Storyville – Portrait

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Eigentlich liegen meine Vorlieben ja mehr im New Country-/Southern Rock-Bereich, möchte mich hier aber mit einer Band aus einem anderen Genre auseinandersetzen, die mir in nur kürzester Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Es geht um ein Quintett aus Austin, Texas, namens Storyville (Widmung an den historischen Rotlichtbezirk von New Orleans), bestehend aus arrivierten Musikern mit bewegter Vergangenheit, angeführt von einem relativ unbekümmerten, aber hoch-charismatischen Sänger.

Ihren Stil würde ich als die perfekte Symbiose aus schwarzer und weißer Rockmusik bezeichnen: Texas-Gitarrenrock, gemixt mit Blues, Gospel, Soul, Country und Southernelementen vom Feinsten. Als Beginn der Band-Historie muss das Jahr 1994 gesehen werden, als sich alle Beteiligten bei einer Bluessession im Club Antone’s auf der Bühne zusammenfanden. Sänger Malford Milligan stand kurz vor Abschluss der ersten CD-Produktion „Bluest Eyes“ und hatte sich vom Original-Band-Line-Up getrennt, jedoch das Recht den Namen weiterzuführen, erworben. Dokumentiert durch ein fett gedrucktes Statement im Innencover: ‚Storyville is Malford Milligan!‘ Mit diversen Studiomusikern und einem Teil seiner neuen Gefährten wurde das Projekt dann zum Abschluss gebracht.

Kommen wir doch zu den Musikern im Einzelnen:

Malford Milligan (lead vocals):
Wie schon erwähnt der einzige, der nicht langjährige Erfahrung in namhaften Bands aufzuweisen hatte; aber nach kurzem Hören seiner Stimme dürfte jedem klar sein, dass hier einer am Werk ist, der das Zeug haben müsste, ein ganz Großer in diesem Geschäft zu werden. Sein tiefverwurzeltes Gefühl für Soulmusik kommt besonders in den tollen Balladen der Gruppe zum Ausdruck. Albino-negrid und mit den damit verbundenen harten Lebensrealitäten aufgewachsen, charakterisiert er sich mit einem Schuss Selbstironie: Die Erfahrungen durch meinen Albinismus haben mich abgehärtet und dahin geführt, wo ich jetzt bin. In einem Geschäft, bei dem heute jeder versucht, anders auszusehen, um Aufmerksamkeit zu erringen, brauche ich da keine Anstrengungen zu unternehmen. Über seine Kollegen: Die Band ist mein Dream-Team. Ich bin sehr stolz, sagen zu können, dass wir das Zeug zu was ganz Besonderem haben.

David Grissom (guitar):
Spielte für Lucinda Williams und Ann Lou Barton, bis das erste langjährige Engagement für Joe Ely zustande kam. Schweren Herzens wechselte er 1991 für drei Jahre zu John Mellencamp und stieg damit in die Liga der Großen auf. Von da an spielte er fast immer in Riesenhallen, selten unter 15.000 Zuschauern. Laut Grissom war die Band exzellent, Kenny Aranoff einer der besten Drummer, mit denen er je zusammengearbeitet hat. Das Problem lag jedoch in der Person Mellencamp selbst. Ich zahle, du machst, was ich möchte. Zu sehr in ein enges Gerüst gepresst, nutzte David eine unannehmbare Offerte von Mellencamps Manager für ein weiteres Album zum Absprung.
Einige Zeit später erfolgte die Erfüllung eines Kindheitstraums in Gestalt eines Kurzeinsatzes als Ersatz für Dickey Betts bei den Allman Brothers bei einigen Konzerten. Grissom beginnt, sich ein Heimstudio einzurichten und einige Songs zu schreiben. Ein weiteres, finanziell lukratives Angebot von Rod Stewart schlägt er aufgrund der Mellencamp-Erfahrung aus. Er geht nach Austin, es kommt zum denkwürdigen Treffen im Antone’s.
Plötzlich war ich in einer Band mit Freunden, dem gleichen Musikgeschmack und den gleichen Interessen. Storyville ist ein Ding, dass dir in die Augen schaut, und du musst zugreifen. Eine Band von Anfang an zu starten ist zwar harte Arbeit, aber auch eine einzigartige Gelegenheit, was Besonderes zu entwickeln. Bei Mellencamp sangen 25.000 Leute, sicherlich ein tolles Feeling, aber es waren nicht meine Songs.

David Holt (guitar):
Geboren in Dallas, machte er eine ähnliche Entwicklung wie sein Gitarrenkollege und Namensvetter durch. Beeinflusst durch Bands wie ZZ Top, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Johnny Winter oder den Allman Brothers bekommt er sein erstes größeres Angebot, vermittelt durch Nick Lowe, bei Carlene Carter. Es war schon sehr amüsant, betont er, plötzlich völlig unverhofft in der Country-Szene zu landen. Aber dort habe ich viel über Selbstdisziplin und Professionalität vermittelt bekommen. Zwischenzeitlich übernimmt Holt die Gitarrenparts auf dem Debütalbum der Mavericks.
Kurze Zeit später geht er nach Austin und schließt sich Joe Ely an, den er Ende 1993 wieder verließ, um eine neue Band zu gründen. Nach einem Anruf von Susan Antone landet er in ihrem Club zur eingangs erwähnten Blues-Session, bei der praktisch der Grundstein von Storyville gelegt wurde.

Tommy Shannon (bass):
Herkömmlich aus Dumas, Texas, arbeitete er drei Jahre und drei Alben lang für Johnny Winter, bis er durch Stevie Ray Vaughans Double Trouble angeheuert wird.
Spielte und jammte mit Bluesgrößen wie Muddy Waters, B. B. King, Albert Collins, Jeff Beck, Eric Clapton und vielen anderen.
Trotz dieser großen Erfahrung betrachtet er Storyville als etwas ganz Spezielles. Als ich Malford singen hörte, wusste ich, dass ich mit ihm spielen muss, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Es war eine Art natürliches Aufeinandertreffen, das an Größe gewinnen sollte. Ich liebe es, mit den Jungs Musik zu machen.

Chris Layton (drums):
Aus Corpus Christi, Texas, stammend, geht er 1975 nach Austin, um drei Jahre später bei Double Trouble einzusteigen. Zusammen mit Shannon spielt er dort fast zehn Jahre bis zum tragischen Tod von Stevie Ray Vaughan. Die Säule in meinem Leben war natürlich Stevie, konstatiert er. Sein Glaube, Werte und Gefühl für Musik waren so stark, wie ein Hund, der einen Knochen im Maul hat. Ähnliches erlebte ich bei Malford. Schon nach einigen Wochen wusste ich, dass ich hier den richtigen Typ am richtigen Ort getroffen habe. Zu erwähnen sei noch, dass Layton und Shannon ein hervorragendes Album mit den Arc Angels eingespielt haben.

Die Band spielte nach der bereits erwähnten CD „Bluest Eyes“ (meine Lieblingssongs: „Bluest Eyes / Wanted A Miracle / Carry Me Home“) von 1993, noch zwei weitere Alben „A Piece Of Your Soul“ (Lieblingssongs: „Good Day For The Blues / Don’t Make Me Cry / Share That Smile“) von 1996 und „Dog Years“ (Lieblingssongs: „Don’t Make Me Suffer / Talk To Me / Keep A Handle On It“) 1998 ein, wobei der Titel der zuletzt erwähnten Scheibe schon nichts Gutes erahnen lässt.

Milligan & Co. tourten unentwegt und räumen haufenweise Auszeichnungen bei den Austin Music Awards ab. Trotz vieler Vorschusslorbeeren sowie großen Lobes der Beteiligten untereinander und Beschwörungen, so gut wie nie zuvor zusammenzuspielen, trennt sich die Gruppe im Januar 1999. Ja, was sind Musikerworte in der heutigen Zeit noch wert, fragt man sich? War es wie immer das liebe Geld und die damit verbundene grausige Vorstellung des Künstlers, nebenbei einer geregelten Arbeit nachgehen zu müssen, mit all diesen unangenehmen Pflichten wie frühem Aufstehen zum Beispiel?

Bei meiner Recherche stieß ich auf eine äußerst schlechte Vermarktung der Band, in Verbindung damit auf für die USA relativ geringe Verkaufszahlen („A Piece Of Your Soul“ beispielsweise 80.000 Stück) sowie harten Tourstress, bei mangelnder Akzeptanz durch das Publikum.

Als weitere Last entpuppte sich auch das Vermächtnis, das Double Trouble hinterließ. Grissom beklagte oft das Gefühl gehabt zu haben, dass die Leute nur kamen, um ein paar ‚Stevie-Ray-Vaughan-Klone‘ zu begutachten. Ich ertappte mich manchmal sogar während eines Konzertes dabei, meinen Gitarrenstil in diese Richtung zu verändern. Aber letztendlich können dies natürlich nur die Musiker selbst beantworten. Aus meiner Sicht ist ihre Trennung auf jeden Fall schade. Comeback wünschenswert.

P.S.

Die Band fand sich im Jahr 2007 zu einer Re-Union bei einem Heimspiel im Antones in Austin, Texas zusammen, bei der ein grandioses CD/DVD-Package aufgenommen wurde, das natürlich auch hier in einem separaten Beitrag ausführlich beleuchtet ist.

„Bluest Eyes“

 

Varèse Sarabande Records (1994)
Stil: Blues Rock

01. Bluest Eyes
02. Wanted a Miracle
03. Carry You Home
04. One Rock at a Time
05. Wings Won’t Let Me Fly
06. Mercy Street
07. Long Way to Midnight
08. Water
09. Rain of Love
10. Where We Are Now
11. A Change Is Gonna Come
12. Writing on the Wall
13. Darkness

„Piece Of Your Soul“

 

Atlantic Records (1996)
Stil: Blues Rock

01. Bitter Rain
02. Good Day for the Blues
03. Blind Side
04. Don’t Make Me Cry
05. What Passes for Love
06. Solid Ground
07. A Piece of Your Soul
08. Cynical
09. Luck Runs Out
10. Can’t Go There Anymore
11. Share That Smile

„Dog Years“

 

Atlantic Records (1998)
Stil: Blues Rock

01. Enough
02. Searching Understone
03. Don’t Make Me Suffer
04. Who’s Left Standing
05. Two People
06. Born Without You
07. Talk To Me
08. Keep a Handle on It
09. There’s a Light
10. Fairplay
11. It Ain’t No Fun to Me
12. Luck (One More Time)

David Grissom
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Bärchen Records

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