Various Artists – Keep Me In Your Heart: The Songs Of Warren Zevon – CD-Review

Review: Michael Segets

Erst vor zwei Monaten wurde Warren Zevon in die Rock’n Roll Hall Of Fame aufgenommen – mehr als 22 Jahre nach seinem frühen Tod. Er gehört zu den Musikern, denen unterm Strich nicht der kommerzielle Erfolg zukam, den sie aus Sicht der Fachkritiker verdient hätten. Er kollaborierte mit etlichen befreundeten Musikern wie Andy Garcia, Don Henley oder Emmylou Harris. Der in klassischer Musik ausgebildete Intellektuelle nahm sein Debüt 1969 auf. Es fand wenig Beachtung. Erst durch Jackson Brownes Intervention trat Zevon 1976 mit „Warren Zevon“ wieder in Erscheinung. Mit dem Longplayer und dem folgenden „Exitable Boy“ (1978) erspielte er sich eine treue Fangemeinde, die ihn durch das Auf-und-Ab seiner weiteren Karriere begleitete. Nach einer Krebsdiagnose veröffentlichte er noch kurz vor seinem Tod „The Wind“ (2003) – eine eindringliche und bewegende Hinterlassenschaft. Von diesem Album stammt der Song „Keep Me In Your Heart“, der dem Tribute seinen Namen gibt und dort von Richard Barone gesungen wird.

Bereits 2004 organisierte Warrens Sohn Jordan das Tribute-Album „Enjoy Every Sandwich“, auf dem unter anderem Bruce Springsteen und Tom Petty Zevons Stücke coverten. Für die neue Homage versammeln sich Musiker*innen der New Yorker-Szene unter Federführung von Paradiddle Records, um Zevon und sein Werk zu würdigen. Mit Willie Nile („Mutineer“), Pete Mancini („Accidentally Like A Martyr”, „Carmelita”) und (Kerry Kearney („Rub Me Raw”) finden sich einige Interpreten, die auf SoS gelistet sind. Ansonsten sind mir die Mitwirkenden nicht bekannt. Diese machen ihre Sache jedoch gut.

Zevon verfügte über eine beachtliche Range in seiner unverwechselbaren Stimme und beherrschte sowohl die kräftigen als auch die zerbrechlichen Töne. Ihn zu imitieren wäre ein aussichtsloses Unterfangen, deshalb schlagen die vertretenen Musiker*innen einen anderen Weg ein. Sie transformieren selbst rockige Originale in der Regel zu einem erdigen Americana. Die Songs wirken daher anders, funktionieren aber durchweg. Dies zeugt auch von der Kraft der Kompositionen, die ihnen zugrunde liegen.

Die Hälfte der ausgewählten Tracks finden sich auf den beiden erwähnten Scheiben aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Selbstverständlich ist Zevons größter Hit „Werewolves Of London“ (Howard Silverman) ebenso vertreten wie „Poor Poor Pitiful Me“ (Freddy Jackson), das seinerzeit für Linda Ronstadt ein Erfolg war. „Carmelita“ wurde bereits von Dwight Yoakam und den Counting Crows gecovert. Weiteren Klassikern dieser Periode widmen sich Tricyle The Fortier Family Trio („Mohammed’s Radio“), Jimmy Webb („Desperados Under The Eaves”), und The Belle Curves („Lawyers, Guns, And Money”). Alle Interpreten geben den Songs ihre eigene Note mit. Besonders ragt „Roland The Headless Thompson Gunner“ von Ray Lambiase mit Unterstützung durch Kate Corrigan heraus. Die Version der Lucky Ones von „Johnny Strikes Up The Band“ ist ebenfalls klasse. Emily Duff gestaltet das im Orginal straight rockende „Exitable Boy” zu einer gefühlvollen Ballade um – ein gutes Beispiel dafür, wie eigenständig die Musiker*innen des Projekts die Vorlagen verarbeiten.

Zu den weniger bekannten Titeln dürften die für The Turtles geschriebenen „Like The Seasons“ (Hank Stone) und „Outside Chance“ (Allen Santoviello) gehören. Erst posthum sind Aufnahmen von „Stop Rainin‘ Lord“ sowie „Empty Hearted Town“ erschienen, denen sich Phil Kennelty beziehungsweise Claudia Jacobs annehmen.

Die achtziger und neunziger Jahre sind auf dem Doppelalbum leicht unterrepräsentiert. Vielleicht hätte ich aus den beiden Dekaden ein paar andere Songs ausgewählt, aber insgesamt überzeugen auch hier die Auswahl und die jeweilige Interpretation. Besonders freut mich der sehr gelungene Beitrag „Splended Isolation“ von Bryan Gallo, da ich das Lied sehr schätze. Bemerkenswert ist gleichfalls „Heartache Spoken Here“, die Caroline Doctorow zur Country-Nummer umgestaltet.

Von den sieben Tracks, die ursprünglich Anfang des Jahrtausends erschienen sind, ist „Don’t Let Us Get Sick“ hervorzuheben. Die durch einen Chor unterstützte Version von Kenny White geht unter die Haut. Desweiteren spielt James O’Malley „My Ride Is Here“ solo auf seiner akustischen Gitarre, was nochmal einen neuen Eindruck des Stücks vermittelt.

Die mit 33 Beiträgen umfangreiche Verbeugung vor Warren Zevon ist mehr als ein Nachspielen seiner Songs, sondern ein richtig gutes Americana-Album. Die auf dem Tribute vertretenen Künstler*innen beweisen, dass sie Warren Zevon und seine Musik ins Herz geschlossen haben. Sie würdigen ihn, indem sie seine Songs kreativ bearbeiten. Die Titel werden in die Roots Music-Regionen herein gesogen und unterscheiden sich somit oftmals deutlich von den ursprünglichen Aufnahmen. Die rockigen Anteile mancher Originale werden zurückgefahren. Vor allem diese Stücke entwickeln ihren eigenen Reiz, was für die Qualität der Performances als auch für die des Songmaterials spricht.

Universal (2024)
Stil: Americana

Tracks:
CD1
01 Accidentally Like A Martyr – Pete Mancini & The Hillside Airmen
02 Mohammed’s Radio – Tricyle The Fortier Family Trio
03 Desperados Under The Eaves – Johnny Webb
04 Muntineer – Willie Nile
05 Nighttime At The Switching Yard – Mike Nugget & The Blue Moon Band
06 Tenderness On The Block – Jack Licitra
07 Empty Hearted Town – Claudia Jacobs
08 My Ride’s Here – James O’Malley
09 I’ll Just Slow You Down – The Russ Seeger Band
10 I Need A Truck – Allen Santoviello
11 Heartache Spoken Here – Caroline Doctorow
12 It’s True – Gene Casey
13 Searchin’ For A Heart – Mick Hargreaves
14 Never Too Late For Love – Tara Hack
15 Outside Chance – Allen Santoviello & The Phantoms
16 Keep Me In Your Hear – Richard Barone

CD2
17 Poor Poor Pitiful Me – Freddy Johnson
18 Backs Turned Looking Down The Path – Gerry McKeveny
19 Reconsider Me – James Maddock
20 Carmelita – Pete Mancini (feat. Sarah Gross)
21 Don’t let Us Get Sick – Kenny White
22 My Shits Fucked Up – Claudia Jacobs
23 The Wild Age – Revolver
24 Mama Couldn’t Be Persuaded – Annie Mark
25 Werewolves Of London – Howard Silverman
26 Roland The Headless Thomson Gunner – Ray Lambiase
27 Splended Isolation – Bryan Gallo
28 Like The Seasons – Hank Stone
29 Lawyers, Guns, And Money – The Belle Curves
30 Stop Rainin’ Lord – Phil Kennelty
31 Johnny Strike Up The Band – The Lucky Ones
32 Rub Me Raw – Kerry Kearney
33 Exitable Boy – Emily Duff

Paradiddle Records

The Bacon Brothers – Ballad Of The Brothers – CD-Review

Review: Michael Segets

Die Bacon Brothers treten seit dreißig Jahren als Band öffentlich in Erscheinung. 1997 brachten die Geschwister Michael und Kevin Bacon ihren ersten Longplayer „Forosoco“ heraus. Nach dem Albumtitel bezeichnen sie die Richtung ihrer Musik, die sich als Mischung aus nahezu sämtlichen populären Stilen darstellt. Dies kann interessante Resultate hervorbringen, meist empfinde ich solch breit angelegten Projekte aber eher als anstrengend. Da kommt der Banause zum Vorschein, der die filigranen künstlerischen Feinheiten nicht richtig zu würdigen weiß.

Der mit mehreren Emmy-Awards ausgezeichnete Michael Bacon betätigt sich vorwiegend als Komponist von Soundtracks. Kevin Bacon hat seinen eigenen Stern auf dem Hollywood Walk Of Fame und zählt seit seinen frühen Erfolgen mit „Diner“ und „Footloose“ zur ersten Riege der amerikanischen Schauspieler. Bekannter Schauspieler zu sein und gute Musik zu machen, schließt sich nicht aus, wie beispielsweise Kevin Costner und Kiefer Sutherland beweisen.

Die beiden Bacons nehmen ihr Bandprojekt ernst und machen mit „Ballad Of The Brothers“ das Duzend ihrer gemeinsamen Longplayer voll. Die Songs wurden zu gleichen Teilen von den Geschwistern geschrieben, zwei unter Beteiligung weiterer Co-Autoren. Darüber hinaus finden sich zwei Cover auf der CD. In den von Ridley Sharp stammende Klassiker „Dreams Of The San Joaquin“, den beispielsweise schon Linda Ronstadt und Kenny Rodgers gesungen haben, wird die Begleitstimme von Cindy Alexander reingemischt. Die Bacon Brothers interpretieren die Americana-Ballade sehr reduziert und beschränken sich im Wesentlichen auf den durch ein Klavier begleiteten mehrstimmigen Gesang. „We Belong“, das für Pat Benatar zum Hit wurde, ist das zweite Coverstück. Der sowieso gute Song wird von den Bacon Brothers gitarrengetrieben, roots-rockig durchgespielt – eine gelungene Version und ein Highlight auf der CD.

Ebenfalls an die Rockmusik der 1980er erinnert der Opener „Take Off This Tatoo“. Das zweite Highlight des Albums überrascht mit einem Geigenpart, der traditioneller Weise von einer E-Gitarre übernommen wird. Ebenfalls auf der Habenseite lässt sich die Single „Put Your Hand Up“ verorten. Mit seinen Bläsern geht der Sound in Richtung Motown und lässt dementsprechend deutlich Soul mitschwingen. Der findet sich auch in einer erdigeren Variante auf „Old Bronco“. Das experimentelle Ende des Tracks schmälert allerdings dessen Hörgenuss. Auch für den Abschluss von „Losing The Night“ wählen die Bacon Brothers einen seltsamen Ausklang.

Verzichtbar sind in meinen Ohren „Airport Bar“ sowie das jazzige Instrumentalstück „Freestanding“. Mit den beiden langsameren „Let That Be Enough“ und „Live With The Lie“ schlagen die beiden Protagonisten eher konventionelle Töne an. Vor allem der erstgenannte Song wirkt dabei etwas schulzig. Anders als die beiden Beiträge bleibt der Titeltrack „Ballad Of The Brothers (The Willie Door)“ im Gedächtnis. Nach einem Geigenintro legt die Mischung aus Moritat und Country los. Geschildert wird ein fiktive Roadtrip zweier Brüder, die unverhofft zu lokalen Musikstars aufsteigen. Der Song ist eine Hommage an die Dance Halls. Die Gruene Hall als älteste von ihnen steht seit 145 Jahren in Texas. Auf sie, in der beispielsweise Willie Nelson einige legendäre Konzerte spielte, nimmt der Text explizit Bezug.

Die Bacon Brothers schöpfen aus einer breiten Palette musikalischer Traditionen und mischen diese auf „Ballad Of The Brothers“. Nicht jede ihrer musikalischen Einfälle zündet. Dort, wo ihr Sound in den 1980ern verhaftet bleibt, gelingen die besten Songs. Die rockige Eigenkomposition „Take Off This Tatoo“ und die rootsige Coverversion von „We Belong“ sind daher mit Abstand die Favoriten des Albums.

Forosoco Music/40 Below Records – Proper/Bertus (2024)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Take Off This Tattoo
02. Losing The Night
03. Put Your Hand Up
04. Dreams Of The San Joaquin
05. Old Bronco
06. Airport Bar
07. We Belong
08. Let That Be Enough
09. Ballad Of The Brothers (The Willie Door)
10. Freestanding
11. Live With The Lie

The Bacon Brothers
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Bertus

Nick Lowe – Lay It On Me – EP-Review

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Review: Michael Segets

Der englische Musiker und Produzent Nick Lowe taucht bestimmt irgendwo in der gut sortierten Rocksammlung auf, selbst wenn dort kein Album von ihm vertreten ist. Als Bassist bei Little Village veröffentlichte er mit John Hiatt, Ry Cooder und Jim Keltner 1982 ein Album. Er spielte mit einer Vielzahl von Künstlern und Bands wie Dave Edmunds, Rockpile, John Lee Hooker, Tanita Tikaram, Blackie And The Rodeo Kings oder Wilco.

Seine Songs wurden von etlichen Interpreten aufgenommen. Seine Exfrau Charlene Carter, Johnny Cash, Diana Ross, Linda Ronstadt, The Mavericks, George Thorogood, Rod Stewart, Simple Minds – um nur einige zu nennen – gehören dazu. Auch seine Liste als Produzent ist lang. Beispielsweise Werke von Graham Parker, Dr. Feelgood, The Fabulous Thunderbirds oder von The Pretenders wurden von ihm betreut. Vor allem mit Elvis Costello arbeitete er über acht Alben hinweg zusammen. Dieser machte den von Lowe geschriebenen Song „(What`s So Funny ‘Bout) Peace, Love And Understanding” zu einem Hit.

In der Musikszene hat der einundsiebzigjährige Lowe unabhängig von seinen sechzehn eigenen Alben also deutliche Spuren hinterlassen. Vor sieben Jahren veröffentlichte er seinen bislang letzten im Studio eingespielten Longplayer. 2018 folgte die EP „Tokyo Bay“. Mit der EP „Lay It On Me“ gibt Lowe nun erneut ein Lebenszeichen von sich.

Gemeinsam mit den Los Straitjackets spielte er drei Songs ein. Die beiden Eigenkompositionen „Lay It On Me Baby” und „Don’t Be Nice To Me” ergänzt „Here Comes That Feeling”, das von Dorsey Burnette geschrieben und durch die Version von Brenda Lee bekannt wurde. Im Stil des 50er Jahre Rock ’n Roll gehalten und mit einer Prise Soul gewürzt verströmen die Stücke einen angenehmen Retro-Charme.

Schließlich findet sich noch eine instrumentale Interpretation von „Venus“ auf der EP. Dem Song von Shocking Blue, der durch Bananarama in den Achtzigern ein Revival erlebte, geben Los Straitjackets einen Surf-Rock-Anstrich. Den Titel hat Lowe lediglich produziert.

Mit seinen knapp zwölf Minuten stellt „Lay It On Me” ein kurzes Vergnügen dar. Die Fans von Nick Lowe wird das neue Material aber dennoch freuen. Die unverkrampften Songs sind wunderbar geeignet, einen lockeren und entspannten Sommerabend auf der Terrasse einzuläuten.

Yep Roc Records (2020)
Stil: Rock

Tracks:
01. Lay It On Me Baby
02. Don’t Be Nice To Me
03. Here Comes That Feeling
04. Los Straitjackets – Venus

Nick Lowe
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Yep Roc Records
Redeye Worldwide

Haley Johnsen – 03.02.2020, Kulturrampe, Krefeld – Konzertbericht

Hal_haupt

Markus Peerlings packt „Caesar’s Pallets“ wieder aus! Den Anfang der diesjährigen Reihe von Solo-Konzerten im Wohnzimmer der Kulturrampe machte Haley Johnson. Durch ihre erfolgreiche Teilnahme beim Song-Contest American Idol erlangte sie in Amerika bereits einen hohen Bekanntheitsgrad. Im vergangenen Jahr promotete sie ihr Debüt-Album „Golden Days“ auf ihrer ersten Europa-Tour. Nun kehrte die talentierte Songwriterin mit frisch im Londoner Studio One aufgenommen Akustik-Versionen nach Deutschland zurück.

Bei Ihrer Premiere in Krefeld zeigte sie sich beeindruckt von der coolen Location. Die Rampe ist nach ihrer Aussage der hipste Veranstaltungsort, in dem sie bislang auftrat. Damit erzählte Johnsen den Anwesenden zwar nichts Neues, aber gefreut hat es alle und Pille wahrscheinlich am meisten.

Mit ganz verschiedenen musikalischen Einflüssen aufgewachsen fügt Haley Johnsen diese in einem souveränen Mix aus Americana, Blues und Rock zusammen. Dabei gibt sie dieser Mischung auf ihrem Longplayer, der mit kompletter Band eingespielt wurde, einen poppigen Anstrich. Im intimen Rahmen der Kulturrampe kamen ihre Qualitäten als Songwriterin und ihre tolle Stimme, die bei der instrumental reduzierten Begleitung stärker in den Vordergrund traten, viel besser zur Geltung.

Die junge Amerikanerin bewies eine verblüffende Souveränität auf der Bühne. Locker und selbstironisch philosophierte sie über den unterschiedlichen Kohlesäuregehalt deutscher Mineralwässer, leitete Songs mit Anekdoten und Hintergrundinformationen ein und nutzte auch sonst jede Gelegenheit, mit dem Publikum in Kontakt zu treten.

Mit viertelstündiger Verspätung kam Johnsen aus den Katakomben der Rampe, legte die nagelneue, akustische Fender-Gitarre an, schnallte sich Schellen um den Fuß und gab mit der Stomp Box den Rhythmus für den Opener „I’ll See You Around“ vor. Richtig Fahrt nahm „Everything Comes Back Again“ auf. Mit scheppernden Akkorden rockte Johnsen den Song, den sie mit 16 Jahren geschrieben hatte.

Nach dem ebenfalls mitreißenden „Sideways“ von ihrer EP „When You Lit The Sky“ (2017) folgte mit „Feel The Water“ die erste Ballade. Diese begann sehr sanft, steigerte dann aber die Dynamik durch fast schon rausgeschriene Gesangspassagen. Johnsen hat eine klare, volle Stimme, die sie den verschiedenen Stimmungen der Songs problemlos anpassen kann.

Inspiriert durch die Version von Eva Cassidy präsentierte Johnsen dann „Autum Leaves“ als klassisches Folkstück. Diesen Titel spielte sie zum ersten Mal auf dieser Tour, deren Halbzeit sie feierte. Die Songwriterin hat noch weitere drei Wochen On The Road vor sich und verlässt Deutschland erstmal in Richtung Dänemark.

Als Haley Johnsen zur elektrischen Gitarre griff, zog das Tempo im letzten Drittel des ersten Sets nochmal an. Kräftige Rhythmen („City Of Me“), teilweise begleitet von einem staubiger Gitarrensound leiteten dann zum vorläufigen Finale über. Für dieses holte sie ihren Freund und Tour-Manager Jonny Shewell auf die Bühne und sang mit ihm „Perfect Life“ im Duett.

Die kurze Pause wurde mit dem fetzigen „Lift Me Up“ beendet. Während Johnsen dort ihre akustische Fender hart bearbeitete, zeigte sie vor allem beim Intro zu „Crazy On You“ – einem Song von Heart –, dass sie auch filigrane Fingerarbeit an den Saiten beherrscht.

Nach „Cinderella“, wohl einem Stück mit großer persönlicher Bedeutung für die Sängerin, folgte mit „Tear Drop Canvas“ ein weiterer Titel des Longplayers „Golden Days“. Die erdigeren, handgemachten Versionen, die Johnsen bei der Show darbot, überzeugten weit mehr als die opulenter produzierten Studioaufnahmen. Als Singer/Songwriter gewinnt Haley Johnsen deutlich Konturen und sticht unter den Musiksternen ihrer Generation hervor. Dass sie musikalisch vielseitig ist, zeigt auch ihre Beteiligung an der Electronic-Band Big Wild, obwohl dies auch unter der Rubrik Jugendsünden zu verbuchen sein kann.

In der Mitte des zweiten Sets räumte sie den Platz am Mikro für Jonny Shewell, der seinen Song „Famous“ vorstellte und dabei sein Gesangstalent offenbarte. Für die letzten beiden Stücke „Weekend“ und „Keep On Saying Goodbye“ packte Johnsen erneut die E-Gitarre aus und heizte dem Publikum nochmal mächtig ein.

Ich hätte nicht gedacht, dass dreißig Leute so einen johlenden und klatschenden Tumult veranstalten können. Obwohl Johnsen – ganz Profi – darauf hinwies, dass sie nur für zwei 45-Minuten-Sets engagiert worden wäre, ließ sie sich nicht lange bitten und gab mit „If It Makes You Happy“ von Sheryl Crow sowie dem Schmachtfetzen „Blue Bayou“ von Linda Ronstadt zwei Cover als Zugabe. Die beiden Titel standen den Originalen in nichts nach, was zeigt, über welche Spannweite sie musikalisch und gesangstechnisch verfügt.

Haley Johnsen lieferte eine Performance mit großem Unterhaltungswert, abwechslungsreicher Songauswahl und hervorragendem Gesang. Mit ihrem natürlichen Auftreten spiele sie sich direkt ins Herz der Zuhörer. In besser Gesellschaft kann man einen verregneten Montagabend kaum verbringen. Für die nächsten Veranstaltungen ab März zieht „Caesar‘s Pallets“ auf die Terrasse der Rampe. Die Open-Air-Konzerte auf dem Großmarkt sind eine schöne Idee, sofern das Wetter mitspielt.

Line-Up:
Haley Johnsen (vocals, guitar)
Jonny Shewell (vocals)

Bilder und Bericht: Michael Segets

Haley Johnsen
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Kulturrampe