Lucinda Williams – World’s Gone Wrong – CD-Review

Review: Michael Segets

Lucinda Williams legt beständig neues Material vor und dies, obwohl die Folgen eines Schlaganfalls sie daran hindern, weiterhin Gitarre zu spielen. Unbenommen der gesundheitlichen Einschränkung ist ihr unverwechselbarer Gesang ebenso erhalten geblieben wie die Fähigkeit gute Songs zu schreiben. Diesmal gibt Williams ein politisches Statement ab. An wen sich die Kritik des Albums in erster Linie richtet, dürfte klar sein, wenn sie fragt „How Much Did You Get For Your Soul”? Die beschwörende Aufforderung, für Freiheit einzutreten, kommt sehr deutlich auf „Freedom Speaks“ zum Ausdruck. Williams beweist Rückgrat und tut mit ihren Mitteln das, was möglich ist, um auf Fehlentwicklungen in der Welt aufmerksam zu machen.

„World’s Gone Wrong“ ist ein Rockalbum, auch wenn sich gelegentlich Blues, Americana oder sogar Raggae hineinmischen. Die Songs sind diesmal durchgängig gradlinig angelegt. Williams verzichtet weitgehend auf extrem expressive Momente, die in der Vergangenheit mal genial waren, manchmal aber auch tendenziell anstrengend wirkten. Daher ist der neue Longplayer insgesamt in einem positiven Sinne eingängig. Dies bedeutet, dass er an den richtigen Stellen und in einem ausgewogenen Maß die für Williams typischen Ecken und Kanten aufweist.

Die Gitarrenarbeit übernehmen auf „World’s Gone Wrong“ Doug Pettibone und Marc Ford, die auf ganzer Linie überzeugen – beispielsweise auf „Something Gotta Give“, bei dem zudem Britney Spencer im Background zu hören ist. Auch beim Titeltrack wirkt Spencer mit. Marvis Staples singt „So Much Trouble In The World“, das aus der Feder von Bob Marley stammt, zusammen mit Williams. Als weitere prominente Stimme tritt Norah Jones bei „We‘ve Come Too Far To Turn Aróund” in Aktion. Dort sitzt sie ebenfalls am Piano. Ansonsten zeichnen Reese Wynans und Rob Burger für die Keys – Hammond B-3 oder Wurlitzer – verantwortlich.

Neben konsequenten Rockern wie „Sing Unburied Sing“ fügt Williams langsamere Songs ein („Punchline“) oder frönt auch mal dem Blues („Black Tears“). So kommt ein durchaus abwechslungsreiches Album zustande, das seine Linie nicht verliert. Herzblut steckt in der musikalischen Gestaltung der Songs. Durch ihre politischen und sozialkritischen Lyrics beweist Williams, dass sie das Herz am richtigen Fleck hat. „World’s Gone Wrong“ wirft einen ernüchternden, fast schon resignativen Blick auf die Welt. Letztlich bleibt aber die Hoffnung, dass sich das Geschehen in der Welt in Richtung Gerechtigkeit und Menschlichkeit bewegen lässt.

Highway 20 – Thirty Tigers (2025)
Stil: Rock

Tracks:
01. The World’s Gone Wrong
02. Something’s Gotta Give
03. Low Life
04. How Much Did You Get For Your Soul
05. So Much Trouble In The World
06. Sing Unburied Sing
07. Black Tears
08. Punchline
09. Freedom Speaks
10. We’ve Come Too Far To Turn Around

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Thirty Tigers
Oktober Promotion

Bet Williams Band – 06.03.2019, Der Club, Heiligenhaus – Konzertbericht

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An dem Club in Heiligenhaus bin ich schon etliche Male vorbeigekommen, ohne dass ich ihn wirklich wahrgenommen hatte. Erst als ich letztes Jahr für SoS im Internet recherchierte, sah ich, dass Patricia Vonne dort auftrat. Seitdem ist Der Club auf meinem Radar. Als sich nun Bet Williams mit Band ankündigte, bat ich um Akkreditierung. Diese erfolgte durch das Kulturbüro der Stadt Heiligenhaus prompt und problemlos. Dafür sei ein herzlicher Dank vorweggeschickt!

Im vergangenen Jahr erlebte ich bereits eine Solovorstellung von Bet Williams in der Krefelder Kulturrampe, bei dem die sympathische Sängerin mit ihrer stimmlichen Bandbreite begeisterte. Ich war gespannt, wie der Gesang mit Bandbegleitung zur Geltung kommt. Um es kurz zu machen: Auch in diesem Setting überzeugte die Stimmvarianz von Williams auf ganzer Linie.

Da waren tiefe und kraftvolle Töne bei dem noch unveröffentlichten „Blue Woman“ oder helle, filigrane und glasklare bei einem getragenen armenischen Volksstück. Während der anderen Songs, die sich zwischen progressivem Folk und Blues bewegen, nutzte die Sängerin ihre Range ebenfalls souverän.

Nach dem Einstieg mit „Engine #9“ folgte direkt „We Geography“ – einer meiner Favoriten aus ihrem Repertoire. Im ersten Set spielte die Band neben „Love Comes Knockin‘“ und „Super Summer“ von der letzten Studioplatte auch die noch unveröffentlichten Stücke „Green Gras“ und „El Dorado“. Diese werden wohl ebenso wie „Miracle Tonight“ auf der neuen CD zu finden sein, die Williams für den Herbst ankündigte.

Nach den ersten 45 Minuten gab es eine ausgedehnte Pause, für die sich Williams entschuldigte. Sie hatte sich in Gesprächen mit den Gästen verquatscht. Gefüllt wurde die Unterbrechung mit einer CD-Verlosung, bei der ich wie im letzten Jahr leer ausging. Die knapp fünfzig Besucher verkürzten sich die Wartezeit zudem mit Snacks aus der Küche des Clubs. In dem bestuhlten und mit einigen Tischen versehenen Raum konnten die Leckereien dann auch bequem verzehrt werden.

Nach der Pause lenkte der wummernde Bass von Marc Bronsten bei „Falling Away“ die Aufmerksamkeit der Zuhörer wieder auf die Bühne. Bronsten glänzte in einigen Stücken an seinem Instrument, so mit schönen Läufen bei „The Maker“. Williams interagierte während des Konzerts mit ihren beiden Mitstreitern auf unterhaltsame Weise, obwohl die einzelnen Bandmitglieder ziemlich weit auseinander positioniert waren. Schlagzeuger Kenny Martin strahlte dabei eine stoische Ruhe aus und ließ sich auch von der spontanen Bandleaderin nicht irritieren, wenn diese von den geplanten Songs oder deren Reihenfolge abwich.

Das stark performte „What You Wanna Be“, „Rose Tattoo” und „A Little Party” finden sich im Backkatalog von Williams, live hatte ich sie aber noch nicht gehört. Die Setlist überschnitt sich nur bei knapp der Hälfte der Titel mit der von ihrem letztjährigen Solo-Gig in der Rampe. Ein neues Highlight für mich war „Spiritual Thing“. Der Song mit Gospelanleihen entschädigte für das fehlende „Oriental Drag“, das mich seinerzeit faszinierte.

Zum Abschluss griff Williams dann auf bewährtes Material zurück. Das schwungvolle „Yeah Love“ beendete das zweite, einstündige Hauptset. Bob Marleys „Redemption Song“ war die erste Zugabe. Nach dieser sehr gefühlvoll vorgetragenen Ballade setzte die Bet Williams Band mit „Killed My Man“ noch ein Ausrufezeichen in Richtung Rock, bevor sie die Bühne verließ.

Im zweiten Teil steigerte sich das Konzert nicht nur durch die Songauswahl. Williams bezog dort das Publikum stärker ein, indem sie zum Schnipsen, Klatschen und Mitsingen animierte. Da sie ihre beiden Mitstreiter im Rücken hatte, machte sie dies aber weniger als bei ihrem Soloauftritt.

Mit Bandbegleitung erhalten Williams‘ Musik und Konzerte eine andere Facette, die ebenso lohnend ist. Allein auf ihre Stimme und Gitarre vertrauend, erzeugt Williams allerdings eine enorme Intensität, die schwer zu toppen ist.

Das Publikum, das zum überwiegenden Teil von außerhalb angereist war, konnte sich dennoch zufrieden auf den Heimweg machen. Es hatte eine charismatische, gut aufgelegte Sängerin der Extraklasse in hervorragender Tonqualität erlebt. Für diese bedankte sich Williams noch ausdrücklich bei Axel, der die Aussteuerung in dem niedrigen Raum vorbildlich bewältigte.

Line-Up:
Bet Williams (vocals, guitar)
Marc Bronsten (bgv, bass)
Kenny Martin (bgv, drums)

Bilder und Text: Michael Segets

Bet Williams
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Der Club Heiligenhaus