Shy Blakeman – Long Distance Man – CD-Review

Ich weiß nicht, wie es unseren Lesern geht, aber bei mir persönlich gibt es Interpreten, die man schon nach wenigen Tönen in sein Herz geschlossen hat und die einen dann auch fortan mit weiter begleiten, sofern sie etwas neues auf den Markt bringen. So ging es mir mit Shy Blakeman, als ich sein herrliches Vorgängerwerk Southern Roots Revival zum ersten Mal im Player liegen hatte, das er zu dem Zeitpunkt noch mit der Whiskey Fever Band eingespielt hatte, einer Truppe mit u.a. seinem Vater Skip und zwei Onkeln, mit denen Shy viele Jahre zusammen getourt hatte.

Die Whiskey Fever Band ist zunächst mal Schnee von gestern, zumindest was sein neues Album „Long Distance Man“ angeht, da hat er sich mit Shooter Jennings-Bassist Ted Russell Kamp zusammengetan, mit dem er mittlerweile richtig dick befreundet ist und der diese Scheibe produziert, viele Songs aus der eigenen Feder beigetragen und auch eine stattliche Anzahl von Instrumenten bedient hat. Ein wirklich gut harmonierendes Team!

Blakeman hat für seine knapp dreißig Jahre schon eine recht bewegte Vergangenheit. Aufgewachsen in Nord-Kalifornien, zogen die Eltern nach Texas, als er vierzehn war. Mit Zwanzig lebte er kurz in Queens, New York und versuchte sich zunächst in Stilen wie Punk, Ska und Funk Rock, bis er nach Texas zurückkehrte und sich so langsam seiner wahren musikalischen Berufung näherte.

2006 nahm er an der vierten Staffel von ‚Nashville Star‘ teil und belegte einen respektablen neunten Platz, konnte daraus im Gegensatz zu Sieger Chris Young aber keinen kommerziellen Nutzen ziehen. Seine Tätigkeiten als DJ, Print-Model, professioneller Skater und seine Schussverletzungen im Gesicht, die er sich im Zuge eines Raubes, in den er zufällig vor einem Musikclub in Dallas involviert wurde, zuzog, dienen als weitere Randnotizen zu einer interessanten Persönlichkeit.

Der eröffnende Titelsong seines aktuellen Albums „Long Distance Man“ lässt dann den Southern-Liebhaber direkt frohlocken. Nachdem er die Refrainzeile laut im Alleingang kurz proklamiert hat, gesellen sich ein gluckerndes E-Piano und kurz plusternde Bläser rhythmisch hinzu, wie man es früher auch von J.J. Cale des Öfteren kannte, allerdings hier wesentlich kräftiger. Mit Hinzunahme der E-Gitarren (u.a. von Marc Ford/Black Crowes und Kenny Vaughan gespielt) und den obligatorischen weiblichen Backing-Uuhs und -Aaahs der vorzüglich (auch im weiteren Verlauf der CD) harmoniesingenden Gia Ciambotti, sowie einer Orgel-/E-Solo-Kombi ist das coole, dezent swampige Gebräu perfekt.

Ganz stark auch das folgende „So Many Honky Tonks“ (»…so little time« – herrliche Gesangszeile!) bei dem beim E- und HT-Piano ein wenig Atlanta Rhythm Section-Feeling aufkommt. Surrende Slide Gitarren, klirrendes HT-Piano dominieren „Don’t It Make You Wanna Dance“, das phasenweise an die Quireboys erinnert. Lediglich „Dragon Fly“, bei dem Banjo, Dobro und Akustikgitarre eine tragende Rolle spielen, wird etwas auf die Bremse getreten, ein süffiges Gemisch aus Country, Cajun und Deltablues mit Band Of Heathens-Flair. „Swamp Water Whiskey“ (Skynyrd-/Allman Brothers-Bezüge) und ein Cover der Warren Brothers (auch ein äußerst empfehlenswertes Duo!) „Quarter To Three“ (mit Black Crowes-Touch) bringen satten, gitarrenbetonten Southern Rock. Klasse auch immer wieder das fette, poltrige Drumming von Jason Sutter.

Im zweiten Part (die Trackliste auf der Rückseite ist übrigens wie zu LP-Zeiten in A und B eingeteilt) kann Blakeman dem ersten, komplett überragenden Teil nicht mehr so ganz Stand halten. Hier verzettelt er sich dann ein wenig darin, dass er zu viele unterschiedliche Stile, in den für sich genommenen, eigentlich trotzdem guten Songs, aufeinander folgen lässt und den rot-(blau-weiß)en Faden von zuvor ein wenig verliert.

„Cannon Ball“ geht in die Singer/Sonwriter-Richtung (der Refrain mit seinem ‚Ladada-dadada‘ hat schon fast was von Simon & Garfunkel), „Old Folks Blues“ frönt sogar dem Dixieland Jazz (mit typischer Klarinette), „Easy Goin‘ Woman“ bewegt sich auf der Americana-Welle der Pettys und Mellencamps dieser Welt. Lediglich bei „Livin‘ Proof“ (Orgel/Slidegitarren) und dem Willis Alan Ramsey-Song „Satin Sheets“ (ich kenn das Lied nur von den legendären Bellamy Brothers) findet er wieder zu seinem swampigen Southern-Groove zurück. Das finale „Save A Little Room“ hat dann sowas wie folkigen Heartland-Charakter, hier lassen die Hooters grüßen.

Ingesamt ist „Long Distance Man“ aber wieder ein gutes, eigenwilliges Werk (auch mit viel Retro-Flair) eines jungen Wilden der Southern-Szene. Das Digipack kommt mit einem eingesteckten Vierseiter mit diversen Infos zum Album. Die Song-Texte können auf seiner Homepage nachgelesen werden. Das Covertitelbild mit ihm als Rennfahrer-Sonnenbrillentragender Ken Hutch-Verschnitt am Steuer eines Oldtimers, wo er sich lässig nach dem Motto ‚Zu mir oder zu dir, Baby?‘ nach hinten dreht, ist visuell amüsant in Szene gesetzt. Eine junge, coole Socke dieser Shy Blakeman, dazu noch musikalisch hochbegabt!

Winding Road Music (2010)
Stil:  Southern Rock & More

01. Long Distance Man
02. So Many Honky Tonks
03. Don’t It Make You Wanna Dance
04. Dragon Fly
05. Late Night Early Morning
06. Swamp Water Whiskey
07. A Quarter To Three
08. Cannon Ball
09. Old Folks Blues
10. Easy Goin‘ Woman
11. Livin‘ Proof
12. Satin Sheets
13. Save A Little Room

Shy Blakeman
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Bärchen Records

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