Reto Burrell – Shampoo Or Gasoline – CD-Review

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Review: Michael Segets

Die Covergestaltung lässt eigentlich ein Live-Album erwarten, stattdessen finden sich zwölf neue Studiotracks auf „Shampoo Or Gasoline“. Die Songs sind allerdings im Zuge der letztjährigen Konzerttournee von Reto Burrell entstanden und bereits live erprobt. Die CD wurde in den Soniccourtyardstudios schön erdig abgemischt, wie es sich für eine Roots-Rock-Scheibe gehört.

Burrell und seine Mannen legen direkt scheppernd los. „Rising To The Bait“ hat einen harmonischen Refrain, in den Strophen ist der Gesang rauer und die kreischende Gitarre sorgt für die richtigen Ecken und Kanten, sodass das Stück nicht glatt geschliffen wirkt. Bei dem Titelsong „Shampoo Or Gasoline“ setzt die Band tempomäßig noch eine Schippe drauf. Fast ungestüm bearbeitet Chris Filter das Schlagzeug und gibt so zusammen mit dem Bassisten Toby Bachmann den treibenden Rhythmus vor. Das Zusammenspiel der beiden elektrischen Gitarren von Burrell und Ewald Heusser bringt gegen Ende nochmal neue Impulse in die schnellste Nummer des Longplayers.

Den Höhepunkt des rockigen Einstiegs bildet aber „On The Top Of The Moon“. Burrell trifft hier genau in mein Heartland-Rock-Herz. Der schnörkellose Song punktet mit eingängigem Chorus, dezentem Orgelsound im Hintergrund und guter Gitarrenarbeit – einschließlich eines kurzen Solos.

Danach wechseln sich langsamere und Uptempo-Stücke ab. Abwechslung bringt auch der Einsatz unterschiedlicher Gitarrensounds. Bei dem getragenen „Carried Away“ dominiert eine Steel-Guitar – ergänzt mit einer ausgiebigen Mundharmonika-Einlage – und bei „Leaving Scars Behind“ wird die Slide-Guitar ausgepackt. Mit den langgezogenen und hohen Textpassagen im Chorus des letztgenannten Songs kann ich mich nicht recht anfreunden. Die anderen Ausflüge Burrells in stimmliche Höhen, wie beispielsweise auf „In A Bucket With A Hole“, liegen hingegen noch im Toleranzbereich.

Die Melodie von „Tell Me Why“ erinnert anfänglich sehr stark an „More Than I Can Say“ von Leo Sayer. Das kraftvolle „Shout It Loud“ weckt in einigen Passagen leichte Assoziationen zu John Mellencamp, welcher ja keine schlechte Referenz ist. Ebenfalls gelungen sind „Where Is Robin Hood?“ mit seinem Country-Rock-Einschlag und „She Says She’s American“, auf dem Thomas Kull am Piano zum Zuge kommt.

Auch wenn das im mittleren Tempo angesiedelte „Blind (Everything Is Fine)“ musikalisch nicht vollständig überzeugt, lohnt sich auf alle Fälle ein Blick in die beigefügten Texte. Burrell zeigt sich als genauer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen. Er kritisiert das fehlende Bewusstsein für ökologische, politische oder soziale Zusammenhänge und das unreflektierte Hinnehmen von Missständen. Rockmusik hatte immer etwas mit Protest zu tun und Burrell steht diese Attitüde gut.

Reto Burrell hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur als Solokünstler einen Namen gemacht und mit der Band C. H. 2011 den Prix Walo in der Kategorie Country eingeheimst, sondern er ist zudem als Musikproduzent aktiv und fördert Newcomer. So hat er beispielsweise mit den Basement Saints zusammen gearbeitet.

Unter dem Aspekt der Nachwuchsförderung kann daher das abschließende „Like Zombies And Toys“ gesehen werden. Maple Tree Circus begleiten hier Burrell über die eineinhalb Minuten des Stücks. Die junge Band aus Luzern, hat sich der Americana-Musik beziehungsweise dem Folk verschrieben, wie die Instrumentalisierung mit Banjo (Sebastian Schwarz), Geige (Lukas Bircher), akustischer Gitarre (Fabio Erni) und Kontrabass (Kevin Emmenegger) bereits vermuten lässt.

Das neue Werk hält mühelos die Qualität der früheren Veröffentlichungen von Reto Burrell, auf denen sich immer wieder Songperlen aus dem Roots-Rock-Genre finden. In der Gesamtschau zählt „Shampoo Or Gasoline“, besonders wenn Burrell den mittleren Tempobereich verlässt, zu seinen besten Alben und übertrifft sogar seinen „Klassiker“ Echopark (2001).

Im April und Mai nimmt sich Reto Burrell die Zeit, um durch Deutschland und Spanien zu touren. Er macht dabei in unserer Region Station, nämlich in Wesel und Mühlheim an der Ruhr. Den Auftritten kann man freudig entgegensehen, denn besonders die Uptempo-Titel auf „Shampoo Or Gasoline“ sind für die Bühne gemacht.

Anmerkung Red.: Wir werden in den nächsten Tagen nach dem Veröffentlichungstermin in Sounds Of South ein Exemplar in einem Gewinnspiel verlosen.

TOURBOmusic (2018)
Stil: Roots Rock / Americana

01. Rising To The Bait
02. Shampoo Or Gasoline
03. On Top Of The Moon
04. Blind (Everything Is Fine)
05. Where Is Robin Hood?
06. In A Bucket With A Hole
07. Shout It Out
08. Tell Me Why
09. She Says She’s American
10. Carried Away
11. Leaving Scars Behind
12. Like Zombies And Toys

Reto Burrell
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Greywood Records

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