
Review: Hans-Joachim Kästle
Zählen wir mal durch: Im Innencover sind tatsächlich zwölf Musiker abgebildet – das mit dem Orchester stimmt also schon mal. Der bekannteste davon dürfte auch hierzulande Willy Jordan sein, seit 2022 Sänger des APSO, das 2007 vom Gitarristen und Songschreiber Anthony Paule (69) gegründet worden ist. Jordan hat zuvor unter anderem mit John Lee Hooker und Elvin Bishops Big Fun Trio gearbeitet. Für die beiden Big-Fun-CDs gab’s jeweils eine Grammy- Nominierung.
Anthony Paule selbst hat auch schon mit Van Morrison, Boz Scaggs oder Charlie Musselwhite gearbeitet und ist gleich 20 Mal für einen Blues Music Award nominiert worden, ohne je einen zu gewinnen. So ein BMA ist ja eine Art Gütesiegel. Allerdings kann sich inzwischen ja fast jeder (Blues-)Musiker damit rühmen, so ein Ding gewonnen zu haben oder zumindest nominiert gewesen zu sein.
Dabei ist bei „What can we do?“, dem mittlerweile zehnten Album des Anthony Paule Soul Orchestra, von Blues wenig zu spüren. Der gute Anthony mag zwar neben dem Soul mit Blues aufgewachsen sein. Es dominiert aber, wie der Name schon sagt, Soul – und das auf kraftvolle, mitreißende Art. Das geht gleich los mit dem schwungvollen ersten Song „Still Smellin’ Smoke“.
Beim folgenden „Too Late“ werden Erinnerungen wach an Otis Reddings „I’ve Been Loving You Too Long“ aus dem Jahr 1965. Bei „You Lie Like A Rug“ trifft das zu, was für die Mehrzahl der Titel gilt: Es geht in die Beine. Dabei ist alles modern, schmissig und damit zeitgemäß umgesetzt. Retro-Soul heißt das Schlagwort, das einem neben Otis Redding auch Same Cooke oder Aretha Franklin und phasenweise Wilson Pickett ins Gedächtnis ruft. Selbst Graham Parker lugt das eine oder andere Mal ums Eck.
Und wenn wir gerade bei alten Zeiten sind: Das instrumentale „Bigger Guitar“ ist ein astreiner Boogie-Woogie, womit wir wieder beim Stichwort „tanzbar“ wären. Kraftpaket wird das Anthony Paule Soul Orchestra auch genannt. Es ist aber durchaus angenehm, dass die Instrumentierung mit Saxophon, Trompete oder Posaune zwar üppig ist, aber nicht auf vordergründige Solo-Effekte setzt, die einem das Ohr wegblasen.
Tja, es wird wohl BMA-Nominierung Nummer 21 geben. Auch wenn, noch einmal sei’s gesagt, das Ganze mit Blues (und Rock) wenig bis gar nichts zu tun hat. Aber wer gern auf eine Zeitreise in Sachen Soul mitgenommen wird und sich von treibenden, rhythmusbetonten und von Background-Sängerinnen unterlegten Klängen mitreißen lässt, die nicht jeden Tag irgendwo und irgendwie durch die Gegend dudeln, wird hier gut bedient. Sachen wie dieses merkwürdige „Dai Dai“ haben wir schließlich genug…
Nola Blue Records (2026)
Stil: Soul
Tracks:
01. Still Smellin‘ Smoke
02. Too Late
03. Stranger
04. You Lie Like a Rug
05. Bigger Guitar
06. What Can We Do?
07. Heart Never Says Goodbye
08. Secret
09. If It Ain’t One Thing It’s Two
10. Walkin‘
11. You’re Nobody Till Somebody Loves You
12. Blue Mood Indica
The Anthony Paule Soul Orchestra featuring Willy Jordan
The Anthony Paule Soul Orchestra featuring Willy Jordan bei Facebook
