
Review: Michael Segets
Es gibt ja unterschiedliche Motivationen und Anlässe Musik zu machen. Für Jörn Schlüter scheint ein persönliche Krise den Ausschlag gegeben zu haben, die Songs für „The Other Mile“ zu schreiben. Normalerweise liefert er Stücke für seine Band Someday Jacob, nun fasst er die vor zwei Jahren quasi in einem Fluss entstandenen Tracks auf seinem Solo-Debüt zusammen.
Während der Entstehung der Titel hörte Schlüter häufig „Comes A Time“ (1978) von Neil Young, welches ihn inspirierte, auf seinem Album eher mit zurückhaltenden Arrangements zu arbeiten. An manchen Stellen der Kompositionen und des Gesangs lässt sich auch eine gewisse Nähe zum Altmeister feststellen. Akustische Gitarren, begleitet von Schlagzeug und Bass, für die er Matthias Meusel und Stephan Gade ins Boot holte, prägen das Werk. Mit Eric Heywood (Son Volt, The Jayhawks, Tift Merritt) gewann Schlüter noch einen versierten Mitstreiter an der Pedal Steel. Gerade in der ersten Hälfte des Longplayers bei „Dissociate“ oder „Used To Love To Dance“ trägt Heywood endscheidend zum Sound und zur Stimmung der Stücke bei. Besonders viel Raum nimmt die Pedal Steel auf „Complicated“ ein.
Mit „Springtime“ unterbricht Schlüter erstmals den getragenen Grundtenor des Albums, auf dem die meisten Beiträge im unteren bis mittleren Tempo angesiedelt sind. Das Schlagzeug tritt dort deutlich hervor und die Geschwindigkeit wird dezent angezogen. Später folgt „Fly Blind“, das eine Spur rockiger ist. Dazwischen finden sich das Titelstück mit Harmoniegesang in manchen Passagen sowie das sanfte „Consolation Prize“. Vor dem letztem Titel „Win Me Over“, das den Kreis zum Anfang des Longplayers („Portal“) schließt, ist das rhythmisch auffälligste Stück „Ready Set Go“ platziert. Nicht zuletzt durch die Percussion versetzt der Track an die amerikanisch-mexikanische Grenzregion.
Musik ist ja bekanntlich besonders geeignet, Grenzen zu überwinden und die modernen Kommunikationsmittel erleichtern den internationalen Austausch. In dem Bremer Studio-Nord, das nur einen Steinwurf von Schlüters Wohnung liegt, wurde „The Other Mile“ aufgenommen. Die Files fanden dann den Weg über den Atlantik nach Chicago zum Produzenten Tom Schick (Wilco, Norah Jones). Gemastert wurden sie von Stephen Marsh (Jeff Tweedy).
J Schlueter „The Other Mile“ bietet moderne Singer/Songwriter-Kost mit Anleihen bei Neil Young. Die CD verläuft insgesamt in ruhigen Bahnen. Sie vereint gute Lieder ohne Ausrutscher, unmittelbar eingängige Ohrwürmer sind allerdings nicht vertreten. So bietet sich das Album eher für eine introspektive Stunde an, die ohne viel äußere Aufregung auskommt.
Hey!blau Records (2026)
Stil: Singer/Songwriter
Tracks:
01. Portal
02. Complicated
03. Dissociate
04. Used To Love To Dance
05. Springtime
06. The Other Mile
07. Consolation Prize
08. Fly Blind
09. Ready Set Go
10. Win Me Over
