{"id":67458,"date":"2024-09-24T19:11:15","date_gmt":"2024-09-24T17:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/?p=67458"},"modified":"2024-09-24T19:11:33","modified_gmt":"2024-09-24T17:11:33","slug":"thomas-kraft-americana-ein-zerrissenes-land-im-spiegel-der-country-music-buch-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/2024\/09\/24\/thomas-kraft-americana-ein-zerrissenes-land-im-spiegel-der-country-music-buch-rezension\/","title":{"rendered":"Thomas Kraft \u2013 Americana. Ein zerrissenes Land im Spiegel der Country Music \u2013 Buch-Rezension"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"251\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Kraft-Americana-Cover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-67459\" srcset=\"https:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Kraft-Americana-Cover.jpg 251w, https:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Kraft-Americana-Cover-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/figure>\n\n\n<p>Review: Michael Segets<\/p>\n<p>Thomas Kraft zieht in \u201eAmericana. Ein zerrissenes Land im Spiegel der Country Music\u201c Verbindungslinien zwischen Country Music und nationaler Identit\u00e4t der Vereinigten Staaten von Amerika. In dem Buch finden viele Musiker_innen Erw\u00e4hnung, die in der Interpretenskala von Sounds-of-South vertreten sind, sodass es f\u00fcr unsere Leser_innen bereichernd sein k\u00f6nnte. Die Anregung f\u00fcr die erste Buch-Rezension bei SoS gab Andreas Reiffer, in dessen Verlag das Werk am 27.09.2024 erscheint.<\/p>\n<p>Musik muss nicht politisch sein, aber ihre Entstehung ist stets durch den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext gepr\u00e4gt. Offensichtlich wird die Verbindung von Musik und Politik, wenn sich die K\u00fcnstler_innen \u00f6ffentlich zu politischen oder gesellschaftlichen Problemen \u00e4u\u00dfern oder solche Themen in ihren Texten verarbeiten. F\u00fcr Politiker_innen wird die Musik interessant, wenn sie deren Popularit\u00e4t f\u00fcr ihre Zwecke instrumentalisieren k\u00f6nnen. Dass sich die Urheber_innen dagegen wehren, zeigen die zahlreichen Unterlassungsklagen gegen Trump, der ohne Zustimmung Musiktitel in seinem Wahlkampf einsetzt. Kraft zeichnet im ersten Kapitel seines Werks einige Skandale und Kontroversen nach, die im Spannungsfeld von Politik und Musik \u2013 speziell der Country Music \u2013 in den letzten Jahren aufflammten. Dabei reichen die Beispiele von den Dixie Chicks, den heutigen <a href=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/?s=The+Chicks\">The Chicks<\/a>, \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/?s=Jason+Aldean\">Jason Aldeam<\/a> bis zu <a href=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/?s=Taylor+Swift\">Taylor Swift<\/a>. Gef\u00fcllt mit hierzulande kaum wahrgenommenen Hintergrundinformationen bem\u00fcht sich Kraft um die Darstellung mehrerer Perspektiven. Deutlich wird dabei, dass die Country-Szene nicht nur in Bezug auf politische Ansichten, sondern auch hinsichtlich der dahinter stehenden Werte gespalten ist.<\/p>\n<p>Eine zentrale Frage wird im zweiten Kapitel, in dem eine Analyse der gesellschaftlichen Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgt, aufgeworfen: \u201eHat das Land seinen moralischen Kompass verloren?\u201c (S. 39) Diese Frage stellt sich nicht erst seit der Pr\u00e4sidentschaft von Trump, tritt seitdem aber immer offener zutage. Eine grundlegende These des Autors ist, dass Br\u00fcche in der nationalen Identit\u00e4t der USA bestehen, die historische Wurzeln haben. Obwohl sich die Vereinigten Staaten Freiheit und Demokratie auf die Fahnen schreiben, sieht die gesellschaftliche und soziale Realit\u00e4t anders aus. Der Umgang mit der indigenen Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend der Kolonalisierung des Kontinents oder die Sklaverei haben Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Wie Kraft diagnostiziert, durchziehen tiefe Gr\u00e4ben die amerikanische Gesellschaft, die unter anderem in der Kluft zwischen arm und reich offensichtlich werden.<\/p>\n<p>In weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung besteht ein Gef\u00fchl der Unsicherheit, der Benachteiligung oder gar der Existenzbedrohung sowie das Bed\u00fcrfnis nach Orientierung in einer komplexen Welt. Damit geht ein Rechtsruck in der Gesellschaft einher. Der Ruf nach einem starker Mann, der Klarheit im Sinne einfacher Wahrheiten schafft und Sicherheit verspricht, wird nachvollziehbar. Kraft kommt zu dem Schluss, dass das Ph\u00e4nomen Trump erst aufgrund der existierenden Polarit\u00e4ten m\u00f6glich wurde, die er zugleich sch\u00fcrt. F\u00fcr den Autor stellen sich die Vereinigten Staaten von Amerika als ein gespaltenes Land dar, dessen Risse sich in mehreren Dimensionen und damit auch in der Musik zeigen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Gesellschaftsanalyse widmet sich Kraft in dem folgenden, umfangreichsten Kapitel des Buches wieder der Country Music. Er unterscheidet mehr als zwei Dutzend Spielarten des Country, die er unter dem Sammelbegriff \u201eAmericana\u201c zusammenfasst. Unabh\u00e4ngig davon, ob man alle angef\u00fchrten Richtungen der Country Music oder dem Americana zuordnen m\u00f6chte, verdeutlichen die Ausf\u00fchrungen, dass diese kein homogenes Bild abgibt. Der klassische Country, der in l\u00e4ndlichen Regionen seinen Ursprung fand, ist heute nur noch eine Sparte unter anderen. Er dreht sich thematisch um das Leben der arbeitenden Bev\u00f6lkerung mit ihren mehr oder weniger allt\u00e4glichen Problemen. Als traditionelle Volksmusik ist er \u201ewei\u00df, m\u00e4nnlich, patriotisch\u201c (S. 69).<\/p>\n<p>Indem Kraft den Einfluss einzelner Musiker_innen auf den Country in lebendig geschilderten Episoden und Zitaten schildert, verfolgt er dessen Wandlungen und Entwicklungen. Dabei spannt er einen Bogen beginnend in den 1920ern bis in die Gegenwart. Die Verbindungen zum Rock in den sechziger Jahren sowie gesellschaftliche Faktoren wie die Friedens- und Protestbewegung vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges brachten neue Impulse in die Country Music, sodass sich sp\u00e4testens seitdem die Frage stellt, was noch Country ist und was nicht. \u201eDie Musiker hat diese Frage meist nicht interessiert. Sie wollen kreativ sein, experimentieren und neue Stilrichtungen ausprobieren.\u201c (S. 126) Gleiches gilt f\u00fcr K\u00fcnstler_innen, die eher nicht aus der Country-Ecke kommen, aber deren Tradition aufgreifen und verarbeiten. Die Country Music verliert damit endg\u00fcltig ihre klaren Abgrenzungen und differenziert sich aus, sodass Kraft den Oberbegriff \u201eAmericana\u201c f\u00fcr angemessen h\u00e4lt, um die Facetten neben dem klassischen Country zu erfassen.<\/p>\n<p>Der Autor geht unterschiedlichen Spielarten nach und weist Verkn\u00fcpfungen zu anderen Musikrichtungen auf, wobei er diese Entwicklungen unter den jeweiligen sozialen und gesellschaftlichen Aspekten im historischen Kontext beleuchtet. Seine Ausf\u00fchrungen sind gespickt mit vielen Details und Querverbindungen. So enth\u00e4lt das Buch auch eine Vielzahl von Informationen, die f\u00fcr die meisten Leser_innen wohl neu sind. Wer h\u00e4tte gewusst, dass das \u201eerste offen schwule Country-Album der Welt\u201c (S. 193) von Lavender Country bereits im Jahr 1973 ver\u00f6ffentlicht wurde?<\/p>\n<p>Die Ausf\u00fchrungen machen deutlich, dass die Country Music nicht per se f\u00fcr ein tradiertes, typisch amerikanisches Wertebewusstsein steht. Sie widmet sich auch kritisch und progressiv gesellschaftspolitischen Fragen. Um die Verbindung zwischen Gesellschaft und musikalischer Offenheit zum Ausdruck zu bringen, w\u00e4hlt Kraft den Begriff \u201eAmericana\u201c. Kraft beendet seine Ausf\u00fchrungen mit dem Appell in Richtung der Vereinigten Staaten von Amerika \u2013 und vielleicht auch in Richtung s\u00e4mtlicher Country-Fans \u2013, Co-Existenz und Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen und Freiheit tats\u00e4chlich ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Dem weiten Begriff \u201eAmericana\u201c folgend stellt der Verfasser zum Abschluss eine Empfehlungsliste von rund 500 Alben mit Anspieltipps zusammen. Die Liste beginnt mit dem Jahr 1966 und umfasst auch Longplayer, die man vielleicht nicht unmittelbar im Bereich der Country Music verortet h\u00e4tte. Die meisten Werke werden mit ein bis zwei S\u00e4tzen kommentiert. Manchmal fallen die Bemerkungen auch ausf\u00fchrlicher aus. Die Aufstellung bereitet Freude, wenn man bekannte Alben wiederfindet und zudem liefert sie Anregungen zur weiteren Auseinandersetzung und Recherche im weiten Bereich der Country affinen Tontr\u00e4ger. Von den sieben bereits aus dem laufenden Jahr in der Liste verewigten Longplayern sind zumindest zwei \u2013 \u201e<a href=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/2024\/02\/06\/the-dead-south-chains-stakes-cd-review\/\">Chains &amp; Stakes<\/a>\u201c von The Death South sowie \u201e<a href=\"http:\/\/www.sounds-of-south.de\/wordpress\/2024\/01\/31\/taylor-mccall-mellow-war-cd-review\/\">Mellow War<\/a>\u201c von Taylor McCall \u2013 auch bei SoS besprochen. W\u00fcnschenswert w\u00e4re ein Register \u00fcber die Musiker_innen und Bands gewesen, um gezielt nachschlagen zu k\u00f6nnen. Ansonsten gibt es nicht viel an dem Buch auszusetzen. Hervorzuheben sind die vielen Fotographien von Musiker_innen, die den Text begleiten. Sie stammen oft von Helmut \u00d6lschlegel.<\/p>\n<p>Thomas Kraft liefert in seinem fl\u00fcssig zu lesenden Buch eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft und diagnostiziert ihr eine Identit\u00e4tskrise. Zusammenh\u00e4nge zwischen Politik, Gesellschaft und Country Music zeichnet er in unterhaltsamer, aber oft nachdenklich stimmender Weise nach. Dabei zeigt sich ein facettenreiches Bild des Country, der eben nicht mehr als die traditionsverbundene Volksmusik der Amerikaner zu betrachten ist. Country Music entwickelt sich, schafft kreative Verbindungen zu anderen Stilrichtungen und greift aktuelle und kontroverse Themen auf. Das Buch regt Musikliebhaber an, den Blick \u00fcber den Tellerrand zu werfen, und er\u00f6ffnet eine Perspektive, Country Music als \u201eAmericana\u201c neu zu h\u00f6ren und zu entdecken.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Thomas Kreft ging bereits dem Einfluss literarischer Werke auf die Rockmusik nach. \u201eRock\u2019n Read. Wie Literatur Rockmusik inspiriert\u201c erschien ebenfalls im Verlag Andreas Reiffer. Das Programm des seit f\u00fcnfundzwanzig Jahren bestehenden Verlags legt einen Schwerpunkt auf Ver\u00f6ffentlichungen zur Popkultur und ber\u00fccksichtigt dabei besonders Titel, die um Musik kreisen. Ein Besuch der Website mag sich daher lohnen.<\/p>\n<p>Kraft, Thomas (2024)<br>Americana. Ein zerrissenes Land im Spiegel der Country Music<br>Verlag Andreas Reiffer. 320 Seiten.<br>Hardcover, mit zahlreichen Fotographien von Helmut \u00d6lschlegel und andern<br>ISBN 978-3-910335-25-7<br>25,00 \u20ac<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/thomas-kraft.net\/\">Thomas Kraft<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/thomas.kraft.7792\/\">Thomas Kraft bei Facebook<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.verlag-reiffer.de\">Verlag Andreas Reiffer<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Review: Michael Segets Thomas Kraft zieht in \u201eAmericana. 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