sicher mal ihr größter Hit „All For You“ zu Ohren gekommen sein. Filmkenner mit gutem Gedächtnis könnten sich eventuell auch an Lieder aus Streifen wie „Teuflisch“ („Change Your Mind“), „10 Dinge, die ich an dir hasse“ („Your Winter“) oder „The Wedding Planer“ (We’ll Find It“) erinnern.

Auf ihrem siebten Studio-Album (Sister Hazel sind mittlerweile nach vorübergehendem Major-Kontrakt wieder aus eigenem Antrieb bei einem Independant Label) leisten sie sich den Luxus, 15 Stücke zu veröffentlichen, die entweder als B-Seiten geplant waren oder es, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf die offiziellen Alben geschafft haben. Das zeugt von einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein, zumal die Bezeichnung Vol.1, weitere geplante Outtakes dieser Art suggeriert. Ich würde spontan behaupten, dass solche Werke bei vielen anderen Interpreten mit äußerster Vorsicht zu genießen wären, im Fall dieser Band schüttelt man angesichts der Qualität der Songs mit offenem Mund vor Staunen sein weises Haupt.

Denn bis auf zwei Ausnahmen vielleicht (selbst die sind auch nicht von schlechten Eltern) wird eigentlich das selbe hohe Niveau gefahren wie auf ihren bisherigen Studio-CDs, ich würde sogar behaupten, deutlich besser als ihr ’schwächstes‘ Werk „Lift“ von 2004. Und so steht der Opener „What Kind Of Living“ eigentlich auch für das, was man von Sister Hazel im Allgemeinen geboten bekommt. Meist schöne, sehr melodiöse Intros/Strophen mit Akustik- und E-Gitarren unterlegt (hier prescht mal ein Slide-Riff voraus), kräftige Refrains mit hohem Wiedererkennungswert, vorgetragen von Ken Blocks eigenwillig ’näselnder‘, aber sehr angenehmer Stimme, die in weitestem Sinne vielleicht mit der von Henry Paul vergleichbar ist, und meist dazu noch von einem schönen E-Solo von Ryan Newell veredelt werden. Anders formuliert. Stilvoller, rootsiger Pop mit einem Schuss Southern-Rock.

Meine persönlichen Favoriten auf diesem Album sind unter vielen (das Album macht wirklich durchgehend Spaß) „Sail Away“ (herrliche spanische Akustik-Gitarre, Block singt wie ein ‚Gringo‘, schönes Mexican-Flair, dazu klasse E-Gitarrenarbeit) und das mit einem trockenen, kratzigen Akustik- und E-Gitarrenrhythmus dahin groovende „Grand Canyon“. Wie meistens erhält dann auch Drew Copeland einmal die Gelegenheit sich an der Front zu präsentieren, hier beim southern-bluesigen „Can’t Get You Off My Mind“ (von ihm gibt es übrigens auch eine schöne Solo-Scheibe „No Regrets“ von 2004).

Alles in allem ein Klasse-Album, womit ich weiteren Ausgaben dieser Art schon jetzt mit Freude entgegensehe. Viele Bands wären sicher heilfroh, überhaupt mal mit wenigen Liedern dieses Niveaus auf ihren A-Werken glänzen zu können. Ganz witzig ist auch noch die Comic-mäßige Gestaltung des Booklets. Sister Hazel sind übrigens auch auf der Bühne eine Bank, wer nach dieser CD Blut geleckt hat, kann als nächsten Tipp mal ihre Live-DVD antesten. So, jetzt hat es also endlich geklappt…!

Croakin‘ Poets Records (2007)
Stil: Southern Pop Rock

01. What Kind Of Living
02. Boy Next Door
03. Work In Progress
04. Sweet Destiny
05. On Your Mind
06. Sick To My Soul
07. Mosquito
08. Little Black Heart
09. Sail Away
10. Wrong The Right Way
11. Grand Canyon
12. Save Myself
13. Can’t Get You Off My Mind
14. She’s Gone
15. Mona Lisas

Sister Hazel
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Bärchen Records

Wilco – Ashes Of American Flags – DVD-Review

Manchmal ist es als Online-Redakteur gut, seinen Intuitionen Folge zu leisten. So bei der Kult umwobenen Chicagoer Band Wilco, über die ich zwar schon viel gelesen habe (im Feuilleton der von mir abonnierten Tageszeitung werden oft Scheiben von ihnen und aus ihrem musikalischen Dunstkreis besprochen), an die ich mich trotz interessanter Kritiken aber nie so richtig herangetraut habe. Ihr Hang zu Klangexperimenten hatte mich immer davon abgeschreckt. Mittlerweile habe ich aber schon des öfteren mal Sachen aus dem Indie-, Roots- und Alternative Country-Bereich im Player liegen, so dass sich die Hemmschwelle deutlich verringert hat.

Jetzt erschien mir die Zeit reif zu sein, mich an ein Review heranzuwagen, als sich ihre neue DVD „Ashes Of American Flags“ in unserem Angebotstool befand. Ohne es wirklich zu wissen, hatte ich (eigentlich als Vertreter harmonischer Klänge) es ins Kalkül gezogen, dass sie gerade bei einer Live-Präsentation, den Geschrammel-Anteil vermutlich nicht allzu intensiv in den Vordergrund stellen würden. Damit sollte ich im Großen und Ganzen recht behalten.

Die DVD wurde an fünf verschiedenen Locations in fünf verschiedenen Staaten (Cain’s Ballroom, Tulsa, OK – Tiptina’s, New Orleans, LA – Mobile Civic Center, Mobile, AL – Ryman Auditorium, Nashville, TN – 9. 30 Club, Washington,DC) gefilmt. Veröffentlicht wurde sie in den Staaten am so genannten Music Store Day (18. April), der den vielen kleinen Plattenläden im Lande zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen soll. Gerade Wilco-Frontmann Jeff Tweedy engagiert sich hier sehr stark, der (wie wir wohl alle) diese Läden quasi als Anlaufpunkt und Antriebsfeder für sich sah, sich mit Musik zu beschäftigen, bzw. auch aktiv zu betreiben.

Apropos Jeff Tweedy. Er steht ganz klar, trotz seiner hervorragend instrumentell agierenden Mitstreiter (vor allem der sich mit seiner eigenwilligen Schlagtechnik voll verausgebende Drummer Glenn Kotche, der unkonventionell spielende Lead-Gitarrist Nels Cline, Tweedy-Langzeit-Kumpel John Stirratt, Mikael Jorgensen und der vielseitige Pat Sansone), im Mittelpunkt dieser Dokumentation. Er wirkt in seiner juvenilen, dezent introvertiert wirkenden Charismatik schon jetzt wie eine geistesverwandte Mischung aus Johnny Cash, Van Morrison und Bob Dylan. Er besitzt neben seinen außergewöhnlichen Songwriterqualitäten eine in den Bann ziehende Stimme und Gestik. Dazu spielt er auch hervorragend Gitarre.

Das ausgewählte Songmaterial bietet schwerpunktmäßig einen Querschnitt ihrer letzten Alben „Sky Blue Sky“, „A Ghost Is Born“ und dem damals gefeierten „Yankee Hotel Foxtrot“ (Wilco kauften dem Label aufgrund strategischer Differenzen die Rechte für dieses Werk ab, um es dann mit großen Erfolg nach eigenen musikalischen Vorstellungen zu veröffentlichen). Die Musik ist über weite Phasen sehr eingängig und angenehm präsentiert (z.B. das soulige „Impossible Germany“ oder das beim Proben gefilmte, balladeske „Wishful Thinking“). Lediglich Clines manchmal kreischend gespielte Solopassagen (u.a. bei „Handshake Drugs“) und einige Synthie-unterstützte, psychedelisch anmutende Momente („Side With Seeds“, „Via Chicago“) unterbrechen die vorwiegend im Vordergrund stehende musikalische Harmonie (in einem zeitlich aber vertretbaren Rahmen).

Komischerweise gefällt mir der Extrateil sogar noch besser als der Hauptpart, weil hier die Countrynote doch ein wenig deutlicher in den Vordergrund gerückt wird. Bei „I’m The Man Who Loves You“ darf man sich an einem Honky Tonk-Piano erfreuen, beim Steel-untermalten „It’s Just That Simple“ erhält Basser John Stirratt Gelegenheit, seine gesanglichen Qualitäten und auch sein Akustikgitarrenspiel unter Beweis zu stellen (Tweedy bedient dafür im Gegenzug den viersaitigen Tieftoner). Auch Bläsereinsätze (wie bei „The Late Greats“ und „Hate It Here“) sind durchaus mit Wilco-Stücken wunderbar in Einklang zu bringen (passender Weise in New Orleans mit eingebracht).

Fazit:  Das von Brendan Canty und Christoph Green gefilmte Wilco-Dokument „Ashes Of American Flags“ macht beim Anschauen (u.a. auch noch mit atmosphärischen Landschafts- und Städteimpressionen, sowie einigen Statements und Backstage-Aufnahmen der Musiker aufgepeppt) und vor allem beim Zuhören großen Spaß. Nicht nur der brillante Klang weiß zu überzeugen, auch die Songauswahl und ihre interessante musikalische Umsetzung begeistert. Im Gegensatz zu vielen anderen Acts kann der Rezensent (auch Tweedys Ausstrahlung sei Dank) den Kultstatus von Wilco mittlerweile gut nachvollziehen. Ein wirklich beeindruckender Konzertfilm über eine extravagante Band! Klasse!

Nonesuch Records (2009)
Stil: Rock / Alternative Country

01. Ashes Of American Flags
02. Side With The Seeds
03. Handshake Drugs
04. The Late Greats
05. Kingpin
06. Wishful Thinking
07. Impossible Germany
08. Via Chicago
09. Shot In The Arm
10. Monday
11. You Are My Face
12. Heavy Metal Drummer
13. War On War

Extras.
14. I’m The Man Who Loves You
15. Airline To Heaven
16. It’s Just That Simple
17. At Least That’s What You Said
18. I Am Trying To Break Your Heart
19. Theologians
20. Hate It Here

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Nonesuch Records
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Eileen Rose & The Holy Wreck – Luna Turista – CD-Review

Eileen Rose & The Holy Wreck, die in meinem musikalischen Spektrum bisher unter der Kategorie ‚Unbekannt‘ firmierten, erlangten meine Aufmerksamkeit, als ich neulich das Programm meines Lieblingsclubs Karo in Wesel studierte. Dort tritt die Dame mit ihren Begleitmusikern Rich Gilbert (Guitars, Pedal Steel, Keyboards) und Nate Stalfa (Drums) am 30.10. 2009 im Rahmen einer Tour durch diverse deutsche Städte auf, Grund genug also, sich etwas näher mit ihr zu beschäftigen, zumal das Karo eigentlich immer einen Garanten für gute Musik darstellt.

Wie der Zufall es wollte, fand ihr aktueller Silberling „Luna Turista“ (ihr bereits fünftes Werk) noch am gleichen Tag in mir einen dankbaren Abnehmer. Eileen Rose stammt aus dem amerikanischen Boston, hat aber nach einem abgebrochenem Jura-Studium für längere Zeit in England gelebt und dort eigentlich auch ihre musikalische Karriere begonnen. Mittlerweile ist sie in die Staaten zurückgekehrt und lebt dort in ihrer neuen Wahlheimat Nashville, Tennessee.

Auch wenn „Luna Turista“ (die Inspiration des Titels rührt übrigens daher, als Eileen in Italien in einer wunderschönen mondklaren Nacht als Support von Joe Ely auftrat) zu Großteilen im Country verankert ist, hat das Ganze mit dem in Music City alles beherrschenden und angesagtem Mainstream äußerst wenig am Hut und ist letztendlich kaum exakt zu kategorisieren.

Das liegt vor allem im doch recht unkonventionell wirkenden Zusammenspiel ihrer ziemlich außergewöhnlichen Stimme (teilweise von maskulin bis piepsig variierend) und einem recht traditionell ausgelegten Countrystoff mit viel Steel, Fiddle und E-Bariton-Klängen („Trouble From Tomorrow“ – ein fröhlicher Waltz, „Luckenbach Texas“ ein Schwofer im Duett mit Gastmusiker Joshua Hedley als Hommage an Waylon Jennings, Willie Nelson und Hank Williams, das rhythmische „Why Am I Awake?“), das aber auch immer wieder sporadisch in Roots Rock/Pop-Gefilde („Strange“ – Petty-mäßig, das sehr emotionale, an „Please Forgive Me“ von Melissa Etheridges „Skin“-Album erinnernde „The One You Wanted“) abdriftet.

Eine sehr eigenwillige, manchmal auch nicht einfach zu hörende („Third Time’s A Charme“ – mit teilweise sehr monotonen Refrainpassagen, „Silver Ladle“ – ziemlich schräger Gesang) Mischung also. Klasse der recht flott, dezent punkig abgehende, mit Harp-Einlagen bestückte Opener „Simple Touch Of The Hand“ und das finale „All These Pretty Things“, bei dem plötzlich im Mittelteil schwere, wie im Desert-Rock typische, Gitarrengeschütze aufgefahren werden.

Mit „Luna Turista“ ist Eileen Rose & The Wreck ein unbestritten eigenwilliges Werk gelungen, das vor allem seine Sympathie daraus schöpft, unbeirrt aller Trends, konsequent und unbiegsam einer eigenen Linie zu folgen. Für meine, eher der Eingängigkeit frönenden und nicht unbedingt traditionellen Country bevorzugende Gehörgänge, teilweise allerdings etwas anstrengend. Ich vermute mal, dass sie aller Voraussicht nach hauptsächlich in der weiblichen Gemeinde ihre Anhängerschaft finden wird. Im Prinzip müsste so was Ähnliches rauskommen, wenn Lucinda Williams, Melissa Etheridge, Reba McEntire, Emmylou Harris, Patti Smith und Kate Bush sich zu einem imaginären gemeinsamen CD-Projekt zusammenfinden würden. Alles klar?

Floating World Records (2009)
Stil: Country Rock

01. Simple Touch Of The Hand
02. Sad Ride Home
03. Trouble From Tomorrow
04. Third Time’s A Charme
05. Silver Ladle
06. Luckenbach Texas
07. Strange
08. Why Am I Awake?
09. The One You Wanted
10. All These Pretty Things

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Music Matters

Bob Seger – Against The Wind – CD-Review

Bei Bob Seger hat man bei der Wahl seines Lieblingsalbums von ihm die Qual der Wahl. Mit seinen Werken „Night Moves“ und „Live Bullet“ gelang dem begabten Rockmusiker aus Detroit zwar der kommerzielle Durchbruch, mir als großem Balladen-Verfechter (wie Seger selbst übrigens auch) gefällt aus diesem und noch weiteren Gründen allerdings „Against The Wind“ am besten, auch wenn diese Scheibe beim jetzigen Hören aufnahmetechnisch im Vergleich zu heute doch schon ein wenig Staub angesetzt hat.

Auf furiose Rocker braucht man allerdings auch hier nicht zu verzichten. Mit „The Horizontal Bop“, „Her Strut“, „Long Twin Silver Line“ und „Betty Lou’s Gettin‘ Out Tonight“ bekommt man durchaus kräftige Kost dazwischen geworfen, ein Anteil von immerhin 40%. Interessant vor allem, dass Bob nicht nur seine Silver Bullet Band (Drew Abbott, Alto Reed – natürlich mit einigen exzellenten Sax-Soli vertreten, Chris Campbell) zum Einsatz kommen lässt, sondern bei einigen Stücken auch die fantastischen Musiker des berühmten Muscle Shoals-Studios (u.a. David Hood, Jimmy Johnson und Pete Carr, der ja mal bei den Allman Brothers als Nachfolger von Duane Allman hoch gehandelt wurde und auf Simon & Garfunkels berühmten Central Park-Konzert die E-Gitarre zupfte – klasse E- Solo bei „Long Twin Silver Line“) mit eingebunden hat.

Und als besonderes Schmankerl wartete noch weitere Prominenz wie Little Feat-Pianist Bill Payne („You’ll Acomp’ny Me“) und vor allem die geballte Eagles-Harmonies-Power mit den Herren Henley, Frey und Schmidt bei „Against The Wind“ und „Fire Lake“ auf, zudem noch unter Zuhilfenahme ihres etatmäßigen Produzenten Bill Szymczyk.

Mein absoluter Favorit auf dem Album ist das von Seger wunderbar emotional besungene „No Man’s Land“, das für meine Begriffe eigentlich immer so ein wenig im Schatten von Hits wie „You’ll Acomp’ny Me“, „Against The Wind“ (schöne Kombi übrigens von Piano und Organ) und „Fire Lake“ stand. Das von Bob Seger selbst eingestreute E-Solo am Ende des Stückes zählt für mich zu den schönsten und gefühlvollsten seiner Art überhaupt. Auch das abschließende „Shinin‘ Brightly“ mit den herrlich souligen weiblichen Backs lässt keine Wünsche offen. Insgesamt eine starke Scheibe mit vielen Ohrwürmern, abwechslungsreich und ohne jeden Ausfall.

Das Werk kam 1980 als starker Start in die Dekade heraus und im Prinzip erahnte man noch nicht, dass ein relativ schlimmes Jahrzehnt der Rockmusik folgen würde. Nachdem es im neuen Jahrtausend doch recht ruhig um Bob Seger geworden war, feierte er mit „Face The Promise“ nach über zehn Jahren ein starkes Comeback, das auch mit ausverkauften Konzerten in den Staaten frenetisch gefeiert wurde. Der Wunsch, ihn einmal in unserem Lande bewundern zu können, dürfte allerdings utopisch bleiben.

Capitol Records (1980)
Stil: Rock

01. The Horizontal Bop
02. You’ll Accomp’ny Me
03. Her Strut
04. No Man’s Land
05. Long Twin Silver Line
06. Against The Wind
07. Good For Me
08. Betty Lou’s Getting‘ Out Tonight
09. Fire Lake
10. Shinin‘ Brightly

Bob Seger
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Michael Stanley – The Hang – CD-Review

Ich verfolge die Karriere des aus Cleveland, Ohio stammenden Michael Stanley seit ungefähr der Jahrtausendwende mit Begeisterung und besitze knapp ein Dutzend seiner mittlerweile 25 Tonträger, die er im Laufe der Zeit, sei es mit der Michael Stanley Band (da habe ich mir dann noch was nachbesorgt) oder mit den Resonators, seiner aktuellen Begleitcombo, herausgebracht hat. Seit „Eighteen Down“ bin ich sozusagen kontinuierlich am Ball geblieben und zähle alle ab da veröffentlichten CDs zu meinem Besitz.

Sein neues Werk „The Hang“ knüpft nahtlos an die beiden tollen Vorgänger „Just Another Night“ und „Shadowland“ an. Stanleys Alben aus der Resonator-Phase sind doch sehr ähnlich gestrickt und man könnte hauch hier auf das zu diesen Werken geschriebene verweisen. Dies käme aber einer einzigen Respektlosigkeit einem solch hervorragenden Künstler gegenüber gleich.

Natürlich hat „The Hang“ wieder all‘ die Stanley-typischen Trademarks zu bieten. Diese unaufgeregt dahinfließenden, sich fast sanft in die Gehörgänge einschmeichelnden, voller Melodie strotzenden Storyteller-Stücke, zwischen Ballade, entspanntem Midtempo und dem einen oder anderen etwas rockigeren Song, wie es auch Bob Seger (wenn auch in etwas kräftigerer und letztendlich kommerziell erfolgreicherer Manier) gerne praktizierte. Eine Jennifer Lee, die ihre wie immer auf den Punkt sitzenden und zu Stanley brillant passenden Harmoniegesänge en Masse einbringt sowie Keyboarder Bob Pelander, der Michaels unaufgeregten Gesang und seine einfühlsame Gitarrenarbeit zu Hauf wieder mit seinen wohlsamen Tastenklangteppichen umgarnt. Für den Mix ist wie so oft Legende Bill Szymczyk verantwortlich.

Und trotzdem ist „The Hang“ diesmal ein besonderes Album, zeigt es doch einen Michael Stanley in den schwersten Stunden seines Daseins. Seine geliebte Frau Skinner erlag im letzten Jahr dem Kampf gegen ihr Krebsleiden (von ihr ist auch das einzige Bild auf der Rückseite des eingesteckten Booklet im karg, nur mit einer Mauer und einer sinnbildlich leeren Bank, fotografierten Digipak). So stehen einige Songs dieses Albums offensichtlich im Fokus dieser schweren Zeit. Ganz deutlich u. a. in Textpassagen (alle Texte sind im Booklet abgedruckt) von „Breaking Down“ oder „Fait Accompli“ und auch allein schon an vielen Titeln der Lieder erkennbar.

Die traurigen Violinenklänge bei den kammermusikartig angelegten „Martha“ und „Another New Years Eve“ drücken ebenfalls auf die Stimmung. Coverversionen gibt es von Patty Griffins „“When It Don’t Come Easy“ und Dire Straits‘ „Romeo & Juliet“ (mit Mark Knopfler-Gedächtnis-Strat-Solo). Das gesellschaftskritische „How Many Guitars Do You Need“ erinnert im Refrain“ an eine gedrosselte Abwandlung von Bon Jovis „Keep The Faith“.

Zu den rockigeren Tracks zählen das slidebetonte „A Damn Fine Way To Go“ (starkes E-Solo), das groovige, mit einem bedrohlich wirkenden E-Piano daherkommende „Down In The Suck“, das Heartland-trächtige „Back In The Day“ (Bob Seger-Note) sowie das soulig stampfende Titelstück (polternde Drums, Orgel, klasse Gitarren, Saxophonfills) zum krönenden Abschluss. Ein wenig Countryflair gibt’s beim mit wimmernder Pedal Steel versehenen „Wonder Wheel“.

Michael Stanley hat mit „The Hang“ den wohl intensivsten und düstersten Longplayer (im wahrsten Sinne des Wortes – mit fast 75 Minuten Spielzeit) seiner umfangreichen Karriere vorgelegt, der ganz klar im Zeichen der Verarbeitung des erlebten Verlustes entstanden ist. Es ist ihm gelungen, seine Hörer unaufdringlich, bei gewohnt hochwertiger musikalischer Qualität, daran teilnehmen zu lassen. Ich wünsche herzliches Beileid nachträglich und hoffe, dass das aus den Fugen geratene Leben dieses sympathischen Künstlers möglichst schnell wieder ins Gleichgewicht kommen möge. „The Hang“ dürfte ein erster, wichtiger Schritt dazu gewesen sein!

Line Level Music (2012)
Stil: Rock

01. From Somewhere Else
02. The Last Great Illusion
03. How Many Guitars Do You Need
04. Breaking Down
05. When It Don’t Come Easy
06. Fait Accompli
07. A Damn Fine Way To Go
08. Wonder Wheel
09. Down In The Suck
10. Back In The Day
11. Martha
12. Romeo & Juliet
13. Another New Years Eve
14. The Hang

Michael Stanley
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Line Level Music
Bärchen Records

Worry Stones – You Don’t Know What You’re In For – CD-Review

Worry

Die CD „You Don’t Know What You’re In For“ der Worry Stones ist zwar schon bereits 2003 erschienen und eine neue soll auch bereits in Planung sein, passt aber ganz gut in die jetzige Jahreszeit, wo die ersten länger währenden Sonnenstrahlen langsam den Trübsinn der kalten verregneten Vormonate aus dem Gedächtnis drängen.

Insgesamt typische Schönwettermusik, aber mit viel Stil, die ich jedem „Oben-Ohne“-Fahrer ans Herz legen möchte, der sich gerne gemütlich im Fahrtwind von der Natur und angenehmer Musik berauschen lässt, also im Prinzip nichts für diejenigen der Zunft, die den kreischenden Kavalierstart vor der örtlichen Eisdiele als höchstes Gut betrachten.

Die Band um Frontmann Tim Metz und dem exzellenten Gitarristen Erich Wildemann, genannt nur Erich, bisher unverständlicherweise ohne Plattendeal, demonstriert die Leichtigkeit des musikalischen Seins in Form von schönen energiegeladenen Uptemponummern, die schlicht weg gute Laune machen.

Dabei bewährt sich ein relativ einfaches und fast durchgehend gleichbleibendes Strickmuster. Ruhiges Intro, dann übernehmen pulsierende Drums und rhythmische E-Gitarren das Ruder. Dazu gesellen sich immer wieder Piano- oder Hammondeinsätze. Die weich kratzige Stimme von Tim Metz passt sich variabel dem Tempo der Stücke an, Kollege Erich lässt in virtuoser Manier das eine oder andere starke, manchmal sogar southernlastige Solo los.

Hier und da werden ein paar karibische und leicht psychedelisch angehauchte Klänge eingeflochten. Vieles erinnert an Sister Hazel, vor allem stimmlich haben Tim Metz und Sister Hazel-Leader Ken Block einiges gemeinsam (Tracks 1,2,5,9), wobei hier aber das eine oder andere kommerziell ausbaufähige Lied a là „All For You“ meines Erachtens fehlt. Del Amitri gegen Ende der Neunziger Jahre (3,7), die rockigeren Stücke von Soulsister (6,7), Venice (4) und Hootie & The Blowfish kann man noch zum Teil als Musterquellen anführen.

Eine Band mit sehr viel Potential, die sich hoffentlich nicht von den Zwängen des Marktes einvernehmen lässt und da locker weitermacht, wo sie mit diesem Album aufgehört hat.

Eigenproduktion (2003)
Stil: Rock

01. Friday Night Fights
02. I Can’t Believe
03. Some Things
04. Dreams
05. I Might
06. Salt Shaker
07. She’s Not Even Done
08. #3
09. Turn Around
10. Land Lover

Bärchen Records