29. Grolsch Blues Festival – 04.06.2022 – Schöppingen – Festivalbericht

Zum mittlerweile 29. Mal war das Künstlerdorf Schöppingen im Münsterland Austragungsort des Grolsch Blues Festivals. Wie schon in den letzten Jahren gelang es den Initiatoren des Kulturrings Schöppingen ein exquisites Programm über das Pfingstwochenende auf die Beine zu stellen.

Am zweiten Tag, samstags, öffneten sich die Tore des Geländes pünktlich um 13:00 Uhr und als der Australier Juzzie Smith planmäßig um 14:00 Uhr den Konzertreigen begann, war das Gelände schon gut gefüllt und die meisten der Festivalcamoer hatten den Weg vom nahegelegenen Zeltplatz dorthin gefunden.

Bei strahlenden Sonnenschein legte der Australier eine feine folkige Einmannshow hin, die seinen Ursprung als Straßenmusiker erkennen ließ und viele der Besucher in den Stehplatzbereich vor der Bühne lockte. Aber auch aus den Bereichen, von denen die Fans das Konzert auf mitgebrachten Camingstühlen verfolgten, hatte man durch das relativ steil ansteigende Gelände eine perfekte Sicht auf die Bühne.

Schön war, dass jedem Künstler in Punkto Auftrittszeit mit 75 Minuten, unabhängig vom Bekanntheitsgrad, dieselbe Wertschätzung entgegengebracht wurde. Nachdem der Australier seinen Set beendet hatte, leerte sich schnell der Bereich vor der Bühne und die am Rande des Geländes liegenden Gastronomiestände, insbesondere der für die Getränke waren dicht umlagert.

Hier muss dem Veranstalter ein Kompliment gemacht werden, dass die großteils ehrenamtlichen Helfer für nur kurze Wartezeiten sorgten und sogar auf ein Pfand für die Mehrwegbecher verzichtet wurde, und der Nachwuchs des Kulturrings eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung gefunden hatte, diese immer wieder einzusammeln und zurück zum Getränkestand zu bringen.

Nach 30 Minuten Umbaupause, die über den gesamten Tag minutiös eingehalten wurden, betrat Bai Kamara jr. & The Voodoo Sniffers die Bühne. Die Multikultitruppe, um den in Brüssel lebenden Sohn eines Botschafters aus Sierra Leone, legte eine Mischung aus Jazz, Soul und Blues hin, die auch durch traditionelle Einflüsse afrikanischer Musik, die Zuschauer schnell in ihren Bann zog.

Flankiert von seinen beiden Gitarristen Julien Tassin und Tom Beardslee, die sich in der Rhythmus- und Soloarbeit abwechselten, hatte Kamara, der neben den Lead Vocals bei den meisten Songs mit der akustische Gitarre für einen vollen Sound sorgte, schnell für gute Stimmung bei den Besuchern gesorgt, was sich auch durch das rhythmische Mitgehen der Fans vor der Bühne zeigte.

Eine starke Grundlage für den Sound legte die Rhythmusarbeit der beiden afrikanischen Musiker Desiré Somé am Bass und Drummer Boris Tchango. Eine nette Geste der Band war, dass sie für die letzten Songs Juzzie Smith auf die Bühne baten, der die Songs mit der Mundharmonika bereicherte.

Um 17:30 Uhr betrat dann Jamiah Rogers mit seiner Band bei immer noch sommerlichen Temperaturen die Bühne. Der aus Chicago stammende Musiker sorgte mit seinem Auftritt dafür, dass die Stimmung nahezu den Siedepunkt erreichte.

Dass Jimmy Hendrix eines seiner großen Vorbilder ist, zeigte sich nicht nur daran, dass er zwei seiner Hits, unter anderem „Hey Joe“ coverte, sondern auch an seiner Art, wie er die Gitarre in verschiedensten Posen bearbeitete: Ob mit Zunge oder Zähnen die Saiten anzuschlagen oder diese zwischen den Beinen zu bespielen, schien er zuweilen eins mit seinem Instrument zu werden und zupfte sich zuweilen scheinbar in einen Rausch.

Unterstützt wurde er dabei von seinem Drummer Dionte McMusick und vom Bassisten Aidan Epstein, die mit ihren gut abgestimmten Sound dafür sorgten, dass sich der Bandleader auf der Bühne regelrecht austoben konnte und dabei so manchen Meter auf der Bühne zurücklegte.

Gegen Ende der Show, zeigte Jamiah Rogers noch, dass der Beatles-Song „Come Together“ auch als harte Bluesnummer im Stile eines Jimmy Hendrix begeistern kann. Nach 75 Minuten Vollgas auf der Bühne, mit einer zwischenzeitlichen Stärkung durch einen Becher Whiskey, beendete das Trio ein furioses Konzert, was so manchen staunenden Fan zurückließ und damit für die nachfolgenden Künstler die Messlatte hoch anlegte.

Der aufstrebenden kanadischen Multiinstrumentalistin Angelique Francis gelang es mit ihrer Band nach dem vorhergehenden furiosen Set von Rogers schnell die Fans mit ihrer soulig-bluesigen Musik, mit zuweilen funkigen Passagen, in den Bann zu ziehen.

Durchaus charmant war ihre Interaktion mit den Fans zwischen den Songs, dass sie die Besucher schon zu Beginn des Gigs regelrecht eingefangen hatte und im Stehplatzbereich im Takt der Musik mitgetanzt wurde. Bei den meisten Tracks spielte Francis wechselweise einen elektrischen Bass oder einen Kontrabass und nebenbei auch Mundharmonika.

Bei einem Song schnappte sie sich eine akustischen Gitarre und zeigte eine weitere Facette ihres instrumentellen Spektrums. Auch stimmlich konnte die junge Kanadierin mit einer großen auch souligen Bandbreite überzeugen. Unterstützt wurde sie von Kira Francis an der Posaune, Kharincia Francis am Saxofon, die auch beide Backgroundvoices beisteuerten und mit Tanzeinlagen die Besucher zum Mitgehen animierten.

Hier hatte ich allerdings den Eindruck, dass beide etwas lauter hätten abgemischt werden können, genau wie Gitarrist Dave Willianson, der mit feinen Soli glänzen konnte. Sobald aber der kräftige Gesang Francis einsetzte, kam er nur noch sehr schwer differenziert durch.

Dies ist aber ein Jammern auf hohem Niveau, es hätten aber noch einige Akzente gesetzt werden können. Ed Lister an den Keyboards untermalte die Musik in vielen Stücken, unterstützte aber auch mit der Trompete. Last but not least sei auch Drummer Kiran Francis, der „Oldie“ der Band, genannt, der mit seinem schnörkellosen Drumspiel gewissermaßen dafür sorgte, dass alles im Takt blieb. In der Form wird Francis im Genre Blues/Soul ihren Weg gehen wird, wobei sie in einem Song bewies, dass auch Kanadier den Reggae im Blut haben können.

Pünktlich um 21:00 Uhr betrat dann Ronnie Baker Brooks bei sich langsam senkender Sonne mit seinem Quartett die Bühne. Schnell sprang der Funke von der Band auf das Publikum über, welches dank der rockigen Bluesnummern nicht mit Applaus sparte.

Brooks glänzte mit etlichen Bluessoli und beieindruckte die Besucher mit seiner ausdrucksstarken kräftigen Stimme. Ihm wie auch seinen Begleitern war anzusehen, wie sie die Stimmung im Publikum regelrecht aufsaugten. Doch was wäre der Fronter ohne die Band. Keyboarder Daryl Coutts glänzte mit etlichen Soloeinlagen und legte oft einen milden Klangteppich über die Songs und unterstützte Brooks im Backgroundgesang.

Stark auch die Rhythmussektion um den zuweilen in sich gekehrt scheinenden Basser Phil Castleberry, der mit einer Ruhe und Entspanntheit seinen Tieftöner bearbeitete und Drummer Chris Singleton, der oft mit einem Lächeln im Gesicht die Drums beackerte.

Einer der stimmungsmäßigen Höhepunkte war, als Brooks sich in einem der letzten Songs seine Gitarre spielend von der Bühne ging, um sich in einer langen Runde ins Publikum zu begeben und erst nach einigen Minuten wieder auf der Bühne zurückzukehren. So kann Fannähe auch gelebt werden. Tricky war auch, den Rolling Stones-Klassiker „Satisfaction“ im Stile des Chicago Blues zu zelebrieren. Zum Sonnenuntergang beendete Brooks dann auch ein starkes Set und es begann der Umbau für den letzten Act des Tages.

Zu später Stunde, um Viertel vor Elf betrat die kanadische Band The Sheepdogs unter dem Applaus der Fans die Bühne. Gerade den eingefleischten Bluesfans mag deren Gitarrist Jimmy Bowskill ein Begriff sein, der vor Jahren auch schon bei Rufs Bluescaravan mitwirkte.

Die Kanadier, die durch eine, vor den Keyboards aufgehängte Fahne von Saskatchewan die besondere Verbundenheit zu ihrer Heimat zeigten, auf Bowskill zu reduzieren, wird der Band allerdings nicht gerecht. In den folgenden 75 Minuten entfernte sich das Festival vom eigentlichen Blues und es folgte ein Southern Rock-umwobenes  Konzert mit Folk- und Blueseinflüssen, das von den Anwesenden aber enthusiastisch angenommen wurde, wodurch der Beweis erbracht wurde, dass die genannten Sparten sehr eng miteinander verbunden sind.

Optisch standen Gitarrist Ewan Currie, der für den Leadgesang verantwortlich war und Jimmy Bowskill mit variablen Gitarrensoli und vereinzeltem Leadgesang im Vordergrund. Alle anderen Musiker steuerten auch Backgroundgesang bei und sorgten so für tolle Harmoniegesänge.

Ryan Gullan gesellte sich mit seinen Bass immer wieder zu den beiden Frontern und legten den einen oder anderen fetten Basslauf, entsprechend posend auf die Bühne. Sam Corbett drumte sich mit einer Gelassenheit durch das Set und bewies, dass ein starker Drummer auch mit einem ruhigen Händchen glänzen und den Rhythmus angeben kann, um zwischendurch auch regelrecht zu explodieren.

Ein besonderer Moment war auch, als er den Platz mit Ewan Curries Bruder Shamus an den Keyboards tauschte. Shamus Currie, der ansonsten mit den Keyboards für einen vollen Sound sorgte, spielte aber zwischendurch neben den Keyboards noch die dritte Gitarre, was die große Flexibilität der beiden Musiker offenbarte.

Am Ende des Konzertes sorgte der frenetische Applaus der Besucher mit Zugabeforderungen dafür, dass die Kanadier noch einmal die Bühne betraten und nach Mitternacht eine letzte Nummer nachlegten. In der Form, die das Quintett an den Tag legte und auch schon in den bisherigen Alben aufzeigte, brauchen sich die Southern Rock-Fans um das Bestehen dieser Musiksparte keine Sorgen zu machen, wenn die Dinos der Szene langsam abtreten.

So fand ein toller Bluesabend einen würdigen Abschluss, an den sich manche der Anwesenden mit Sicherheit gerne zurückerinnern werden. Ein besonderer Dank gilt dem Veranstalter, dem Kulturring Schöppingen, der solch ein großartiges Festival mit seinen ehrenamtlichen Helfern auf die Beine gestellt hat, den großartigen Künstlern, den entspannten und umsichtigen Securitymitarbeitern, aber auch den Besuchern, die mit ihrem relaxten als auch begeisternden Verhalten, einen Beitrag am Gelingen dieses Tages hatten.

Man kann gespannt sein, wen die Veranstalter im nächsten Jahr aus dem Hut zaubern. Weiter so! Der Artikel entstand in Kooperation mit dem eclipsed ROCK MAGAZIN.

Line-up der Bands vom Samstag:

Juzzie Smith:
Juzzie Smith – Gitarre, Harp, Vocals
Bai Kamara jr. & The Voodoo Sniffers:
Bai Kamara Jr. – Gitarre / Gesang
Boris Tchango – Drums / backing vocal
Julien Tassin – Gitarre / backing vocal
Tom Beardslee – Gitarre / backing vocal
Desiré Somé – Bass / backing vocal
Jamiah Rogers:
Jamiah Rogers – guitar vocals
Aidan Epstein – Bass
Dionte McMusick – Drums
Angelique Francis:
Angelique Francis – Kontrabass/Harmonika/akustische Gitarre/Gesang
Ed Lister – Keyboards/Trompete
Kharincia Francis – Bariton Saxophone
Kira Francis – Posaune
Dave Willianson – Gitarre
Kiran Francis – Schlagzeug
Ronnie Baker Brooks:
Ronnie Baker Brooks – guitar, vocals
Daryl Coutts – Keyboards, Vocals
Chris Singleton – Drums
Phil Castleberry – Bass
The Sheepdogs:
Ewan Currie – Gitarre, Gesang
Jimmy Bowskill – Gitarre, Gesang
Ryan Gullen – Bass
Sam Corbett – Schlagzeug
Shamus Currie – Posaune, Keyboards, Tambourine

Text und Bilder: Gernot Mangold

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