
Falsche Zeit, falscher Ort, möge vielleicht so mancher konstatieren, als ich auf der Rückfahrt nach der Arbeit von Essen nach Rheinberg die CD von JP Soars und Anne Harris in den Player meines Autos schob, um mich dann durch den üblichen Wahnsinn von Baustellen, katastrophalen Straßen, unendlichen 30er-Zonen, Blitzern und so manch anderen Erschwernissen zu kämpfen. Man hat immer das Gefühl, dass in diesem Lande auch den letzten produktiv wirkenden und Wachstum erzeugenden Menschen, der Weg zur Arbeit vergrault werden soll.
Ich habe mir bedingt durch mein schon lange währendes Leben und dank meiner Leistungssportkarriere sowie meiner Schwäche für einen Fußballverein namens Rot-Weiss Essen eigentlich einen gutes Nervenkostüm, beziehungsweise ‚dickes Fell‘ angeeignet. Dieses wird mit der vorliegenden CD tatsächlich bis an die Grenzen der Belastbarkeit strapaziert.
Dabei hatte ich zu früheren Zeiten hier in diesem Magazin von JP Soars im Rahmen der Besprechung seines Albums „Southbound I-95“ eigentlich gar keinen schlechten Eindruck gehabt. Den gewöhnungsbedürftigen Gesang hatte ich allerdings damals schon angemerkt.
Jetzt hat der umtriebige Musiker ein ziemlich altbackenes Konglomerat aus Blues-, Jazz-, Karibik- und Tex-Mex-Einflüssen im Barroom-Stil zusammengebraut, wobei auch der Name Django Reinhardt, der Vorreiter des Gypsy Jazz, ins Spiel kommt und von dem mit „Minor Blues“ ein Track gecovert wird.
Dazu hat er die klassisch ausgebildete Violinistin Anne Harris mit ins Boot genommen, die hier zudem noch dezent Mandolinenklänge als auch Harmoniegesänge einbringt. Ihr Violinenspiel steht aber eindeutig im Vordergrund. Sie hat eine Gabe, mit diesem Instrument, an den Nerven zehrende Klänge zu erzeugen, die nach Wurzelbehandlung ohne Betäubung beim Zahnarzt anmuten.
Beim Opener „Jessie Mae“ dachte ich noch, naja nix Besonderes, beim folgenden „Go With The Flow“ schwante mir schon nichts Gutes. Mit etwas Tom Waits-Espirit kommt „The Viper„, spätestens bei „Paradise“ dachte ich, wen das das Paradies ist, möchte ich gerne in der Hölle schmoren.
Der eingängigste Song ist noch „Goin‘ To South Carolina„, ein entspannter Retro-Southern Country Blues. Die drei folgenden Stücke inklusiv des Reinhardt-Covers ließen eine gewisse Aggression (nicht empfehlenswert beim Fahren) aufkommen. Gut, noch ein Stück, dann hast du es geschafft, war der Gedanke, nachdem der Reinhardt-Song überstanden war.
Dann erfolgte der Blick nach rechts auf den Beifahrersitz, wo die CD mit der Rückseite lag, auf der, wie immer üblich, die Tracklist platziert ist. Stück 9, „Cigar Box Jam“ 18:25 Minuten. Es geht dann wohl ans Eingemachte. Da meine Reviewer-Ehre es mir vorschreibt, ein Werk, das ich bespreche, auch komplett durchzuhören, war jetzt bitteres Stehvermögen angesagt, denn das Instrumentalstück verlangt wirklich alles von einem ab. Beruhigungsmittel waren nicht verfügbar.
Es geht vom Aufbau her in Richtung der typischen Allman Brothers-Jams, allerdings auf Wühltischniveau. Die sphärischen E-Gitarren, die zermürbenden Violineneinlagen, und das mit Trillerpfeifen ergänzte bollernde Drumsolo ließen mich an ein perfektes Folterwerkzeug für die CIA denken, um Staatsfeinde gefügig zu machen und jederlei Geständnisse abzuringen. Bei der Androhung, diesen Track ein zweites Mal hintereinander zu spielen, wird sicherlich jeder, auch der hartnäckigste Kandidat, sofort sein Schweigen brechen und reden wie ein Wasserfall…
Nach dieser „Gypsy Blue Revue“ von JP Soars und Anne Harris fragte ich mich, ob man dieser ethnischen Gruppe, die öffentlich ja eh von einem Negativbild und Ausgrenzung geprägt ist, mit diesem Werk wirklich einen Gefallen tut.
JP Soars sieht das natürlich anders: “This is a music lover’s record, There’s everything from Caribbean grooves to country songs to Django Reinhardt influences. If music moves me, I don’t care about the genre — and I think our audiences love that diversity.” Tut mir leid, aber ich zähle ganz sicher nicht zu diesen ‚audiences‘.
Um dem Tag noch etwas Positives abzugewinnen, als auch zur Ehrenrettung dieser Volksgruppe, haute ich mir abends ein paniertes Stück Fleisch und ein paar Kartoffelspalten in die Pfanne, mischte mir eine Tomaten-Paprika-Zwiebel-Soße und ließ das einst so beliebte Schnitzel aus der Kindheit/Jugend nochmal aufleben…
Forty Below Records (2026)
Stil: Blues, Gypsy Jazz, Tex-Mex
01. Jessie Mae
02. Go With The Flow
03. Viper
04. Paradise
05. Goin‘ To South Carolina
06. May Mountain Waltz
07. Old Silver Bridge
08. Minor Blues
09. Cigar Box Jam
