The Warren Brothers – Portrait

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Eine weitere Band, die sich, ähnlich wie die Sons Of The Desert, in angenehmer Weise vom alten Countryklischee „Meine Frau hat mich verlassen und mein Hund wurde von einem Truck überfahren“ abhebt, sind die aus Tampa, Florida, stammenden Warren-Brüder.

Aufgewachsen in „Amish-People ähnlicher Art“ – so gab es bis zum 17. Lebensjahr kein Fernsehen – in der Realität einer modernen Großstadt, schöpften Brett Warren (lead vocals, acoustic guitars, keyboards, harmonica, mandolin) – äußerlich ein wenig dem jungen Elvis ähnelnd, und Brad Warren (electric-/acoustic guitars, harmony vocals), ein wenig sensibler und intellektueller wirkend, schon frühzeitig viel ihres zwiespältigen Humors, der heute größtenteils in ihren Songs reflektiert wird.

Nach dem Motto „die Rolling Stones oder Missionare werden“, beginnen sie ihr Leben nach dem High School-Abschluss als Full Time-Musiker. Es folgten um die 300 Gigs jährlich, meist in den Beach Clubs Floridas Küste entlang, bis beide eines Tages zur Einsicht gelangten, dass dies nicht die geeignte Atmosphäre für echte Songwriter ist.

Sie beschließen, nach Nashville zu gehen, um Platten zu verkaufen mit dem Anspruch, nicht zu sein, wie die meisten anderen. Man wird ansässig in einem Vorstadt-Club, namens „The Bunganut Pig“ und lernt den Songwriter Tom Douglas kennen, über den Kontakte zu „RCA“-Frau Renee Bell und „RLG-Nashville“-Chef Joe Galante geknüpft werden.

Die beiden letztgenannten sind nach einem ihrer Konzerte von der enthusiastischen Atmosphäre so angetan, dass sie schon einen Tag später einen Plattendeal mit beiden unter dem „RCA“-Schwester-Label „BNA“ abschließen. Und so entsteht 1998 ihr Debutalbum „Beautiful Day In The Cold Cruel World“, unter der Regie von Deanna Carter-Produzent Chris Farren.

Beautiful Day In The Cold Cruel World Die CD startet direkt mit dem funkigen Hammerstück „Guilty“ und bietet zwölf abwechslungsreiche Songs, allesamt aus der eigenen Feder. Die Scheibe ist sehr von Eeagles-Einflüssen geprägt, allerdings ohne damit die eigene Note zu sehr zu übertünchen. Höhepunkte sind für mich, neben dem erstgenannten Stück, das nachdenkliche „Better Man“, das selbstironische und für ihren Humor typische Gute-Laune-Stück „Just Another Sad Song“, dass alles andere als traurig rüberkommt, übrigens das einzige Stück über und aus ihrer Beach Club-Zeit und der Abschlussknüller „Nowhere Fast“, das ein wenig an John Mellencamp erinnert und in echter Manier der großen Songwriter geschrieben ist.

Die CD besticht durch ihren klaren Sound, die schöne Instrumentierung sowie die unglaublich angenehm ins Ohr gehende Stimme von Brett Warren, bei der immer wieder die Assoziation mit Don Henley in meinem Kopf herumschwirrt. Die Resonanz auf dieses tolle Werk lässt nicht lange auf sich warten: Es gibt jeweils eine Nominierung für das „Vocal Duo Of The Year“ von der „Country Music Association“ als auch für das ‚Top New Vocal Duo/Group‘ von der „Academy Of Country Music“.
Der Verkauf wird durch große Touren mit dem Faith Hill/Tim McGraw-Clan und den Dixie Chicks nachhaltig gepuscht.

Eine weitere positive Synergie ist die professionelle Einstellung, die beide mit ihrer Band, laut eigener Aussage, aus diesen „Majoracts“ für sich und ihre Entwicklung mitnahmen. Darin liegt für mich auch einer der Gründe, warum es beiden gelingt, mit ihrem zweiten Album, „King Of Nothing“, die Qualität ihres Erstlingswerkes noch zu toppen.

King Of Nothing Produziert wieder von Chris Farren, diesmal coproduziert von Brett und Brad, neun von elf Songs wieder selbst geschrieben, mit Beteiligung namhafter Leute, wie Bob DiPiero, Danny Wylde (The Rembrandts) und Benmont Tench (Tom Petty & The Heartbreakers). Alles klingt noch einen Tick moderner, rauer und rockiger. Bei den zwei Honky-Tonk-Stücken „Strange“ und „It Ain’t Me“ kommt ihre Liebe zu Lynyrd Skynyrd-Songs deutlich zum Tragen. Gerade bei „It Ain’t Me“ glänzt Keyboarder Rob Stoney in Billy Powell-typischer Art und im Break nach dem zweiten Refrain könnte man meinen, Johnny Van Zant persönlich wäre hinters Mikro geschritten.

Bei einigen Liedern wie z.B. „Do Ya“, „Superstar“, „That’s The Beat Of My Heart“, aus dem Soundtrack zum Film „Where The Heart Is“ und der größte Singleerfolg bisher, oder dem starken Titelstück „King Of Nothing“ drängt sich komischerweise immer wieder der Vergleich ,Bryan Adams plays New-Country“ in mein Hinterstübchen.

Ein weiterer Höhepunkt: die Killerballade „Waiting For The Light To Change“, bei der Brad Warren eine Kostprobe seines vorzüglichen Gitarrenspiels abliefert.
Alles in allem ein toll gelungenes, sehr abwechslungsreiches Werk mit wunderbaren Gitarrenpassagen und herrlichen Melodien. Auch Brett Warrens wandlungsfähige Stimme verleiht der CD ihren besonderen Touch und den erneuten kleinen Kick nach vorne. Man darf schon jetzt auf ihre nächste Scheibe gespannt sein, die Messlatte liegt jedenfalls ungeheuer hoch.

Die beiden haben, nach Meinung vieler Experten, bisher dem Anspruch, frischen Wind nach Nashville zu bringen, in allen Bereichen Genüge getan und der New Country Musik der heutigen Zeit, gerade auch was ihre Live Shows angeht, die Richtung vorgegeben.

Typisch Brett Warrens Statement in einem Interview dazu, was ihre Art, Musik zu machen bewirken sollte: „Tanzende, singende und trinkende Leute sowie gutaussehende Girls überall, Cowboys, die sich fragen ‚Was geht denn hier ab?‘, wenn wir plötzlich Songs von Jimi Hendrix, Stevie Ray Vaughan oder Lynyrd Skynyrd am Ende der Show auspacken, das ist, was wir wollen!“

The Warren Brothers: Brüder, die ernste Songs schreiben wollen, für die das Leben aber zu kurz ist, um ernst zu sein. Engel und Bengel gleichzeitig. Möge uns ihre flapsig-zwiespältige, selbstironische Art und ihre tolle Musik noch lange auf diesem hohen Niveau erhalten bleiben. Von mir aus bis in alle Ewigkeit!

P.S.
Die beiden brachten 2004 eine weitere starke CD „Well-Deserved Obscurity“ heraus (dazu 2005 auch noch eine ‚Best Of‘), die in diesem Magazin separat beleuchtet ist.

„Beautiful Day in The Cold Cruel World“

RCA Country (Sony Music) (1998)
Stil: New Country

01. Guilty
02. Surviving Emily
03. Better Man
04. Greyhound Bus
05. The Enemy
06. Loneliest Girl In The World
07. Cold Cruel World
08. She Wants To Rock
09. I Tried
10. The One I Can’t Live Without
11. Just Another Sad Song
12. Nowhere Fast

„King Of Nothing“

BNA Records (2000)
Stil: New Country

01. Strange
02. Waiting For The Light To Change
03. Where Does It Hurt
04. Superstar
05. Move On
06. No Place To Go
07. Do-Ya
08. What We Can’t Have
09. King Of Nothing
10. It Ain’t Me
11. That’s The Beat Of A Heart

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The Warren Brothers – Well-Deserved Obscurity – CD-Review

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Dass die Kündigung ihres Major-Labels „BMG“ eine Trotzreaktion hervorrufen würde, dürfte jedem klar gewesen sein, der sich etwas intensiver mit der Biographie, den Texten und der Musik der Warren Brothers beschäftigt hat. Freuen darf man sich daher mit der kleineren Firma „429 Records“, die den beiden eine neue musikalische Heimat gewährt hat.

Gespart wurde eigentlich nur an dem recht knapp gehaltenen Booklet, ansonsten konnten Brad und Brett Warren aus dem Vollen schöpfen. Man spürt förmlich, dass ihr neues Album „Well-Deserved Obscurity“ frei von allen Zwängen produziert wurde, und man kann guten Gewissens behaupten, dass sie nie stärker und rockiger herüberkamen als jetzt, wobei man natürlich nicht verschweigen sollte, dass man auch ihre beiden Erstwerke blind kaufen kann.
Sämtliche Songs stammen wieder aus der eigenen Feder. Erwähnenswert finde ich auch, dass in der Zwischenzeit so namhafte Interpreten wie Lynyrd Skynyrd, Tim McGraw oder Rushlow ihre kreativen Dienste in Anspruch genommen haben.

Um dem Interessenten nicht ganz die Spannung zu nehmen, hier nur einige Highlights von vielen. „Comeback“ macht seinem Namen alle Ehre, sofern man das so nach einer dreijährigen Albumpause sehen will; sehr melodisch gehalten mit schöner Pianobegleitung, aber auch tollen Slidegitarren. Das Lied könnte von der Art her auch auf einem guten Bryan Adams-Album platziert sein, ein Ohrwurm eben.

Der absolute Knaller und sicher einer meiner Songs des Jahres 2004 ist „Between The River And Me“. Zunächst erfolgt ein bedächtiger rootsmäßiger Einstieg, dazu eine nette Mandolinenbegleitung, dann plöztlich ein typisches Allman Brothers-Break, Refrain im Lynyrd Skynyrd-Stil, danach ein zum Headbanging einladender Metalpart und nach einem weiteren Allman-Break noch mal klasse E-Gitarren. Hört sich wüst an, begeistert aber ungemein. Ein Wahnsinns Rocksong im Wechselbad der Gefühle und das auf einem in Richtung New-Country konzipierten Tonträger – alle Achtung!

„Change“ beginnt mit einem wunderbaren Mandolinenintro und entwickelt sich zu einem rhythmischen Rocker der Marke John Hiatt oder Bottle Rockets.
Ihre Liebe zu Lynyrd Skynyrd bekommt man bei folgenden drei Stücken zu spüren. Wohl auch als humorvolle Anspielung auf ihre frühere Kellnertätigkeit anzusehen ist „Sell A Lot Of Beer“. Ein typischer Mitgröler, der jeden Saal in Wallung bringen wird („… we’re just one big redneck family and that’s why we’re in here, ‚cause we don’t sell a lot of records, but we sure sell a lot of beer…“).

Der Southern-Boogie „Quarter To Three“ erinnert an „White Knuckle Ride“, auffällig die Stimmähnlichkeit von Brett Warren und Johnny Van Zant.
„Liquid Confidence“ hat ein wenig den Charakter von „Devil In The Bottle“ vom „Endangered Species“-Album, ein semiakustischer Southern-Blues mit klasse Dobro- und Harpeinsätzen.

Einiges an Southern-Flair kommt auf den Hörer zu, aber auch leichte Westcoastansätze der Gattung Eagles und ein wenig dezenter Pop-Rock wie bereits eingangs erwähnt. Also, schnell bei Jürgen Thomä von Bärchen Records anklingeln und bestellen. Ob der schon mal in seinem Leben Bier an den Mann gebracht hat, bleibt wohl sein Geheimnis, aber dass er jede Menge toller Platten verkauft hat und verkaufen wird, kann ich Ihnen versichern…

429 Records (2004)
Stil: New Country

01. Comeback
02. Between The River And Me
03. Change
04. Southern Baptist Heartbreak
05. Goodbye To Neverland
06. Pretty
07. Sell A Lot Of Beer
08. Trouble Is
09. Quarter To Three
10. Little Saviour Of Brooklyn
11. Running Out Of Heroes
12. Liquid Confidence
13. The Lucky

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