Jeannie Kendall – All The Girls I Am – CD-Review

Zweites Solo-Projekt von Jeannie Kendall, den meisten Country-Experten sicher noch ein Begriff als Part des Vater/Tochter-Duos „The Kendalls“, das mit „Heaven’s Just A Sin Away“ wohl seinen größten Hit erzielte; ein Lied, das immerhin unter den 100 wohl besten, jemals geschriebenen Country-Songs gelistet wird. Nach dem tragischen Tod ihres Vaters Royce im Alter von nur 63 Jahren, brachte Jeannie ihr Debüt 2003 im Country-Bluegrass-Stil als reines Akustik-Album heraus und erntete dafür verdientermaßen hervorragende Kritiken von allen Seiten.

Jeannie und ihre Produzenten Brian Fisher und Mike Stults entschieden sich beim jetzt vorliegenden, wieder sehr gelungenen Nachfolger „All The Girls I Am“ allerdings für eine recht vielseitige Scheibe mit allem „Drum und Dran“. Wobei man dem Independant Label „CbuJ Entertainment“ eine erstaunliche Bereitschaft attestieren muss, in Sachen Personal, Technik und Gestaltung zu investieren. Unglaublich, welcher Aufwand hier betrieben wurde. Sehr interessant vor allem die im Booklet von Stults detailgetreue Wiedergabe der Entstehung dieser CD aus Sicht eines Co-Produzenten, wo zum Teil ziemlich aus dem Nähkästchen geplaudert wird. Nett gemacht!

Ziel der neuen Scheibe war es allerdings auch, einmal phasenweise aus den traditionellen Bahnen auszubrechen, und die eine oder andere nicht unbedingt countrytypische Note einzuflechten, ohne insgesamt die Countryroots aufzugeben. So hat das eröffnende Titelstück durch ein hier als „Penny Whistle“ bezeichnetes (Flöten-)Instrument, gespielt von Harmonika-Koryphäe Jim Hoke (laut Liner Notes rannte er, als er das Demo zu hören bekam, mal eben zwei Blocks nach Hause, holte die Flöte, und fügte nach Rückkehr ins Studio seine Ideen in den Song ein, und alle waren restlos begeistert) ein wunderbar keltisches Flair.

Ein sehr atmosphärisches Stück, wobei sich Jeannies dünne, helle Stimme irgendwo zwischen Dolly Parton und Cyndi Lauper einzupendeln scheint. Komponiert übrigens von der australischen Opern Sängerin Amanda Colliver, die auch den Harmonie-Gesang beisteuerte. Oder „Keep Us Warm“, das unter dem Motto „Country meets Melodic Pop-Rock“ stehen könnte. Geschrieben und eingespielt von einem schwedischen Trio (Malmberg/Johansson/Axelsson), wobei Jeannies Gesang in Nashville aufgenommen und beifügt wurde. Die Bänder wanderten einige Male zwischen den Staaten und Europa hin und her. Stults bezifferte allein den Aufwand für die Abmischerei mit 80 Stunden Arbeit.

Ein toller, moderner Song mit leichtem Stevie-Nicks-Flair und feinen E-Gitarren. „(Somewhere Between) Heaven & Mexiko“, eigentlich für Interpreten wie Bobby Bare oder Mark Chesnutt gedacht, hatte laut Meinung der Macher, dann doch eher „Girl-Charakter“, und gab Jeannie Gelegenheit sich mit einer zum Titel passenden spanischen Horn-Section auseinander zu setzen. Herausgekommen ist eine großartige, lupenreine, locker flockige und melosische Countrynummer voller herrlichem Tex-Mex-Feeling! Dann die wunderbare, entspannte und flüssige Country-Ballade „Wild Honey“ im semi-akustischen Gewand mit schönen Dobro-, Fiddle,- und Steel-Klängen! Also jede Menge „Spielereien“, dennoch immer in sich geschlossen wirkend, ein toller, klarer Sound… – das heißt. Experiment eindrucksvoll gelungen!

Die traditionelle Seite wurde aber, wie gesagt, nicht wirklich vernachlässigt. Dazu konnten sich jede Menge erstklassiger Instrumentalisten auf dem Werk austoben, wobei Sonny Garrish am Steel und Larry Beaird an der Akustik-Gitarre, Mandoline und Banjo zu den auffälligsten Akteuren zählen. Ein Genuss auch immer wieder den brillanten Brent Mason an der E-Gitarre zu hören, der bei Stücken, wie „Just A Memory“ (eine Nummer vom Debütalbum, diesmal als „Electric Version“) oder „It Always Rains“ einmal mehr beweist, warum er in Nashville zu den absoluten „Giganten“ der Gitarrenspieler gezählt wird. Sehr schön auch die Neueinspielung des Kendalls-Stückes „Make A Dance“, bei dem die Harmonievocals ihres verstorbenen Vaters mit eingebracht wurden.

Insgesamt ein tolles Jeannie Kendall-Album, das wunderbar den Bogen vom traditionellen Country zum modernen Country-Pop spannt, und sicher für Verfechter beider Ausrichtungen bestens geeignet sein dürfte. Und bei allen Mädels, die Jeannie laut Titel in sich vereint, ist eines sicher:  Sie ist ein klasse singendes Girl!

CbuJ Entertainment (2005)
Stil: New Country

01. All The Girls (I Am) – The Penny Whistle Song
02. You Just Don’t Get Me – Do You?
03. (Somewhere Between) Heaven & Mexico
04. Wild Honey
05. Keep Us Warm
06. Just A Memory
07. Your Picture, Your Pillow & Me
08. Out Of Loneliness
09. Make A Dance
10. It Always Rains
11. Shouldn’t Still Shake Me (Like You Do)
12. Worn Around The Edges

Jeannie Kendall
Bärchen Records

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