Ryan Bingham And The Texas Gentlemen – They Call Us The Lucky Ones – CD-Review

Review: Michael Segets

Da ist er nun, der heiße Anwärter auf das Album des Jahres: Ryan Bingham and The Texas Gentlemen veröffentlichen mit „They Call Us The Lucky Ones” einen erstklassigen Longplayer. Nach seinen Ausflügen in die Schauspielerei („Yellowstone“) und seinem Solo-Projekt „Watch Out For The Wolf“ entdeckte Bingham seine Leidenschaft für das Musizieren im Kreise seiner Band wieder. Ein erstes Zeugnis davon legt sein Auftritt mit den Texas Gentlemen im Red Rocks Amphitheatre ab. Nun hat er elf neue Songs am Start, mit denen er das Roots Rock- und Americana-Herz ins Schwarze trifft.

Die Spielfreude der Band schwappt bei „I Got A Feelin‘“ oder „I’m A Goin‘ Nowhere“ über, bei denen die lockere Atmosphäre im Studio sowie der Spaß bei den Aufnahmen zu erahnen sind. Auf „Ballad Of The Texas Gentlemen“ feiert sich die Truppe quasi selbst. The Texas Gentlemen Ryan Ake, Daniel Creamer, Paul Grass und Scott Lee erhalten durch Richard Bowden (Geige, Mandoline) sowie Cody Huggins (Gitarren, Pedal Steel) auf dem Album durchgehend Unterstützung.

Huggins schrieb auch den Titeltrack und greift dort zur 12-String. „The Lucky Ones“ besticht durch einen klasse Refrain. Bingham hat bei seinen zehn Eigenkompositionen ebenfalls ein Händchen für Songstrukturen, die einen hohen Wiedererkennungswert aufweisen. Gelegentlich setzt er dabei auf einen mehrstimmigen Chorus („Blue Skies“, „I’m A Goin‘ Nowhere“). Die Qualität des Storytelling kommt bei den langsamen Beiträge besonders zur Geltung. „Cocaine Charly“ schildert beispielsweise das Schicksal eines Dealers, der von seiner Frau verraten und erschossen wird. Jede Sekunde der fast siebenminütigen murder ballad fesselt.

Die musikalischen Arrangement variieren, sodass jeder Beitrag sich von den anderen abhebt. Mundharmonika und Mandoline würzen „Twist The Knive“. Beim sanften Ghost Track „Twiglight“ reduziert sich die Begleitung auf ein Klavier. Daniel Creamer hämmert beim kantigen „Let The Big Dog Eat“ kräftig auf seine Keys. „Relevance“ legt ein galoppierendes Uptempo vor. Egal ob ruhigere Töne angestimmt werden oder die Fahrt in Richtung Rock geht: die Stücke überzeugen. Da Overdubs auf ein Minimum reduziert wurden, klingen die Aufnahmen rau und authentisch.

Einen einzelnen Ausritt in den Country unternimmt Bingham mit „Americana“. Der Titel entpuppt sich als eine bittere Abrechnung mit der amerikanischen Mentalität. Bei den Texten anderer Songs klingen ebenfalls gesellschaftskritische Töne an. Zumal es in der Welt nicht so rosig zugeht, propagiert Bingham die Liebe und die Lebensfreude an den kleineren Dingen.

Die Musikwelt darf sich glücklich schätzen, dass sie in den Genuss von „They Call Us The Lucky Ones” kommt. Ryan Bingham And The Texas Gentlemen haben ein vielseitiges und vielschichtiges Album geschaffen, das Americana und Roots Rock der authentischen Sorte bietet.

The Bingham Recording Company/Thirty Tigers – Open (2026)
Stil: Americana, Roots Rock

Tracks:
01. The Lucky Ones
02. Let The Big Dog Eat
03. I Got A Feelin’
04. Twist The Knife
05. Americana
06. Cocaine Charlie
07. Blue Skies
08. Relevance
09. The Ballad Of The Texas Gentlemen
10. I’m A Goin’ Nowhere
11. Twilight (Ghost Track)

Ryan Bingham
Ryan Bingham bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion

Ryan Bingham And The Texas Gentleman – Live At Red Rocks – Digital-Album-Review

Review: Michael Segets

2024 sind einige bemerkenswerte Live-Alben erschienen. Willie Nile, Jason Isbell und Steve Earle legten vor und nun reiht sich Ryan Bingham mit „Live At Red Rocks“ in die Liste ein. Digital ist das Konzert vom 25. Juni dieses Jahres bereits seit letzter Woche verfügbar. Vinyl und Silberlinge sind für den 22. November angekündigt. Dass das Publikum im restlos ausverkauften Red Rocks Amphitheatre leidenschaftlich mitging, lässt die Aufnahme erahnen. Jedenfalls fängt sie den frenetischen Jubel und die textsichere Begleitung – durchgängig bei „Nobody Knows My Trouble“ – des Hauptakteurs ein, der sich in sehr guter Form präsentiert.

Mit den beiden rockigen Stücken „Nothin Holds Me Down“ und „Jingle And Go“ von seinem letzten Longplayer „American Love Song“ (2019) nimmt Bingham das Auditorium vom Start an mit. Sehr stark ist das folgende „Top Shelf Drug”, das für mich neben „Hallelujah“ – eine Eigenkomposition von Bingham und kein Cover von Leonard Cohen – zu den Höhepunkten des durchweg überzeugenden Auftritts gehört. Neun Songs von seinem Debüt „Mescalito“ (2007) stehen auf der Setlist, wobei meine Favoriten „The Other Side“ und „Hard Times“ vertreten sind.

Natürlich darf auch sein mehrfach prämierter Hit „The Weary Kind“, der als Soundtrack zu „Crazy Heart“ bekannt wurde, nicht fehlen. Im Mittelteil des Konzerts setzt Bingham auf seine sanfteren, eher ein gemäßigtes Tempo anschlagenden Stücke. Hervorzuheben ist hier das Intro zu „Southside Of Heaven”, das er mit einer Mundharmonika bestreitet. Seine Spanisch-Kenntnisse lässt der in New Mexico geborene Songwriter bei „Boracho Station“ aufblitzen. Expressiver geht es zwischendurch bei dem zehnminütigen „Bluebird“ zu, bei dem einer gitarrendominierten Instrumentalpassage viel Raum gegeben wird. Zum Abschluss schlägt Bingham nochmal einen Bogen zurück zum rockigen Einstieg („Sunshine“, Bread & Water“).

Bingham legt bei seinen Studioveröffentlichungen keine besonders hohe Schlagzahl vor. Zurzeit ist er auf Konzerttour mit einem Tribute für The Last Walz von The Band und Robbie Robertson unterwegs. Mit von der Partie ist unter anderem Lukas Nelson. Bingham hat neben der Musik aber auch genug andere Betätigungsfelder für sich entdeckt. So besteht ein Dauerengagement bei der Fernsehserie „Yellowstone“, deren zweiter Teil der fünften Staffel gerade in Amerika anläuft. Darüber hinaus wirft er seine eigene Whiskey-Marke auf den Markt. Der Bourbon wird in Texas mit regionalen Zutaten produziert, ist dennoch in Zeiten des Online-Handles quasi weltweit zu erhalten. Aber auch ohne den edlen Tropfen lässt sich „Live At Red Rocks“ genießen.

Die Dopplung einiger Titel, die bereits auf seinem offiziellen Live-Album aus dem Jahr 2016 vertreten sind, mindert nicht die Qualität des aktuellen Auftritts von Ryan Bingham im Red Rocks Amphitheatre. Vielleicht hätte er seine neueren Stücke stärker berücksichtigen können, wie „What Would I’ve Become“ von seinem letzten Longplayer. Aber auch so bekommt man von einem souverän aufspielenden Songwriter eine Aufnahme, die die Konzertatmosphäre ohne Abstriche einfängt.

The Bingham Recording Company – Thirty Tigers/Membran (2024)
Stil: Americana, Roots Rock

Tracks:
01. Nothin Holds Me Down
02. Jingle And Go
03. Top Shelf Drug
04. The Other Side
05. Long Way From Georgia
06. Ghost Of Travelin’ Jones
07. Bluebird
08. Sunrise
09. Hard Times
10. Hallelujah
11. The Weary Kind
12. Southside Of Heaven
13. Boracho Station
14. Nobody Knows My Trouble
15. Sunshine
16. Bread & Water

Ryan Bingham
Ryan Bingham bei Facebook
Thirty Tigers
Oktober Promotion