
Review: Michael Segets
Vor zwei Monaten war ich voll des Lobes für „They Call Us The Lucky Ones“ von Ryan Bingham And The Country Gentlemen und habe das Album zu einem Favoriten des Jahres erklärt. Nun kommt American Aquarium mit „New Ways To Lose“ um die Ecke, das in meinem persönlichen Ranking dem Werk von Bingham mindestens ebenbürtig ist oder sogar noch ein Quäntchen vorne liegt.
Während auf „Chicamacomico“ (2022) und „The Fear Of Standing Still“ (2024) flottere Stücke die Ausnahme bildeten, sind auf dem aktuellen Longplayer nur zwei ruhige Titel vertreten. Das vom Frontmann BJ Barham zusammen mit Lori McKenna geschriebene „Out There In The Dark“ hebt sich auch durch sein Klavierintro von den anderen Titeln ab. „Bad Habits“, bei dem der bandtypische Slide der Steel Pedal ebenso wie eine seltener eingesetzte Horn-Section zu hören ist, beschließt das Album.
„New Ways To Lose“ nimmt schon mit den ersten beiden sehr starken Titeln („Dollar Genreral“, „Can’t Into Could“) Fahrt in Richtung Heartland auf. Bläser und eine Hammond B3 begleiten „Twin Flames“, meist prägen aber der satte Klang des Schlagzeugs sowie die E-Gitarren den Sound. Die erste Single „History Repeats Itself“ ist dafür ein Beispiel. Bruce Springsteen, der mit seinen Werken der siebziger und achtziger Jahre hier Pate gestanden hat, winkt am Wegesrand. Barham und seine Mitstreiter schauen weiterhin bei Neil Young vorbei, wenn sie den schrillen elektrischen Gitarrentönen auf „Whatever Helps You Sleep At Night“ mehr Raum geben.
Von der Route zweigt American Aquarium bei „4×60“, das als Country-Rock durchgeht, minimal ab. Die rockigen Songs drücken dem Longplayer ihren Stempel auf. Daneben finden sich auch mit dem countryfizierten „Just Like You“ und dem melodiösen „Favorite Hello“ zwei Tracks im mittleren Tempobereich, sodass die Reise durch das Album abwechslungsreich bleibt. Barham biegt nirgendwo falsch ab. Alle Tracks sind hörenswert, sodass kein Grund besteht einen Punkt oder Stern von der Höchstwertung abzuziehen.
Die Band spielte die Stücke innerhalb von zehn Tagen überwiegend live ein, wobei die Bläser später hinzu gemischt wurden. Ein Garant für einen erdigen und authentischen Sound ist Shooter Jennings, der nach „Lamentations“ (2020) und dem bereits erwähnen Vorgängeralbum aus dem Jahr 2024 zum dritten Mal als Produzent für American Aquarium fungiert. Der Titel des Longplayers ist in Amerika übrigens ein geflügeltes Wort, das auf den Sportkommentator Gary Hahn zurückgeht.
In den Texten verarbeitet Barham einerseits persönliche Themen wie den Tod seines Hundes („Favorite Hello“), andererseits gibt er auch sozialkritischen Töne ihren Raum. Bei „Dollar General“ geht es beispielsweise um das Aussterben der Einzelhandelsgeschäfte und den Niedergang einer Stadt. So oder so: In den Lyrics schwingt stets etwas Allgemeines mit, das in der ein oder anderen Weise den Hörer berührt.
Was sich mit „Life At Red Rocks“ (2025) bereits ankündigte, setzt sich auf „New Ways To Lose“ fort. BJ Barham und American Aquarium präsentieren sich von ihrer rockigen Seite. Das machen sie so gut, dass einem unweigerlich große Namen als Referenzpunkte einfallen. Zu diesen müssten sie auch gehören, wenn es im Musikgeschäft Gerechtigkeit geben würde.
Losing Side Records/Thirty Tigers – Open (2026)
Stil: Rock
Tracks:
01. Dollar General
02. Can’t Into Could
03. 4×60
04. Twin Flames
05. Out There In The Dark
06. History Repeats Itself
07. Favorite Hello
08. Whatever Helps You Sleep At Night
09. Just Like You
10. Bad Habits
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