Bruce Springsteen – Springsteen On Broadway – CD-Review

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Review: Michael Segets

Aus meiner Begeisterung für Bruce Springsteens Musik habe ich nie einen Hehl gemacht. Sie begleitet mich seit meiner Jugend und hat meinen musikalischen Geschmack entscheidend geprägt. Mit Spannung erwarte ich daher jede neue Veröffentlichung von ihm.

Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft bringt der Boss mit „Springsteen On Broadway“ ein Doppelalbum heraus. Statt seine Autobiographie „Born To Run“, die – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch eingeschweißt im Regal steht, allein in reinen Lesungen zu verbreiten, betrat Springsteen Neuland und konzipierte eine Vortragsform, die das gesprochene und gesungene Wort miteinander verbindet.

Von Oktober 2017 bis zum Abschluss der mehrfach verlängerten Veranstaltungsreihe am 15. Dezember 2018 gab Springsteen an 236 ausverkauften Abenden Einblicke in Stationen seines Lebens. Als Ort wählte er das Walter Kerr Theater in New York. Die undatierten Aufnahmen stammen vermutlich von unterschiedlichen Bühnenshows.

Entsprechend der Grundidee folgt auf eine erzählende Passage ein musikalischer Beitrag, wobei es auf der zweiten Scheibe zwei Ausnahmen („The Rising“ und „Land of Hope and Dreams“) gibt, bei denen Springsteen auf die begleitenden Worte verzichtet. Auf den CDs sind die Lieder von den Geschichten gesplittet, sodass sie einzeln angewählt werden können.

Insgesamt macht der gesprochene Anteil der Intros circa 65 Minuten aus, die Musik liegt bei etwa 75 Minuten. Die Rechnung stimmt nur annäherungsweise, da Springsteen vor allem bei „Growin‘ Up“ oder „Tenth Avenue Freeze-Out“ längere Gesprächsanteile in die Songs einflechtet.

Eine Besonderheit bei Konzerten von Springsteen lag vor allem in der früheren Phase seiner Karriere darin, dass seine Erzählungen im Hintergrund musikalisch untermalt wurden. Dadurch erzeugte er eine besondere Stimmung, die dann in den folgenden Song transportiert wurde. Gerade am Übergang von gesprochener Einführung und Einsatz der Band wurden so großartige Momente erzeugt. Ich denke da beispielsweise an das explosive „War“ oder die klagende Mundharmonika bei „The River“ des Live-Boxsets von 1986. Solch intensive Augenblicke höre ich auf „Springsteen On Broadway“ nicht.

Dennoch erzählt Springsteen oftmals berührend – mal amüsant, mal nachdenklich – von seinem Aufwachsen in New Jersey, von Begegnungen mit Menschen, die ihn und seine Musik geprägt haben, und von den Schattenseiten des American Dreams, um dann einen musikalischen Kommentar aus seinem Repertoire zu spielen.

Da die Auftritte am Broadway als persönliche Rückschau angelegt sind, verwundert es nicht, dass Springsteen keine neuen Titel anstimmt. Bei der Songauswahl liegt der Schwerpunkt auf Stücken der siebziger und achtziger Jahre, wobei die Longplayer „Born To Run“ („Thunder Road“, „Born To Run“ und „Tenth Avenue Freeze-Out“) und „Born In The USA“ („My Hometown“, „Born In The USA“, „Dancing In The Dark“) jeweils mit dreien vertreten sind. Unterrepräsentiert erscheinen die 1990er Jahre.

Lediglich „The Ghost of Tom Joad“ stammt aus diesem Jahrzehnt, sieht man von „The Wish“ ab, das zwar auf „Tracks“ (1998) erstmals veröffentlicht wurde, aber im Jahr 1987 entstand. Von seinen Alben seit der Jahrtausendwende finden sich „Long Time Comin‘“, „The Rising“ und „Land of Hope and Dreams” auf „Springsteen On Broadway”.

Mit Gitarre, Klavier und Mundharmonika stemmt Springsteen die Show. Bei „Tougher Than the Rest” und „Brilliant Disguise” vom Album „Tunnel Of Love“ unterstützt ihn seine Frau Patti Scialfa. Akustische Versionen einzelner Songs performte Springsteen öfter, aber bislang ist kein Solo-Konzert, beispielsweise von seiner „The Ghost of Tom Joad“-Tour oder von der „Devils & Dust“-Tour, regulär erschienen. Daher bietet „Springsteen On Broadway“ auch musikalisch durchaus etwas Neues.

Vor allem „Dancing In the Dark” weiß im aktuellen Gewand zu gefallen. Auf den vorherigen offiziellen Live-CDs finden sich „The Wish“, „My Father’s House“ und „Brilliant Disguise“ nicht – soweit ich richtig recherchiert habe. Die Live-Mitschnitte seiner Konzerte, die Springsteen über seine Homepage anbietet, habe ich allerdings nicht alle gesichtet.

Das Doppelalbum richtet sich in erster Linie an Fans, denen Springsteen sein originelles Konzept als Mix von biographischen Erinnerungen und entsprechend ausgewählter Songs zugänglich macht. Die Beurteilung, wie die alternativen Interpretationen im Vergleich zu den bekannten abschneiden, sei dem Hörer überlassen. Angemessener ist es wahrscheinlich, die Retroperspektive als Gesamtkunstwerk zu betrachten.

Der Rockgigant präsentiert sich jedenfalls als Mensch, der seine Hoffnungen sowie die Bitternisse des Lebens musikalisch imposant verarbeitet. Mich ermahnen die Anekdoten auf „Springteen On Broadway“ dazu, mir endlich seine Autobiographie vorzunehmen und auch die älteren Werke nochmal geschlossen durchzuarbeiten.

Auf Netflix ist der Film „Springsteen On Broadway“ zu streamen. Den Soundtrack in der Standard-Edition, die im Digipack mit einem halb transparenten Schuber schön aufgemacht ist, gönnt sich wahrscheinlich jeder eingeschworene Fan sowieso zu Weihnachten. Klüger wäre es vermutlich trotzdem abzuwarten, welche weiteren Versionen, möglicherweise in Kombination von Bild- und Tonträgern, noch herauskommen.

Smi Col/Sony Music (2018)
Stil: Folk/Americana

Tracks:
CD 1
01. Growin‘ Up (Introduction)
02. Growin‘ Up
03. My Hometown (Introduction)
04. My Hometown
05. My Father’s House (Introduction)
06. My Father’s House
07. The Wish (Introduction)
08. The Wish
09. Thunder Road (Introduction)
10. Thunder Road
11. The Promised Land (Introduction)
12. The Promised Land

CD 2
01. Born In the U.S.A. (Introduction)
02. Born In the U.S.A.
03. Tenth Avenue Freeze-Out (Introduction)
04. Tenth Avenue Freeze-Out
05. Tougher Than the Rest (Introduction)
06. Tougher Than the Rest
07. Brilliant Disguise (Introduction)
08. Brilliant Disguise
09. Long Time Comin‘ (Introduction)
10. Long Time Comin‘
11. The Ghost of Tom Joad (Introduction)
12. The Ghost of Tom Joad
13. The Rising
14. Dancing In the Dark (Introduction)
15. Dancing In the Dark
16. Land of Hope and Dreams
17. Born to Run (Introduction)
18. Born to Run

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