
Review: Hans-Joachim Kästle
Wir leben in unruhigen, chaotischen, ja beängstigenden Zeiten, keine Frage. Das spiegelt sich auch in Jason Riccis Texten wider. Ebenfalls keine Frage: „13 Hours“ ist keine leichte Kost. Die Beine hochlegen und sich mal so eben ein bisschen Musik reinziehen, die zum einen Ohr rein- und zum anderen wieder rausgeht – das funktioniert nicht.
Geben wir’s zu: Für deutsche Ohren geht es meist ja weniger um die Texte als die Musik an sich, der Rhythmus, die Instrumentierung, der Gesang, die Stilrichtung. Und da werfen Harmonika-Ass Jason Ricci und seine Mannen jede Menge musikalische Vielfalt in den Schmelztiegel: Blues, Rock, Funk, Soul, New-Orleans-Rhythmen, eine Prise Jazz. Obendrauf gibt’s mit „Nuit Waltz“ auch mal einen Walzer, der einen förmlich durch den Ballsaal schweben lässt. Instrumental ist das alles perfekt in Szene gesetzt, das eine oder andere Mal mit Bläsern unterlegt.
Los geht’s ziemlich funky mit dem achteinhalb Minuten langen „Síck Of This Shit“, bei dem Jason an John Rebennack alias Dr. John erinnert und seinem Frust Luft macht: „Ich kann wegen Spotify keine Platten mehr verkaufen … Meine Medicaid-Leistungen wurden gekürzt … Was wird der Typ als Nächstes twittern? … Ich hab‘ das Gefühl, auf diesem Narrenschiff unterzugehen“.
Den Kontrast dazu liefert gleich der nächste Song: Johnny Winters „Tired Of Tryin‘“, ein feiner Blues, bei dem Kaitlin Dibble, Jason Riccis Frau, wie bei einem Großteil der Stücke die Lead Vocals übernimmt. Im Original von 1977 bläst James Cotton die Harmonika. Aber auch Ricci – der 1995 seine erste CD veröffentlichte – zeigt, dass er zur Gilde der Großen in diesem Genre zählt. Apropos Johnny Winter: Auf „Step back“, mit dem er 2015 posthum einen Grammy für das beste Blues-Album erhielt, war Jason als Gastmusiker vertreten. Auch für Walter Trout oder Mike Zito – auf dessen Gulf Coast Records die neue CD erschienen ist – hat er schon in die Harmonika gepustet.
Und weiter geht’s zum nächste Kontrast: „The Big Diseasey“ hat New-Orleans- und Jazz-Anklänge mit einer Vibraphon- und Saxophon-Einlage. Der „Leo Watkins Rag“ ist zur Abwechslung ein Jump Blues, „Long Twisted Night“ dagegen ein astreiner Soul moderner Prägung. So geht es munter weiter bis zum letzten Song, dem Titelstück „13 Hours“, das an Canned Heats „On The Road Again“ erinnert. Und wenn ein Stück schon zwölf Minuten lang ist, kann man auch mal ein Gitarren- und ein Mundharmonika-Solo einlegen.
Zweifellos: „13 Hours“ ist ein starkes Statement, das aber nicht gleich beim ersten Anhören „runtergeht“. In den heutigen Streaming-Zeiten ist es jedoch kein Problem, sich selbst ein Urteil zu bilden, ob man die Stil-Vielfalt, die praktisch von Song zu Song wechselt, goutieren will oder eben nicht.
Gulf Coast Records (2026)
Stil: Blues, Funk, New Orleans
Tracklist:
01 Sick Of This Shit
02 Tired Of Tryin‘
03 The Big Diseasey
04 Leo Watkins Rag
05 Long Twisted Night
06 Bubble Gum Pop
07 River’s Invitation
08 Renegade
09 Nuit Waltz
10 13 Hours
