Chris Stapleton – From A Room Volume 1 – CD-Review

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Ich schreibe ja schon seit mittlerweile fast zwanzig Jahren CD-Reviews und ein Großteil davon war immer dem New Country-Bereich gewidmet gewesen. Ein über die Jahre gefühlter, unterschwelliger Begleiter war Chris Stapleton, zwar nicht rein musikalisch, allerdings auf geschätzt, unglaublich vielen Alben, meist als Co-Songwriter. Und in der Tat hat er ja auch so ziemlich für alles, was Rang und Namen hat, wie u. a. George Strait, Kenny Chesney, Luke Bryan, Tim McGraw und sogar für Popstern Adele als kreativer Ideengeber gewirkt.

Selbst auf dem neuen Jubileumsalbum der ebenfalls preisgekrönten Rascal Flatts, das demnächst hier besprochen wird, hat er mit „Vandalized“ schon wieder seine Finger mit im Spiel. Unterdrückt man mal seine ersten eigenen überschaubaren musikalischen Erfolge als reiner Musiker mit der Bluegrass-Band The SteelDrivers, ging es bei ihm aber erst 2015 mit dem Solo-Album „Traveller“ so richtig los, ja es brach mit den CMA-Awards, als er gleich drei Titel abräumte, fast schon ein richtiger Hype um seine Person aus.

Ob dem kauzigen, eher introvertiert wirkenden  Rauschebartträger der ganze Rummel so recht ist, wird er vermutlich nur selber wissen. „Traveller“ hat mich natürlich ebenfalls begeistert. Diese unaufdringlich instrumentierten Songs mit ihrer Melodik, dem hohen Wiederkennungswert und der starken Stimme des Protagonisten, sind schon wirklich faszinierend. So stieg die Spannung auf den Nachfolger in den letzten Wochen natürlich beträchtlich.

Jetzt ist sein neues Werk mit dem Namen „From A Room – Volume 1“ endlich da. Der Titel ‚Volume 1‘ suggeriert natürlich bereits, dass es weitere Auflagen geben wird und tatsächlich ist auch für Ende des Jahres die nächste Ausgabe geplant.

Was soll man sagen, die Scheibe ist klasse, aber auch von einer ergreifenden Schlichtheit geprägt! Das fängt mit dem nicht sonderlich visuell auffälligen Cover-Artwork an (nicht mal der Titel der Scheibe wurde auf dem Frontbild abgebildet, mit gerade mal neun, kompakt gehaltenen, kurzen Tracks, wurde die Maximalspielzeit einer CD nicht gerade ausgereizt, und die natürlich wieder bestechenden Songs, orientieren sich verständlicher Weise auch am sparsam instrumentierten Erfolgsrezept des Vorgängers.

Der vorab ausgekoppelte Opener „Broken Halos“ erinnert an den Titelsong des Debüts, beim folgenden Schwofer „Last Thing I Needed, First Thing This Morning“ (mit schön quäkender Mundharmonika, klasse Harmoniegesänge von seiner Frau Morgane), der einzigen Fremdkomposition, ist die spannende Frage, ob Chris einen ähnlichen Erfolg, wie einst 1983 Willie Nelson, mit dem Lied erzählen kann.

Kommen wir zu meinem Lieblingsstück: „Second One To Know“ ist der lebende beweis, dass Stapleton auch richtig (southern) rocken kann, klasse hier seine rotzige Stimme und sein E-Gitarren-Solo.  „Up To No Good Livin'“ ist ein steel-getränkter Slow-Waltz, wieder ist der Duettgesang des Ehepaars beeindruckend. ‚Reduktion‘ ist das Stichwort bezüglich des nur mit einer Akustikgitarre und Gesang konstruierten „Either Way“. Hier greift natürlich Stapletons grandiose Stimme, die sich dann auch brillant entfaltet.

Mit Stück 6 „I Was Wrong“ wechselt der Protagonist von der Countryschiene mehr auf die Bluesebene. Ein wunderbarer Slow-Blues voller Atmosphäre, tollen E-Gitarren und ergreifendem Gesang. Hier hast du wirklich, zumindest, was den Song betrifft, nix falsch gemacht, Chris!

Das ruhige „Without Your Love“ hätte auch gut auf Claptons damaliges „Ocean Boulevard 461“ gepasst. Tolle Nummer! Der Countryrock-Blues „Them Stems“ hat ein ähnlich rotzig freches Flair wie die eines Dan Bairds. Macht Laune. Bevor es jetzt zu überschwänglich wird, tritt Chris dann aber wieder auf die Bremse, um sich mit einem dezent introvertiert und psychedelisch-bluesig gehaltenen „Death Row“ wieder in seine Komfortzone zu begeben und gleichzeitig zu verabschieden.

Fazit: Das neue Album von Chris Stapleton „From A Room Volume 1“ ist schon richtig stark, aber nicht unbedingt auch ein Grund, vor Freude einen Doppelsalto mit dreifach angeschlossenem Flickflack zu machen. Bei allem Tamtam, das jetzt vermutlich wieder um seine Person veranstaltet wird, meine ich, dass man hier bei neun Stücken und nicht revolutionär neuer Musik, durchaus den Ball auf angepasster Höhe halten könnte. Und ich spekuliere mal, Chris persönlich wird das, von seinem Typus her, im Innersten, vermutlich auch ähnlich sehen. Trotzdem ist natürlich eine absolute Kaufempfehlung zu attestieren.

Mercury Records (2017)
Stil: New Country

01. Broken Halos
02. Last Thing I Needed, First Thing This Morning
03. Second One To Know
04. Up To No Good Livin‘
05. Either Way
06. I Was Wrong
07. Without Your Love
08. Them Stems
09. Death Row

Chris Stapleton
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