Florida Georgia Line – The Acoustic Sessions – CD-Review

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Nachdem ich den letzten 20 Jahren tausende CDs aus dem New Country-Bereich gehört und auch nicht unerheblich wenige davon rezensiert habe, frage ich mich manchmal immer noch, was bei einigen Interpreten in der riesigen Masse, den großen Erfolg ausmacht und bei anderen nicht, obwohl die Parameter in der Regel oft zu großen Teilen identisch sind.

Singen muss man im Genre können, sonst braucht man die Reise nach Nashville eigentlich erst gar nicht anzutreten. Idealerweise sieht man dazu einigermaßen gut aus, beherrscht eventuell kompatible Instrumente und hat als I-Tüpfelchen auch kreatives Songwriting-Potential zu bieten. Ansonsten wird ja oft auf den gleichen Pool an Musikern, Songschreibern und Produzenten zugegriffen. Bei vielen ist es letztendlich meist eine Mischung aus allem.

Aber wie kommt es dann zu so einem Erfolg wie bei Georgia Florida Line, alias Brian Kelley und Tyler Hubbard? Da wird einem regelrecht schwindelig, wenn man liest, was die beiden mittlerweile Grammy-nominierten, Diamant-dekorierten Burschen, an Auszeichnungen und Preisen eingeheimst haben, seit sie das Parkett in Music City betreten haben: u. a. 11x Platin für „Cruise“, die meistverkaufte digitale Country-Single aller Zeiten, 8x Platin für „Meant To Be“, 9,3 Milliarden Streams,33,6 Millionen Downloads, 4,6 Millionen Albumverkäufe, 4 Nr. 1-Alben, zig Nr. 1-Singles, wichtige Awards-Auszeichnungen im zweistelligen Bereich, etc.

Für mich lautet die einzige Erklärung, dass hier ein absolutes Top-Management in Verbindung mit dem passenden Label am Werk sein muss, das seit Jahren die absolut richtigen Dinge, zur absolut richtigen Zeit, entscheidet.

Jetzt hat man den Moment für gut erachtet, all die beliebten Songs und Hits des Duos mal in ein akustisches Gewand zu bringen. Die Idee hatten zwar auch schon viele andere zuvor, aber bei einer solchen Auswahl an geeignetem Material, eine durchaus sinnvolle Variante.

Und auch hier bleibt natürlich nichts dem Zufall überlassen. Es wurde die Elite an Saitenzupfern wie Ilya Toshinsky (auch Co-Produzent), David Garcia, Danny Rader, Bryan Sutton und Robert Ickes, was kompatible Instrumente wie Akustikgitarren, Dobros, Mandolinen, Bouzoukis, Banjos und Ganjos angeht, ins Studio geholt, dazu mit Rodney Clawson, Wes Hightower und Joey Moi (auch Produzent), weitere Harmoniegesangs-Koryphäen ergänzt und dann noch ein paar Top-Stars wie Luke Bryan, Tim McGraw, die Backstreet Boys und Bebe Rexha, als Beweis ihres Standings, als Gäste verpflichtet.

Satte 17 Tracks wurden hier in herrlich klarem Klang mit oben besagten Instrumenten ineinander gemischt (superb, was die Musiker hier leisten), dazu gibt es saustarke Lead vocals der beiden Protagonisten, immer wieder von Weltklasse-Harmonie- und Wechselgesängen (auf Niveau der Eagles) begleitet oder durchbrochen, dass es eine wahre Freude ist. Wenn eine Platte für eine Cabriofahrt gemacht wurde, dann ist es ohne Zweifel diese.

Und so cruist man mit den Beteiligten von ihrem Megahit „Cruise“, in dem sogar unsere gute alte Marshall Tucker Band textlich erwähnt wird („… she was sippin‘ on southern and singin‘ Marshall Tucker…“) bis zum finalen „Meant To Be“ durch kurzweilige Stücke in allen Tempi und Stimmungen und zieht am Ende überwältigt den Hut. Eine tolle Scheibe, bei der man wirklich gute Laune bekommt. Und so bleibt am Ende nicht anderes übrig, als ein dickes Kompliment an Florida Georgia Line und deren Management auszusprechen. Hier weiß man, wie qualitativ hochwertiges und erfolgreiches Musikbusiness funktioniert.

Big Machine Label Group (2019)
Stil: New Country

01. Cruise
02. Round Here
03. Stay
04. Get Your Shine On
05. This Is How We Roll (feat. Luke Bryan)
06. Sippin‘ On Fire
07. Sun Daze
08. Dirt
09. Anything Goes
10. Confession
11. Smooth
12. H.O.L.Y.
13. May We All (feat. Tim McGraw)
14. God, Your Mama, And Me (feat. Backstreet Boys)
15. Simple
16. Talk You Out Of It
17. Meant To Be (feat. Bebe Rexha)

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Florida Georgia Line – Can’t Say I Ain’t Country – CD-Review

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Mit dem Titel ihres 4. Studio-Albums „Can’t Say I Ain’t Country“, setzen Florida Georgia Line ihren größten Kritikern ein geschicktes Statement entgegen, das man aufgrund seines weit auslegbaren Interpretationsspielraums, wohl kaum entkräften kann.

Diese werfen dem erfolgsverwöhnten Duo, bestehend aus Brian Kelley und Tyler Hubbard, durch ihre nicht unerhebliche Einflechtung von Pop-, Rock-, R&B- und Hip Hop-Elementen, eine zu starke Verwässerung des Genres, quasi eine Art Etikettenschwindel vor.

Auch auf diesem Werk gibt es , wen wundert es angesichts des immensen Erfolges, natürlich keine 180 Grad-Kehrtwende in Richtung lupenreiner Countrymusik. Im Prinzip bleibt auch hier alles beim Alten.

Durch die Einbindung von eher im Hip Hop gebräuchlichen Skits, bei denen ein gewisser Brother Jervel in bestem Slang, auf die Anrufbeantworter der beiden, weitestgehend sinnfreie, aber aus seiner Sicht eminent wichtige Neuigkeiten quasselt, wird dem Ganzen sogar eher noch einer oben drauf gesetzt.

Trotzdem hat die Scheibe mit einigen schönen Countryrockern wie dem Titelstück „Can’t Say I Ain’t Country“, „Speed Of Love“ oder der tollen Kooperation mit Jason Aldean bei „You Can’t Hide Red“ sowie dem herrlich grassig-folkig instrumentierten „Simple“ auch in dieser Hinsicht wieder einiges zu bieten.

Ansonsten wird selbstredend wieder alles unternommen, um eine möglichst große Käuferschicht zu bedienen, sprich, sowohl in den Country- wie auch den allgemeinen Billboard-Charts abzuräumen.

Bis auf das Tanzclub-ausgelegte „Swerve“ , wo es mir dann doch wirklich zu ‚bunt‘ getrieben wird, gibt es teils eingängige melodische Tracks („Talk You Out“, „Women“, „People Are Different“, „Told You“ als auch launigen und mitsingbaren Stoff („Y’all Boys“, „Colorado“), der für große Massen, sei es als Käuferschichten oder als Publikum bei ihren Live-Auftritten, geradezu prädestiniert ist.

Wenn man aber genauer hinhört, sind es die vielen kleinen Feinheiten der Nashville-Studiomusiker, die mit ihren Akustik- und Barition-E-Gitarreneinlagen und der dezenten Einbindung von Steel, Mandoline, Banjo oder Dobro auch bei diesen Liedern zu punkten wissen. Die Protagonisten wissen hingegen mit ihren angenehmen Stimmen und vielen Harmoniegesängen zu überzeugen.

Wer im New Country-Genre weitestgehend flexibel unterwegs ist und mit melodiöser, charttauglich ausgerichteter Musik keine Probleme hat, der kann bei „Can’t Say I Ain’t Country“ von Florida Georgia Line wieder unbedenklich zugreifen. Und wer jetzt trotz meiner Ausführungen immer noch behauptet, das wäre absolut kein Country, der werfe selbst den ersten (musikalischen) Stein…

Big Machine Label Group (2018)
Stil: New Country

01. Tyler Got Him A Tesla (Skit) [feat. Brother Jervel]
02. Can’t Say I Ain’t Country
03. Simple
04. Talk You Out Of It
05. All Gas No Brakes (Skit) [feat. Brother Jervel]
06. Speed Of Love
07. Women [feat. Jason Derulo]
08. People Are Different
09. Told You
10. Sack’a Puppies (Skit) [feat. Brother Jervel]
11. Y’all Boys [feat. HARDY]
12. Small Town
13. Sittin‘ Pretty
14. Catfish Nuggets (Skit) [feat. Brother Jervel]
15. Can’t Hide Red [feat. Jason Aldean]
16. Colorado
17. Like You Never Had It
18. Swerve
19. Blessings

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