James McMurtry – Support: Betty Soo – 30.10.2026, JUBB, Essen-Werden – Konzertbericht

Wenn ein so renommierter Songwriter wie James McMurtry sich in einer relativ kleinen Location wie dem JUBB in Essen-Werden ankündigt, ist ein ausverkauftes Haus vorprogrammiert. Da der Saal des Jugend- und Bürgerzentrums zudem bestuhlt wurde, waren die 82 Sitzplätze schon weit im Voraus restlos vergeben. Ein herzlicher Dank gebührt Gerd Dubiel, der Daniel und mir dennoch ermöglichte, dem Konzert beizuwohnen. Mir war der Termin besonders wichtig, da ich McMurtry für einen der besten noch aktiven Songwriter halte und ihn bislang nicht live erlebt hatte.

Eine Neuentdeckung für mich war Betty Soo, die McMurtry auf seiner diesjährigen Europatour begleitet. Die Songwriterin eröffnete den Abend mit Anekdoten, die sie mit Essen verbindet, bei denen es um den Angriff eines Schwans im Gruga-Park und ungenießbares Wasser ging. Musikalisch startete sie mit „Henry And Me“. Von ihrem aktuellen Album „If You Never Go Away“ stellte sie „Rewind“ vor. Beeindruckend war die Varianz, die Soo in ihren Gesang legt. Sie kann ihrer Stimme eine samtige Färbung geben, ist aber ebenso in klanglichen Höhen zuhause. Zum Abschluss ihres halbstündigen Auftritts holte sie McMurtry für „Blackout“ und das intensive Cover von Woody Guthries „Deportee (Plane Wreck At Los Gatos)“ auf die Bühne, die einen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Konzerts gaben.

Nach einer viertelstündigen Pause betrat der Altmeister erneut den Saal und spielte „Painting By Numbers“, „Red Dress“ und „Ain’t Got A Place“ solo hintereinander weg. Die ersten Worte richtete er vor „Rachel’s Song“ an das Publikum als er seine Gitarre nachstimmen musste. Wirkte McMurtry bis dahin wenig kommunikativ, blitzte hier das erste Mal seine spezielle Art von Humor auf. Danach trat Soo wieder in Aktion und griff für „Copper Canteen“ zum Akkordeon. Der Einsatz des Tasteninstruments untermalte auch Stücken wie „Choctaw Bingo“ oder „Levelland“ auf besondere Weise. Zwischenzeitlich wechselte Soo zur Gitarre („Saint Mary Of The Woods“). Sowohl Murtry als auch Soo zeigten einzeln und im Zusammenspiel ihre Expertise im Umgang mit der akustischen Gitarre. Gesanglich passte ebenfalls alles zusammen – egal ob Soo als Duett-Partnerin auftrat oder perfekte Harmonien beisteuerte.

Zu „Gulf Road“, das sich auf dem letzten Album von Soo befindet, merkte McMurtry an, dass erst sie ihm gezeigt habe, wie er den Song zu spielen und zu singen habe. Mit einem weiteren Augenzwinkern gab es zum Abschluss von „Jackie“ eine kurze Tanzeinlage. Das Konzerts bot also gelegentlich Anlass zum Schmunzeln. Daneben schlug McMurtry auch ernstere Töne an. Seine genaue Beobachtungsgabe und scharfe Zunge bringt er in seinen Songtexten immer wieder zum Ausdruck. McMurtry erzählte eine skurrile Geschichte, die zur Entstehung von „Annie“ führte. Vor dem Hintergrund des Anschlags auf das World Trade Center legt er dort den Finger auf das menschliche Versagen von Politikern.

Gegen Ende des Hauptsets äußerte sich McMurtry mehrfach sozialkritisch oder politisch, indem er Rassismus und Diskriminierungen anprangerte, die er gerade auch in Amerika zunehmend beobachtet. Entsetzt zeigte er sich darüber, dass die über Jahrhunderte erkämpften Fortschritte bei der Gleichbehandlung von Menschen in wenigen Jahren zunichte gemacht werden können. Er mahnte an, diese in seinem Heimatland festgestellte Entwicklung in Deutschland zu verhindern.

Höhepunkte des Abends waren für mich „Canola Fields“ und „If It Don’t Bleed“ von dem Longplayer „The Horses And The Hounds” (2021). Vor allem über die Darbietung des letztgenannten Songs war ich glücklich, da er zu meinen absoluten Favoriten zählt und nicht durchgängig auf dem Tour-Programm stand. Die Songauswahl insgesamt war gelungen, auch wenn ich mir die älteren Titel „Where‘d You Hide The Body“ oder „Just Us Kids“ gewünscht hätte. Dass sich McMurtrys aus seinem umfangreichen Backkatalog nicht genau meine Lieblingsstücke raussucht, kann nicht überraschen.

Überrascht hat mich hingegen, dass lediglich „Annie“ von seinem aktuellen Werk „The Black Dog And The Wandering Boy” gespielt wurde. Den Titelsong, „Sons Of The Second Sons“ oder „South Texas Lawman“, die er bei den jüngst vergangenen Gigs vorstellte, hätte ich gerne gehört. Die Entscheidung, das neue Album kaum zu berücksichtigen, mag damit zusammenhängen, dass bei dem vorletzten Auftritt der Tour bereits alle CDs und Merchandise-Artikel ausverkauft waren.

Für die Zugabe schnallte sich Soo nochmal das Akkordeon um. Die beiden Protagonisten sangen zum Abschluss „Blackberry Winter“ am Bühnenrand ohne Mikrophone. Viel fesselnder kann ein akustisches Konzert nicht sein. Nach rund zwei Stunden Spielzeit hinterließen McMurtry und Soo ein zufriedenes Publikum. Es hatte den Auftritt zweier außerordentlichen Singer/Songwriter erlebt, die solo und im Zusammenspiel glänzten.

Line-up:
James McMurtry (vocals, acoustic guitars)
Betty Soo (vocals, acoustic guitar, accordion)

Text: Michael Segets
Bilder: Daniel Daus

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