John Hollier & The Rêverie – Rainmaker – CD-Review

Review: Michael Segets

Nachdem Stone Senate vor kurzem ins Gedächtnis gerufen hat, dass in Nashville nicht nur Country gemacht wird, meldet sich nun auch der dort beheimatete John Hollier aus rockigen Gefilden. Er trommelte für sein zweites Album „Rainmaker” seine Tourband zusammen, um ein Album einzuspielen, das die Energie der Live-Shows einfängt. Als Support für The Red Clay Stays oder The Cadillac Three verdienten sich John Hollier & The Rêverie bereits ihre Sporen.

Die Band frönt nun weniger dem Southern als eher dem Roots Rock, der vor allem durch das Saxophon von Teddy Thibedoux Jones einen Nähe zum Heartland aufweist. Mit der Integration des Saxophons tritt manchmal sogar etwas Soul hinzu. Thibedoux setzt nicht nur melodiöse Akzente („Gonna Love You“, „Holding Too Tight“), sondern er treibt die Songs oft an und gib ihnen einiges an Dynamik mit („Saturday Night Polly“).

Besondere Erwähnung verdient sicherlich das Songwriting. Hollier arbeitet ausgiebig mit Tempowechseln. „If She’s Lonely“ oder „Can’t Say No Tonight“ starten beispielsweise in ruhigen Bahnen, bevor sie dann an Geschwindigkeit zulegen. Die Rhythmusgruppe – Brian Cox (Schlagzeug) sowie Ray Akers (Bass) – leisten da ganze Arbeit. Einen ähnlichen Effekt erzielt die Band bei „Rival“, das zwar nicht schneller wird, aber durch einen anschwellenden, voller werdenden Klangteppich Energie freisetzt.

Im rockigen Titeltrack schalten John Hollier & The Rêverie zwischenzeitlich mal einen Gang runter, um dann wieder loszulegen. Zachary Scott Kline bekommt hier oder auch auf „Hollow Heart“ mal etwas mehr Raum für sein Gitarrenspiel. Das Wechselspiel von Gitarren- und Saxophonklängen gelingt, wobei das Blasinstrument insgesamt den Sound der Band prägt. Bei den langsamen Titeln wäre vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein Schlenker weniger mehr gewesen.

Es finden sich aber ebenfalls Songs, auf denen das Saxophon keine dominierende Rolle spielt. „Never See Me Again“ oder „Somewhere Down The Road“ – auf dem ausnahmsweise eine Mundharmonika zu hören ist – sind daher deutlicher im Americana-Bereich zu verorten. Kline tritt beim letztgenannten Titel nochmal mit seiner Gitarre hervor. Die beiden Stücke wirken daher etwas erdiger als die anderen langsameren Titel, bei denen das Sax zum Einsatz kommt.

John Hollier & The Rêverie liefern auf „Rainmaker“ eine ausgewogene Mischung, die von treibenden Rocksongs bis zu atmosphärischen Balladen reicht. Die Stücke zeichnen sich oftmals durch ausgeprägte Spannungsbögen aus, die durch das Saxophon unterstützt werden. Bei den Arrangements steht dieses dann auch meist im Vordergrund. Es zahlt sich vor allem bei den Uptempo-Nummern aus. Einen vergleichbaren horndriven Sound hört man in letzter Zeit selten.

WhollyABar – Thirty Tigers/Open (2026)
Stil: Rock, Americana

Tracks:
01. Gonna Love You
02. If She’s Lonely
03. Holding Too Tight
04. Crashing
05. Can’t Say No Tonight
06. Rival
07. Saturday Night Polly
08. Never See Me Again
09. Somewhere Down The Road
10. Rainmaker
11. Lonesome Highway Waltz
12. Hollow Heart

John Hollier & The Rêverie
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Billy Thompson – This World – CD-Review

Review: Stephan Skolarski

Auch die einflussreiche Los Angeles Times hat die “blazing electric guitar work” von Billy Thompson bereits gewürdigt. Der vielseitige Gitarrist, Sänger und Songschreiber veröffentlicht nun mit “This World” sein insgesamt neuntes Album. Die komplexe Scheibe kombiniert in 14 Songs eine breite Soundwelt. Als renommierter Slide-Spieler ist Thompson tief verwurzelt in einer elektrischen Mischung, deren “Inhalte” Rock, Blues, Funk und Soul bis hin zu Zydeco und New Orleans Second Line integrieren.

Beispielhaft hierfür und für die gesamte Produktion ist die Virtuosität des Titelsongs. Der schweißtreibende Einstieg in das Album, verbunden mit ironischen, teils sarkastischen Texten und starken Rhythmus-Elementen, bestimmt nicht nur symbolisch die Richtung, sondern ist ein Herzstück der Arrangements, wie auch beim folgenden “Downsizing”, einem Stück im Little Feat-Design.

Der robuste Southern-Rocker “For True” und die erdige Country-Blues-Symbiose “Thankful” sind weitere Key-Tracks. Das etwas gelassen wirkende “Every Single Rider” erinnert an den smarten Country-Rock von Poco und die Akustiknummer “Batman & Robin” an die legendäre US-Folk-Song-Tradition. In diesen weit gesteckten Rahmen der Titelliste gehören ohne Frage gospelangehauchter Soul (“Hope, Peace & Joy”) sowie großartiger Blues (“Old Blue”), obwohl die Vielseitigkeit von Billy Thompson eigentlich keine weiteren Beweise benötigt.

Langjährige Bühnenerfahrungen mit den Doobie Brothers und Bill Payne (Little Feat), als Opener für Jimmie Vaughan oder George Thorogood, als Begleiter von Little Milton und Albert King, schließen noch lange nicht den Kreis der ereignisreichen Karrierejahre. Konzerte mit der Zydeco-Legende C.J. Chenier und seine kreative Leitung als Musical Guitar Supervisor für “The Resurrection of Son House” (Südstaaten-Blues-Ikone) gehören untrennbar zum Porträt von “This World” und der American Roots Music von Billy Thompson.

MoMojo Records (2026)
Stil: Blues, Rock, Funk, Soul

Tracks:
01. This World
02. Downsizing 2025
03. Like Rain
04. For True
05. Melia
06. Every Single Rider
07. Thankful
08. Batman & Robin
09. Hope Peace & Joy
10. Old Blue
11. Dinosaur Eggs
12. Monkey Back Guarantee
13. Truth Come To Power
14. Of The Angels

Billy Thompson
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The Bros. Landreth – Support: Begonia- 25.02.2026 – Luxor, Köln – Konzertbericht

Kanada-Zeit in Sounds of South. Nachdem ich zuletzt Alben von Crsytal Shawanda und den Sheepdogs reviewt hatte, folgte gestern Abend schon der nächste Act aus diesem Land.

Ich hatte in meinem letzten Jahresrückblick schon angedeutet, dass ich mich in Zukunft, was Konzertberichte betrifft, mehr auf Interpreten fokussieren werde, die im SoS noch nicht so inflationär beleuchtet wurden.

Die Bros- Landreth, alias Joey und Dave Landreth, boten dazu im Kölner Luxor einen guten Anlass, da ich von ihnen zwar Alben besitze, aber sie noch nie live gesehen habe.

Im Schlepptau hatten sie die schillernde Künstlerin Begonia (bürgerlicher Name Alexa Dirks),  ebenfalls aus Kanada kommend. Joey Landreth hat auf ihrem aktuellen Album „Fantasy Life“ bei einem Track an der Gitarre mitgewirkt. Begonien sind ja für ihre Farbvielfalt bekannt, von daher im übertragenen Sinne ein passender Name für die wuchtige schrille Dame.

Sie wurde an den Keys von Graeme Leaver begleitet und gab rein gesangsmäßig Stücke wie „Juniper“, „So High“, „Marigold“, „I Wanna Be Alive With You“, „Butterfly“, „Get To You“ und „Hotter Than The Sun“ aus ihren bisherigen Alben zum Besten.

Sie punktete mit einer schillernden Bühnenpräsenz, ihrer ausdrucksstarken Stimme und humorvollen, zum Teil selbstironischen Texten in ihren Liedern und heimste viel Applaus vom Kölner Publikum ein.

Line-up Begonia:
Begonia (lead vocals)
Graeme Leaver (keys)

Die Bros. Landreth haben sich peu a peu zu einem Geheimtipp in der Americana-Szene und darüber hinaus entwickelt. In Köln hallt ihnen aufgrund  mehrerer Auftritte in der Vergangenheit, ein überaus guten Ruf nach, das Luxor war rappelvoll.

Die Brüder präsentierten sich im klassischen Trio, der dritte im Bunde war Schlagzeuger Roman Clarke. Sie sind wie auch auf ihren Alben keine echten Rampensäue, zeichnen sich aber durch ihre sympathische Art sowie spielerische Finesse und Variabilität aus.

So bekam man ein geschickt ineinander greifendes Konglomerat aus verschiedensten Stilen wie Roots Rock, Americana, Blues, Rock und auch Southern Rock geboten (Joey immer wieder mit viel Slide zwischendurch), Schubladendenken ist hier fehl am Platz.

Mit den eigängigen Tracks „Made Up Minds“ und der Ballade „Our Love“ (Publikum singt mit) wurde ein erstes Stimmungshoch erreicht. Auf ihrem aktuellen Longplayer „Dog Ear“ waltete beim Song „Knuckles“ keine geringere als Bonnie Raitt als Duettpartnerin auf, hier wurde sie samt schöner Geste durch Begonia vertreten.

Mein persönliches Highlight des Abends war allerdings die Coverversion des Muddy Waters-Klassikers „Rollin‘ and Tumblin'“, der durch das Trio regelrecht zerpflückt wurde. Ganz groß, was Joey Landreth hier, im Zusammenspiel mit seiner ebenfalls fulminant agierenden Rhythmusfraktion, an seiner E-Gitarre abließ.

Dave Landreth übernahm die Lead vocals bei „Vincent“. Gegen Ende bei den Stücken „Tell Me Something Good“ (mit Teil-Lead vocals von Roman Clarke) und „Got To Be You“, wurde erneut Begonia eingebunden. Letztgenannter Track, in stampfiger, dezenter Little Feat-Manier vorgetragen, bildete dann das Ende des Hauptteils.

Die stürmisch geforderte Zugabe wurde mit dem soulig-bluesigen „I Can’t Win“ bedient, hier wurden nochmals alle Register in Sachen toller Harmoniegesänge gezogen.

Dieser Auftritt, mit soviel Begeisterung und toller Durchmischung von Jung und Alt im Publikum, gibt Grund zur Hoffnung, was handgemachte  Rockmusik in unserem Lande angeht. Es scheint doch noch nicht ‚Hopfen und Malz‘ in Sachen Geschmack verloren zu sein. Die Bros. Landreth waren ein ermutigendes Beispiel dafür!

Line-up:
Joey Landreth (lead vocals, electric guitar)
Dave Landreth (bass, vocals)
Roman Clarke (drums, vocals)

Text und Bilder: Daniel Daus

The Bros. Landreth
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Begonia
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networking Media
Luxor, Köln

Marc Broussard – SOS V: Songs Of The 50’s – CD Review

Review: Hans-Joachim Kästle

So kann man natürlich auch ins Musikgeschäft einsteigen: Marc Broussards Vater Ted war Gitarrist der Fabulous Boogie Kings und ließ seinen Sprössling im zarten Alter von fünf Jahren mit seiner Band den Chuck-Berry-Klassiker „Johnny B. Goode“ singen. Und falls diese Geschichte nicht stimmen sollte, ist sie zumindest gut erfunden…

Der heute 42-jährige Marc, aufgewachsen in Louisiana, begann 2002 mit seiner Solokarriere, die bislang zwölf Studio-Alben umfasst, von denen immerhin vier in die Billboard Top 200 kamen. Seine musikalische Grundlage sind der klassische Rhythm & Blues und Soul, gewürzt mit Zugaben wie Rock ‚n‘ Roll und Blues – und seine dynamische Stimme.

Nun veröffentlicht er das fünfte Album der Benefiz-Reihe „Save our souls“ und das 13. Insgesamt. „Ich begann mit Coveralben, nachdem ich meinen ersten Major-Label-Vertrag beendet hatte. Als unabhängiger Künstler wollte ich Musik machen, die Gutes bewirkt“, erklärt Broussard seine Beweggründe. Bislang unterstützte er unter anderem ein Frauen- und Kinderschutzhaus oder ein Kinderkrankenhaus in Baton Rouge, Louisiana.

Die elf Tracks von „SOS V“ umfassen Songs aus den Fünfzigern – wie es der Titel schon sagt – und frühen Sechzigern und ein Original. Los geht’s mit „Halleluja I Love Her So“, dem Soul-Klassiker von Ray Charles von 1957, den Broussard so richtig zum Schwingen bringt. Genau das ist es ja, was die Interpretation dieser zeitlosen Oldies ausmacht, die schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben: Es muss zeitgemäß und modern klingen und einerseits Hörer ansprechen, die das Original kennen, und anderseits auch solche, die es vielleicht noch nie gehört haben.

Wie zum Beispiel das furiose „Lucille“, mit dem Little Richard, ebenfalls 1957, zum Siegeszug des Rock ’n‘ Roll beitrug. An seiner Seite hat Broussard die Southern-Rock-Legende Jimmy Hall (Wet Willie/„Keep On Smiling“), der jüngst mit der Allman Betts Family Revival Tour unterwegs war und auch schon mit Jeff Beck getourt ist. Wichtig natürlich auch: Es muss für musikalische Abwechslung gesorgt sein; es darf sich nicht alles nach Eintopf anhören.

Das ist ebenfalls gelungen. So steht unter anderem der leichtfüßige Nummer-eins-Pophit „Hey Baby“ von Bruce Channel – der Clou dabei: Damals wie heute spielt Delbert McClinton (85) die Mundharmonika – neben dem mit Streichern ausgestatteten unverwüstlichen Evergreen „Unchained Melody“, mit dem vor allem die Righteous Brothers in Verbindung gebracht werden, oder Fats Dominos fetzige Hymne „I’m Walkin’“. Kurz und bündig: Give it a listen!

India Media, Big Lake Music (2026)
Stil: Soul, Pop, Rock

Tracks:
01. Hallelujah I Love Her So
02. Dream Lover
03. Unchained Melody
04. Lucille featuring Jimmy Hall
05. Tell It Like It Is
06. I’m Walkin’
07. Hey Baby featuring Delbert McClinton
08. You Send Me
09. Stagger Lee
10. Baby Girl
11. Smile

Marc Broussard
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CJ Land – Storm Chaser. Nashville EP– EP-Review

Review: Michael Segets

CJ – die Kurzform für Chad Jonathan – Land wuchs in Kalifornien auf und zog dann über Texas nach Nashville, Tennessee. Den Grundstein für seine musikalische Laufbahn legte seine Mutter, die ihm Gesangsunterricht gab und eine alte Gitarre kaufte. In seiner Jugend betätigte sich Land in Heavy-Metal-Bands als Sänger und Gitarrist. Seit 2015 begibt er sich in ruhigere Gefilde. Als Singer/Songwritern nimmt er Einflüsse des Outlaw Country und des Old School Rock’n Roll auf. Er spielte in kleineren Locations und bei größeren Events. Für Devon Allman, für Ted Nugent und – vielleicht etwas überraschend – für Billy Idol eröffnete er Konzerte.

„Storm Chaser. Nashville EP“ ist in seiner Wahlheimat in einem privaten Studio entstanden. Die EP startet mit den beiden ordentlichen County-Balladen „Distance“ und „That’s Just Me“. „Where Has All The Time Gone?“ lässt dann wirklich aufhorchen. Land rockt hier vor einem Teppich von mehreren Gitarren gewürzt mit ein paar Key-Einsprengseln. Das starke Stück passt sich nicht in die Vorstellung des Nashville-Country ein und Land leitet mit ihm eine Wendung seiner EP in Richtung Rock ein. Während „On Downstream“ mit einem galoppierenden Rhythmus noch einen Western vor dem inneren Auge abspielt, kann der Titeltrack „Storm Chaser“ nicht verleugnen, dass Land am Anfang seiner Karriere eher der härteren Spielart des Rocks zugeneigt war. Diese Frühzeit wirkt hier in das Songwriting hinein, wobei der Song durchaus melodiös bleibt.

Bevor die EP mit dem in zwei Minuten knackig durchgetriebenen „Looking Like Trouble“ ihren aufgekratzten Abschluss findet, schiebt Land nochmal eine Country-Ballade zwischen: „I Need Some Time“ knüpft an den Beginn seines Werks an. Den gefühlvollem Song wählte Land als erste Auskopplung. Er wäre auch für mich die erste Wahl unter den langsameren Country-Titeln gewesen und für Nashville sicherlich die richtige Entscheidung.

„Storm Chaser” zeigt CJ Land von zwei Seiten. Auf der einen Seite als Country-Musiker, der sich in balladesken Bahnen bewegt, auf der anderen Seite als Rocker, der lautere Töne anschlägt. Die knapp halbstündige EP erscheint so nicht als in sich geschlossenes Werk, sondern mehr als ein Ausblick auf die Spannweite dessen, was von Land noch zu erwarten ist. „I Need Some Time“ sowie „Where Has All The Times Gone?“ sind die Highlights, auf denen sich die beiden Facetten seiner Musik widerspiegeln.

Ich mag Rock mit Country-Einflüssen ebenso wie rockigen Country. Land bewegt sich in diesem Grenzgebiet und daher darf ich auf seine nächste Veröffentlichung – vielleicht einen Longplayer – gespannt sein.

Eigenproduktion (2026)
Stil: Country, Rock

Tracks:
01. Distance
02. That’s Just Me
03. Where Has All The Times Gone?
04. On Downstream
05. Storm Chaser
06. I Need Some Time
07. Looking Like Trouble

CJ Land
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Lucinda Williams – World’s Gone Wrong – CD-Review

Review: Michael Segets

Lucinda Williams legt beständig neues Material vor und dies, obwohl die Folgen eines Schlaganfalls sie daran hindern, weiterhin Gitarre zu spielen. Unbenommen der gesundheitlichen Einschränkung ist ihr unverwechselbarer Gesang ebenso erhalten geblieben wie die Fähigkeit gute Songs zu schreiben. Diesmal gibt Williams ein politisches Statement ab. An wen sich die Kritik des Albums in erster Linie richtet, dürfte klar sein, wenn sie fragt „How Much Did You Get For Your Soul”? Die beschwörende Aufforderung, für Freiheit einzutreten, kommt sehr deutlich auf „Freedom Speaks“ zum Ausdruck. Williams beweist Rückgrat und tut mit ihren Mitteln das, was möglich ist, um auf Fehlentwicklungen in der Welt aufmerksam zu machen.

„World’s Gone Wrong“ ist ein Rockalbum, auch wenn sich gelegentlich Blues, Americana oder sogar Raggae hineinmischen. Die Songs sind diesmal durchgängig gradlinig angelegt. Williams verzichtet weitgehend auf extrem expressive Momente, die in der Vergangenheit mal genial waren, manchmal aber auch tendenziell anstrengend wirkten. Daher ist der neue Longplayer insgesamt in einem positiven Sinne eingängig. Dies bedeutet, dass er an den richtigen Stellen und in einem ausgewogenen Maß die für Williams typischen Ecken und Kanten aufweist.

Die Gitarrenarbeit übernehmen auf „World’s Gone Wrong“ Doug Pettibone und Marc Ford, die auf ganzer Linie überzeugen – beispielsweise auf „Something Gotta Give“, bei dem zudem Britney Spencer im Background zu hören ist. Auch beim Titeltrack wirkt Spencer mit. Marvis Staples singt „So Much Trouble In The World“, das aus der Feder von Bob Marley stammt, zusammen mit Williams. Als weitere prominente Stimme tritt Norah Jones bei „We‘ve Come Too Far To Turn Aróund” in Aktion. Dort sitzt sie ebenfalls am Piano. Ansonsten zeichnen Reese Wynans und Rob Burger für die Keys – Hammond B-3 oder Wurlitzer – verantwortlich.

Neben konsequenten Rockern wie „Sing Unburied Sing“ fügt Williams langsamere Songs ein („Punchline“) oder frönt auch mal dem Blues („Black Tears“). So kommt ein durchaus abwechslungsreiches Album zustande, das seine Linie nicht verliert. Herzblut steckt in der musikalischen Gestaltung der Songs. Durch ihre politischen und sozialkritischen Lyrics beweist Williams, dass sie das Herz am richtigen Fleck hat. „World’s Gone Wrong“ wirft einen ernüchternden, fast schon resignativen Blick auf die Welt. Letztlich bleibt aber die Hoffnung, dass sich das Geschehen in der Welt in Richtung Gerechtigkeit und Menschlichkeit bewegen lässt.

Highway 20 – Thirty Tigers (2025)
Stil: Rock

Tracks:
01. The World’s Gone Wrong
02. Something’s Gotta Give
03. Low Life
04. How Much Did You Get For Your Soul
05. So Much Trouble In The World
06. Sing Unburied Sing
07. Black Tears
08. Punchline
09. Freedom Speaks
10. We’ve Come Too Far To Turn Around

Lucinda Williams
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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Elles Bailey – Can’t Take My Story Away – CD-Review

Wenn ich darüber resümiere, welche Künstler im Laufe der letzten zehn Jahre in diesem Magazin einen besonders markanten Eindruck hinterlassen haben, steht die Elles Bailey mit ganz oben in der Liste.

Wir haben die sympathische Britin seit ihrem Debütalbum „Wildfire“ in 2017 hier reviewtechnisch mitbegleitet und sie auch mehrfach live begutachtet, zuletzt noch Ende 2024 beim Gig im kleinen Saal im Luxor Live in Arnheim.

Nach ihrem überragenden Vorgänger „Beneath The Neon Glow“ und dem damit verbundenen, durchaus beachtlichen Erfolg, lag die Messlatte enorm hoch. Meist entscheiden sich Interpreten, auf Nummer sicher zu gehen und nach dem Motto ’never change a winning team‘ auf der ’sicheren Schiene‘ weiterzufahren, um sich weiter in ähnlichem Rahmen zu bewegen.

Nicht so Elles Bailey, die ‚krempelte diesmal alles um. Neuer Produzent (Luke Potashnick), neue Co-Songwriter und Musiker (ihre Liveband blieb völlig außen vor) und auch eine deutlichere Ausrichtung zu soullastigerer Musik, was man bei den beiden Openern „Can’t Take My Story Away“ und dem groovigen  „Growing Roots“ sowie später dem  flotten „Angel“ (Motown-Note) recht eindrucksvoll vor ‚Öhren‘ geführt bekommt, einhergehend mit Bläsersätzen und gospeligen weiblichen Backgroundgesängen.

Erst beim vom leider viel zu früh verstorbenen Catfish-Fronter Matt Long geschriebenen,  herrlich flockigen „Better Days“ tritt  ihre immer wieder in ihre Musik integrierte Country-/Southern Rock-Passion in den Vordergrund, was besonders im Twin-Gitarren simulierenden E-Gitarrensolo deutlich wird.

In den ruhigen Stücken wie u. a. „Blessed“ (mit Piano und Streichern), „Constant Need To Keep Going“, „Dandelion“ (alle mit Pop-Appeal, aber auch unterschwelliger Nashville-Note) und der theatralisch endenden Pianoballade „Starling“  kommt natürlich ihre grandiose, leicht rauchige Stimme besonders gut zur Geltung.

Kommen wir zum Schluss noch zu meinen beiden weiteren Favoriten neben „Better Days“. Da wäre das in Little Feat-/Bonnie Raitt-Manier (E-Slide, HT-Piano, Orgel, Harp BGVs) cool dahinschunkelnde „How Do You Do It“ und der melodische, dezent melancholische und radiotaugliche Ohrwurm „Tightrope“.

Auch wenn „Can’t Take My Story Away“ aus meiner Sicht nicht ganz an den überragenden Vorgänger heranreicht, haben wir es wieder mit einem hervorragenden Werk von Elles Bailey zu tun. Wir werden ihre Geschichte deswegen sicher nicht beiseite schieben, Ganz im Gegenteil, wir werden ihre Entwicklung, wie bisher, weiter mit viel Freude begleiten, dokumentieren und in die Musikwelt hinaus publizieren.

Cooking Vinyl & Outlaw Music (2026)
Stil: Rock/Pop/Soul

01. Can’t Take My Story Away
02. Growing Roots
03. Better Days
04. Blessed
05. Constant Need To Keep Going
06. Take A Step Back
07. How Do You Do It
08. Angel
09. Dandelion
10. Tightrope
11. Starling

Elles Bailey
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Willie Nile – The Great Yellow Light – Album-Review

Review: Michael Segets

Am Ende des Jahres habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, nochmal einen Blick auf die Alben zu werfen, die im laufenden Geschäft für SoS liegengeblieben sind. Ein Musiker, den ich sehr schätze und der sich in diesem Jahr mit „The Great Yellow Light“ ins Gedächtnis gerufen hat, ist Willie Nile. Für diejenigen, die noch auf der Suche für ein Weihnachtsgeschenk sind, kann die 2025er-Scheibe ein überlegenswerter Tipp sein.

„We are young, we are strong“, ruft der Rocker bei „We Are, We Are“ ins Mikro. Alter ist ja bekanntlich relativ. Die starken und dynamischen Töne hat Nile aber auf jeden Fall auch mit 77 Jahren noch drauf. Die schlägt er ebenso bei dem Opener „Wild Wild World“ und „Electrify Me“ an. Der Longplayer steigt also temporeich ein. Später folgt noch das gradlinige „Try To Make A Livin’ In The USA“. Die Rockstücke tragen unverkennbar die Handschrift des Altmeisters, auch wenn sie nicht zu seinen herausragenden Songs gehören, wie man sie vor allem auf „House Of A Thousand Guitars“ (2009), „The Innocent Ones“ (2010) oder „American Ride“ (2013) findet.

Mit dem keltisch angehachten „An Irish Goodbye“ zeigt Nile eine neue Facette seines Songwritings. Das Duett mit Paul Brady entführt mit Whistle und Pipe quasi auf die grüne Insel. Der stimmungsvolle Track ist bemerkenswert und als überaus positive Überraschung auf dem Album zu verzeichnen. Insgesamt hält „The Great Yellow Light“ eine ausgewogene Mischung von langsamen und Uptempo-Stücken bereit. Neben den insgesamt gitarrenorientierten Beiträgen steigt Nile bei „Fall In Me“ mal mit dem Klavier ein. Dass er dieses Instrument ebenfalls beherrscht, zeigte er zuvor bereits ausgiebig auf „If I Was A River“ (2014).

Neben acht neuen Songs fanden auch zwei ältere den Weg auf die Scheibe. Das Duett „Wake Up America” mit Steve Earle kam 2022 heraus und findet sich in einer Live-Variante auf „Live At Daryl’s House Club“ (2024). Im Studio ist Waddy Wachtel (Miranda Lambert, Beth Hart) an der Gitarre mit dabei. Deutlich älter ist „Washington’s Day“, das bereits von The Hooters veröffentlicht wurde. Den Titel schrieb Nile zusammen mit Rob Hyman und Eric Bazilian, die auch auf der aktuellen Version mitwirken.

„The Great Yellow Light“ ist erneut ein gutes Album von Willie Nile, auch wenn es nicht zu seinen besten zählt. Es vereint zeitlosen Rock mit stimmungsvollen Stücke im typischen Nile-Sound. Besonders bemerkenswert sind „An Irish Goodbye“, bei dem Nile Einflüsse des Celtic-Rock aufgreift, und das Duett mit Steve Earle „Wake Up America“, das seit seiner Erstveröffentlichung leider nichts an Aktualität verloren hat.

River House Records – Indigo (2025)
Stil: Rock

Tracks:
01. Wild Wild World
02. We Are, We Are
03. Electrify Me
04. An Irish Goodbye (feat. Paul Brady)
05. The Great Yellow Light
06. Try To Make A Livin’ In The USA
07. Fall In Me
08. What Color Is Love
09. Wake Up America (feat. Steve Earle)
10. Washington’s Day

Willie Nile
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Mothers Finest – 30.11.2025, Musiktheater Piano, Dortmund – Konzertnachlese

Mothers Finest sind vor über 50 Jahren gegründet worden und bringen ein volles Haus im Musiktheater Piano. Von der Besetzung her sind insbesondere die Schlüsselpositionen noch mit den Originalmitgliedern besetzt, die dann auch offerieren, was in ihnen steckt.

Glen Murdock wirkt auf der Bühne zuweilen zwar gebrechlich und legt einige Pausen ein, wenn er aber zum Mikro greift, gibt er sich stimmlich bestens aufgelegt, wie auch Joyce „Baby Jean“ Kennedy, der man ihr Alter kaum anmerkt. Zudem werden die beiden on top von starken Backgroundsängerinnen unterstützt.

Das kauzig erscheinende Gründungsmitglied „Moses Mo“ und John Hayes erweisen sich mit hart gespielten Riffs für die rockenden Elemente verantwortlich. Die Rhythmusfraktion mit Jerry Seay am Bass und Dion Derek Murdock erzeugen zuweilen für einen brettharten Sound, mit dem sich auch Metalfans anfreunden könnten.

So sorgen Mothers Finest mit ihren eigenen Stil, der sich von Funk über Soul bis hin zum Hard Rock erstreckt, für kurzweilige knapp 100 Minuten im Piano, bei denen die Fans fast durchgehend im Takt der Musik mitgehen und der Tophit „Baby Love“ die Stimmung zum Überkochen bringt.

Line-up:
Joyce „Baby Jean“ Kennedy (lead vocals)
Glen „Doc“ Murdock (lead vocals)
Gary „Moses Mo“ Moore (guitars)
John „Red Devi“ Hayes (guitars)
Jerry „Wyzard“ Seay (bass)
Dion Derek Murdock (drums)

Text & Bilder: Gernot Mangold

Mothers Finest
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3dog entertainment
Musiktheater Piano

Orphan Jon & The Abandoned – Reckless Abandon Vol II Live – CD-Review

Review: Hans-Joachim Kästle

Orphan Jon gehört zur Gattung jener Musiker, die sich in heimatlichen Gefilden – aufgewachsen ist er in Bakersfield, Kalifornien, heute lebt er im Mittleren Westen – durchaus einer gewissen Popularität erfreuen. So wurde er 2018 für einen Blues Blast Award für sein Debüt-Album nominiert und 2019 für einen Independent Blues Award.

Jon English stammt aus einer zerrütteten Familie und kam mit acht Monaten zusammen mit seinen drei Brüdern in ein Waisenhaus. So erklärt sich auch der Bandname: Waisenjunge Jon und die Verlassenen. Es hört sich zwar wie aus einem Herz-Schmerz-Roman an, aber genau so war es: Jan fand seinen Weg in der Musik, genauer im Blues und Rock ’n‘ Roll.

Jetzt liegt also sein neues Live-Album vor, das an zwei Abenden entstanden ist. Seine Auftritte beginnt er immer mit einem Instrumentalstück, in diesem Fall mit „Sombrero Safari“, einem kräftigen Gitarrenblues. „Love Is Not A Lie“, der folgende dynamische Blues Rocker, beginnt mit einem Bass-Solo, ehe das Schlagzeug und die Gitarre dazwischenfunken und dann Jons Gesang den Ton angibt.

Orphan Jon schmückt sich auch immer mit illustren Gastmusikern. Der erste ist Kris Lager, der seit fast 20 Jahren mit seiner eigenen Band unterwegs ist und bereits mehrere CDs veröffentlicht hat. Er greift zum ersten Mal beim Blues „Somewhere Salvation“ mit seiner Slide-Gitarre ins Geschehen ein. Stark! Auch auf „Broken Angel“ und „Livin‘ My Life“ ist Kris Lager am Start.

Ein ähnlicher „Fall“ ist Nick Schnebelen, der Gründungsmitglied von Trampled Under Foot war und nun ebenfalls mit eigener Band tourt. Seine CD „Crazy All By Myself“ schaffte es 2019 auf Platz 13 der Billboard Blues Charts. Auch er ist bei drei Songs zu hören: „She“, „Bright Lights“ und „She’s Gone“, das er mit einem fast vier Minuten langen Gitarrenintro veredelt. Dieses „She’s Gone“, ein Blues Rock der Marke „Daumen hoch“, stammt im Original von Eric Clapton und ist zehneinhalb Minuten lang.

Apropos Gastmusiker: Der famose Alastair Greene war der heimliche (Gitarren-)Star beim Album „Over The Pain“ aus dem Jahr 2022. Diese CD startete mit „Tight Dress“, für das er wie bei weiteren Titeln als Co-Autor mit verantwortlich zeichnete. Der Song gehört auch zu den Höhepunkten der nun vorliegenden Live-CD, ein Rocker mit Boogie-Anklängen, der in die Beine geht.

Vintage LaNell Records (2025)
Stil: Blues, Rock

Tracks:
01. Sombrero Safari
02. Love Is Not A Lie
03. Somewhere Salvation
04. Broken Angel
05. Livin’My Life
06. King Bee
07. Tight Dress
08. Memories Of Me And You
09. She
10. Bright Lights
11. She’s Gone

Orphan Jon And The Abandoned
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